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Der autobiographische Fortsetzungsroman "Coming Out" von Mathias Plös. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

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"Coming Out"

- Teil 6 -

„Und da hast du nie etwas gesagt? Hat dich denn nie irgend etwas gestört?“ Ich glaube, diesmal war ich derjenige, der entgeistert war.

„Nö. Warum? Ich finde dich nun mal gut, so wie du bist, und bin froh, dich als Freund zu haben. Außerdem tut es gut, dass man sich auch mal bei einem Mann ausheulen kann, ohne gleich mit Nebengedanken des Mannes rechnen zu müssen.“

„Soll das heißen, das ich nur weil ich auf Männer stehe kein richtiger Mann bin!“ Ich war über ihre Äußerung doch ziemlich erbost, wußte allerdings im selben Moment auch, wie Nadine es meinte.

„Doch klar bist du ein richtiger Mann. Allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass du nicht auf Frauen stehst. Und das ist wirklich total angenehm.“

Dieser Satz tröstete mich dann wieder über die Fehlinterpretation meinerseits hinweg. Ich glaube, damals legte ich wirklich jedes Wort auf die Goldwaage, nur um Sicher zu gehen, das auch ja kein diskriminierendes Wort dabei war. Heute gehen mir Leute, die das machen auf den Geist, da ich es als ein Zeichen von Schwachheit ansehen, wenn man bei jedem falschen Wort gleich in die Angriffsposition übergeht und sich benachteiligt fühlt. Halt so, wie der arme Schwule an sich, der es ja immer ach so schlecht hat. Schlecht und gut ist was man selbst daraus macht.

Mit diesem Abend war dann das Thema für Nadine gegessen. Ich hatte noch eine Verbündete mehr. Welch ein Glück! Nadine meinte dann auch noch, das man sich ja mal Infomaterial von der ai-Gruppe Homosexualität schicken lassen könne.

In der Zeit, in der ich mit Christopher zusammen war, fuhr ich öfters am Wochenende oder in der Woche nach Hause. Ich traf natürlich auch Casey, doch diesmal war es nicht so wie bei Arne. Auch Casey hatte einen neuen Freund.

An einem Tag, als ich von Duisburg zurück nach Coesfeld fuhr, hatte ich einen leichteren Verkehrsunfall.

Irgendwie war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich hatte mal wieder Casey besucht, und irgendwie hat er mir leid getan. Ich habe die ganze Autofahrt nur über ihn nachgedacht. Sein neuer Freund, oder wie man „es“ nennen sollte, war eine alte, megaegoistische Tucke. Dieses ist jetzt meine rein objektive Meinung über dieses Objekt. Ich glaube, Casey war nur mit „es“ zusammen um mich eifersüchtig zu machen. Oder um mir ein schlechtes Gewissen einzureden? Wenn dieses der Fall war, dann hat er es auch geschafft. Wie gesagt, ich hatte also dieses schlechte Gewissen und fuhr in meinen Gedanken verloren nach Coesfeld zurück.

Da ich Tiere ja so gerne hab', habe ich auf der Bundesstraße sehr stark gebremst, um ein Reh nicht tot zu fahren. Dem Reh ist nichts passiert, dem Auto auch nicht, nur mein Knie hat die Kollision mit der Lenkradsäule nicht so ganz überstanden.

Ich fuhr also mit Höllenschmerzen noch bis nach Coesfeld, um mich dann am nächsten Tag zum Arzt zu begeben. Dieser setzte mich erst mal für ein paar Wochen „außer Betrieb“. Ich habe mich dann überwiegend auf Krücken fortbewegt. Auch als ich während der Zeit mit Patrizia zu „Les Miserables“ ging, waren meine Krücken dabei.

In dieser Zeit war ich heilfroh, dass ich Christopher hatte. Er half mir echt verdammt gut weiter. Mit ihm konnte ich wenigstens mal raus. Er hatte auch ein Auto, somit konnten wir dann ab und zu mal nach Münster fahren.

„Du Christopher, ich bin dir sehr dankbar für alles. Ich liebe dich. Was hätte ich bloß ohne dich gemacht?“

„Ohne mich würdest du jetzt in deinem Zimmer rumsitzen und dich langweilen.“

„Ich war heute beim Arzt. Er meinte, ich müsse ins Krankenhaus.“

„Ich komme dich auf jeden Fall besuchen.“

„ Deswegen fahre ich Montag mit Patrizia nach Hause. Ich möchte nämlich da ins Krankenhaus, weil mir Coesfeld so ziemlich gegen den Strich geht. In meiner Zivistelle krank liegen, nee.“

„Ist ja auch viel angenehmer für mich. Warendorf liegt schließlich noch etwas näher an Oerlinghausen dran als Coesfeld!“

So kam es, dass ich mich in Warendorf ins Krankenhaus legen ließ. Dort hatte ich obendrein auch noch zwei Bekannte, Jörn und Gunnar, die mich auch gelegentlich besuchten.

Meine Eltern und meine Tante Gertrud kamen ebenfalls zu mir. Sie hatten sich extra Urlaub genommen, damit ich mich in Warendorf nicht so langweilen mußte. Nur Casey wußte von all dem nichts!

Am zweiten Tag meines Krankenhausaufenthalts wurde ich operiert. Man stellte zum Glück nur einen starken Bluterguß unter der Kniescheibe fest, der sich nicht von selbst regenerieren konnte.

Einen Tag später kam Christopher im Krankenhaus vorbei. Es war echt in geiles Treffen. Es sprudelte nur so vor Erotik zwischen uns, so kam es mir zumindest vor, aber wir hatten trotzdem kein Sex. In dieser sterilen Krankenhausatmosphäer und einem Sechsbettzimmer ist das ja auch kaum möglich.

Christopher und ich gingen erst in die Krankenhauscafeteria, in der wir gemütlich Kaffee tranken.

„Na wie geht’s denn deinem Knie?“, fragte er mich liebevoll.

„Ach, wenn du da bist, ganz gut. Es schmerzt zwar noch ein wenig, aber das ist zu überleben!“

„Dann ist ja gut. Ich will schließlich keinen Krüppel zum Freund!“

Nachdem er nach dieser liebevollen Bemerkung erst mal meine Krücken gespürt hatte, gingen wir noch in den Krankenhausgarten an die frische Luft. Es tat gut, hier mit Christopher zu sein.

Im Schutze eines Busches gab er mir dann den lange ersehnten Kuß, ich war glücklich. Ich vergaß alles, auch meine Eltern, die jeden Augenblick kommen mußten. Zum Glück, oder leider - wie man es sehen will - , mußte Christopher auch schon wieder zurückfahren.

Ich schaute ihm sehnsüchtig nach, bis er mit seinem Auto um die Ecke verschwand. Da kamen meine Eltern auch schon. Eigentlich mußten sie Christopher mit seinem Auto noch begegnet sein, so kurze Zeit später sind sie gekommen.

Sie waren froh, dass es mir schon besser ging und ich schon laufen konnte. Haben die etwa gedacht, ich wäre jetzt der absolute Krüppel, der die ganze Zeit im Bett liegen mußte?

Mein Vater und ich fragten - kaum auf der Station angekommen - den Stationsarzt, ob ich einen Tag mit meinen Eltern raus könnte. Einfach mal, um etwas Abwechslung zu haben. Er hat es erlaubt, allerdings auf eigene Verantwortung. Logisch!

Sollte dieser Tag mein Outingtag werden?

Ich war einerseits an diesem Tag sehr sicher, dass ich stark genug wäre. Andererseits hatte dann wieder die Angst gesiegt. Hier in Warendorf konnte ich ihnen es nicht beichten. Meine Eltern machten schließlich Urlaub, und außerdem war meine Tante dabei. Unmöglich!

Aber irgend etwas mußte geschehen, das war klar.

Ein paar Tage später wurde ich dann aus dem Krankenhaus entlassen.

Mit diesem Tag begann dann auch die große Langeweile in Coesfeld. Wenn man sein Bein nicht großartig belasten kann und obendrein auf Krücken angewiesen ist, überlegt man sich jeden Gang zweimal.

Es war kurz vor Pfingsten, als ich aus dem Krankenhaus kam. Am Pfingstwochenende sollte dann das große Treffen stattfinden. Christopher und Nadine sollten sich kennenlernen.

Wir hatten uns für den frühen Samstagnachmittag verabredet. Kurz bevor Nadine zu uns kam, sind Christopher und ich dann endlich aufgestanden. Als sie schellte, stand ich noch unter der Dusche.

Wir entschlossen uns, mit dem Auto zum Kirmesplatz zu fahren, da es mit dem Laufen immer noch nicht so gut klappte. Der Platz lag zwar nur gut 500 Meter vom Wohnheim entfernt, aber mit Krücken sind 500 Meter genauso viel wie zehn Kilometer ohne Krücken. Also fuhren wir.

Der Nachmittag auf der Kirmes sollte dann ganz nett werden. Schon auf dem Weg dorthin haben sich Christopher und Nadine sehr gut verstanden. Sie haben nett angefangen, über mich und andere zu lästern. Es war ehrlich ein Glücksgefühl für mich, dass sie sich beide so gut verstanden. Doch irgendwo war es auch hart, wenn man unsere spätere Trennung bedenkt.

Als wir von der Kirmes genug hatten, und mir von einem Karussell höllisch übel geworden war, überlegten wir uns, was wir tun sollten. Außerdem hatte ich zumindest zwei Blasen mehr an den Händen, da ich ja fast mein gesamtes Gewicht auf diese stützte. Scheiß Krücken, die nervten so sehr. Ich hätte diesen Tag vielmehr ohne Krücken genossen. Aber er war auch so schön.

„Laßt uns doch einfach zu uns gehen“, meinte Christopher. „Wir könnten doch die eine oder andere Runde spielen.“

„Ja klar, warum nicht. Aber ich warne dich nur vor: bei mir ist es ziemlich chaotisch“, sagte ich Nadine.

Das war ihr aber egal, und somit fuhren wir dann zu mir. Sie kannte ja meine Unordnung schon von früheren Besuchen bei mir.

Es wurde ein langer Abend, und ich verlor bei fast allen Spielen. Ich war wirklich frustriert. Christopher und Nadine hatten aber ihren Spaß. Kein Wunder, Nadine hatte bei Monopoly mehrere Millionen gewonnen und die Schloßallee mit drei Hotels bebaut.

Christopher hatte bei „Hotel“ die drei teuersten Hotels und war somit auch etwas reicher als ich. Ich war froh, dass ich zwei Billighotels hatte, und er hatte so viel.

Egal, es war ja nur ein Spiel. Um drei Uhr nachts verließ Nadine uns endlich.

Am Wochenende darauf war ein Musicalbesuch in Köln angesagt. Wir wollten eigentlich zusammen mit Patrizia zu „Keep Cool“ fahren, aber sie war leider kurzfristig abgesprungen. Also fuhr Nadine mit, mit der ich zwei Monate vorher schon in dem Stück war.

Irgendwie sollte der Besuch von „Keep Cool“ zusammen mit Christopher so der erste Anstoß werden, mich zu outen.

Als wir aus Köln zurück waren, ich humpelte Hand in Hand mit Christopher durch den Park vor dem Theater, hatte ich meinen Onkel angerufen. Irgendwie komisch, das uns in Köln keiner blöd angeschaut hatte, ob der „Unzucht“ die wir begangen haben. Das gab mir Mut.

Aus Unterhaltungen wußte ich, dass der Cousin von der damaligen Freundin meines Onkels auch schwul ist. Also konnte ich wenigstens auf Corinnas Hilfe hoffen.

Ich rief also bei Dieter an, was mir wirklich nicht leicht fiel.

„Du Dieter, ich habe ein großes Problem. Ich weiß nicht wie ich es dir, geschweige denn Mama und Papa sagen soll. Hm, ich bin schwul. Ich habe einen Freund und bin glücklich mit ihm.“

„Und daraus machst du so ein Drama. Okay, es dürfte ein Problem werden, es deinen Eltern zu erzählen. Wissen Vanessa und Robert schon Bescheid?“

„Nein, ich wollte erst dich und Corinna einweihen. Vanessa und Robert haben doch eh kein Verständnis dafür.“

„Ruf sie trotzdem an, und dann sehen wir mal weiter.“

Ich tat es also. Nachdem ich aufgelegt hatte, verließ ich die Telefonzelle, um neues Geld zu holen und mir Mut anzutrinken. Nicht mit viel Alkohol, aber immerhin. Kurze Zeit später rief ich meine Schwester in Krefeld an. Auch sie reagierte ziemlich cool, ähnlich wie Dieter, Deshalb will ich das Gespräch hier jetzt nicht noch mal anfügen.

Mir ging es jetzt richtig gut. Wenigstens die Jugend unserer Familie wußte Bescheid. Es war echt ein geiles Gefühl.

Ein paar Tage später fuhr ich nach Hause. In der Zwischenzeit hatten Christopher und ich uns Freundschaftsringe gekauft. Dieser Ring fiel meiner Mutter sofort auf.

„Hat der Ring irgend etwas zu bedeuten?“, fragte meine Mutter.

„Nein. Den gab’s beim Juwelier Juwelier im Sonderangebot, und ich fand ihn schön“, log ich.

Ich dachte, damit wäre das Thema jetzt gegessen. Aber dabei hatte ich die Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Sie nervte mich das ganze Wochenende. Ich log immer wieder, die ganzen drei Tage lang. Und meine Mutter fragte mich das ganze Wochenende nach der Bedeutung des Ringes. Es waren verdammt harte drei Tage.

Doch irgendwo log ich ja auch nicht. Ich sagte ihr zwar, das der Ring angeblich keine Bedeutung hatte, welches zugegebenermaßen gelogen war. Aber eine größere Lüge wäre es gewesen, wenn ich ihr erzählt hätte, dass ich mit einem Mädchen zusammen bin.

Als ich wieder zurück nach Coesfeld kam, dachte ich nur: Feuerprobe bestanden.

Mit Christopher war ich weiterhin zusammen. Dann rief er mich aus Oerlinghausen an. Ich dachte, er wollte mich einladen zu einem schönen Tag irgendwo bei ihm in der Gegend. Aber dem war nicht so.

Als ich nach meiner Früschicht bei Christopher ankam, war mir fast klar, dass irgend etwas nicht stimmen konnte.

Irgendwie kam mir schon die ganze Atmosphäre merkwürdig vor. Ein Freund von Christopher war da, was schon unnormal genug war. Irgendwie kam ich mir so vor, als würde ich vor Gericht stehen. Als dann auch noch seine Mutter einen ziemlich blöden Spruch beim Cafetrinken abließ, war mir schon alles so ziemlich klar. Sagte sie doch wörtlich, das er seinem Freund, nein Bekannten doch auch ein Stück Kuchen anbieten solle. Vorher war es immer selbstverständlich, dass sie zu mir „dein Freund“ sagte. Vielleicht war auch deswegen das danach kommende nicht mehr ganz so ein großer Schock für mich.

„Mathias, ich muß dir was gestehen. Ich glaube ich bin bisexuell. Ich habe eine Freundin und beende deswegen unsere Beziehung. Ich weiß, das ist hart für dich, aber warum soll ich dir was vorspielen? Und mich auch noch betrügen.“ Alter Egoist!

„Das habe ich mir schon fast gedacht“, antwortete ich doch sehr erstaunt, nicht aber schockiert. Irgendwie hatte ich keinen Bock auf irgendwelche, wie auch immer gearteten Diskussionen gehabt. Ich war nur ziemlich frustriert, dass er wegen einer Frau mit mir Schluß gemacht hat. Ich glaube, wenn es ein anderer Mann gewesen wäre, hätte es mich nicht so niedergeschlagen. Aber eine Frau! Das war zuviel für meine schwulen Nerven.

Nach diesen zwei Sätzen verließ ich Christopher und ärgerte mich schwarz, dass ich dafür nach dem Dienst zu ihm nach Oerlinghausen gefahren war. 200 Kilometer für diesen Schwachkopf!

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