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Der autobiographische Fortsetzungsroman "Coming Out" von Mathias Plös. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

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"Coming Out"

- Teil 5 -

Doch auch mein erster Besuch in einer Szenedisco konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass mir während der Woche tierisch langweilig war. Ich saß halt immer nur in meinem Zimmer rum. Doch zum Glück bin ich durch eine Arbeitskollegin an die Coesfelder Freilichtbühne gekommen. Dort habe ich auch Patrizia kennengelernt. Sie war Mitglied der Freilichtbühne und managte dann gemeinsam mit mir in der Saison die Sektbar. Wir waren ein unschlagbares Team und machten Topumsätze.

Patrizia und ich haben uns irgendwie schon vom ersten Moment an gut verstanden und uns von da an sehr oft getroffen. Ich fing an, Vertrauen zu ihr zu bekommen. Das war für mich der erste Schritt dazu, mich bei ihr zu outen. Bei ihr ist mir das ganze auch nicht so extrem schwer gefallen, ging ich doch ehrlich gesagt davon aus, dass sie ohne weiteres auch noch sagen würde, das unsere Freundschaft vorbei ist. Das wäre zwar sehr schlimm für mich gewesen, aber auf der anderen Seite hätte ich dann auch gemerkt, wer ein richtiger Freund ist und wer nicht. Und, das war mir am wichtigsten, ich hätte gewußt was ich richtig oder falsch gemacht habe, beim outen.

Die Aktion Outen geschah dann in der gemütlichen Atmosphäre ihres Wohnzimmers kurz vor Ende der Saison. Wir hatten uns in der Zeit schon daran gewöhnt, dass wir uns mindestens zweimal die Woche trafen. Ich wußte nicht so recht, wie ich anfangen sollte, doch irgendwie half mir die Umgebung weiter.

Patrizia wohnte in einer Altbauwohnung im Stadtzentrum von Coesfeld. Ihr Wohnzimmer hatte einen offenen Kamin und eine gemütliche Sitzecke. Das Wohnzimmer war aber keineswegs steril eingerichtet, man merkte an jeder Ecke die Anwesenheit ihrer beiden jüngsten Töchter. 

An diesem Abend war ich also lockerer als sonst. Doch irgendwo war auch die Angst da, Patrizia als Freundin zu verlieren. Der Abend begann eigentlich wie immer, mit der obligatorischen Flasche Sekt. Irgendwann im Laufe des Zusammenseins, und ein paar Flaschen Sekt später, war es dann soweit.

"Du Patrizia", begann ich," ich muß dir was erzählen. Nun, was würdest du davon halten, wenn ich keine Freundin, sondern einen Freund hätte? Kurz gefragt, was würdest du davon halten wenn ich schwul wäre? Was ich im übrigen auch bin! Wenn du jetzt nichts mehr von mir wissen willst, wäre es zwar Schade, aber okay und ehrlich.. Ich finde es nun mal unehrlich immer weiter so zu leben, als ob ich eine brave Hete wäre. Ist schon schlimm genug, wen ich meinen Eltern was vorspielen muß. Bei irgendwem muß man ja mal Anfangen ehrlich zu sein!"

Meinst du nicht, dass mir deine sexuelle Ausrichtung so ziemlich egal ist. Ob homo- oder heterosexuell, ist doch unwichtig. Ich habe dich gern, so lieb wie einen Sohn." Und in Hinsicht auf ihre beiden großen Töchter, die auch noch bei uns waren sagte sie dann noch:

"Ich habe meinen Kindern immer gesagt, dass sie mit allem zu mir kommen können. Das sie nicht feige sein müssen und mir alles sagen können. Sie können mir auch sagen, dass sie lesbisch sind. Es bleiben trotzdem meine Töchter. Ich habe die vier nun mal lieb. Und genauso ist das mit dir. Du bist nun mal wie ein Sohn für mich. Es tut mir gut, dich um mich zu haben. Mit dir kann man sich mal einen schönen Abend machen, lachen und phantasieren. Aber genauso gut kann man sich auch ernsthaft mit dir unterhalten. Und daran soll uns dein schwul sein auch nicht hindern. Im Gegenteil!"

Ich hätte in diesem Moment am liebsten geheult vor Glück. Ich fühlte mich wie ein Lastenträger, den man gerade zehn Tonnen Steine abgenommen hatte.

"Oh Mann, du weißt gar nicht wie gut es mir jetzt geht. Ich hatte solche Angst, dass durch mein schwul sein unsere Freundschaft kaputt gehen könnte. Ich brauche doch eine Stütze hier in Coesfeld., wenn ich offen leben möchte. Und das du es jetzt bist, ist einfach wie ein Traum. Endlich brauche ich mich nicht mehr zu verstecken. Ich glaube, ich werde auch an der Bühne offen dazu stehen. Entweder es geht gut, oder ich habe Pech gehabt."

Eine solche Reaktion auf mein Coming-out hätte ich von einer Frau Anfang vierzig nicht erwartet. Erst recht nicht, wenn diese eine alleinerziehende Mutter von vier Töchtern ist.

Patrizia zu beschreiben, ist gar nicht so einfach. Sie ist eine geradlinige, lebenslustige Frau. Sie weiß ganz genau, was sie will, und erreicht meistens auch ihre Ziele.

Patrizia ist immer hilfsbereit und hat immer ein offenes Ohr. Eigentlich müßte sie auch ein total faltiges Gesicht haben, da sie gerne und viel lacht. Doch kann sie von ihrem Aussehen her locker für 25 Jahre durchgehen. So war es auch nicht verwunderlich, dass ich mit ihr wie selbstverständlich in die Disco fuhr. Dort, genauer gesagt im "Le Different" hatte man sie auch einmal als meine Schwester angesehen. Als wir einmal Abends dorthin kamen, in der Zeit als ich von Casey getrennt war, sagte der Typ an der Kasse total ernst, das er es Klasse fänd, dass ich mit meiner Schwester käme. Patrizia und ich hatten natürlich nichts besseres zu tun, als ihn zu schockieren.

"Das ist nicht meine Schwester, sondern meine Mutter", sagte ich ihm. Das Gesicht, was er daraufhin zog werde ich nie vergessen. Patrizia und ich bekamen daraufhin ein Freigetränk und haben den ganzen Abend nur darüber abgelästert.

An meinem Outingabend hatte ich also gleich drei Verbündete gefunden. Ich war sehr glücklich. Auf die Freude hatten wir dann noch die ein oder andere Sektflasche geleert. Anschließend sind wir dann noch auf die Idee gekommen durch die Gemeinde zu ziehen, sprich einen Kneipenbummel zu veranstalten. Es wurde dann ein sehr langer, sehr alkoholischer Abend. Aber einer der schönsten, nachdem ich Casey kennengelernt habe.


Doch wie es so oft im Leben ist, folgt auf ein absolutes Glücksgefühl meistens der Donnerschlag. Auf Sonne folgt Regen und manchmal auch ein unwettergleiches Gewitter mit Sturm und Hagel. Eben jenes zog kurze Zeit später über Caseys und meiner Beziehung auf.

Casey hatte mal wieder eine seiner Krisen. Das kam bei ihm öfter vor. Er bildete sich dann immer ein, dass alle Welt merken würde, dass er AIDS hatte und er mir nur zur Last fallen würde. Doch diesmal war es so schlimm wie noch nie vorher. Den Wortlaut will und kann ich hier nicht wieder geben. Den kann man sich ja schon fast denken, wenn das Ergebnis des Streites eine Beziehungspause war. Ich sage bewußt Beziehungspause, auch wenn ich damals im ersten Moment dachte, dass wir Schluß gemacht hätten. Der Mann, mit dem ich drei Jahre meines Lebens verbrachte, war nun nicht mehr da. Zumindest nicht mehr so, wie vor unserem Supergau.

Aus lauter Frust habe ich dann zum Telefonhörer gegriffen und bei einer Flirtline angerufen. Über diese Line habe ich dann Arne, meine Zwischenbeziehung kennengelernt. Er kam aus Hattingen und war zwei Jahre älter als ich. Doch ob er deswegen auch reifer war, wage ich im Nachhinein stark zu bezweifeln.

Ich glaube, ich war auch gar nicht richtig mit ihm zusammen. Denn obwohl offiziell mit Casey alles aus war, trafen wir uns weiterhin und hatten nach wie vor ein sehr intimes Verhältnis. Auch Sex war zwischen Casey und mir nicht tabu. Ich steckte also irgendwo in der klassischen Dreierbeziehung. Auf der einen Seite liebte ich Arne, allerdings nur vom Kopf her. Denn auf der anderen Seite hing mein Herz nach wie vor bei Casey in Duisburg.

Mit Arne wurde es aber auch eine recht annehmbare Zeit, doch irgendwo fehlte so der letzte Kick. Er war auch der erste Freund, den ich Patrizia vorstellte. Sie fand ihn ganz sympathisch. Kein Wunder, denn sie kannte Casey ja auch nicht. Patrizia, Arne und ich sind dann auch zwei oder dreimal zusammen weggegangen. Unter anderem auch ins "Le Different" in Münster. Das "Diff" ist eine der kleineren, aber schöneren Szenediscos, die glücklicherweise auch ohne Darkroom auskommt. Wenn man in der Parterre reinkommt ist man erst an der Kasse und Garderobe. Danach gelangt man in den hell ausgeleuchteten Bistrobereich. Über eine Treppe, die in den Keller geht, gelangt man dann in die eigentliche Disco. Hier ist die Bar in ein grün - blaues Licht getaucht, welches eine intime Atmosphäre zaubert. Hier, im "Diff" habe ich das erste Mal so richtig gemerkt, dass Casey mir fehlt.

Arne nahm mich an der Bar zwar zärtlich in den Arm und küßte mich, doch irgendwo kam es mir so vor, dass mich ein völlig Fremder und nicht mein Freund küßte. Das ganze war, kurz bevor ich Schluß gemacht habe. Da ich mit Casey immer noch ein gutes Verhältnis hatte, wußte er auch von meiner neuen Beziehung. Einmal kam dann das Gespräch auf ihn.

"Er ist so 175cm groß, blond und kommt aus Hattingen", beschrieb ich Casey meinen Neuen. "Heißt er zufällig Arne mit Vornamen?", fragte mich Casey. Ich war ziemlich erstaunt über diese Frage, hatte ich ihn doch nicht mit Namen beschrieben "Ja, woher weißt du das?" "Ganz einfach, laß die Finger von ihm. Er ist nicht ehrlich zu dir. Du sagst, er wäre dein Freund? Du irrst, er ist gleichzeitig mit einem anderen zusammen!"

"Was ist? Das ist ja wohl ein Scherz! Ich hoffe ja, dass du die Wahrheit sagst!" Nicht, dass das ein Trick ist, um mich wieder zu bekommen." "Habe ich dich jemals angelogen? Ich weiß es von einem Freund von mir. Mit dem ist er nämlich auch zusammen. Und der wundert sich schon, dass Arne am Wochenende nie Zeit hat."

"So ein mieses Arschloch! Na, das war es dann wohl mit der Beziehung zu ihm!" Ich war ziemlich erbost. Warum mußte ich so ein Arschloch kennenlernen? Für ihn Casey - na ja nicht richtig - aufgeben! Einen Tag später rief ich Arne von Coesfeld aus an und machte ihm klar, dass es aus ist. "Wir passen einfach nicht zusammen. Außerdem glaube ich, dass ich noch nicht reif genug für eine Beziehung bin!" Das zweite war zwar eine absolute Lüge, denn in Wahrheit war es ja Arne, der nicht reif dafür war. Mir war aber jedes Mittel recht, um diese ungewollte Beziehung zu beenden.

"Aber ich liebe dich doch", entgegnete Arne mir am Telefon. "Ich dich aber nicht mehr! Und wenn du die Wahrheit wissen willst, ich habe dich auch nie geliebt. Ich wollte nur Sex mit dir, und mehr nicht!" Mit diesen kalten, harten Worten war das Telefonat genauso beendet wie die Beziehung. Und ich war froh darüber!

Das nächste, was ich tat, war Casey anzurufen. Wir verabredeten uns für das nächste Wochenende. Es sollte wieder einmal ein schönes Wochenende werden, denn an diesem kamen wir wieder richtig zusammen. Eigentlich waren Casey und ich ja nie richtig getrennt, aber an diesem Wochenende beendeten wir die erste Dreimonatslüge.


Wie schon gesagt: Ich war also wieder mit Casey zusammen. Meinen Eltern hatte ich aber von all dem bisher geschehenen nichts gesagt. Wie denn auch? Ich war ja doch zu feige dazu!

Ich war wieder glücklich, und auch Casey schien es in der ersten Zeit wieder zu sein. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er mir etwas verheimlichen würde. Casey war nicht mehr der, den ich dreieinhalb Jahre zuvor in der U-Bahn kennengelernt hatte. Er war ein griesgrämiger, unzufriedener Mensch geworden. "Du Casey, ich weiß zwar, dass es jetzt hart klingen mag. Laß uns eine Zeit Pause machen!"

"Wieso? Ich liebe dich doch, und außerdem brauche ich dich!" "Dann sag mir doch endlich mal, was du hast. Denkst du etwa, dass ich total verblödet bin. Ich merke doch, dass du irgend etwas hast. Du bist garstig, unausstehlich und verschloßen. So warst du früher nicht, mein Schatz. Ich weiß echt nicht, wie ich mich um dich kümmern soll, für dich da sein soll, wenn du mir nichts sagst. Friß doch nicht alles in dich rein. Sei doch mal offen und ehrlich zu mir!" Casey antwortete mir nicht darauf, worüber ich ziemlich erbost war. Das ganze geschah ungefähr drei bis vier Monate nach Arne.

Ich weiß nicht, was ich in dieser Sonntagnacht danach alles dachte. Doch am nächsten Morgen war mir endgültig klar, dass mein Entschluß vom Vortag richtig war. Ich glaube, heute würde ich anders denken. Einen Menschen den man liebt, der krank ist und einen braucht läßt man nicht so einfach hängen. Heute weiß ich, dass ich mit anderen über meine Probleme reden kann, dass ich nicht alleine dastehe, wenn sie mir über den Kopf wachsen. Heute weiß ich es. Aber damals! Wir waren also wieder auseinander. Und wieder rief ich vor lauter Frust auf so einer 0190-Line an. Nur um diesmal, was das Aussehen betraf einen Glückstreffer zu landen.

Der Glückstreffer war 180 cm groß, hatte brauen Augen und Haare und eine Ausstrahlung, die einen um den Verstand bringen konnte. Er hieß Christopher und kam aus einen Ort in der Nähe von Bielefeld, Oerlinghausen. Er war ohne Zweifel der bis dahin attraktivste Mann in meinem Leben, was nicht heißen sollte, dass Arne und ganz speziell Casey häßlich waren. Er sah aber ganz besonders gut aus, wie einem schwulen Märchenbuch entsprungen. Er hatte irgendwie das gewisse etwas, welches ein paar Jahre später mein jetziger Freund erst übertreffen konnte. Christopher war natürlich und strahlte eine Ruhe und Vertrauen aus, das man sich fallen lassen konnte. Irgendwie brauchte ich diese Ruhe und das Vertrauen auch. Doch die Ausstrahlungen eines Menschen kann leicht das innere, das wirkliche, eines Menschen überstrahlen. Es kann einen unwahrscheinlich täuschen. Klar, ich brauchte wen, der nicht krank war, bei dem ich mich fallen lassen konnte. Wo ich nicht immer halten mußte, sondern auch mal gehalten werden konnte. Das war also, so dachte ich Christopher, gerade 19 Jahre alt.

In der Zwischenzeit hatte ich in Coesfeld eine amnesty- international Gruppe gegründet und darüber auch Nadine kennengelernt. Wir hatten uns sofort prima verstanden. Also war es für mich klar, mich bei ihr auch früher oder später zu outen.
Gesagt, getan. Nach einem Gruppentreffen bin ich dann mit Nadine in ein Bistro in Coesfeld gegangen.
"Du Nadine, was hieltest du davon, wenn wir die ai-Gruppe Homosexualität ein wenig in deren Arbeit unterstützen?"
"Wie kommst du jetzt gerade auf diese Gruppe?", fragte sie doch ziemlich entgeistert.
"ganz einfach, sei jetzt aber nicht schockiert. Ich bin selbst schwul."
"Das habe ich mir schon fast gedacht. Die ganze Art, wie du dich gibst und dein gepflegtes Äußeres waren mehr als eindeutig!"

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