Zet - das ANDERE Magazin  <>  Unterhaltung

Der autobiographische Fortsetzungsroman "Coming Out" von Mathias Plös. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Blättern:  >>  Teil 1 - Teil 2 - Teil 3 - Teil 4 - Teil 5 - Teil 6 - Teil 7


"Coming Out"

- Teil 8 -

Nach dem Telefonat fing für mich die lange Zeit des Wartens und Bangens an. Wie würden sich meine Eltern wohl in Zukunft verhalten?

Da ich zu dieser Zeit schon lange nicht mehr mit Christopher zusammen war, war es ein blöder Anfang, den Ring als Outinggrund heranzuziehen. Andererseits gesellte sich an diesem Wochenende ein kleiner, goldener Ring von Casey dazu.

Dieser Goldring sollte es mir einfacher machen, die Story rüberzubringen. Aber jetzt kam das zweite Problem. Sollte ich es meinen Eltern sagen, das Casey krank ist? Nein, das war mir zu gefährlich. Ich glaube, die wären nicht so begeistert darüber gewesen.

Ich hoffte in diesen Tagen mehr als inständig, dass meine Eltern mir den Geldhahn nicht zudrehen oder den Kontakt mit mir abbrechen würden. Was würde ich ohne sie tun?

Ich glaube, dann wäre ich nur noch ein halber Mensch gewesen. Ich hatte zwar einen süßen Freund, aber auch der beste Freund ersetzt nicht das, was meine Eltern mir bedeuten.

Auch heute noch bedeuten meine Eltern mir sehr viel. Auch wenn ich ihnen vielleicht nicht immer zeige, wie wichtig sie für mich sind, so sind es doch die wichtigsten Menschen auf der Welt für mich. Denn was wäre ich ohne sie? Ich wäre nicht auf der Welt ohne sie, könnte dieses schöne, chaotische, spannende und turbulente Leben nicht leben. Wäre nicht leben, wäre einfach nur nicht da! Schrecklicher Gedanke! Außerdem hat meine Mutter und natürlich mein Vater mir soviel Kraft gegeben, dass ich davon zehren konnte. Nicht nur in den Jahren mit Casey. Auch danach noch! Meine Eltern fragen mich immer, wie ich es geschafft habe, fünf Jahre lang mit Casey und seiner Krankheit zu leben, ohne irgendwem was davon zu sagen. Jetzt weiß ich es. Es waren die vielen Eigenschaften und die Kraft, die ich von meinen Eltern bekommen habe. Diese Hilfsbereitschaft war für mich die größte Stütze um die Jahre zu überstehen.

Die Frage, wie meine Eltern wohl mit mir umgehen würden, brannte länger in mir. Doch es kommt ja meistens anders, als man denkt. In diesem Fall besser als ich dachte.

Nach dem Zivildienst begann ich mit einer Ausbildung zum Hotelfachmann in Ascheberg. Da ich nicht ständig 120 Kilometer zur Arbeit fahren wollte, von Duisburg aus, benötigte ich ein Zimmer.

Und siehe da, meine Eltern halfen mir sowohl bei der Zimmersuche als auch beim Umzug. Und als ob das nicht schon reichte, bezahlten sie mir sogar die Miete. Damit waren meine Sorgen völlig aus der Welt geschafft worden!

In den drei Monaten, die ich es dort während meiner Ausbildung aushielt, lernte ich meine zwei besten Freunde in Münster kennen. Heiko und Marco.

Aus Frust, dass ich Casey wegen der Ausbildung nun gar nicht mehr sehen konnte, rief ich mal wieder auf so eine 0190-Line an. Darüber lernte ich jetzt einen Typen aus Hagen kennen. Der wiederum kannte Heiko und Marco. Er versprach mir, die beiden sofort anzurufen und ihnen von mir zu erzählen.

Wenn er gewußt hätte, dass er damit den Beginn einer wunderbaren Freundschaft geebnet hatte! Auf jeden Fall riefen Heiko und Marco noch am selben Nachmittag an. Abends trafen wir uns dann bei mir. Ich hatte ausnahmsweise mal frei. Es wurde dann ein total schöner, witziger Abend.

Leider war es an diesem freien Abend wie meistens, wenn ich freie Abende oder Tage hatte. Casey hatte keine Zeit oder keine Lust , oder beides, dazu sich ins Auto zu setzen und zu mir zu fahren. Deshalb war ich ganz froh das sich aus dem spontanen Treffen zwischen Heiko, Marco und mir eine so gute Freundschaft entwickelt hatte.

Wir hatten viel gelacht an diesem ersten abend und uns über Gott und die lustig gemacht.

Auch Heiko und Marco halfen mir in dieser Zeit des Aufgewühltseins weiter. Sie waren es auch, die mich letzen Endes dazu brachte, meine Ausbildung zu knicken. Dafür bin ich ihnen heute noch dankbar. Ich glaube, wenn ich die Ausbildung durchgezogen hätte, wäre ich jetzt reif für die Klappsmühle.

Das lag aber, glaube ich, nicht nur an meinen Arbeitszeiten. Auch nicht nur daran das ich Casey so selten sah, sondern hauptsächlich daran, das ich Casey allen, auch meinen besten Freunden verheimlichte und selber versuchte mit der „Pflege“, dem einfach nur dasein fertig zu werden. Ich glaube, es wäre anders gelaufen, wenn ich damals wenigstens meinen Chef eingeweiht hätte.

Heiko, Marco, Nadine, Patrizia und ihre Töchter waren in der Zeit wie eine Familie für mich. Ohne sie wäre ich heute nicht der, der ich bin. Ich glaube, dafür kann ich ihnen nie genug danken.

Im Dezember zog ich zurück nach Rheinhausen. Heiko und Marco halfen mir beim Umzug, und ich war froh, wieder bei meinen Eltern zu sein. Doch noch glücklicher war ich, wieder näher bei Casey zu wohnen.

So konnte ich mich dann endlich wieder intensiver um ihn kümmern, was ich auch tat. Ich machte alles gut, was ich in den drei Monaten meiner Ausbildung falsch machte. Holte die vernachlässigte Zeit wieder auf. Genoß jede Minute mit Casey.

Kurz vor Weihnachten war der Umzug endgültig abgeschlossen, und ich begann, in Duisburg mein schwules Leben zu genießen.

Kurz nach Silvester ging ich zum ersten Mal zu einer Düsseldorfer Elterngruppe. Eigentlich sollten ja meine Eltern dahin, aber letztendlich war ich derjenige, der regelmäßig dort erschien. Das war aber auch okay, da einige „Kinder“ ohne Eltern in die Gruppe kommen.

Mitte Januar besuchte ich dann ebenfalls zum ersten Mal die Duisburger Jugendgruppe, um andere Schwule in Duisburg kennenzulernen.

Casey ging es zu der Zeit immer schlechter. Er wurde schwächer und ließ immer mehr Lebenswillen raus.

Es war Rosenmontag, als Casey und ich nach Köln fuhren. Wir machten uns einen sehr schönen Tag. Es sollte unser letzter werden.

Wenn ich an diesen Tag denke, könnte ich heute wieder heulen. Einerseits vor Glück, dass ich ihn noch mit Casey genießen konnte, andererseits vor Trauer, dass ich jetzt nicht mehr mit ihm leben kann.

Casey war Rosenmontag als Mönch verkleidet und ich als Nonne. Ganz witzig.

Das beste an dem Tag war noch, dass wir in einer Kölner Kneipe mit einem älteren Herrn zusammen saßen, der unsere Kostüme ganz witzig fand. Als wir dann bezahlen wollten übernahm er die Rechnung, gab uns vorher aber noch ein Kölsch aus. Als es kam outete er sich als katholischer Priester. Erst waren wir beide erschrocken, doch dann mußten wir alle drei lachen. Danach haben wir zusammen noch mehrere Kölsch getrunken.

Abends mußte ich Casey dann ins Krankenhaus bringen, da er einen starken Schwächeanfall bekam. Ich brachte ihn in die Uniklinik Köln. Irgendwie kam ich mir vor, wie der Schlächter, der ein Schlachttier zur Schlachtbank brachte. Doch nach ein paar Stunden konnte er schon wieder das Krankenhaus verlassen.

„Du, laß uns zurück nach Duisburg fahren. Ich muß mich jetzt erst mal hinlegen. Der Anfall war echt heftig.“

„Okay Casey. Ich hoffe nur, dass du wieder gesund wirst.“

„Ach Schatz, du mußt einsehen, dass es jetzt so langsam zu Ende geht. Wenn wir bei mir sind, rufst du erst mal meine Eltern in Melbourne an.“

„Okay, mach ich.“

Sue und Joe waren in der Zwischenzeit wieder zurück nach Australien gegangen. Ich rief sie also an und berichtete ihnen, was heute alles passiert war.

Sie waren sehr besorgt um Casey, doch sie vertrauten mir vollkommen. Darüber war ich doch sehr stolz.

An diesem Abend fuhr ich dann, mit Caseys Einverständnis nochmals nach Köln. Diesmal mit einem Bekannten von mir aus Hattingen. Und das ich an diesem Abend ziemlich geil war, konnten wir beide uns nicht mehr am Zügel reißen. Andre sah aber auch verdammt gut aus. Er hatte schwarze Haare, war 180cm groß, schlank und einfach nur geil. Da es für mich fahrtechnisch praktischer war, trafen wir uns in Hattingen an einem Parkhaus. Er fuhr sein Auto dort hinein. Gemeinsam fuhren wir dann nach Köln.

Nacht, so gegen 4 Uhr kamen wir wieder zurück nach Hattingen, und da wir beide ziemlich geil waren sind wir dann auf das oberste Deck des Parkhauses gefahren und hatten dann im Auto ziemlich heißen Sex. Andre war aber der einzige, mit dem ich Fremdging, als ich mit Casey zusammen war. Insgeheim hatte ich vielleicht auch im Hinterkopf, dass er Caseys Nachfolger werden könnte. Casey wußte auch von ihm, und das ich mit Andre Sex habe. Er bestand nur darauf, dass ich Andre nichts sage.

Ein paar Wochen lang kümmerte ich mich so gut wie ich konnte zu Hause um Casey. Doch Ende März mußte ich ihn endgültig ins Krankenhaus bringen.

Es war der 31. März, acht Tage vor meinem Geburtstag. Nicht mal vierzehn Tage später war er tot. Er starb am 13. April um 1.30 Uhr in der Uniklinik Köln. Caseys Eltern waren mittlerweile auch nach Deutschland gekommen.

Ich mußte an diesem 13.April bei Les Miserables arbeiten, und meine Eltern waren im Urlaub. Caseys Eltern besuchten ihn regelmäßig auf der Intensivstation, wo ich ja nicht drauf durfte. Sie erfuhren von einem Arzt, dass Casey nicht mehr lange zu leben hatte.

Sue rief also sofort bei mir an. Doch ich war ja an diesem Abend arbeiten. Ausgerechnet jetzt, wo er mich gebraucht hätte. Eigentlich hatte ich geschworen, in seinen letzten Stunden bei ihm zu sein. Doch ich mußte ja ausgerechnet an diesem verfluchten Tag für einen Kollegen arbeiten mit dem ich getauscht hatte. Als ich abends zurückkam, blinkte der Anrufbeantworter wie verrückt. Sue war von Anruf zu Anruf verzweifelter geworden, weil sie ja auch von meinem Versprechen Casey gegenüber wußte. Beim letzten Anruf auf dem Anrufbeantworter konnte ich gar nichts mehr verstehen, bis auf das sie tränenerstickt und in englisch sagte, das ich so schnell wie möglich nach Köln kommen solle.

Ich versuchte also so schnell wie möglich nach Köln in die Klinik zu kommen. Es war ein Versuch, wunder wahr werden zu lassen. Denn allein die Fahrt zum Duisburger Hauptbahnhof war schon ein Problem an sich. Mit dem letzten Bus aus Duisburg bin ich von der Arbeit nach Hause gekommen. Also mußte ich mir ein Taxi nehmen. Ich drängte den Fahrer, so schnell wie möglich, unter Mißachtung aller Verkehrsregeln, zum Hauptbahnhof zu fahren.

Hier angekommen nahm ich den nächstmöglichen Zug nach Köln.

Doch auch das war wieder ein Problem. Ein direkter zuschlagfreier Zug fuhr nicht mehr. Also mußte ich einen EC nehmen, auf den ich aber erst mal eine halbe Stunde warten mußte. Ich kaufte mir also am Automaten die EC-Fahrkarte und rannte zum Bahnsteig. Ich hatte es nämlich gar nicht registriert, das der Zug erst in 30 Minuten kommen sollte. Als der Zug dann doch kam, bin ich wie in Trance eingestiegen und habe von der ganzen Fahrt eigentlich gar nichts mitbekommen. Selbst den Schaffner habe ich nicht registriert. Ich kam mir vor wie ein Junkie der gerade auf dem Trip ist. Hätte der EC nicht Köln als Endstation gehabt, ich wäre glatt weitergefahren. Während der Zugfahrt ließ ich dann die letzten fünf Jahre Revue passieren. Mußte sogar ab und zu lachen, wenn ich an die ganzen schönen Momente dachte, die wir zusammen hatten.

Vom Kölner Hauptbahnhof aus fuhr ich dann wieder per Taxi zur Uniklinik. Auch hier setzte ich den Fahrer unter Strom und jagte ihn durch das nächtliche Köln. Schließlich ging es hier ja um Leben und Tod. Ich hoffte so sehr, Casey noch lebend sehen zu können. Das ich mich wenigstens noch verabschieden konnte. Ihm einen letzten Kuß mit auf den Weg geben konnte. Ihn noch einmal sagen konnte, dass ich ihn liebe. Doch die ganze Hetzerei war umsonst. Kurz bevor ich im Krankenhaus ankam, war Casey gestorben.

Ich war mit den Nerven total am Ende. Aber irgendwo zog ich aus dieser Situation auch die stärke, mein heutiges Leben zu meistern.

Als ich Casey da leblos in seinem Bett liegen sah hätte ich am liebsten Laut losgebrüllt. Doch irgendwie kam es mir so vor, als hätte mir irgendwer den Hals zugedrückt. Ich konnte einfach nichts sagen. Caseys Eltern haben mich dann mit ihm allein gelassen. Als ich mich zu ihm setzte und ich noch einmal seine Hand in meine legte, kam es mir so vor als ob er gelächelt hätte. Nein, es kam mir nicht nur so vor, er hatte gelächelt. Ich glaube fest daran, dass er erst in diesem Moment richtig gestorben ist, dass er noch ein Wenig Lebenskraft aufgespart hatte bis zu dem Augenblick, an dem ich komme.

Ich blieb relativ lange mit ihm alleine. Dachte an die schönen Jahre, die wir zusammen hatten. Auch habe ich ihn noch einen letzten Kuß gegeben und ihm noch mal gesagt das ich ihn liebe.

Auch wenn er klinisch Tod war, glaube ich, dass er noch alles mitbekommen hatte. Nach einer halben Ewigkeit, die in Wahrheit nur 15 Minuten lang war, kamen dann Caseys Eltern wieder in das Zimmer. Sie nahmen mich an die Hand und gingen mit mir raus. Casey mußte jetzt gewaschen werden, um anschließend in den Leichenkeller abtransportiert zu werden. Casey starb an einem Donnerstag, am Dienstag der folgenden Woche wurde er dann verbrannt.

Das war für Caseys Eltern einfacher, um ihn nach Australien zurück zu bringen. Auf der Beerdigung sah ich sie auch das letzte Mal. Heute habe ich auch keinen Kontakt mehr mit ihnen, weil ich die Vergangenheit vergessen möchte. Auf der Beerdigung erfüllte ich dann seinen letzten Wunsch und sang „ Nur für mich“ aus „Les Miserables“. Er war ein riesen Fan von diesem Musical und hat sich von mir gewünscht, dass ich das Lied singe, wenn er beerdigt wird. Bis zu diesem Moment war ich ja dann auch noch relativ cool, nur als dann der Sarg ins Feuer hinabgelassen wurde, wurde mir schlecht und ich mußte raus.

Ich konnte nach seiner Beerdigung nächtelang nicht schlafen. In einer solchen Nacht schrieb ich dann Heiko und Marco einen Brief in denen ich ihnen die ganze Wahrheit berichtete. Und hier zeigte sich, wer ein echter Freund ist. Ein paar Tage später erhielt ich von Heiko dann folgenden Brief:

                        Lieber Mathias!

Heute sollst du Post aus Münster bekommen. Wie geht’s Dir denn so? Bei mir ist so weit alles okay….Du brauchst Dir keinen Kopf zu zerbrechen wie meine Reaktion auf Dein kleines Geheimnis ist. Ganz im Gegenteil! Woher solltest Du den auch wissen, wie Menschen zu bestimmten Dingen stehen. Ich von meiner Person kann nur sagen: „Ich lebe im 20.Jahrhundert! Wer bis heute mit Homosexualität, HIV, Punks und Grufties und und und, nicht umgehen kann, der sollte sich verbrennen lassen, denn für solche Menschen ist kein Platz!“ Nun zu Dir, mein Schatz! Was Du für deinen Freund getan hast, ist sehr viel! Nun mach Dir keine Vorwürfe, dass du zu spät gekommen bist. Doch bist zu ihm gekommen und hast an ihn gedacht, doch leider fehlten zehn Minuten. Manchmal ist der Herr da oben ungerecht, oder wollte er es so? Mathias, das Leben geht weiter, sei stark und behalte ihn tief in Deinem Herzen.

Auf jeden Fall habe ich Achtung vor Dir, denn dass was du getan hast ist sehr groß! Ich hoffe, ich könnte es auch.

Mit diesem kleinen Brief wollte ich versuchen, dass ich als Freund bei dir bin. Du siehst, es hat mich alles sehr bewegt.

Nun hoffe ich, dass Du Dich wieder ein bißchen fängst, aber das traurigsein werde ich Dir nicht verbieten!

Wenn Dir so ist, dann schreib mal oder laß von Dir hören.

Mathias, es grüßt Dich 

                        Dein Freund

                                                Heiko

Diesen Brief habe ich bis heute noch gut aufgehoben. Durch ihn erfuhren dann auch meine Eltern, dass Casey an AIDS gestorben ist. Ich hatte ihn offen am Schreibtisch liegen, und meinen Vater mal gebeten, mir irgendwas vom Schreibtisch zu holen. Dabei hat er den Brief gesehen. Abends haben mich dann meine Eltern zur Rede gestellt. Ich erzählte ihnen also alles, und sie reagierten in dieser Situation wieder sehr gelassen. Sie hätten Casey gerne kennenlernen wollen! Hätte ich das gewußt!

Was soll’s? Hätte, hätte, hätte… Zuviel Konditional ist echt tödlich, deswegen verzichte ich jetzt darauf.

Doch so richtig abgeschlossen habe ich erst mit allem, als ich im Mai 1999 im Krankenhaus lag und Casey einen Brief schrieb. Es war in der Woche, in der wir sieben Jahre zusammen gewesen wären. Ich schrieb den Brief, um meine Gefühle raus zu lassen.

                        Lieber Casey,

ich weiß, Du wolltest nie das ich wegen Die heule. Das ich mich hängen lasse. Aber heute vor genau sieben Jahren haben wir uns kennengelernt. Von Dir habe ich soviel Kraft und Mut bekommen, obwohl Du derjenige warst der es gebraucht hätte. Jetzt liege ich hier alleine im Krankenhaus und denke immer nur daran, wie ich Dich vor zwei Jahren allein ließ als Du mich brauchtest. Ich bleibe bei Dir, bis Du stirbst, habe ich Dir mal versprochen. Leider konnte ich gerade das Versprechen nicht halten. Das verzeihe ich mir nie. Vergangene Nacht habe ich geträumt von Dir. Es war ein schöner Traum. Wir beide haben unseren großen Traum wahr gemacht und sind nach Wien gefahren. Wir haben uns „Elisabeth“ angeschaut und du hast mich in Wien heftig geliebt. Irgendwie kam es mir so vor, als wäre es absolut real gewesen. Doch als ich wieder wach wurde, weil mein Bettnachbar umgebettet wurde, wurde ich ganz brutal aus diesem Traum gerissen. Sweet heart, ich vermiß Dich so! Bitte sei mir auch nicht böse, das ich jetzt mit Daniel glücklich bin. Irgendwann muß ich ja mal ein neues Leben beginnen. Glaubst Du, dass er wirklich der Richtige ist? Doofe Frage, oder? Ich danke Dir auf jeden Fall für alles, was Du für mich und mit mir getan hast. Ich glaube fest daran, dass Du weiterhin bei mir bist.

Ich Liebe Dich und werde es immer tun

                        Mathias

Mit diesem Brief habe ich mein Coming-out dann endgültig beendet. Ich hoffe nur, dass ich während der Zeit nicht unnötig vielen Menschen weh getan habe und das meine Freunde und nicht zuletzt meine Familie weiterhin so zu mir sind, wie bisher. Ich hoffe, dass ich jetzt endlich, endgültig so frei bin, dass ich mit Daniel richtig glücklich werden kann. Ich hoffe, dass ich Casey trotzdem nie vergessen werden. Mit allen seinen Macken, Fehlern, guten und schlechten Seiten werde ich ihn ewig in Erinnerung behalten. Außerdem bin ich allen dankbar, die meinen Eltern in der, auch für sie nicht einfachen Zeit, nach meinem Coming-out zur Seite standen. Für sie mit Hilfe und einem offenen Ohr da waren.

Nachwort

Ich bin froh darüber , dass es meinen Freund Daniel gibt. Ohne ihn hätte ich dieses Buch nie geschrieben. Er hat es kritisch, manchmal zu kritisch, durchgelesen und redigiert. Dieses Buch ist auch gleichzeitig ihm gewidmet. Ebenso ist dieses Buch allen denen gewidmet, die in diesem Buch vorkommen und sich hoffentlich wiedererkennen.

Ganz besonders dankbar bin ich meinen Eltern gegenüber, die mir immer sehr verständnisvoll zur Seite standen. Ohne ihnen hätte ich die Zeit nach meinem Coming-out und ganz besonders Caseys Tod nie überstanden. Auch hätte ich die Zeit bis heute nicht hinter mich bekommen, wenn es sie nicht gegeben hätte.

Ganz besonders ist dieses Buch allen Lesben und Schwulen gewidmet, die in einer festen Beziehung leben. Laßt euch eure Freundin und euren Freund nie schlecht reden. Einen Menschen, den man liebt sieht man nur mit dem Herzen gut. Auch, wenn es manchmal schwarze Tage gibt, das Herz weiß, das Sonnenschein folgt.

ENDE