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Neu bei uns: Die Kurzgeschichte "BIS DASS DIE MUTTER UNS SCHEIDET" in zwei Teilen von Michael Fecher.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die schwierige Beziehung zwischen dem jungen Showmaster Henrik Vandyk und Markus, dem Sohn seiner intoleranten Chefin...
- Teil 2 -
BIS DASS DIE MUTTER UNS SCHEIDET
- Manchmal ist die Wahrheit hart und FALSCH!
Mittlerweile war es schon 12 Uhr mittags. Markus war schon lange in der Schule, und Henrik war allein in seiner Wohnung. Heute war ein großer Tag für ihn. Er hatte heute ein großes Gespräch mit dem Programmdirektor. Heute ging es darum, daß seine Show in das Samstagabendprogramm kam. Er um 20:15 Uhr! Er freute sich wie ein Honigkuchenpferd. Das einzige, was ihn bedrückte, war, daß er die Beziehung zu Marks geheim halten mußte, sowohl vor der Öffentlichkeit als auch vor Frau Liebermann. Von diesem Konflikt zwischen ihm und Frau Liebermann hatte er Markus so direkt noch gar nichts erzählt, auch wenn sie sich sonst alles sagten. Das saß ihm im Nacken. Daß Markus schwul war, wußte dessen Mutter nicht. Für ein Outing war nie Zeit. Sie hockte ja nur im Büro rum und kümmerte sich nicht um ihren Sohn. Markus hatte auch kein wirkliches Interesse, ihr das mitzuteilen. Er kannte ihre Einstellung dazu. Aber letztendlich war es ja auch nicht wichtig. Markus bekam seine Mutter sowieso nur höchstens 2-3 Stunden pro Woche zu Gesicht und das ist nicht gerade viel. Gespräche kamen so gut wie nie zustande.
Aber er war sehr verwöhnt. Wenn seine Mutter schon nie Zeit für ihn fand, durfte er sich wenigstens kaufen, was er möchte. Das nutzte Markus dann doch aus. So hatte er ja auch ausgenutzt, daß seine Mutter solche Connections hatte, so hatte er ja immerhin Henrik kennengelernt.
Henrik verließ nun die Wohnung, schloß die Tür ab und fuhr Richtung Sendezentrale. Am Empfang wurde er schon freundlich empfangen und gebeten, sich doch schnellstmöglich bei Frau Liebermann zu melden. Henrik betonte, daß er bald diesen Termin hatte. Die Empfangsdame nickte und bat ihn, doch zu Frau Liebermann zu gehen. Es schien dringend und es war alles mit dem Programmdirektor abgesprochen. Henrik nickte. Er marschierte mit einem flauen Gefühl im Magen in die Richtung des Büros von Frau Liebermann. In Gedanken überlegend, was er denn nun wieder angestellt haben könnte, klopfte er an die Tür. Ein eisiges "Herein!" ertönte. Henrik trat ein und kaum war er drin, plapperte die Unterhaltungs-Chefin schon wütend los: "Was erlauben Sie sich?"
Henrik war vollkommen baff: "Was bitte?"
"Na was wohl, Sie Schanzlutscher?"
"Bitte was?"
"Sie ficken meinen Sohn und fragen was???!"
Henrik schluckte.
"Hören Sie, ich kann Sie fertig machen, davon konnten Sie bisher nur träumen!"
"Sie können mir gar nichts!"
"Ich weiß, der Programmdirektor hat sich in Sie verguckt für den Samstagabendbereich. Aber ich warne Sie!"
"Lassen Sie Ihre Drohungen!"
"Was ist Ihnen wichtiger? Liebe oder Karriere?"
"Beides!"
"Ich fordere Sie hiermit auf meinen Sohn in Ruhe zu lassen."
"Und wenn nicht?"
"Dann mach ich Ihnen das Leben zur Hölle!"
"Sie können mir gar nichts!"
"Das werden wir sehn."
Henrik öffnete entrüstet die Tür und verließ das Büro. Die Tür schlug er hinter sich zu.
Es vergingen nun einige Tage und es blieb merkwürdig ruhig. Waren die Drohungen doch nur eine Überreaktion? Aber leider würde Henrik ihr so eine Intrige zutrauen. Was sollte er machen? Markus einweihen? Diese Lösung hörte sich so einfach an, doch was würde passieren. Würde er zu seiner Mutter gehen und protestieren und sie zur Rede stellen. Doch was ist, wenn er das tut, dann ist das schon das Aus. Denn Frau Liebermann würde sicher nicht so einen Angriff ihres Sohnes auf ihre Person auf sich sitzen lassen und außerdem hängt dann der Familiensegen schief. Obwohl, tut er das nicht schon jetzt? Es war eine zu schwere Entscheidung. Würde er ihn um Stillschweigen bitten nach der Offenbarung über das wirkliche Gesicht seiner Mutter? Das würde sicher auch nicht lange gut gehen, denn irgendwann würde Markus ausrasten und die Mutter zur Rede stellen. Und dann ist ja immer noch das Problem, daß sie partout die Trennung herbeiführen würde.
Oder eine 3. Lösung? Eine Scheintrennung? Doch wie hat sie damals im ersten Gespräch gesagt: Sie findet alles raus. Und wenn sie es ganz geheim halten würden und sich nur versteckt treffen würden? Aber was machen die beiden denn im Moment? So sieht die Realität ja schon aus. Küssen und Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist nicht! Eine verzwickte Sache. Die Entscheidung scheint so schwer. Jeder würde sagen: Entscheide dich für die Liebe, Henrik. Aber war der, der das behauptet, jemals wirklich erpressbar. Der Beruf macht Henrik Spaß, was würde er tun ohne Showbiz? Was würde er mit dem schlechten Image, das ihm die Frau Liebermann angedroht hatte herbeizuführen, noch anfangen können, sowohl im Showgeschäft, als auch in der Welt da draußen. Was ist so schlimm, wenn man geoutet wird in der Presse? Was ist so schlimm, wenn die Vergangenheit rauskommt? Es ist einfach peinlich und mehr als imageschädigend! Irgendwann würde es das Publikum schon wieder vergessen. Klar, aber eine Samstagabendshow rückt dann auch immer weiter in die Ferne. Also gegen die Liebe?
Henrik war verabredet mit seinem Freund Markus. Sie trafen sich in einer Eisdiele. Henrik saß schon wartend da, als Markus mit einer Zeitung unter dem Arm angelaufen kam. Markus setzte sich, er war ganz blaß. Henrik schaute ihn besorgt an und fragte, was denn los sei. Markus schaute ihn stumm an und legte wie in Trance die Zeitung mit dem Titelblatt nach oben auf den Tisch. Henrik schaute verdutzt und geschockt auf das, was da vor ihm lag. Er nahm die Zeitung und schaute sich das an, was sich ihm da offenbarte. Das war die andere Seite des Showgeschäfts?
Henrik Vandyk. Fliegt er bald aus dem Showgeschäft. Die dunklen Geheimnisse des Mädchenschwarms.
Henrik las jedes Wort mit weit geöffneten Augen, sein Mund öffnete sich langsam. Er staunte nicht schlecht. "...bisher sind es nur Gerüchte um den Beau. Aber laut einer Geheiminformation ging der Jüngling in seinem Herkunftsland auf den Strich. ... Was dran ist? Wir bleiben dran! ..." Henrik legte die Zeitung verdutzt nieder und schaute Markus an.
"Ich kann es nicht fassen, Markus!"
"Tja, die kriegen alles raus!"
"Aber ...!"
"Hey, ich hab das auch verstanden, du warst 16 und wurdest von deinem Vater gezwungen!"
"Die Öffentlichkeit versteht so was nicht."
"Ja für die zählen Skandale! Kannst du nicht so was wie ne Pressekonferenz machen?"
"Wo denkst du hin? Wenn das offiziell bestätigt wird, bin ich verloren in dem Geschäft!"
"Und jetzt?"
"Noch ist es nicht offiziell. Ich ... muß hoffen!"
"Na ja, vielleicht kannst mit meiner Mutter reden. Immerhin, ihr gehört das Blatt da!"
"Was? Das ist Ihre Zeitung?"
"Ja. Aber scheinbar hat sie keinen Einfluß auf das Abgedruckte. Sie wäre ja blöd, oder?"
Leise nuschelt Henrik in sich: "Oder gerissen. Verdammt!"
Markus schaute verdutzt: "Was sagtest du?"
Da klingelte aber schon Henriks Handy. Er schaute auf das Display. Der Programmdirektor. Henrik drückte auf die ‚Annehmen'-Taste und sagte vorsichtig und unsicher: "Ja?" Der Programmdirektor bat ihn ohne weiteren Kommentar, sofort zu ihm zu kommen. Henrik seufzte und sagte zu. Markus schaute immer noch verdutzt. Er kam nicht mehr mit. Henrik steckte das Mobiltelefon wieder in die Tasche und sagte, er müsse dringend in die Studios. Markus griff nach seiner Hand und sagte noch schnell: "Henrik, du schaffst das. Es wird schon nicht so schlimm. Denk immer daran: Ich liebe dich!" Henrik nickte wortlos und verschwand. Markus schaute ihm noch lange nach. Eine Träne wich aus seinem linken Auge.
Henrik atmete tief ein und klopfte an die Tür des Programmdirektors. Der bat ihn herein. Henrik trat ein und fand den Big Boss vor und neben ihm stehend Frau Liebermann. Henrik begrüßte die beiden. Er widmete Markus' Mutter nur einen kurzen grimmigen Blick. Der Programmdirektor griff in eine Ablage auf seinem Schreibtisch und zog die aktuelle Zeitung hervor und warf sie auf den Tisch. Dann verschränkte er die Arme.
Henrik schluckte und verteidigte sich: "Das sind doch nur Gerüchte!"
"Ja, noch! Aber wenn die Presse da weiterstochert?"
"Was soll sie rausfinden? Es ist nicht wahr!"
"Tja, wissen sie, was die sich aus den Fingern zaubern im Sommerloch?"
Henrik schaute verdutzt auf Frau Liebermann. Scheinbar war der Boss nicht eingeweiht. Dann senkte er seinen Kopf und flüsterte: "Was soll ich tun?"
Der Chef des Fernsehprogramms stützte sich mit seinen kräftigen Händen auf den Eichholz-Schreibtisch und fuhr mit lauterer Stimme fort: "Tja, mein Lieber, das weiß ich auch nicht. Aber solang das hier durch die Lande geht, gibt es keine Show und wenn sich das als Wahrheit bestätigen sollte, was ich für Sie nicht hoffe, dann gibt es gar keine Show mehr. Dann können Sie von mir aus zu RTL! Die sind Skandale gewöhnt!"
Henrik schaute noch immer auf den Boden.
"Hoffen Sie auf ein Wunder!! Ich lasse sie beiden jetzt alleine. Entwickeln Sie von mir aus eine Strategie oder was weiß ich! Ich geh in eine Konferenz!"
Der Programmdirektor wanderte wütend ab Richtung Tür und öffnete diese. Er drehte sich noch mal um und betonte: "Und verlassen Sie mir dieses Büro nur mit einer positiven Lösung! und ... machen Sie die Tür zu beim Rausgehen. Verstanden??"
Frau Liebermann nickte. Ihr Blick schien betroffen, doch Henrik durfte gleich feststellen, daß das Fassade war. Sie setzte sich zufrieden lächelnd auf den großen Chefsessel und steckte sich eine Zigarette an. Dann sagte sie spöttisch: "Na? Was sagen Sie nun?"
Henrik schritt auf sie zu und fauchte: "Was soll das? Damit ruinieren Sie nicht nur mich, sondern auch sich!"
"Lächerlich! Wenn Sie gehen, schlag ich ein neues Gesicht und ein neues überarbeitetes Konzept vor. Das geht schnell. Sie sind schnell vergessen!"
"Sie ....!"
"Ja?"
"Vergessen Sie es!"
Frau Liebermann streichelte langsam den Hörer des Telefons. Dann hob sie ab und streckte Henrik den Hörer entgegen: "Ein Telefonat und ein Gespräch und Sie sind wieder drin!"
"Oh nein!"
"Dann kommt morgen Artikel Nummero 2! Hm, ich dachte da an: Vandyk: Schwuler Callboy - 3 Jahre Strich in Holland! Na, was sagen Sie?"
"Sie sind Abschaum!"
"Ein Abschaum, der Sie im Griff hat, mein Lieber!"
Henrik war die innere Wut anzusehen.
"Ich habe Fotos!"
Henrik schaute sie entsetzt an und fragte erstaunt: "Was? Wo .... Woher?"
"Tja, ich bin eine gute Reporterin gewesen, bevor ich mich auf den Chefsessel geschlafen habe."
Markus schüttelte den Kopf und fing an zu weinen. Er wischte sich die Tränen schnell weg aus dem Gesicht.
Frau Liebermann hielt Henrik erneut den Hörer entgegen. Henrik schüttelte wieder den Kopf, ungläubig. Er wußte nicht, was mit ihm passiert. Er ging langsam, unentschlossen, auf den Schreibtisch zu und nahm den Hörer. Frau Liebermann lächelte zufrieden: "Na also. Sie sind gar nicht so dumm, wie ich dachte!" Sie wählte die Nummer ihres Sohnes. Schon bald ging Markus auch ran an das Telefon. Henrik versuchte nicht zu schluchzen und sprach in den Hörer: "Markus, du ich muß ... ich muß dir was sagen. Es ist wichtig. Ich kann es nicht länger für mich behalten. Ich muß mit dir reden!"
Markus: "Was ist denn los, Schatz? Du klingst so komisch!"
"Hast du Zeit?"
"Ja."
"Ich komme jetzt, okay?"
"Ja. Aber sag doch ...", kam es unsicher von der anderen Seite.
Frau Liebermann drückte das Gespräch weg. Si riss Henrik den Hörer aus der Hand und drohte: "Und wehe, Sie machen jetzt irgendeinen Scheiß!" Henrik zitterte bei diesen Worten. Er verließ stumm das Büro und ging in Richtung Tiefgarage.
Markus saß auf seinem Sofa in seinem Zimmer. Da hörte er die Klingel. Ganz aufgelöst rannte er die Treppen hinunter und öffnete. Es war Henrik. Henrik schaute Markus nicht in die Augen und trat einfach ein in die Wohnung. Markus folgte ihm mit seinen Blicken und fragte verzweifelt: "Was ist los?"
"Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll!"
"Sag es einfach, Schatz. Du weißt du kannst mir alles sagen!"
Henrik schaute in die Richtung von Markus, vermied es aber in seine Augen zu schauen und sagte: "Ich liebe dich nicht!"
Markus war den Tränen nahe: "Was??"
"Ich liebe dich nicht ... nicht mehr! Es ist vorbei!"
"Wieso?"
"Das ist der Grund!"
"Welcher Grund?" Markus fing an zu weinen.
Henrik sah die Tränen seines Liebsten und weinte ebenso los. Markus schaute ihn ungläubig an und fragte:
"Warum ... Henrik, Schatz, warum weinst du?"
"Ich weiß es nicht."
"Es ist nicht wahr, oder?" Markus setzte sich und wischte sich die Tränen von den Wangen. Es nutze nichts, er mußte immer mehr heulen. Er verstand die Welt nicht mehr: "Warum jetzt?"
Henrik schüttelte den Kopf und ging ohne Markus nur eines Blickes zu würdigen zur Tür. Er wußte, wenn er ihm jetzt in die Augen schauen würde, dann würden das seine Nerven nicht mitmachen. Er schaute noch einmal zurück und sagte flüchtig: "Mach es gut."
Henrik verließ unter Tränen die Villa und verschwand flüchtend in Richtung Auto. Auf dem Weg flossen ihm die Tränen immer intensiver aus den traurige Augen. Umdrehen? Er würde am liebsten für einige Tage einfach von der Bildfläche verschwinden, aber er wußte, er hatte seine Show und es galt Business as usual. Wo war er da hingeraten, was hatte er getan, im Hinterkopf immer den Satz: "That's Showbusiness!" War es das wert?!
Michael Fecher