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Blau oder grün ?

In einem fernen Land waren alle Menschen grün, aber es gab auch einige die eine andere Farbe hatten...
Eine Erzählung von Martin Sommer.


Es war einmal in einem fernen Land. Da waren alle Menschen grün. Grün vom Kopf bis zu den Füssen. Doch eines Tages wurde durch eine Laune der Natur ein Kind geboren, dass so gar nicht zu den anderen zu passen schien. Denn es war blau. Seine Eltern, die Norms, konnten es nicht fassen. Was hatten sie nur falsch gemacht? Sie waren doch ganz normale, ehrbare, grüne Menschen. Und das hier sollte wirklich ihr Sohn sein? Zuerst wollten sie ihn gar nicht mit nach Hause nehmen. Die anderen, all die Schwestern und Ärzte und Patientinnen im Krankenhaus, all diese Grünlinge guckten so komisch. Sie starrten das blaue Kind und seine Eltern an, als wären sie Außerirdische. Kein Wunder, dass die Norms diesen blauen Fehler der Natur zuerst im Krankenhaus lassen wollten. Aber die Ärzte und Schwestern lehnten ab: „Wie stellen Sie sich das vor?“ fragten sie. „Sie haben dieses blaue Etwas bekommen und jetzt müssen sie auch dafür sorgen.“ Die Eltern hatten Angst. Was sollte bloß werden aus diesem schrecklich blauen Kind? Ein älterer Arzt wollte ihnen helfen und sagte, es könnte ja sein, dass der Neugeborene unter seiner blauen Schicht ganz normal sei. Also legten die Eltern ihren Sohn in eine Wanne und seiften den Kleinen ein. Sie schrubbten und rubbelten und wuschen und scheuerten und wischten. Aber es half alles nichts: das Baby blieb blau. Die Mutter weinte. Sie hatte sich so sehr auf ein normales grünes Kind gefreut. Und jetzt...? Auch der Vater war außer sich. Wie standen sie jetzt vor den Nachbarn da? Die guckten schon so argwöhnisch und zogen lange Gesichter als sie das Neugeborene rasch und heimlich ins Haus brachten. Wie würden die erst gucken und reden wenn sie wüssten, dass das Kind blau ist?

Die Zeit verging und das Baby wurde größer. Bis auf die Tatsache, dass es blau war, war es haargenau so, wie alle kleinen Kinder. Es schrie und lachte, brabbelte und krabbelte genau wie die anderen. Aber es war blau. Bislang hatten die Eltern es noch nicht gewagt, anderen Menschen ihren Sohn zu zeigen. Immer hatten sie wichtige Termine vorgeschoben. Aber ewig würden sie ihn nicht verstecken können. Es wurde ohnehin schon überall in der Stadt gemunkelt, dass sie einen blauen Sohn hatten. Da kam der Vater auf eine Idee: wenn sein Sprössling sich von den anderen Kindern nur durch seine Farbe unterschied, warum sollte man dann diese Farbe nicht einfach ändern? Warum sollte man ihn nicht grün anmalen? Und so geschah es auch: aus dem blauen Baby wurde ein niedliches kleines grünes Baby. Stolz zeigten die Eltern ihren Sohn allen die sie kannten. Und auch allen anderen. Keiner, dem sie auf der Straße begegneten, kam an ihnen vorbei ohne nicht ihren Nachwuchs bestaunt und gebührend gelobt zu haben. „So ein schönes Baby“, sagten sie dann oder „ganz der Vater“, beziehungsweise „ganz die Mutter“, je nach dem. Aber die Gerüchte schwirrten weiter durch die Stadt. Die Ärzte und Schwestern und selbst ein paar Nachbarn hatten doch deutlich ein blaues Baby gesehen. Aber natürlich konnte es auch sein, dass sich so etwas mit der Zeit gibt, eine „Temporäre Anomalie“ wie die Mediziner sagen, also einfach ein vorübergehendes Unnormalsein.

Damit auch wirklich niemand etwas von der tatsächlichen Farbe ihres Sohnes merkte und die ganzen Gerüchte endgültig verstummten, gaben die Norms ihrem Jungen den Namen Grün. Das war kein seltener Name in diesem Land. In jeder Familie gab es mindestens einen Grün. Und ihr Sohn hieß von nun ab Grün Norm.

Und so wuchs das blaue Kind grün auf. Seine Eltern hatten panische Angst, blaue Wesen könnten sich nicht nur durch ihre Farbe von den normalen Grünen unterscheiden, deshalb beschlossen sie, ihrem Sohn nichts von seiner wirklichen Farbe zu sagen. Jeden Tag malten sie ihn mit grüner Farbe an und erzählten ihm, dies sei eine wichtige Salbe für seine empfindliche Haut. Als er größer wurde, trug Grün diese Salbe jeden morgen selbst auf.

Alles verlief normal. Die Norms waren so glücklich, denn ihr Sohn entwickelte sich zu einem absolut grünen Durchschnittsjungen. Er spielte dieselben Spiele wie die anderen, er trug dieselbe Kleidung, aß dasselbe Essen und wollte genau wie alle anderen grünen Jungen in seinem Alter Pilot werden. In der Schule machten die anderen Schüler Witze über Blaue. Als Grün an diesem Tag nach Hause kam erzählte er seinen Eltern ein paar dieser Witze und fragte sie dann, ob es so etwas wirklich gebe, blaue Menschen. „Ja“, antwortete die Mutter, „man sagt dass es solche Wesen geben soll.“ „Sie sind nicht wie wir“, sagte der Vater, „solche Gestalten entstehen, wenn die Natur einen Fehler gemacht hat.“ Diese Antworten genügten dem Jungen und er erzählte munter zwei neue Witze. Alles verlief normal.

Doch dann kam es anders: Grün war inzwischen 16 Jahre alt. Und an diesem bewussten Tag, es war der Morgen nach dem Geburtstag seines besten Freundes, schlief er länger als gewöhnlich. Er hatte am Abend vorher zu lange gefeiert. Als seine Mutter ihn schließlich weckte sagte sie nur: „Beeil Dich, es gibt gleich Mittagessen.“ Und da erinnerte sich der Junge daran, dass er sich nach dem Essen mit seinen Freunden verabredet hatte. Er musste sich also wirklich beeilen. Und in dieser Eile vergaß er, seine Salbe aufzutragen. Zuerst war das nicht weiter schlimm, die Schicht grüner Farbe war dick genug um einen Tag zu halten. Aber am nächsten Tag nahm er die Salbe auch nicht (er war es einfach leid, sich ständig diese grüne Salbe auf die Haut schmieren zu müssen, und da es am Tag zuvor auch nicht geschadet hatte, würde es heute auch nichts ausmachen, sie nicht zu nehmen).

Und als er so beim Mittagessen saß, nahm das Schicksal seinen Lauf: die grüne Farbe blätterte ab. Langsam und nur in kleinen, kaum wahrnehmbaren Krümeln. Er merkte es zuerst überhaupt nicht, erst als ein kleiner grüner Klumpen in seiner Suppe landete, begann er sich zu wundern. Die Eltern wurden hellgrün vor Schreck. Wortlos sahen sie ihren Sohn an. Dieser tastete seine Haut ab und als er spürte, dass die grüne Farbe von ihm abfiel, lief er schnell zu einem Spiegel. Unter der abbröckelnden grünen Farbschicht erkannte man seine dunkelblaue Haut. Erschrocken sah er abwechselnd in den Spiegel und zu seinen Eltern.  Dann standen ihm auf einmal Tränen in den Augen und er rannte hoch in sein Zimmer. „Ich weiß, es hört sich komisch an“, flüsterte der Herr Norm, „aber ich hatte es inzwischen wirklich schon wieder vergessen. Erst als ich das Blau auf seinem Gesicht, an seinen Armen, an seinem Hals, überall sah, erst da fiel mir wieder ein, dass wir einen blauen Sohn haben. Ich hatte es ganz vergessen.“ Frau Norm weinte und schluchzte: „Es war doch alles so schön. Warum musste das nur passieren? Warum musste uns das passieren?“

Grün hatte sich in sein Zimmer eingeschlossen und weigerte sich, jemanden hineinzulassen. Er wollte auch mit niemandem reden.

Er war geschockt, denn er war blau. Er war blau. Er. Niemals hätte er auch nur im Traum daran gedacht, dass er irgendwie anders sein könnte, als die anderen. Warum hatten seine Eltern ihm nichts gesagt? Die Witze über Blaue fielen ihm wieder ein. Böse Witze, gemein und hinterhältig. Er hatte darüber gelacht. Er hatte diese Witze selbst erzählt. Witze über ihn.

Ein Chaos von verschiedensten Gedanken herrschte in seinem Kopf: War er wirklich blau? Er konnte und wollte es nicht glauben. Warum hatte ihm niemand etwas gesagt? Konnte man etwas dagegen tun? Eine Operation, eine Hauttransplantation, irgendetwas? Was bedeutete es, blau zu sein? War das wirklich ein Fehler der Natur? Er war unnormal, das war klar. Warum er? Warum nur er? Er hatte doch niemandem etwas getan? Ob er sich einfach weiterhin die grüne Farbe auf die ekelhaft blaue Haut schmieren könnte?

Grün fühlte sich so allein. Als seine Freunde kamen, um ihn abzuholen – er hatte natürlich inzwischen ganz vergessen, dass sie verabredet waren – wollte er immer noch nicht aus seinem Zimmer kommen und so richteten seine Eltern aus, er könne nicht kommen, er sei krank. Eine ganze Woche kam er nicht heraus. Frau Norm stellte ihm das Essen vor die Tür und er öffnete diese erst, nachdem er die Schritte seiner Mutter auf der Treppe gehört hatte und sich sicher sein konnte, dass sie weg war. Das schlimme war, dass die Farbe inzwischen ganz abgefallen und er total blau war. War das wirklich er? Er betrachtete sich angewidert im Spiegel. Auf den Fotos, die an der Wand hingen, auf diesen Fotos hatte er wirklich gut ausgesehen. Zugegeben, es gab hübschere Jungs als ihn, aber er war grün und gutaussehend gewesen. Und jetzt das... Die absolute Katastrophe. Niemals wieder würde er vor die Tür gehen. Er fühlte sich so wertlos.

Nach einer Woche kam ein Brief von seiner Schule. Er sei jetzt lange genug krank gewesen, hieß es darin, und ohne ein ärztliches Attest dürfe er keinen Tag länger fehlen. Daraufhin stellte sich sein Vater vor seine Zimmertür und schrie: „Jetzt komm da endlich raus. Du kannst nicht ewig da drin bleiben. Hast Du gehört? Entweder Du kommst freiwillig raus oder ich werde die Tür eintreten. Diesen Argumenten konnte sich der Junge natürlich unmöglich entziehen, so dass er die Tür aufsperrte und in die erwartungsvollen Gesichter seiner Eltern blickte. Diese Gesichter verdüsterten sich allerdings sofort, als sie ihn in seiner ganzen Bläue vor sich stehen sahen. Wortlos ging der Vater ins Badezimmer, holte die grüne Farbtube und reichte sie seinem Sohn: „Nimm schon. Und hör mir zu: es ist wie es ist und es ist wahrlich nicht schön. Ein Fehler der Natur. Aber niemand, hörst Du, niemand wird davon erfahren. Du willst doch nicht, dass sich deine Mutter Sorgen macht, oder? Weißt Du was es für sie bedeuten würde, wenn jemand die Wahrheit erfahren würde? Sie würde ausgestoßen, ausgelacht. Sie wäre gebrandmarkt als Mutter eines blauen Sohnes. Also wirst Du niemanden etwas davon sagen, klar? Haben wir uns verstanden?“ „Ja“, antwortete leise, fast heiser der Sohn. „Und benehme dich so wie ein normaler grüner Mensch, ist das klar? Pass auf, dass du dich normal grün verhältst, verstanden?“ „Wie verhält sich denn ein Blauer?“ fragte der Sohn. Wortlos gab ihm sein Vater eine Ohrfeige. Und Grün weinte. „Wirst Du wohl still sein! Du hast uns genug Kummer gemacht, mir und deiner Mutter“, brüllte der Vater. Doch seine Frau strich ihrem Sohn kurz über den Kopf und sagte: „Pass auf wie du gehst. Pass auf, wie du redest. Ein grüner Gang und eine grüne Stimme und viel grüne Farbe und niemand wird etwas merken. Das schaffen wir schon.“

Und in der Tat: die nächste Zeit lief es genau so. Eigentlich wie früher: Der Junge nahm jeden Tag grüne Farbe und verhielt sich sonst genau wie alle anderen. Wie früher. Vielleicht mit dem Unterschied, dass er jetzt Bescheid wusste. Und dass er sich selbst hasste. In der Schule erzählte er noch mehr Blauen-Witze als früher. Und er genoss es richtig, damit über sich selbst herzuziehen. Auch seinen Eltern gefiel das, würde doch jetzt niemand vermuten, dass ihr Sohn ein Blauer ist. Aber Grün hasste sich selbst und mied jede Gesellschaft. Er zog sich zurück und weinte abends in seinem Bett. Warum hatte ihm Gott nur so etwas angetan?

Das ging eine ganze Zeit so. Doch dann geschah etwas. Es war zu Beginn des neuen Schuljahres und ein neuer Mitschüler war in Grüns Klasse gekommen. Er hieß Green und war mit seinen Eltern gerade erst in diese Gegend gezogen. Jetzt wohnte er ausgerechnet im Haus neben Norms. Die beiden gingen jeden Tag zusammen zur Schule, saßen dort nebeneinander und gingen zusammen wieder nach Hause. Eigentlich verstanden sie sich sehr gut. Aber Grün war viel zu sehr mit seinem Selbsthass beschäftigt. Als ihn Green eines Tages zu sich nach Hause einlud sagte er nur: „Vielen Dank, aber ich habe heute keine Zeit.“ „Und morgen?“, fragte der andere. „Morgen auch nicht.“ „Übermorgen?“ „Sieht schlecht aus,“ Überübermorgen?“ „Geht nicht.“ „Überüberübermorgen?“ „Ich glaube nicht.“ „Du hast Zeit, du willst nur nicht.“ „Und wenn es so wäre?“ „Du gehst nie weg. Bleibst immer zu Hause. Aber du bist doch kein Langweiler. Was ist, hast du Angst, deine grüne Farbe könnte abfallen?“

Unter seiner dicken grünen Schicht erbleichte Grün. „Was soll das? Willst Du mich beleidigen oder was?“ rief er so aggressiv er konnte. Aber Green blieb ganz gelassen und antwortete ruhig: „Aber nicht doch. Das hatte ich wirklich nicht vor. Aber ich finde es kindisch wie du dich aufführst. Glaubst du, ich weiß nicht, dass du blau bist? Glaubst du im Ernst, du wärst der einzige blaue Mensch auf dieser Welt?“ Zuerst schwieg Grün. Was sein Freund da sagte, das war ja eigentlich gar nicht so abwegig. Vielleicht gab es wirklich noch andere Blaue. „Bist du denn einer von denen?“, fragte er. „Nein. Aber ich kenne ein paar. In der Stadt, in der wir vorher gewohnt haben, waren meine besten Freunde Blaue. Darum erkenne ich euch auch auf den ersten Blick. Na ja, eigentlich habe ich dich nur erkannt, weil du so auffällig grün verhalten hast. Die ganzen Blauen-Witze... Das deutet meist darauf hin, dass jemand etwas zu verbergen hat.“ Das war zuviel für Grün. Ohne ein Wort zu sagen, ja ohne den anderen auch nur noch eines Blickes zu würdigen rannte er so schnell er konnte nach Hause. Nur schnell weg hier. Als er in seinem Zimmer ankam, war er völlig außer Atem. Green hatte ihn enttarnt. So etwas dürfte nie wieder passieren. Er müsste in Zukunft einfach besser aufpassen.

In den nächsten Tagen ging er Green aus dem Weg, redete nicht mehr mit ihm. Und doch begann es ihn ihm zu arbeiten. Es war ein paar Tage später, genau gesagt war es mitten in der Nacht. Grün konnte keinen Schlaf finden – schon lange nicht mehr. Jedenfalls kam ihm in dieser Nacht zum ersten mal der Gedanke, dass nicht er allein ein Fehler der Natur war. Was hatte Green noch einmal gesagt: „Glaubst du im Ernst, du wärst der einzige blaue Mensch auf dieser Welt?“ Ja, das hatte er geglaubt. Aber andererseits: warum machte man sonst Witze über Blaue, wenn es gar keine gäbe – außer ihm selbst, und dass er blau war, wussten die anderen ja nicht. Es gab also noch andere Blaue außer ihm. Er war gar nicht allein.  Grün beschloss, gleich am nächsten morgen seinen Vater zu fragen. Doch der antwortete nur: „Ja, es soll noch ein paar andere geben. In den größeren Städten... Sollen dort einfach so rumlaufen, so blau wie sie sind. Unglaublich. Aber ich sage immer – und deine Mutter sagt genau das gleiche – jedenfalls sagen wir immer: die anderen können ja so sein wie sie wollen, solange sie in ihren eigenen vier Wänden sind. Aber draußen, in der Öffentlichkeit, da sollen sie sich gefälligst benehmen wie alle anständigen Grünen. Darum gehen wir nicht dahin, wo Blaue sind. Hast du verstanden, Sohn? Wir Norms gehen dort nicht hin. Wir Norms sind grün – ob blau oder nicht.“

Und wieder arbeitete es irgendwo ganz tief in Grün Norm. Nach außen hin war er der gleiche normale grüne Junge wie immer. Aber innerlich war er vollkommen unsicher geworden. Er war blau, dass wusste er jetzt. Aber er hatte keine Ahnung, ob er auch blau sein wollte. Und obwohl er es merkwürdig fand, sich grün anzustreichen, obwohl er eigentlich blau war, so wusste er doch nicht, ob er das nicht eigentlich auch wollte. Er wollte ja schließlich gar nicht auffallen. Er wollte nicht anders sein. Er wollte sich nicht in abseits stellen und von all den anderen, von all seinen Freunden und seiner Familie ausgrenzen. Also musste er doch eigentlich froh sein, dass seine Eltern ihn als normalen Grünen ausgegeben hatten. Grün war verwirrt. Er wusste nicht mehr weiter. Sollte er den Schwindel ewig fortführen? Was wäre die Alternative? Und was wäre vorzuziehen? Nur eines merkte er immer deutlicher: er wollte andere Blaue sehen. Es war komisch: obwohl er selbst blau war, konnte er sich andere blaue Menschen nicht vorstellen. Die müssten ja seltsam aussehen.

Mehrere Wochen vergingen, in denen Grün immer konfuser, und das Bedürfnis, andere Blaue zu sehen immer größer wurde. Schließlich hielt er es nicht länger aus. Er ging zu Green: „Hallo. Ich weiß, ich bin dir in letzter Zeit aus dem Weg gegangen. Tut mir leid. Ich war etwas verwirrt. Ich bin hier, weil ich dich etwas fragen wollte. Eigentlich wollte ich um etwas bitten, es ist kompliziert...“ „Worum geht es denn? Ich nehme an, es geht immer noch darum, dass du blau bist.“ „Nicht so laut. Nicht dass das noch jemand hört. Zum letzten Mal, hör auf zu sagen, ich sei blau. So ein Unsinn. Ich wollte dich nur fragen, ob du mich deinen blauen Freunden mal vorstellen könntest. Nur so aus Interesse. Ich bin neugierig.“ „Ja klar. Neugierig... Nur aus Interesse. Schon gut, ich sag ja gar nichts. Also in Ordnung, wir können am Wochenende mal hin fahren. Hast du Geld für den Zug?“

Das Geld wurde organisiert und am Samstag saßen sie wirklich im Zug zur nächstgrößeren Stadt. Die Stadt hieß Grünhausen und war eine zwar kleine aberlebendige Großstadt. Green war hier geboren und aufgewachsen. Nach anderthalb Stunden Bahnfahrt kamen sie in der Stadt an und gingen zu Blue, dem Bekannten von Green. Blue hieß eigentlich Gras Grün, bestand aber auf seinem neuen Namen. Er hatte gerade Besuch von einer Freundin, Olive, die sich aber Vergissmeinnicht nannte und natürlich ebenfalls blau war. Grün war sprachlos. Er wusste nicht einmal ob es der Anblick zweier blauer Menschen war, der ihn so verwirrte, oder die Tatsache, dass beiden ihre Farbe überhaupt nichts auszumachen schien. Im Gegenteil, es wirkte so, als seien beide sogar stolz darauf. Anfangs war es Grün richtig unangenehm. Er sagte sich immer wieder, er sei nicht blau. Und selbst wenn er von der Farbe her blau sei, so sei er doch sonst ganz anders als die beiden.

Niemals würde er sein Blau so schamlos zur Schau stellen. Niemals würde er vergessen, dass er ein anständiger Grüner und auch als  solcher erzogen worden sei. Niemals würde er werden wie sie. Es dauerte zwei Minuten bis Vergissmeinnicht zu ihm sagte: „Du bist auch blau, oder? Und warum malst du dich dann grün an? Findest du es nicht albern, dir jeden Tag grüne Farbe auf die Haut zu schmieren? Was ist an blau denn auszusetzen?“ Ihr direkte Art erschreckte Grün. Er musste daran denken, was seine Eltern wohl sagen würden, wenn sie ihn jetzt hier sähen? „Die anderen können ja so sein wie sie wollen, solange sie in ihren eigenen vier Wänden sind“, würde sein Vater sagen. Und dass sich Vergissmeinnicht und Blue gefälligst benehmen sollten, wie alle anständigen Grünen“. Und was würden seine Freunde sagen? Würden sie ihn noch eines Blickes würdigen, überhaupt noch mit ihm sprechen, wenn sie es wüssten?

Er fragte Vergissmeinnicht: „Warum lauft ihr offen so blau herum? Es ist doch ein Fehler der Natur. Normalerweise müssten wir alle grün sein.“ Doch die lachte nur und Blue antwortete stattdessen: „Normal ist langweilig. Und außerdem gibt es gar kein normal. Und grün sind längst nicht so viele, wie du denkst. Warum sollen wir anderen etwas vorspielen? Es ist doch blödsinnig: Ich bin blau. Und meine Eltern wissen dass ich blau bin. Und alle anderen wissen es nicht. Wenn mich meine Freunde mögen dann kann es doch nicht daran liegen, dass ich grün bin, das sind alle anderen ja auch. Also spielt die Farbe scheinbar keine große Rolle. Und diejenigen, die mich nicht mehr mögen, weil ich blau bin, die brauche ich nicht zu vermissen, denn sie waren nie wirklich meine Freunde. Und andersherum: wie sollen Freunde echte Freunde werden können, wenn ich ihnen nie die Chance dazu gebe, ihnen immer etwas vorspiele? Es kann keine echte Beziehung, zu irgendjemandem geben, wenn ich ihm vorspielen muss jemand anderes zu sein. Oder meine, es vorspielen zu müssen. Ich bin blau, na und? Was zählt ist der Mensch, nichts anderes.“

Vergissmeinnicht fügte hinzu: „Aber offensichtlich hast du ein großes Problem damit, blau zu sein. Ich weiß, dass es wirklich nicht einfach ist, anders zu sein, einer Minderheit anzugehören. Aber sieh es doch einmal so: du bist dadurch etwas besonderes.“ „Bis vor kurzen dachte ich noch, ich sei ganz allein. Ich sei der einzige Blaue Mensch auf der ganzen grünen Welt“ sagte Grün leise. Doch da fing Blue an zu lachen: „Wir sind zwar eine Minderheit, aber so wenige sind wir doch nicht. Und so grün ist die restliche Welt auch nicht“ „Außer uns sind alle anderen grün. Das würde ich schon eine ziemlich grüne Welt nennen“, erwiderte der junge Norm. Doch er bewirkte nur einen lautes Prusten und Lachen von Vergissmeinnicht, Blue und Green. „Du hast ja wirklich keine Ahnung. Gott bist du naiv. Richtig niedlich. Also du denkst alle anderen sind wirklich so flaschengrün wie du sie täglich auf der Straße siehst? Ha ha ha“, lachte Blue, „fast keiner ist flaschengrün von Natur aus. Hast du dich nie gefragt, woher deine Eltern so viel grüne Farbe für dich hatten. Wie sie sie kaufen konnten, ohne Verdacht zu erregen? Warum es diese Farbe in einer Salbentube gibt? Warum diese Farbe zwar die stärksten anderen Farben überdeckt,  aber dennoch hautverträglich ist? Wasserresistent und trotzdem Atmungsaktiv? Hast du dich das wirklich noch nie gefragt? Die Antwort liegt auf der Hand: weil fast jeder diese Farbe braucht.“ Ungläubig sah Grün zuerst Blue, dann Vergissmeinnicht und schließlich Green an. Wollten die ihn alle auf den Arm nehmen? Was erzählten sie nur für Blödsinn?

Er hatte keine Lust mehr auf dieses Gespräch. Die wollten ihn doch alle nur auf den Arm nehmen. Er musste jetzt raus, raus an die frische Luft. Doch als er so alleine durch die Straßen Grünhausens ging, da fiel ihm tatsächlich etwas auf: Die grüne Farbe, von der man ihm als er noch ein kleines Kind war vorgelogen hatte, sie sei eine Hautsalbe, dieselbe Tube grüner Farbe sogar mit dem Aufdruck „Erbsen-Salbe“ wurde in jedem Kaufhaus, in jeder Drogerie, in jeder Apotheke verkauft. Was bedeutete das alles? Das es so viele Blaue gab? Als er wieder zurückkam, sagte Blue nur: „Und, hast du dich wieder beruhigt? Glaubst du uns jetzt? Es sind längst nicht alle Menschen grün.“ Doch Grün sah nur sehr unsicher zuerst ihn, dann Vergissmeinnicht und schließlich Green an.

Doch je fragender er seinen Freund und Nachbarn ansah, desto ernster schaute dieser zurück und sagte sogar: „Es stimmt, Grün. Meine Mutter zum Beispiel: sie ist eigentlich orange. Oder mein Vater: er ist normalerweise ganz hellgrün. Unser Klassenlehrer: grün mit roten Punkten. Der Busfahrer: rot-grün-gestreift. Der Pfarrer: blau-grün. Und viele andere sind eigentlich blau.“  „Wenn das so wäre“, erwiderte Grün, „wenn das wirklich so wäre, dann wäre niemand so erschreckt darüber, dass jemand blau ist. Dann hätten meine Eltern nicht so einen Zirkus gemacht und dann gäbe es keine Witze über Blaue. Und wenn schon, dann müsste es auch Witze über Gelbe, Rote und alle anderen geben.“ „Aber es stimmt trotzdem“ sagte Vergissmeinnicht sanft, „Blue und Green haben ganz recht. Und warum die Blauen bei den anderen so besonders verhasst sind, das liegt daran, dass wir die größte Gruppe innerhalb der nicht-Grünen ausmachen. Und dass wir uns seltener verstecken. Das liegt wohl daran, dass Blau eine Farbe ist, die so dunkel ist, dass geübte Augen sie auch hinter der dicksten Grünschicht hervorschimmern sehen. Wir können uns schlechter verstecken als beispielsweise die Roten oder erst recht die Weißen. Darum fallen wir eher auf. Darum wollen sich viele Blaue auch gar nicht erst verstecken. Und die Grünen mögen es überhaupt nicht, wenn jemand auffällt. Sie mögen es nicht, wenn jemand anders ist als sie. Wenn jemand nicht grün ist. Und wenn jemand sie daran erinnert, dass sie auch nicht alle grün sind.“ „Dann ist überhaupt niemand grün?“ fragte Grün kleinlaut. „Doch, natürlich“, antwortete Blue, „die allermeisten sogar. Aber nicht einheitlich grün. Das reicht von dunklem Olivgrün über mittleres flaschengrün bis zu ganz hellem Grün. Und es gibt eben auch viele andere, nicht-Grüne. Gestreift oder gepunktet oder kariert oder uni in allen möglichen Farben. Aber wie gesagt, die weitaus meisten sind irgendwie grün. Und deshalb dominieren sie alles und jeden.“

Diese neuen Erkenntnisse warfen Grün regelrecht um. Sprachlos fuhr er mit Green wieder nach Hause zurück.

Dort lief erst einmal wieder als wie gewohnt. Jeden morgen malte der blaue Junge sich grün an. Und obwohl er weder Blue noch Vergissmeinnicht, ja nicht einmal Green glauben konnte, sie sogar eigentlich für gefährliche Spinner hielt, trotz alledem konnte er nicht anders, er musste seine Eltern und alle anderen Grünen beobachten. Und was er bemerkte überraschte ihn doch. Er stand morgens in aller frühe auf um sich im Schrank im Badezimmer zu verstecken. Und als seine Mutter ins Bad ging, erschrak er. Sie kratzte eine dicke Schicht grüner Farbe ab und plötzlich kam ihre rosa Farbe zu Tage. Seine Mutter war nicht grün, sondern rosa. Die anderen hatten völlig recht gehabt. Als anschließend sein Vater ins Bad ging und vor dem Spiegel ebenfalls eine Farbschicht abkratzte, um sie - genau wie Grüns Mutter – nach dem Duschen wieder neu aufzutragen, da konnte der Junge sehen, dass sein eigener Vater eigentlich hellgrün-hellblau-gestreift war. HellBLAU. Das musste man sich einmal vorstellen.

Ab dem nächsten Tag weigerte sich Grün, seine Salbe zu nehmen. Er sagte nur: „Ich bin blau, na und?“ Und als sein Vater gerade einen Wutausbruch bekam und seinen Sohn mit Gewalt zwingen wollte, sich grün anzumalen, da sagte der Junge ganz lässig: „Du hast mir gar nichts zu sagen. Du brauchst mir nichts zu erzählen. Du bist teilweise auch blau. Hellblau-hellgrün-gestreift. Und du“, dabei zeigte er auf seine Mutter, „du bist rosa. Niemand in unserer Familie ist grün. Und wie uns geht es vielen anderen auch. Na und? Ich bin blau, warum sollte ich dann anderen etwas vormachen? Ihr könnt ja tun und lassen was ihr wollt, aber ich werde mich nicht mehr verstecken.“

Die Eltern waren schockiert. „Was redest du da für einen Blödsinn? Du spinnst doch! Und jetzt nimm die Farbe und male dich an! Und keine Widerrede!!“ brüllte der Vater. Es lag wohl daran, dass auch seine beiden annahmen, die einzigen nicht ganz grünen Menschen zu sein – genau wie er früher. Wahrscheinlich machten sie sich sogar die größten Vorwürfe, so unnormal zu sein, sogar ein ganz blaues Kind gezeugt zu haben. Sie fühlten sich sicher als Perverse. Perverse Zombies. Gemeingefährliche perverse Zombies. Je mehr Grün darüber nachdachte, desto mehr heiterte sich seine Stimmung auf. Was war das nur für eine komische Welt? Jeder machten Witze über Blaue und doch nahmen die meisten von ihnen an, die einzigen nicht grünen zu sein. Irgendwie komisch. Und so fing Grün auf einmal an, lauthals zu lachen. Er lachte und lachte, Freudentränen liefen ihm die Wangen hinab und er lachte immer lauter und sein Vater sah zuerst ganz verduzt seine Frau an um dann zu schreien: „Was gibt es da zu lachen? Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“ Doch Grün hörte ihn gar nicht, so beschäftigt war er mit lachen. Lachend verließ er das Zimmer, das Haus und ging zu Green herüber. Als dieser die Haustür öffnete, beruhigte er sich langsam wieder und sagte nur: „Ich habe da eine Idee. Du musst mir unbedingt dabei helfen.“

Und in der Nacht gingen seltsame Dinge vor sich. Grün und sein Freund Green huschten heimlich durch die Dunkelheit und waren die ganze Nacht beschäftigt. Mit was sie so beschäftigt gewesen waren blieb ihr Geheimnis – bis zum frühen Morgen. Die Sonne war gerade aufgegangen da hörte man nach und nach einen lauten Schrei aus jedem Haus in der Stadt. Und wenn man von der Straße aus durch die Fenster in die Häuser hineinblickte, dann konnte man Schatten sehen, die aufgeschreckt hin und her liefen und dabei entweder schrieen, schluchzten oder schwiegen. Jedenfalls schienen sie sehr verzweifelt zu sein. Aber es blickte niemand von der Straße aus durch die Fenster in die Häuser. Die Straßen waren nämlich menschenleer. Zu einer Uhrzeit, zu der an normalen Werktagen schon die ganze Stadt auf den Beinen und damit beschäftigt war, Geld zu vermehren oder auszugeben, zu einer solchen Uhrzeit war heute noch kein Mensch auf den Straßen zu sehen.

Es war eben kein normaler Tag. Niemand traute sich vor die Tür. Mit Ausnahme von Grün und Green natürlich, die ja verantwortlich waren für diesen ganzen Trubel. Der grüne Green und der blaue Grün – er hatte heute erstmals keine Farbe aufgelegt. Sie beobachteten von einem Hügel aus die Stadt und freuten sich. Freuten sich über die Schreie aus den Häusern und über die menschenleeren Straßen. Und freuten sich noch mehr, als die ersten Menschen schließlich doch ihr Haus verließen – die konnten sich ja nicht ewig einschließen und verstecken, schließlich mussten sie zur Arbeit. Das war eine Freude für Green und besonders für Grün: langsam, unsicher, ja ängstlich und verschüchtert kamen die ersten Menschen vor die Tür. Hüte tief ins Gesicht gezogen, in lange Mäntel gehüllt – dabei war es heißester Sommer – schlichen sie langsam durch die Stadt. Immer darauf bedacht, möglichst im Schatten zu gehen. Doch sie konnten ihre Hüte noch so tief ins Gesicht ziehen, konnten ihre Mantelkragen noch so weit hochziehen, man erkannte doch den Grund ihrer Scham, konnte ihn deutlich sehen: Sie waren nicht grün. Da waren Frauen und Männer und Kinder in den unterschiedlichsten Farben zu sehen: in rot, gelb, orange, (und blau natürlich), in violett, braun, schwarz und weiß, grün-gelb-gestreift, rot-blau-kariert, schwarz-grün-weiß-gefleckt.

So viele verschiedene Farben und Muster, die ganze Stadt war auf einmal bunt. Und als die bunten Menschen bemerkten, dass sie bei weitem nicht die einzigen waren, die nicht grün schimmerten, da bekamen sie auf einmal wieder Mut und legten ihre Mäntel und Hüte ab. Manche krempelten sogar ihre Hemdsärmel hoch. Jetzt konnte man noch deutlicher sehen, wie bunt diese Stadt war. Und nicht nur die: denn Grün und Green hatten nicht nur in ihrer Heimatstadt sämtliche Tuben grüner Farbe aus allen Häusern und sogar aus den Läden genommen, nein sie hatten auch Blue und Vergissmeinnicht gebeten, in ihrer Stadt das gleiche zu tun und Freunde in anderen Städten um das gleiche zu bitten. Und so war an diesem Tag niemand mehr grün, der eigentlich nicht grün war. Statt dessen war das ganze grüne Land nun plötzlich bunt. Und als die Menschen so deutlich sahen, wie viele Nicht-Grüne es gab und dass sie nicht alleine waren in ihrer Stadt und in ihrem Land, da beschlossen sie, sich in Zukunft nie wieder grün anzumalen. Und auch die Namen wie Grün, Green oder Olive wurde von nun an nicht mehr an Kinder vergeben, die nicht grün waren. Und Grün schließlich benannte sich offiziell um: in Farbenreich.

Martin Sommer