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Der autobiographische Fortsetzungsroman "Coming Out" von Mathias Plös. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

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"Coming Out"

- Teil 7 -

Nach diesen zwei Sätzen verließ ich Christopher und ärgerte mich schwarz, dass ich dafür nach dem Dienst zu ihm nach Oerlinghausen gefahren war. 200 Kilometer für diesen Schwachkopf!

Klasse, jetzt war ich Christopher los. Und Casey hatte auch einen neuen Freund. So eine Scheiße!

Doch irgendwie ließ ließ mich auf der Rückfahrt nach Coesfeld der Gedanke an Casey  nicht in Ruhe. Vielleicht hat der ja auch Schluß mit seinem Objekt. Ob ich ihn mal anrufen sollte?

Als ich in Coesfeld angekommen war, führte mich mein erster Weg in die Telefonzelle. Ich rief Casey an.

„Hallo Casey“, fing ich an, „ich muß dir was beichten.“

„Ich dir auch“, entgegnete er.

„Wer zuerst?“

„Du zuerst. Ich bin ganz Ohr“, antwortete Casey.

„Na gut. Christopher hat mit mir Schluß gemacht. Er hat eine Freundin. Ich bin jetzt abgeschrieben. Es war aber sowieso nicht so ganz das Wahre mit ihm. Ich liebe dich eben immer noch. Mit einem anderen ist es nicht so, wie mit dir. Du nimmst zwar viel von mir, gibst mir aber auch viel Mut und Selbstbewußtsein. Das ist mehr als alles, was mir andere geben können.“

„So, und du denkst, dass ich jetzt so einfach zu dir zurückkomme? Wo wir schon zweimal Schluß gemacht haben? Okay, ich habe zwar mittlerweile auch mit Patrick Schluß gemacht, aber das war was ganz anderes. Ich finde es schwachsinnig, dass wir wieder zusammen kommen sollen. Es ist zwar schön, dass ich dir die Kraft gebe, die dir scheinbar kein Anderer geben kann. Aber kann darauf unsere Beziehung noch mal wachsen?“

Er wurde ziemlich launisch - wie so oft, wenn wir stritten.

„Warum nicht, du hast doch auch keinen Freund mehr. Hast du doch selber erzählt. Wir verstehen uns doch. Gib mir noch eine Chance! Außerdem wissen wir - weiß ich - jetzt wo wir dran sind. Jetzt wissen wir doch, was der andere braucht, was seine Schwächen sind. Ich glaube, wenn es jetzt nicht klappt, wie und wann dann ?“

„Warum sollte ich? Aber andererseits wollte ich mit dir über genau das selbe reden! Ich liebe dich nämlich immer noch. Ich wäre echt froh, wenn wir wider zusammen kämen! Du hast recht, entweder wir rappeln uns noch mal zusammen und es klappt jetzt, oder es klappt nie!“

„Ich liebe dich auch. Also sollen wir es noch mal versuchen?“

„Hab ich das denn nicht gerade mehr oder weniger direkt gesagt, du kleiner Idiot?“ Caseys charmante Art mal wieder.

Ich konnte mir das heulen nicht verkneifen. Sofort sprang ich ins Auto und fuhr nach Duisburg. Ich kann mein Glück gar nicht beschreiben, das ich in diesem Augenblick spürte. Es war irgendwie ein Gefühl, als ob man eine Millionen Mark im Lotto gewonnen hatte. Nein, noch schöner sogar.

Casey öffnete mir die Türe, und wir fielen uns weinend in die Arme. Einerseits vor Freude, andererseits vor Schreck über diese plötzliche Wandlung. Woher kam sie?

  In der Zeit, nachdem ich mit Casey wieder zusammen kam. Dachte ich, ich wäre wieder der große Denker der Nation. Ich dachte wieder mal über die Zukunft nach, über die Art und Weise wie ich es meinen Eltern erzählen sollte. Was aus Casey und mir werden sollte. Ob er noch lange leben würde. Was ich mache, wenn er stirbt. Was ich mache, wenn ich allein bin. Irgendwie hatte ich da schon böse Vorahnungen.

Bei all dem Denken kam mir ein Satz in den Kopf, den mir irgendwer mal bei der Beerdigung meiner Oma zwei Jahre zuvor sagte: Deine Familie wird nie schlecht über wen denken oder irgendeinen fallen lassen, nur weil er oder sie aus der Rolle fällt oder Probleme hat.

Ein langer Satz, der mir trotzdem im Gedächtnis haften geblieben ist. Das Problem war aber, dass ich nicht wußte, ob der Satz meinen Eltern auch bekannt war. Verstanden meine Eltern überhaupt, was es bedeutet, schwul zu sein. Ich meine, dass man genau so verliebt in einen Mann sein kann, wie ein Heterosexueller in eine Frau.

Ich wußte es alles nicht. Das einzige, was ich wußte, war, dass meine Eltern schwul sein bei anderen akzeptierten.

Aber zwischen akzeptieren und verstehen liegt ja bekanntlich noch ein himmelweiter Unterschied. Akzeptieren heißt nur das ganze als Tatsache anzunehmen. Verstehen heißt, sich damit auseinandergesetzt zu haben, die ganze Situation als selbstverständlich anzunehmen.

Vor längerer Zeit hatte sich ein Bekannter meines Onkels geoutet, und meine Eltern fanden es ganz okay.

Nun, was sie bei anderen okay fanden, mußte nicht zwangsweise bei mir auch so sein.

Ich erinnere mich noch gut an die Silberhochzeit meiner Eltern zu Beginn meines Zivildienstes. Irgendwo gab mir der Gedanke daran auch den letzten Mut, den ich brauchte.

Zur Silberhochzeit meiner Eltern hatten wir alles vorbereitet. Vom Gottesdienst über das Buffet bis zur Feier und dem Tischdecken. Es sollte alles eine große Überraschung für meine Eltern werden.

Meine Tante und ich sollten im Gottesdienst die Fürbitten halten. Auch eine, in der es um Akzeptanz und Toleranz von Randgruppen wie Ausländer und Homosexuelle ging, war dabei. Wie der Teufel es wollte, mußte gerade ich sie vorlesen. Ich riß mich zusammen, nicht zu stottern, was mich hätte verraten können. Es klappte. Fehlerfrei und ohne Holpersteine laß ich die Fürbitte vor. Doch ich gab mir auch bewußt sehr viel Mühe, das Wort „Homosexuelle“ noch stärker zu betonen, um meinen Eltern einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben. Doch ich glaube, es kam bei den Adressaten nicht an.

Eine Freundin meiner Mutter sprach mich auf der anschließenden Feier in unserem Pfarrheim an und bedankte sich für meine Fürbitte. Auch ihr Sohn ist schwul, deshalb freute sie sich ganz besonders über diese Fürbitte.

War es Zufall? Diese Freundin meiner Mutter wohnte relativ lange im selben Haus wie meine Mutter. Auch ihr Sohn ist schwul. Lag es vielleicht am Haus?

Schwachsinniger Gedanke, ich weiß. In dieser Zeit schossen mir aber viele Gedanken durch den Kopf, auch so schwachsinnige wie dieser.

Auf jeden Fall war der Gedanke an diese Feier einer der kleinen Puzzleteile, die mich meinem Coming-out näher bringen sollte.

Ich dachte oft an diese Feier. Doch wie sollte ich mich outen? Ich dachte zuerst an einen Brief. Doch das war leichter gesagt als getan. Den ersten Brief schmiß ich schon nach zwei Zeilen weg, da er absolut schwachsinnig formuliert war. Ich versuchte es noch mal.

Doch auch dieser Brief war mir nicht gut genug. Er ging mir zu sehr ins Sexistische. Also auch scheiße! Er begann ungefähr so:

„Liebe Mama und Papa,

ich möchte Euch was eingestehen. Ich bin schwul. Das ist keine vorübergehende Phase, sondern mein sexuelles Leben. Ich finde es geil, mich mit einem Mann zu treffen, mit ihm Sex zu haben. Der Körper eines Mannes törnt mich einfach mehr an, als der einer Frau. Jede Berührung ist geil, läßt mir tausend Nadeln durch den Körper schießen…“

So ähnlich ging der Brief noch über zwei Seiten weiter. Er wurde abartig, und so wollte ich meine Homosexualität nicht darstellen.

Briefe schreiben war nichts. Sollte also nur noch die „Unter-sechs-Augen-Beichte“ übrig bleiben? Ich besprach mit Patrizia, was zu tun war.

Patrizia meinte, ich sollte meine Eltern nach Coesfeld einladen und hier mit ihnen reden. Sie stände mir dann als „Helferin“ für den Notfall zur Verfügung. Wir konnten jederzeit zu ihr kommen.

Die Idee war schon mal nicht schlecht, aber auch nicht perfekt.

Die Familienjugend meinte, das ganze sollte bei einem gemeinsamen Sonntagskaffee in Form eines „Familientribunals“ stattfinden. Ich, der Angeklagte, die Jugend die Verteidiger und meine Eltern die Richter. Scheiß Idee!

Was meine Mutter gemacht hätte, konnte ich mir schon ausmalen. Sie würde einen hysterischen Anfall bekommen, eventuell den Kaffee mit Tasse durch die Gegend schleudern und mich - der Tasse hinterher - nach draußen.

Nein, diese Demütigung konnte ich nicht zulassen. Okay, es hätte auch anders abgehen können, aber irgendwie war ich doch zu feige dafür, es ihnen so zu erzählen. Vielleicht auch, weil ich es ihnen nicht ins Gesicht sagen wollte? Ich weiß es nicht. Was sollte ich also machen? Was blieb mir noch über?

Ich will an dieser Stelle klarstellen, dass meine Mutter keine dieser hysterischen Weiber ist, die sofort den Kopf verliert! Sie wird zwar schnell laut und launisch, aber man kann trotzdem mit ihr reden. Ich glaube, sie muß immer erst mal ihrer Wut oder ihrer Meinung freien Lauf lassen bevor man sachlich und ruhig mit ihr reden kann. Da ich vom Typ her genauso bin wie sie, kann es also sehr laut werden, wenn wir uns über etwas streiten. Mein Vater sieht dem oft verzweifelt zu, und ich glaube, die Leute, die draußen auf der Straße unterwegs sind denken sich wohl oft genug, dass sich da ein Ehepaar streitet. Nicht aber Mutter und Sohn.

Also, was tun?

Irgendwann im letzten Jahrhundert erfand ein Mister Bell das Telefon. Klar, warum nicht darüber?

Ich rief also meine Eltern an, doch anstatt mich zu outen quasselte ich mit ihnen wie üblich über Gott und die Welt. Ich feiges Arschloch! Doch irgendwie hatte ich den Verdacht, dass meine Mutter bei diesem Gespräch schon etwas ahnte. Nicht, dass ich schwul bin, nein eher das irgend etwas anderes nicht stimmt. Sie hat eh eine schaurige Art an sich, dass sie immer irgendwie schlechte Gefühle hat, und mich dadurch schon vor manch Unheil bewahrt hat. Ja, mir sogar schon einmal das Leben gerettet hat. Und das nur dadurch, dass sie mir verbot, in den Urlaub zu fliegen. Also gut, auch dieses Mal hat es mit dem outen nicht geklappt. Also bin ich doch ein feiges Arschloch?

Alle guten Dinge sind drei. Der Brief - war nichts. Das erste Telefonat - niete. Also sollte ich noch eine dritte Chance bekommen. Doch zuerst war mal Frustkauf in Münster angesagt, der am nächsten Tag auch durchgeführt wurde. Frusteinkäufe machten mir während meiner Zivizeit in Münster außerordentlich viel Spaß.

Frusteinkäufe laufen meistens so bei mir ab, dass das Konto geplündert wird und von dem, mal mehr mal weniger, vorhandenen Geld irgendwelche Sachen gekauft werden. Anziehsachen, Lebensmittel und Kleimkram. Eben oft genug Sachen, die die Welt nicht braucht - aber ich.

Doch zurück zu meinem Frusteinkauf in Münster. Mitten im schwarzen, stockkatholischen Münster kam dann meine Initialzündung. Genauer auf der Salzstrasse und in Form einer Mutter die mit ihrem schwulen Sohn und dessen Freund, beide so alt wie ich damals, unterwegs war. Das die beiden Jungs keine Brüder waren, war mehr als offensichtlich.

Ich war baff, in Münster lief eine Mutter wie selbstverständlich mit ihrem schwulen Sohn und dessen Freund durch die Stadt.

Wenn es hier ging, warum nicht auch in Duisburg? Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoß.

Ich ging noch eben zu C&A rein, um mir einen Pullover zu kaufen. Schließlich durfte mein Frustkauf nicht ohne Erfolg bleiben. Deswegen mußte der Pulli her. Danach fuhr ich dann nach Coesfeld zurück.

Fest entschlossen, es diesmal zu tun, rannte ich wie ein Irrer vom Parkplatz ins Wohnheim zur Telefonzelle. Ich glaube, ich hätte sogar einen vor mir Telefonierenden rausgeschmissen, wäre einer da gewesen, nur um mir endlich Luft zu verschaffen. Ich kam mir vor, wie ein Besessener, der jetzt, um seinen Frieden zu kriegen ohne Rücksicht auf Verluste alles rausbrüllen mußte, und es auch tat.

Ich wählte unsere Telefonnummer. Doch entweder verarschte mich die Telekom. Oder ich war tierisch nervös.

Jedenfalls hatte ich mich zweimal verwählt, dreimal kam „Kein Anschluß unter dieser Nummer“, und zweimal mußte ich wieder auflegen, da ich zwar meine Eltern verstand, die mich aber nicht.

Nach diesem „Martyrium“ hatte ich dann doch endlich mal Glück. Ich hatte zuerst meine Mutter am Apparat.

„Du Mama, der Ring hat doch etwas zu bedeuten.“

„Klasse, du hast endlich eine Freundin! Ist doch toll. Warum hast du das so lange für dich behalten?“

Ich hätte jetzt sagen können: Weil ich sie noch besser kennenlernen wollte. Damit wäre die Sache im heterosexuellen Bereich geblieben und alles wäre okay gewesen. Aber diesmal hatte ich genug Mut und Antwortete wie aus der Pistole geschossen:

„Laß das „-in“ weg, dann stimmt es.“

„Peter, dein Sohn hat einen Freund!“, rief meine Mutter ziemlich schockiert meinem Vater zu, der wohl auch im Wohnzimmer war. Legte sie jetzt auf? Kam jetzt wieder eine Motztirade? Oder…?

Mein Vater kam ans Telefon. Das war also das Oder.

„Du bist trotzdem mein Sohn, und ich habe dich nach wie vor genauso lieb. Paß nur auf, dass du nicht krank wirst!“ 

Das ganze sagte mein Vater irgendwie total cool, total gefaßt. So gefaßt, dass ich total baff über seine Äußerung war. Diesen Satz hätte ich eher meiner Mutter zugetraut.

„Aber laß uns jetzt erst mal in Ruhe. Wir müssen damit fertig werden. Laß uns ein bißchen Zeit!“

Das fand ich okay. Ich legte also auf und ließ meinen Eltern die Zeit, die sie brauchten. Und das war eine erstaunlich kurze Zeit.

Ich fühlte mich jetzt irgendwo erleichtert. Doch richtig glücklich war ich nicht. Warum eigentlich nicht?

Was ich jetzt schreibe, weiß ich zum großen Teil nur vom Erzählen. Entweder von meinen Eltern oder von der restlichen Familie.

Meine Mutter bekam sofort nach dem Anruf einen tierischen Weinkrampf. Mein Vater rief dann sofort meine Schwester an und war nicht schlecht überrascht, das sie und ihr Freund schon Bescheid wußten. Auch mein Onkel und seine damalige Freundin kamen runter.

Auch hier waren meine Eltern überrascht, dass sie schon Bescheid wußten.

Corinna redete sofort auf meine Mutter ein und erzählte ihr von ihrem Cousin. Ich glaube, das war so die erste kleine Beruhigung für meine Mutter.

Das zweite, was meine Eltern taten, war zu einem Bekannten zu fahren. Er ist Pastor in unserer Nachbarstadt. Hier weinte meine Mutter sich dann richtig aus, schließlich kennt sie ihn schon seit ihrer Schulzeit. Damals, als junger Kaplan war er in unserer Gemeinde und Lehrer auf der schule meiner Mutter.

Er erzählte ihnen, dass Homosexualität nichts schlimmes ist. Im Gegenteil, es wäre gut, dass ich es ihnen erzählt hätte. Das wäre ein gutes Zeichen dafür, dass ich ihnen Vertraue und sie nicht verlieren möchte. Recht hat er!

Meine Eltern waren nach diesem Besuch schon etwas ruhiger. Aber doch nicht ruhig genug, denn meine Mutter rannte am nächsten Morgen zu unserem Pastor um ihre Stelle als Küsterin zu kündigen. Als unser Pastor allerdings den Grund für ihren Entschluß hörte, erntete sie nur ein schallendes Gelächter.

„Sie sind ja nicht die Lesbe. Also behalte ich sie als Küsterin, und selbst wenn dem so wäre, mir wäre es egal. Ich bin nicht die Amtskirche sondern der Vertreter der Ortskirche und froh über jeden, der hier mitarbeitet. Außerdem, wenn sie wüßten wie viele Schwule und Lesben alleine in unserer Gemeinde leben, dann würden sie aber sehr staunen. Nein, ich akzeptiere ihre Kündigung nicht!“

Damit dürfte meine Mutter wohl wieder einen Schritt mehr in die richtige Richtung gegangen worden sein.  Sie ist heute genauso aufgeschlossen, wie Caseys Mutter ein paar Jahre vorher. Ich bekomme ab und zu nur zu hören, dass meine Eltern es schade fanden, dass ich es ihnen per Telefon gesagt habe, und nicht persönlich. Vielleicht begreifen sie jetzt irgendwann und irgendwie mal, warum ich es so tat und nicht anders. Vielleicht begreifen sie jetzt, wie es mir die Jahre davor ging und wie ich mich fühlte.

Doch nun zurück zu mir. Wie ich mich nach dem Telefonat gefühlt hatte, ist kaum zu beschreiben. Einerseits war ich richtig glücklich, erleichtert, mir alles von der Seele geredet zu haben. Andererseits fühlte ich mich noch immer sehr einsam, frustriert. Es war nicht so sehr das Gefühl von Einsamkeit, was mich frustrierte, sondern eher so die Verlustangst. Ich hatte halt Angst, dass ich jetzt durch diesen - mir wichtigen - Schritt meine Eltern verloren haben könnte.

Wie konnte ich meine Eltern das auch antun? Die Familie wird es in einer Generation nicht mehr geben. Wenn meine Schwester heiratet, wird sie wohl den Namen ihres Freundes annehmen! Unser Name stirbt aus! Und daran bin ich schuld.

Doch andererseits, warum sollte ich nur wegen unseren Familiennamens auf mein Glück verzichten? Meine Gefühle unterdrücken? Nein, es war gut so. Und wer weiß, vielleicht kann ich ja auch irgendwann mal heiraten und Kinder adoptieren. Dann wäre auch dieser Gedanke und diese Sorge aus der Welt geräumt. Denn irgendwo ist es schon komisch zu wissen, das es nach mir keinen Menschen mehr in Rheinhausen gibt, der unseren Familiennamen trägt.

Ich ging nach dem Telefonat in mein Zimmer zurück, dachte nur noch, mit wem meine Eltern jetzt wohl reden? Was tun sie wohl? Drehen sie mir den Geldhahn ab?

Das wäre fatal gewesen, denn als Zivi hatte ich nicht viel Geld und brauchte schon die „Privatbank zu Hause“

Ich glaube aber, dass ich die beste Methode gewählt hatte, um es meinen Eltern zu erzählen. Außerdem vermied ich so den „Kaffeetassenwurf“.

Am Abend meines Outingtages kam Casey zu mir. Ich erzählte ihm alles.

„Find ich gut, dass du dich endlich geoutet hast. So läuft unsere Beziehung bestimmt besser. Wirst sehen.“

„Ich hoffe es. Nur war es, glaube ich, ein Fehler es ihnen übers Telefon zu erzählen. Unter vier Augen wäre es bestimmt besser gewesen.“

„Ach Quatsch, es war schon ganz gut so. Hauptsache es ist raus. Du, ich lade dich zur Feier des Tages heute ins „Diff“ ein. Was hältst du davon?“

„Super Idee. Ich muß mich nur noch eben fertig machen. Aber meinst du wirklich, dass es so gut war? Am liebsten würde ich jetzt zusammen mit dir zu meinen Eltern fahren. Nur um ihnen zu zeigen, dass du ein ganz normaler Mensch bist und kein männerfressendes Monster!“

„Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Laß deinen Eltern erst mal ein wenig Zeit!“

Damit hatte Casey ja auch irgendwo recht. Und wie hätte ich ihnen beibringen sollen, dass er AIDS hatte?

Ungefähr eine Stunde später stiegen wir ins Auto und brausten in Richtung Münster.

Es ist gar nicht so leicht, sich discofein zu machen. Als erstes müssen die Haare richtig stzen, dann die Pickel im Gesicht überschminckt werden. Schließlich müssen dann noch die richtigen Klamotten gefunden werden. Das ist das größte Problem. Ich stand mal wieder stundenlang vor meinem Kleiderschrank und konnte mich nicht entscheiden. Diesen Abend im „Diff“ werde ich glaube ich nie vergessen. Ich tanzte mir mit Casey zusammen meine ganze Anspannung ab. Ich genoß es richtig, hier zu sein. Ich fand die prüfenden Blicke der anderen Discobesucher nach drei Uhr diesmal keinesfalls unangenehm. Dieser Abend war einmalig.

Irgendwie hatte an diesem Tag und diesem Abend die Welt wieder mehr Farbe bekommen!

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