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Der autobiographische Fortsetzungsroman "Coming Out" von Mathias Plös. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

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"Coming Out"

- Teil 4 -

Am Nachmittag ist dann seine Mutter weggegangen. Das war dann der Moment, an dem wir das erste Mal Sex hatten. Casey hatte sich schon sein T-Shirt ausgezogen, da es sehr warm in seinem Zimmer war.

So konnte ich ihm also sanft über seine seidige Haut fahren. Es war ein total geiles Gefühl, seine Haut zu berühren, die so seidig glatt war wie ein teures Hemd von Cerutti. Er nahm mich ganz fest in den Arm, danach zog er mir auch mein T-Shirt aus und begann, mich zärtlich zu streicheln und zu massieren.Es sollte der schönste Nachmittag in meinem bis dahin geführten Leben werden. Ich genoß jedes zärtliche Streicheln von Casey, genoß es, wenn sein nackter Körper sich an meinen schmiegte. Jeder Kuß war wie ein Gruß von Wolke sieben.

Es war so, als würde ein warmer Wind über meine Haut wehen, wenn er mich berührte. Es war einfach phantastisch. Und an diesem Nachmittag kam ich das erste mal bis zum Höhepunkt. Das Gefühl kann man gar nicht beschreiben. Es fühlte sich an, wie ein erlösender Schrei ohne Worte. Doch auch der schönste Nachmittag hat einmal ein Ende. Am frühen Abend mußte ich dann wieder in Richtung Rheinhausen aufbrechen. Ich ging dann also schweren Herzens, nicht ohne mich aber für den nächsten Tag wieder mit Casey zu verabreden.

Auf der Rückfahrt im Bus schossen mir wieder die Gedanken wie Blitze durch den Kopf. Ich liebte Casey, doch wie sollte ich es meinen Eltern sagen? Schwul allein wäre ja schon schlimm genug, wenn sie dann aber auch noch hören, das mein Freund AIDS hat… dass würde sie ins Grab treiben. Als ich zu Hause ankam, öffnete mir meine Schwester einer Furie gleich die Türe.

„Na, jetzt zufrieden? Du meinst wohl auch, daß du der Kaiser von China bist. Erst bist du ach so krank und kommst von der Schule nach Hause. Und keine zwei Stunden später fährst du seelenruhig nach Duisburg. Du bist echt ein kleines egoistisches Arschloch!“

„Danke schön. Weißt du, dass du ganz schön nerven kannst. Du hast doch immer was an mir auszusetzen. Warum soll ich denn nicht nach Duisburg fahren? Ich sag ja auch nichts wenn du mit deinen Freunden wegfährst. Ach was, warum reg ich mich überhaupt auf? Du kannst mich mal. Du alte Kanaille!“

Ich rannte wütend die Treppe hoch in mein Zimmer und begann vor lauter Wut aufzuräumen. Andere schmeißen irgendwelche Sachen gegen die Wand um sich abzureagieren und ich mache das halt so. Das hilft mir besser als loszuheulen. Toll, jetzt stehe ich mit meinen Gefühlen ganz allein auf der großen weiten Welt. Na ja, ganz allein war etwas übertrieben, immerhin hatte ich ja Casey und seine Eltern. Aber ich konnte keinem Menschen sonst von meinem Leben mit Casey erzählen. Keiner war da, dem ich mein Herz ausschütten konnte.

Es ist so grausam, wenn man in so einem Augenblick keine Stütze hat. Sei es in der Familie oder im Freundeskreis. Für meine Schwester war ich bloß das kleine Arschloch - heute das große - welches immer schön zu Hause sein muß, zu parieren hat und bloß kein eigenes Leben führen darf. Für meine restliche Familie war ich nach wie vor der brave Junge, der behütet aufwächst und irgendwann mal eine Freundin findet, heiratet, Kinder zeugt und die Familie weiterführt.

Na ja, in der Schule ging es auch nicht anders weiter. Zu Hause hatte ich meine Schwester, die ständig auf mir rumhackte und an mir rumnörgelte, und in der Schule taten meine Klassenkameraden ganze Arbeit. Warum sollte ich in so einer Situation eigentlich noch…

Den Gedanken führen wir hier besser nicht weiter aus. Schließlich gab es ja noch ein paar Personen, die mich liebten. Allen voran Casey, mit dem ich mich weiterhin heimlich traf. Wir genossen es, wenn wir irgendwo hinfuhren, wo wir unsere Liebe ausleben konnten. Hand in Hand gehen konnten, uns küssen konnten ohne Angst zu haben entdeckt zu werden. Jede Sekunde mit Casey war wie eine Woche mit meinen Eltern. Lang und ich genoß sie. Merkwürdig war nur, das ich stark genug war um mit Casey Hand in Hand durch die Straßen von Düsseldorf und Köln zu laufen, aber zu feige um meinen Eltern zu erzählen, was mit mir los ist. Irgendwie paßte das nicht so ganz zusammen.

In der Schule versuchte ich mich auch mit ach und Krach durchzuboxen. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Ich bekam ein Abschlußzeugnis der Hauptschule und mußte nach den Sommerferien eine Nachprüfung in Englisch machen. Schande noch eins, nie mußte ich eine Nachprüfung machen, aber jetzt. Mußte in diesem verfluchten Jahr eigentlich alles so chaotisch ablaufen. Aber egal, auch dies Prüfung werde ich schaffen.

Die Sommerferien fingen in diesem Jahr früher für uns an, da wir ja im August mit einer Ausbildung starten sollten. Das grausame war nur, dass Casey und mir eine achtwöchige Trennung bevorstand. Er flog zum Anfang der Sommerferien für sechs Wochen mit seinen Eltern zu Verwandten nach Australien, und ich schon zwei Wochen vor dem offiziellen Beginn der selbigen mit meinen Eltern nach Mittelwald. Wir hatten uns darauf geeinigt, dass er mich die acht Wochen lang weder anrufen noch mir schreiben solle. Das alles damit meine Eltern keinen Wind von ihm bekämen.

Es wurde eine harte Zeit für uns. Wie ich schon sagte, fuhren meine Eltern und ich in diesen Sommerferien also nach Mittenwald. Drei Wochen Bayern! Ich freute mich ja irgendwo schon darauf. Es wurde dann auch schön, allerdings auch extrem heiß. Bei 30 Grad Hitze in einem engen Bergtal kommt man sich schon vor wie in einem Backofen. Ich machte dann auch einige Tagesfahrten mit und ohne meinen Eltern in die Umgebung von Mittenwald. Unter anderem auch nach München.

Auch dort verfolgten mich wieder süße Typen, allerdings konnte mich mein „Unglück“ dieses mal nicht schocken, da ich ja Casey hatte. Wie kam es nur, das meine Eltern immer noch nichts merkten? Ich schaute doch nun wirklich schon mehr als offensichtlich Kerlen hinterher. Die Ferien gingen trotz der schönen Zeit in Mittenwald nur sehr langsam vorüber. Ich sehnte mich nach Casey, vermißte sein Lachen, seine Augen, seinen Körper, seine ganze Art - kurz gesagt ich vermißte ihn. Irgendwie langweilte ich mich auch. Es war alles so leer ohne Casey, und meine Eltern ahnten immer noch nichts. Wie schön wäre es gewesen, wenn meine Eltern wenigstens etwas geahnt und mich darauf angesprochen hätten.

Na ja, auch die langweiligsten Ferien gehen einmal vorbei. Ich machte an der Realschule also meine Nachprüfung in Englisch, die ich sogar bestand. Mit dem Kommentar meiner Englischlehrerin, das ich eine drei bekommen hätte, wenn dies möglich gewesen wäre wurde ich also nach der mündlichen Prüfung entlassen. Danach ging ich dann ein Jahr auf die Höhere Handelsschule. Es war nur eine Übergangslösung, da ich Pech mit meiner Ausbildungsstelle gehabt habe. Im nächsten Jahr wollte ich dann noch mal neu anfangen.

Ich dachte eigentlich, dass ich auf der Handelsschule endlich mal eine ruhige Zeit hätte. Doch auch das war nur ein Wunschtraum. Ich war schließlich auf einer Schule in Rheinhausen, und außer mir waren dort noch ein paar andere von der Realschule. Und die legten dann natürlich gleich wieder von vorne los. Natürlich fanden sie auch in meiner Handelsschulklasse wieder so ein paar Idioten, die dann auf deren Zug aufgesprungen sind. Und zack, war ich wieder derjenige, den man nerven und ärgern konnte. Wie schön für die.

In meiner Freizeit versuchte ich, so normal wie möglich weiter zu leben. Ich traf mich mit Casey, war aber weiterhin Gruppenleiter der KJG in unserer Pfarrgemeinde. Außerdem war ich auch noch Meßdienerleiter. Wenn da mein schwul sein rausgekommen wäre, hätte es einen Affentanz in der Gemeinde gegeben.

Die anderen Gruppenleiter waren zwar recht fortschrittlich und so ganz nett. Doch konnte ich ihnen so weit trauen, als dass sie mich unterstützen würden? Würden sie zu mir halten, wenn ich mich oute? Denn dann würde es ja auch früher oder später die komplette Gemeinde wissen. Schließlich gibt es keine bessere Nachrichtenbörse als eine Kirchenbank zu einer Sonntagsmesse. Dadurch, dass ich Meßdienrleiter war, hatte ich leider auch einen relativ wichtigen Posten in der Gemeinde inne. Indirekt war ich ja schließlich der nächste Mitarbeiter unseres Pastors. Hätte ich nicht die Dienstpläne für die Meßdiener geschrieben und mit den neuen geübt, hätte unser Pastor schlecht ausgesehen. Also wäre es nicht gut gekommen, wenn ich mich geoutet hätte. Ich hoffte jetzt nur noch auf Kommissar Zufall. In der Schule hielt ich es zumindest nicht mehr aus. Ich brauchte einen Job.

Und der kam auch. Ich fing im August des nächsten Jahres in einem Krankenhaus mit meinem Praktikum an. Eigentlich sollte das Praktikum nur bis Oktober dauern und dann automatisch in eine Ausbildung übergehen. Doch wie so vieles klappte auch dieses nicht. Ich mußte bis März weiter als Praktikant arbeiten. Das fand ich allerdings auch nicht weiter schlimm. Ich hatte in der Krankenhauszeit meine Beziehung zu Casey nur noch verbessert. Wir sahen uns zwar jetzt etwas seltener, aber gerade das stärkte unser Verhältnis. Ich war glücklich über diese Wendung des Schicksals. Konnte ich doch jetzt mal richtig ausspannen. Niemand mehr, der über mich lästerte.

Es machte mir echt Spaß, im Krankenhaus zu arbeiten. Auch wenn ich manchmal ziemlich gerädert war. Oft mußte ich auch mal Überstunden machen, aber das war alles nicht so schlimm. Ich begann also im März meine Ausbildung.

Da mir der Job im Krankenhaus bis dahin schon wieder mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit gab, hatte ich jetzt wesentlich mehr Mut, auch mal was zu sagen. Das wurde mir dann auch zum Verhängnis, nachdem ich mich über die Beurteilung einer Station und über einen Berufsschullehrer beschwert habe.

Es war eine blöde Situation. Jetzt stand ich wieder ohne Ausbildungsstelle da. Ich entschloß mich dann also, meinen Zivildienst vorzuverlegen.

Mein Zivildienstplatz sollte dann der erste, große Durchbruch zu meinem offen schwulen Leben werden. Doch bis es so weit war, gab es erst mal sehr viel zu tun.

Ein Zivildienstplatz mußte her. In dem Krankenhaus, wo ich vorher gearbeitet hatte, durfte ich keinen Zivildienst machen, da es gesetzlich untersagt war. Also mußte ich mir woanders etwas suchen. Ein Bekannter hatte mir gesagt, dass in Coesfeld in einem Altenheim noch freie Stellen wären. Ich fand diese Idee gar nicht so schlecht. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch bekam ich auch die Zusage, sobald ich gemustert wäre, anfangen zu dürfen.

Die Musterung an sich sollte auch wieder ein Problem darstellen. Da ich der Ärztin zu dünn war, sollte ich für ein Jahr zurückgestellt werden. Gegen diesen Bescheid legte ich dann Einspruch ein, mit Erfolg!

So bekam ich dann meine Zivistelle in Coesfeld. Jetzt gab es das nächste Problem. Es wohnte in Duisburg und hieß Casey. Er war von der Idee, dass ich meinen Zivildienst 100 Kilometer von Duisburg entfernt machen wollte überhaupt nicht begeistert. Schließlich mußte ich ja auch in Coesfeld wohnen, da es mir zu streßig war, immer hin und her fahren zu müssen.

„Ach Mensch, mach es mir doch nicht so schwer. Ich bin so froh, dass ich mir die Stelle aussuchen konnte. Außerdem habe ich ja auch bald meinen Führerschein, und das dazugehörende Auto steht auch schon bei uns in der Garage“, versuchte ich Casey zu trösten. „Aber ich habe kein Auto! Und außerdem brauche ich dich doch, und wer weiß, ob du da dann auch an mich denkst.“

„Du spinnst, Casey. Ich liebe dich, und das weißt du. Also, was soll der Mist? Erstens ist Coesfeld nicht aus der Welt, und von Dortmund aus mit dem Zug zu erreichen und zweitens, sieh es mal positiv. Wir können uns jetzt auch endlich mal bei mir treffen. Endlich.“

Nach einigen hitzigen Diskussionen und mit Hilfe seiner Eltern war Casey dann doch umgestimmt worden. Das Unternehmen Coesfeld konnte also beginnen. Das es soviel positives bringen sollte, hätte ich dabei allerdings nicht gedacht.

Ende April habe ich dann auch meine Führerscheinprüfung bestanden, und das erste, was ich machte, war ein bis unters Dach beladenes Auto einschließlich meiner Mutter in Richtung Coesfeld zu chauffieren.

Wir richteten mein kleines Zimmer im Personalwohnheim so gut wie möglich ein. Es war schon ein komisches Gefühl, das erste Mal alleine zu sein. Relativ weit weg von zu Hause und keine Bekannten um einen. Das ist wirklich ein verdammt komisches Gefühl.

Im Mai fing ich meinen Zivildienst in Coesfeld an. Ich war auf einem Wohnbereich im Altenheim angestellt, wo sowohl Pflegebedürftige als auch noch relativ selbstständige Bewohner untergebracht waren. Mir machte die Arbeit dort eigentlich relativ viel Spaß. Ich bin dort, glaube ich, richtig aufgelebt.

Das schlimmste waren jedoch die Abende. Ich saß entweder vorm Fernseher oder hörte Musik, um mir die Langeweile zu vertreiben. Okay, Casey kam jedes Wochenende zu mir. Deshalb sollten wenigstens die Wochenenden dann richtig schön werden. Wir fuhren nach Münster ins Kino oder in die Disco.

Ab und zu trieb es uns auch mal weiter weg. Einmal sind wir nur für einen Samstagabend bis nach Hamburg gefahren. Wir sind dann über Nacht durch Hamburg gestreunt und haben am nächsten morgen am Fischmarkt gefrühstückt. Verrückt, aber es war ein wahnsinnig schönes Wochenende.

In der Zeit begann ich dann auch, mein schwules Leben so richtig zu genießen. Es war echt phantastisch, ohne Zwang irgendwann zu Hause sein zu müssen, mal eine ganze Nacht weg zu bleiben. Wenn da nicht die Abende in der Woche gewesen wären, wäre der Zivildienst mehr als gut gewesen. Doch auch das sollte sich ändern.

In meiner Zivildienstzeit ging ich auch zum ersten Mal bewußt in die Szene. Der erste Szenebesuch führte mich nach Holland in ein Disco. Sie war in Enschede, und Casey kannte sie von Bekannten. Es war zwar eine relativ große Disco, aber irgendwo trotzdem ganz schön. Da Enschede nicht so weit von Coesfeld entfernt war, und ich glaubte das Casey den Weg wüßte, beschlossen wir also, da hin zu fahren. Ich war tierisch nervös.

Zuerst stand ich stundenlang vorm Kleiderschrank und hatte ihn einmal komplett umgeräumt auf der Suche nach dem passenden Outfit. Was sollte ich bloß anziehen? Welche Schuhe, welche Hose, welches T-Shirt? Oder doch besser ein Hemd? Es war grausam! Schließlich habe ich mich dann für eine schwarze Jeanshose und ein schwarzes Hemd entschieden. Darüber eine bunte Weste. Fertig!

Nun konnten wir also nach Enschede starten. Ich wußte nur, dass man über Gronau dahin kommt, und Casey sagte mir dann im Auto auch noch, dass er nicht so genau wußte wo die Disco in Enschede ist. Nur das sie in der Nähe des Bahnhofs war wußte er. Also suchten wir uns durch. Und, oh Wunder, wir fanden die Disco dann auch. Doch jetzt bekam ich es total mit der Angst zu tun. Ich wollte wieder umkehren.

„Du Casey, da gehe ich nicht rein! Ich habe Angst!“ „Wovor denn ? Da sind doch nur Schwule und Lesben drin!“ „Eben drum. Wenn man uns daraus kommen sieht bekommen wir bestimmt riesen Ärger. Außerdem habe ich Angst, dass uns da wer auseinander bringen könnte!“

Casey bekam wegen meiner Befürchtungen einen heftigen Lachanfall. Schließlich gingen wir dann doch rein. Ich muß sagen, dass es ein klasse Abend wurde. An diesem Abend war ich dann auch das erste mal in einem Darkroom. Casey wollte da unbedingt mal rein. Ich wollte aber nicht, dass er alleine da rein geht. Also nahm ich meine ganzen Mut zusammen und ging mit.

Schon nach zwei Minuten waren wir total angeekelt wieder draußen. Es ist halt nicht so schön, wenn einen von allen Seiten Hände berühren, die einen an die Hose wollen. Und dann dieses Gestöhne und der penetrante Spermagestank. Nee, die Dinger sind nichts für Mutters einzigsten Sohn.

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