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Regengott
und
Federschlange

Yukatán
und das Erbe der Maya Teil II

In dieser Ausgabe könnt ihn nun den zweiten Teil unseres Mexiko-Berichtes "Yukatán und das Erbe der Maya" lesen. Zu den anderen Teilen kommt ihr hier  >> Teil I   >> Teil III

Schließlich der Höhepunkt der Rundreise: Chichén-Itzá! Vollkommen vom Dschungel freigelegt und restauriert, liegt die Ruinenstadt vor uns.

Die Stadt wurde von den Maya gegründet und von den, aus dem Hochland eingewanderten, Tolteken zur Hauptstadt ausgebaut. Der Überlieferung nach erschien Quetzalcóatl (Gefiederte Schlange), der Priesterkönig der Tolteken, mit seinem Gefolge und dem kulturellen Erbe auf der Halbinsel, und es kam zu einem einmaligen Mischstil beider Kulturen. Die überladenen Formen der Maya treffen hier die strengen und nüchternen Linien der Tolteken.

Begeistert stehen wir vor der Pyramide des Kukulkán (Mayaname für Quetzalcóatl). Der Bau entspricht dem Mayakalender. 

Die Seiten zeigen in die vier Himmelsrichtungen und die Stufen, 91 auf jeder Seite plus eine Stufe auf die höchste Plattform, entsprechen den 365 Jahrestagen. Am 21 März und am 23. September kann man ein Phänomen beobachten: die Sonne wirft einen Schatten auf die Stufenkanten und man glaubt, eine Schlange käme die Pyramide heruntergekrochen. Im Inneren gibt es noch einen zweiten, überbauten, Tempel mit dem Jaguarthron. Mit rotbemaltem zähnefletschenden Maul sitzt das Raubtier in einer Nische. Um es noch lebensechter zu machen, ist das gesprenkelte Fell durch Jadestücke dargestellt. Mit angezogenen Beinen starrt Chac-Mool ins Leere. In den Händen hält er eine Opferschale. Am Aufgang zum Kriegertempel wartet er auf frische Herzen. Hinter dem Tempel der Krieger liegt die Anlage mit den tausend Säulen. Man vermutet hier den Regierungsbezirk mit dem Markt wo man mit Kakaobohnen, der offiziellen Währung, einkaufen konnte. Die Tolteken brachten auch die Säule mit nach Chichén-Itzá. Oft ist es eine Schlange, deren Kopf die Basis der Säule bildet. Nun war es möglich, große Räume und Arkaden zu bauen.

Schön schaurig gruselig ist die Vorstellung, wenn Opferpriester und Musikanten die Prozessionsstraße zum Heiligen Cenote entlangschritten. Sie begleiteten die ausgewählten Männer und Frauen auf ihrem letzten Gang zum Regengott, dem sie geopfert wurden. Zusammen mit kostbaren Gegenständen aus Jade und Gold, wurden sie die 20 Meter in die Tiefe gestürzt. Denn die Götter waren nicht nur gut, gnädig waren sie nur, wenn ihnen regelmäßig geopfert wurde. Zu diesen Opferhandlungen gehört auch das rituelle Ballspiel. Es wiederholt das Spiel der Götter mit den Gestirnen auf der Erde. Für den Verlierer war es eine Ehre, zum Spielende geopfert zu werden.

Auf der anderen Straßenseite, die Chichén-Itzá in zwei Hälften teilt, liegt ein wichtiges Bauwerk: die Sternwarte, wegen ihrer Wendeltreppe auch Caracol genannt. Sie diente dem Beobachten der Gestirne, deren Bahnen durch Mauerschlitze verfolgt wurden. Die Maya-Priester waren ausgezeichnete Astronomen, die einen ausgeklügelten Kalender hatten, der in puncto Genauigkeit, unserem heutigen in nichts nachsteht. Man kann sicher sein, daß der Kalender, 18 Monate á 20 Tage plus 5 Tage „ohne Namen“, eine religiöse Bedeutung hatte. Aber eine praktische Seite hatte er auch, denn die Tage von Aussaat und Ernte konnten genau festgelegt werden. Mit ihrem Erfindungsreichtum hatten die Maya ganz Mittelamerika beeinflußt. Sie hatten nicht nur den Kalender, sondern sie berechneten auch Sonnen- und Mondfinsternisse. Auch kannte ihr Zahlensystem bereits die Null. Mit einer verschnörkelten Bilderschrift hielten sie die Heldentaten ihrer Herrscher auf den Stelen für die Nachwelt fest.

Wenn der letzte Besucher die Anlage verlassen hat, senkt sich wieder das große Schweigen auf Chichén-Itzá, denn noch längst sind nicht alle Geheimnisse gelöst. Dadurch läßt es sich herrlich spekulieren, warum die Städte verlassen wurden. Waren es Hungersnöte? Ausgelöst durch Überlastung der Böden, Kriege unter den einzelnen Städten, Übervölkerung oder, oder, oder?

Als letzte der Mayastädte besuche wir Tulum. Die Lage der Stadt fällt etwas aus dem Rahmen, denn sie ist die einzige Siedlung am Meer. Auf einem zwölf Meter hohen Felsplateau gelegen, schaut sie nach Osten, der Sonne entgegen. Unten am Felsen schäumt das türkisfarbene Wasser der Karibik. Mit dem Meer im Rücken und an drei Seiten von Mauern umgeben, war sie uneinnehmbar. Von hier stachen die Maya in See um mit Ländern wie Honduras, Belize und den Karibik-Inseln Handel zu treiben. Man muß schon einen günstigen Tag erwischen, um sich in aller Ruhe umsehen zu können. Denn Tulum liegt nahe zu den Badeorten Cancun und Cozumel und gehört ins Ausflugsprogramm der Kreuzfahrtschiffe.

Auf dem Areal liegen die Bauwerke ziemlich verstreut. Das größte Gebäude ist das Castillo, der große Tempel direkt am Meer. Berühmt für seine Wandmalereien ist der Freskentempel. An zwei Seiten befinden sich Göttermasken, einmal mit geöffneten und einmal mit geschlossenen Augen. Im Inneren findet man Reste von Malereien. Es sind Bilder aus der Unter- und Götterwelt. Man erkennt auch einen Reiter, ein Zeichen, daß das Bild nach Ankunft der Spanier entstand. Die Maya selbst kannten keine Pferde oder Lasttiere. Hatten sie etwas zu befördern, wurde es auf den Rücken geladen und auf einem gut ausgebauten Wegenetz von Stadt zu Stadt getragen.

Nach diesem Besichtigungsprogramm, an dem jeder Tag mit Geschichte nur so vollgestopft war, brauchen wir dringend Erholung. Schon bei dem Besuch Tulums hatten wir das Bedürfnis uns ins Meer zu stürzen. Gleich bei den Ruinen gibt es preiswerte Unterkünfte, wo man sein Haupt in eine Hängematte betten kann.

Der Sand ist noch heißer als unsere Füße vom ewigen treppauf treppab an den Pyramiden. Ein leiser Wind raschelt in den Palmen und wir springen ins klare türkisfarbene Wasser. Vor uns die Weite der Karibik und hinter uns die Ruinen auf dem Felsplateau: perfekt!


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Bericht: Mike