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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.
Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!
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"Schatten auf dem Regenbogen"
- Teil 2 -
1. Kapitel: Das Turnier (Fortsetzung)
„Ich glaube, ich habe es auch schon immer gefühlt. Aber ich wollte es nie wahrhaben, habe es einfach ingnoriert, verdrängt. Anfangs war es auch nie ein Problem. Ich hatte sogar eine zeitlang eine Freundin.“
Frank hob verwundert die Augenbrauen.
„Wirklich? Hm, eine Freundin hatte ich nie. Jedenfalls nicht so, wie die anderen. Es ist nie etwas passiert! Dann kennst Du also beide Seiten?“
Kevin schüttelte den Kopf.
„Nein, nein. Da ist auch nie etwas gewesen. Als es damals fast soweit war, konnte ich es einfach nicht tun. Vielleicht war ich noch zu jung, hatte einfach Angst vor’m ersten mal? Aber vielleicht lag es auch nur daran, daß ich eigentlich etwas anderes wollte?“
„Und, hast Du dann mal etwas mit einem Jungen gehabt?“
„Nein, noch nicht. Mir fehlte einfach der Mut!“
Die Stunden gingen wie im Fluge vorbei...
(und das, obwohl Kevin sich wünschte, sie würden nie vergehen)
... und schließlich - es war schon vier Uhr durch - entschied Kevin sich, sich auf den Heimweg zu machen.
"Es ist schon spät! Ich glaub', ich mach' mich jetzt besser auf den Weg!"
Und noch während er diese Feststellung äußerte ärgerte er sich wieder über sich selbst. Eigentlich war das heute doch die Gelegenheit! Sie waren sich in den letzten Stunden näher gekommen, und Kevin fühlte, daß sein Interesse an Frank weit mehr war als bloßes körperliches Verlangen. Er mochte Frank, und er glaubte zu spüren, daß an diesem Abend mehr passiert war: Er war sich ziemlich sicher, daß er drauf und dran war, sich in Frank zu verlieben! Warum nur verließ ihn jetzt wieder der Mut? Weshalb wollte er jetzt wieder unverrichteter Dinge gehen?
"Warum? Hast Du morgen... ähm... heute früh was vor?"
(Kevin erinnerte sich heute daran, daß in Franks Stimme ein wenig Enttäuschung geklungen hatte. Damals war ihm das nicht aufgefallen. Daher war er sehr überrascht gewesen, als Frank weitersprach.)
"Wenn Du willst, kannst Du heute nacht hier pennen!?"
Kevin hielt unmerklich die Luft an. Was sollte er tun? Er ahnte, wenn er die restliche Nacht hier verbringen würde, dann... er sah sich kurz um... ja, es gab nur ein Bett hier... nunja, dann... dann würde wohl...
(wie dachte er damals? Achja...)
dann würde ES wohl passieren!
Aber war das nicht genau das, was er sich insgeheim erhoffte? Wovon er immer geträumt hatte?
Er war innerlich froh, daß wenigstens Frank den Mut aufbrachte, ihr Zusammensein nicht so vergebens enden zu lassen.
Er hatte schnell eine Entscheidung getroffen.
"In Ordnung. Ich hab' nichts vor!"
"Prima! Dann sollten wir jetzt Schluß machen! Wir können ja morgen noch weiter quatschen!? Vielleicht können wir dann ja was zusammen unternehmen?"
"Ja, das wäre prima!"
Kevin spürte ein nie gekanntes Glücksgefühl in sich aufsteigen. Trotz all‘ seines zögerlichen Verhaltens an diesem Abend schienen die Dinge so zu werden, wie er es sich in seinen Träumen immer ausgemalt hatte.
Frank stand auf, räumte die Gläser weg und begann dann, seine Schuhe auszuziehen. Kevin stand etwas verlegen herum, und er spürte, wie seine Zunge am Gaumen klebte. Als Frank sich das T-Shirt ausgezogen hatte, sah er Kevin fragend an.
"Ist etwas nicht in Ordnung? Soll ich das Licht ausmachen?", scherzte er.
Kevin mußte abermals grinsen.
Bis auf die Tatsache, daß er schrecklich nervös war, war eigentlich alles in Ordnung gewesen! Es war nur... naja, er ahnte damals, was kommen würde, und er war etwas unsicher gewesen. Nein, eigentlich war er sogar sehr unsicher gewesen. Hatte er nicht auch ein wenig Angst gehabt?
"Nein, es ist alles O.k.!"
Dann begann er sich auch auszuziehen.
Während er T-Shirt und Hose auf den Stuhl legte, betrachtete er Frank aus den Augenwinkeln heraus. Der hatte sich bis auf seine Unterhose bereits vollkommen ausgezogen, und bevor er sich ins Bett legte, streifte er auch sie herunter.
Kevin hielt die Luft an. Frank sah einfach gut aus! Er hatte eine phantastische Figur, und Kevin spürte, wie sich Verlangen in ihm regte.
Schließlich war auch Kevin soweit und legte sich zu Frank ins Bett. Sie sahen sich schweigend an und lächelten.
"Findest Du mich immer noch nett?", erkundigte sich Frank, und diesmal spürte Kevin, daß in Franks Stimme Unsicherheit mitklang.
"Na klar! Sonst wäre ich jetzt nicht hier!", antwortete Kevin, und sein Körper bestätigte ihm, daß dies nicht nur so daher gesagt war.
Kevin drehte die Dusche ab und griff nach seinem Handtuch. Das warme Wasser hatte ihm gut getan, und er fühlte sich frisch und erholt. Er trocknete sich ab, ging zurück in die Umkleidekabine und begann sich anzuziehen.
Während er vor dem Spiegel stand und sich die Haare föhnte, dachte er wieder an diesen ersten Abend. Es war nicht nur der erste Abend- die erste gemeinsame Nacht- mit Frank gewesen, sondern für ihn war es das erste mal überhaupt gewesen, daß er mit einem Jungen geschlafen hatte. Und er erinnerte sich gerne daran. Es war sehr schön gewesen. Frank war so zärtlich, so gefühlvoll, und er hatte ihm die anfängliche Angst schnell genommen.
"Bereust Du, daß Du mich angesprochen hast?"
Obwohl Kevin wußte, daß er dann sicher nicht hier neben ihm liegen würde, stellte er Frank diese Frage. Er tat es wahrscheinlich nur deswegen, um das Schweigen zwischen ihnen zu beenden.
Frank antwortet ihm nicht auf diese Frage. Statt dessen spürte Kevin, wie Franks Hand sich langsam auf seine Schulter legte und ihn zärtlich zu streicheln begann. Sie hatten sich lange in die Augen gesehen und angelächelt. Kevin genoß die warme Hand auf seinem Körper, und spätestens jetzt war er sich sicher, daß es jetzt und hier passieren würde.
"Willst Du es auch?"
Frank hatte ihm sanft eine Haarsträhne aus der Stirn gestrichen und lächelte ihn verheißungsvoll bei dieser Frage an.
Kevin nickte nur leicht, und zögernd streckte auch er seine Hand aus. Als er Franks Brust berührte, schloß dieser die Augen und rückte noch etwas näher zu Kevin.
Kevin fuhr mit seiner Hand über Franks Oberkörper, und dann fanden sich ihre Lippen zu einem ersten Kuß. Es war ein prickelndes Gefühl, und Kevin war unendlich froh, daß er nun endlich das finden würde, das er sich schon so lange gewünscht hatte. Was bisher an diesem Abend alles schon geschehen war, bedeutete ihm sehr viel, machte ihn unendlich froh. Und jetzt verwirklichte sich Kevins Traum!
Und Kevin fühlte sich so glücklich, wie noch nie zuvor!
Er packte seine Sachen in die Sporttasche und verließ die Umkleidekabine. Auf dem Weg nach draußen begegneten ihm zahlreiche Teilnehmer und Zuschauer des Turniers, von denen ihm einige nochmals zu seinem Sieg beglückwünschten.
Endlich erreichte er den Ausgang, und als er die Tür öffnete, sah er auch schon Frank. Der strahlte ihm freudig entgegen.
Kevin sah sich nach allen Seiten um, und da niemand zu sehen war, begrüßte er seinen Freund mit einem Kuß auf die Wange.
"Hallo, mein Schatz! Endlich!"
"Hallo, Kevin, herzlichen Glückwunsch zu Deinem Sieg! Du hast phantastisch gekämpft!"
Kevin hatte das unstillbare Verlangen, seinen Freund in den Arm zu nehmen und ihn ganz fest an sich zu drücken. Aber noch mußten sie sich damit gedulden! Kevin war noch nicht soweit, daß er seine Homosexualität und seine Beziehung zu Frank in aller Öffentlichkeit zeigen konnte. Ihre Liebe war eine Liebe im Verborgenen, und sie zeigten sie nur, wenn sie alleine oder in der Kneipe, in der sie sich kennengelernt hatten, waren. Sie hatten oft und lange darüber gesprochen und dabei festgestellt, daß sie trotz aller Liberalität der Gesellschaft noch nicht den Mut hatten, zu ihrem Anderssein auch in der Öffentlichkeit zu stehen, es zu leben um damit dem Rest der Welt zu zeigen, daß sie sich liebten. Eines Tages würde sich das ändern. Das hatte sich Kevin fest vorgenommen. Irgendwann wollte er sich nicht mehr verstecken, seine Gefühle für Frank nicht mehr verheimlichen müssen. Aber noch waren sie beide nicht soweit!
Sie gingen zurück zum Wagen und machten sich auf den Heimweg. Vor ihnen lagen noch gut vier Stunden auf der Autobahn. Vier Stunden, die sie von zu Hause trennten, von ihrer Oase des Alleinseins, in der sie sich endlich in die Arme nehmen konnten. Vier Stunden, bevor der Traum wieder zur Wirklichkeit wurde.
2. Kapitel
Jäher Frost
Kevin ließ das Telefon läuten. Immer wieder ertönte am anderen Ende das Rufzeichen, aber der Hörer wurde nicht abgenommen. Er versuchte es bereits das fünfte mal an diesem Abend, aber weil auch jetzt keiner abnahm, brach nach zwei Minuten die Leitung erneut ergebnislos zusammen, und Kevin vernahm nur noch das Freizeichen.
Er machte sich langsam Sorgen. Wieso war Frank nicht zu Hause? Er mußte doch auch am nächsten Tag wieder zur Arbeit, und jetzt war es schon nach zwölf. Außerdem hatte Frank doch am späten Nachmittag, als sie sich voneinander verabschiedet hatten, nichts davon gesagt, daß er heute Abend noch weg wollte. Wo steckte er bloß?
Heute war ein besonderer Tag für sie gewesen. Kevin hatte seinen Eltern vor einigen Tagen gestanden, daß er schwul sei, und er hatte ihnen schwärmerisch von seiner großen Liebe erzählt.
Er hatte große Angst davor gehabt, seinen Eltern davon zu erzählen, aber nachdem seine Mutter sich ziemlich hartnäckig nach seinem Liebesleben erkundigt hatte, hielt er den Moment der Wahrheit für gekommen. Kevin vermutete, daß sie etwas geahnt haben mußte, denn die Fragen waren eigentlich eindeutig gewesen und hatten es ihm einfach gemacht, von Frank zu erzählen.
„Verbringst Du dieses Wochenende wieder mit Frank?“
Seine Mutter hatte diese Frage wie beiläufig gestellt, aber irgendwie hatte Kevin sofort das Gefühl, daß es sich um mehr als belangloses Interesse handelte.
„Ja!“, hatte er kurz geantwortet und wollte das Zimmer verlassen. Aber seine Mutter hatte nachgehakt.
„Kevin, willst Du uns vielleicht irgend etwas sagen?“
Er wußte noch, daß sein Herz erst beinahe stehengeblieben und schließlich fast in die Hose gerutscht war. Verunsichert wechselte sein Blick zwischen seiner Mutter und seinem Vater hin und her.
„Was meinst Du? Ich weiß nicht, was ...“
„Seine Mutter lächelte sanftmütig, und ihr Blick verriet, daß sie ganz anderer Meinung war.
„Kevin, Du weißt doch, daß Du mit uns über alles reden kannst, was Dich bedrückt!“
„Mich bedrückt aber doch nichts!“
Seine Mutter zuckte fragend mit den Schultern.
„Naja, wir haben uns nur gedacht ... weil Du noch immer keine Freundin hast und Deine gesamte Freizeit nur mit diesem Frank verbringst. Warum hast Du ihn noch nie mit hierher gebracht?“
Er wußte, daß an diesem Tag die Stunde der Wahrheit geschlagen hatte. Er wollte seine Eltern nicht anlügen, ihnen irgendeine Ausrede auftischen. Und wahrscheinlich ahnten sie sowieso, warum er noch immer keine Freundin hatte.
„Naja, Frank und ich verstehen uns ziemlich gut. Und außerdem ... nunja, wie soll ich sagen ...“
„Einfach frei heraus!“, ermunterte ihn sein Vater.
„Also, Frank ist mein bester Freund ... er ist ... ich bin ...“
Kevin hielt die Luft an.
„... nun, wir lieben uns!“
Er zitterte vor Aufregung während er erwartungsvoll auf die Reaktion seiner Eltern wartet. Würden sie ihn verstehen, seine Gefühle verstehen? Würden sie es akzeptieren, daß ihr Sohn schwul war, oder würden sie sich von ihm abwenden, ihn verurteilen oder ihn davon überzeugen wollen, daß dies nur eine Phase sei, die bestimmt bald wieder vorbei sein würde?
„Warum hast Du uns denn nicht schon früher davon erzählt?“
Seine Mutter hatte ihre Hand auf die seine gelegt und sah in fragend, vielleicht auch ein wenig vorwurfsvoll an.
„Hast Du kein Vertrauen zu uns? Wir haben doch immer alles offen besprochen!“
Kevin erinnerte sich, wie hundeelend er sich damals in dieser Situation gefühlt hatte. Er hatte erkannt, daß er seine Eltern enttäuscht hatte. Nicht deswegen, weil er ihnen gestanden hatte, daß er schwul war, sondern daß er gezögert hatte, es ihnen schon früher zu gestehen, ihnen von seinem Glück mit Frank zu erzählen.
„Wißt ihr, ich ... ich hatte einfach nicht den Mut. Ich wußte nicht, wie ich es sagen sollte. Und ich hatte ein wenig Angst davor, wie ihr reagieren würdet.“
"Aber Kevin, warum denn nur? Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter. Du allein mußt doch wissen, was für Dich richtig ist. Und wenn Du Frank liebst, was soll daran schlimm sein? Wir freuen uns für Dich, wenn Du glücklich bist! Und wir würden diesen Frank gerne einmal kennenlernen.“
Kevin hätte seinen Eltern damals vor Freude um den Hals fallen können. Er war erleichtert darüber gewesen wie verständnisvoll sie reagiert hatten. Und er hatte ihnen versprochen, daß sie Frank möglichst bald kennenlernen würden.
Und heute war dieser Tag gewesen.
Heute hatten sie Kevins Eltern zum Essen eingeladen, und Kevin hatte seine große Liebe vorgestellt.
„Das ist er, das ist Frank!“
Mit diesen Worten hatte er Frank seinen Eltern vorgestellt, ihn in die Familie eingeführt.
„Guten Tag, Frau Langer, Herr Langer.“
Frank war ziemlich nervös gewesen und hatte in den vergangenen Tagen mehrmals daran gezweifelt, ob er dieses Zusammentreffen durchstehen würde. Aber an diesem Mittag war von dieser Nervosität nichts zu spüren, und Kevin war stolz auf ihn.
In den folgenden Stunden hatten sich seine Eltern mehr mit Frank als mit ihm unterhalten, und Kevin war einfach nur glücklich. All‘ die Probleme, die er vorher gesehen hatte, lösten sich in Wohlgefallen auf und ließen keinen Zweifel daran, daß er seine Eltern liebte.
Kevin legte den Hörer wieder auf die Gabel und stand auf. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und ging beunruhigt in seinem Zimmer auf und ab. Dabei suchte er immer wieder nach einer Erklärung dafür, warum Frank nicht ans Telefon ging, nein, warum er nicht zu Hause war. Denn er konnte gar nicht zu Hause sein! Selbst wenn er schlafen würde, hätte er ziemlich schnell das Telefon gehört, das direkt neben seinem Bett stand. Und er hatte keinen allzu tiefen Schlaf. Nein, Frank war mit Sicherheit nicht zu Hause, konnte nur irgendwo unterwegs sein.
Aber wo war er?
Aber es gab auch noch eine andere Möglichkeit, eine andere Erklärung dafür, warum er schon den ganzen Abend nicht ans Telefon ging obwohl er zu Hause sein mußte. Es konnte ja auch sein, daß... Kevin blieb stehen und spürte, daß es ihn fröstelte. Und das, obwohl es noch ziemlich warm war. Aber der Gedanke, der ihm in den letzten Stunden immer öfter kam, trieb ihm einen kalten Schauer über den Rücken, denn, auch wenn es noch so unwahrscheinlich sein mochte, eine mögliche Erklärung wäre, daß Frank etwas passiert war.
Abermals nahm er den Hörer ab und wählte Franks Nummer. Unmerklich hielt er die Luft an und wartete, bis die Verbindung stand. Doch auch diesmal vernahm er wieder nur das monotone Freizeichen, und auch bei diesem sechsten Versuch brach die Verbindung nach zwei Minuten ergebnislos ab.
'Jetzt reicht's!', dachte Kevin, griff nach seinem Schlüssel und verließ die Wohnung. Er hielt es einfach nicht mehr aus. Irgend etwas stimmte da nicht, und er wollte jetzt wissen, was los war.
Franks Wohnung lag nur ein paar Blocks entfernt, und mit seinem Wagen erreichte Kevin die Straße ziemlich rasch. Er fuhr viel zu schnell und viel zu unkonzentriert. In seinen Gedanken entwarf er immer wieder neue Szenarien die erklären sollten, warum Frank nicht ans Telefon ging. Und jedesmal, wenn er eine dieser Gedankengebilde als unsinnig verwarf, verwerfen wollte, entstand ungewollt sofort das nächste.
Auch das Frank vielleicht nicht alleine war kam ihm in den Sinn, und für Sekundenbruchteile schien sein Herz still zu stehen. Könnte es da wirklich jemand anderen geben?
Bisher hatte er nie an Franks Treue gezweifelt, hatte nicht einmal auch nur einen Gedanken daran verschwendet, daß Frank die Zweisamkeit mit Kevin nicht genügen konnte, und das es noch jemand anderes geben konnte. Aber an diesem Abend fand diese Furcht als eine mögliche Antwort Zugang zu seiner Angst, zwängte sich in sein Gehirn.
Dann bog er um die letzte Ecke und erkannte sofort, daß diese Möglichkeit nicht zutraf!
In gleichmäßigen Zügen streifte das rot-blaue Licht des Rettungswagens die eintönigen Häuserfassaden und legte eine unheilvolle Stimmung auf das Bild, das sich vor dem Haus mit der Nummer 23 zeigte.
Zahlreiche Menschen standen um den Rettungswagen herum, und gleich dahinter parkten mehrere Streifenwagen der Polizei. Auch ihre Blinklichter auf den Dächern drehten sich in unermüdlichem Rhythmus und hellten die Gesichter der Umstehenden gespenstisch auf.
Kevin hielt ziemlich abrupt an und starrte vor sich auf das Geschehen.
Es war etwas passiert! Irgend etwas war mit Frank geschehen!
Kevin spürte sofort, daß seine schlimmsten Befürchtungen wahr wurden. Es dauerte etwa zwei Minuten bis er sich besann. Dann sprang er aus dem Wagen und lief zu der Gruppe wartender Menschen, die sich abwechselnd fragend ansahen um dann wieder erwartungsvoll in den Hauseingang zu sehen!
Als Kevin sich an den Menschen vorbeigedrängt hatte und ins Haus laufen wollte, wurde er von einem Polizisten zurückgehalten.
"Hey, Sie können da jetzt nicht rein! Bitte bleiben Sie zurück!"
Kevin sah den Beamten fassungslos an. Was hatte er gesagt? Er könne da nicht hinein? Aber er mußte doch zu Frank, mußte doch sehen, ob mit ihm alles in Ordnung war!
"Hören Sie, ich..."
"Wohnen Sie hier im Haus?"
Kevin schüttelte mechanisch den Kopf.
"Dann bleiben Sie bitte zurück!"
Der Polizist schob ihn mit sanftem aber bestimmtem Druck zurück. Kevin wollte noch etwas erwidern, aber im Hauseingang geschah etwas, und Sekunden später traten die Sanitäter auf die Straße. Sie trugen eine Trage, auf der jemand lag.
Kevin hielt die Luft an.
'Bitte, lieber Gott, laß es nicht Frank sein!', dachte er bei sich. Wie in Zeitlupe gingen die beiden Sanitäter mit der Trage an ihm vorbei, und als der zweite von ihnen mit Kevin fast auf gleicher Höhe war, konnte Kevin das Gesicht desjenigen sehen, der auf der Trage lag. Er sah es ganz deutlich, aber er konnte fast nichts erkennen. Er sah überall nur Blut! Soviel Blut hatte er noch nie gesehen. Und obwohl er nicht viel erkennen konnte, erkannte er eines jedoch sofort:
Es war Frank!
Kevin schlug die Hand vor den Mund um nicht laut aufschreien zu müssen. Sein Herz setzte scheinbar für ein paar Schläge aus, und sein Blut schien in den Adern zu gefrieren.
Was war geschehen? Warum sah Frank so schlimm aus?
Die Sanitäter brachten die Trage zum Rettungswagen und hoben sie vorsichtig hinein. Als sie die Türen schließen wollte, kam Kevin hinzu und hielt sie auf.
"Kann ich... mitfahren?"
Die Männer in den weißen Kitteln sahen ihn fragen an.
"Wer sind sie?"
Kevin starrte nur in den Krankenwagen hinein, wo sich ein Arzt über Frank beugte.
"Ich... ich... ich bin..."
"Sind Sie ein Verwandter?"
"Ein Verwandter? Ja,... ja ich... ich bin ein... Verwandter!"
Die Sanitäter sahen sich kurz an und ließen Kevin dann in den Wagen steigen.
Kevin stand unter Schock! Er wußte nicht, wie er es geschafft hatte, die Stufen in den Rettungswagen hinaufzusteigen und sich hinzusetzen. Er starrte nur mit tränenerfüllten Augen auf die Trage, an der sich jetzt auch einer der Sanitäter zu schaffen machte.
Keine zwei Sekunden, nachdem die Hecktür geschlossen worden war, setzte sich der Wagen in Bewegung. Der Fahrer schaltete die Sirene ein, und kurze Zeit später rasten sie durch die Straßen.
Kevin vernahm die wenigen Worte des Arztes nur wie durch einen dicken Nebel hindurch. Er verstand sie kaum, aber er merkte, daß die beiden Männer kämpften. Das sie um das Leben seines Freundes kämpften.
Kevin saß stumm da und hatte das Gesicht in seinen Händen vergraben. Er hatte Angst! Panische Angst, daß er Frank verlieren würde, und die Stunden, die er hier wartend verbringen mußte, schienen endlos lang zu sein. Immer wieder stand er auf und ging den Gang nervös auf und ab. Dann setzte er sich wieder, nahm die Hände vor sein Gesicht und weinte.
Außer ihm waren noch zwei Polizisten anwesend, die sich gelegentlich leise unterhielten. Es mußte so ungefähr halb fünf gewesen sein, als einer von ihnen zu Kevin herüber kam und sich neben ihn setzte.
"Entschuldigung!"
Kevin wischte sich flüchtig die Tränen aus dem Gesicht und sah zu dem Beamten auf.
"Ja?"
"Darf ich fragen, wer Sie sind? Kennen Sie den Verletzten?"
Kevin sah in an, nein, er sah eigentlich durch ihn hindurch!
Ob er ihn kannte?
'Oh Mann, wenn du nur wüßtest, wie gut ich ihn kenne!', dachte er bei sich.
Kevin brachte keinen Ton heraus und nickte nur unmerklich.
"Sind Sie ein Verwandter?"
Kevin holte tief Luft, und nach einigem Zögern antwortete er.
"Nein, ich bin kein... Verwandter... Ich bin... ich bin..."
Er zögerte! Was sollte er sagen? Wie sollte er dem Polizisten erklären, warum er hier war, und warum er so litt?
"Sind Sie ein Freund von ihm?"
Kevin konnte abermals seine Tränen nicht zurückhalten und schloß die Augen.
"Nein, ich bin... ich bin nicht ein Freund! Ich bin... sein Freund!"
Die Polizisten sahen sich kurz an.
"Ich verstehe!", sagte der Mann neben ihm. "Haben Sie eine Vorstellung, was hier geschehen ist? Warum Ihr Freund das getan haben könnte?"
Kevin sah den Polizisten überrascht an.
"Was hat er getan? Sie meinen ... sie meinen das ... das Frank sich das selbst angetan hat?"
Der Beamte sah abermals verunsichert zu seinem Kollegen hinüber.
"Ja, es sieht so aus, als hätte Ihr Freund einen Selbstmordversuch unternommen."
Selbstmord? Kevin wollte nicht glauben, was er da hörte. Warum sollte Frank so etwas tun?
"Hören Sie, ich habe keine Ahnung..."
Er wurde unterbrochen, als am Ende des Ganges die Tür geöffnet wurde, und ein Mann in grüner OP-Uniform hinauskam. Langsam kam er auf die Wartenden zu.
Kevin stand auf und sah ihm erwartungsvoll entgegen.
"Guten Morgen, meine Herren. Ich bin Dr. Kerner."
Er sah Kevin und dann die Beamten fragend an.
Der Polizist, der mit Kevin gesprochen hatte, nickte.
"Ist in Ordnung!"
Dann fuhr der Arzt fort.
„Tja, es tut mir leid, aber wir konnten nichts mehr für ihn tun. Die Kugel hat den Kopf des Patienten durchdrungen und irreparable Verletzungen am Gehirn verursacht. Er hatte keine Chance.“
Kevin sank fassungslos auf der Couch im Wartebereich zusammen.
Frank war tot! Er hatte sich einfach erschossen!
Er konnte es einfach nicht glauben.
Warum nur? Warum nur hatte er das getan?
Noch vor einigen Stunden waren sie glücklich miteinander gewesen, hatten einen wundervollen Tag erlebt, der am Nachmittag mit der schönsten Bestätigung ihrer gegenseitigen Liebe geendet hatte.
Und jetzt war Frank tot!
Kevin legte sich auf die Couch, vergrub den Kopf zwischen seinen Armen und begann hemmungslos zu weinen. Er konnte einfach nicht begreifen, was geschehen war. Was war passiert? Wer hatte so etwas getan?
Er fand keine Antworten!
"Entschuldigen Sie! Ich weiß, es ist nicht ganz einfach für Sie. Aber ich würde ihnen gerne noch ein paar Fragen stellen!"
Kevin versuchte krampfhaft, nicht mehr zu weinen und wischte sich mit der flachen Hand durchs Gesicht! Mühsam richtete er sich auf.
"Würden Sie mir bitte Ihren Namen und Ihre Adresse sagen!?"
Kevin schluckte und versuchte, sich zu beherrschen. Dann gab er dem Polizisten die Antworten, die er haben wollte.
"Danke, Herr Langer. Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie morgen zu uns auf die Wache kommen würden, damit wir noch ein paar weitere Fragen besprechen können? Hier ist meine Karte!"
Der Polizist gab Kevin eine Visitenkarte.
"Sollen wir Sie nach Hause fahren?"
Kevin nickte stumm und erhob sich. Mit gesenktem Kopf trottete er den Beamten hinterher. Immer wieder sah er sich um, sah zu der Türe, durch die der Arzt eben gekommen war, und hinter der sein Freund lag. Sein toter Freund!
Er konnte immer noch nicht begreifen, wie das mit Frank geschehen konnte. Wieso nur? Wieso nur konnte er so etwas tun? Frank hatte doch keine Sorgen! Er war doch so ein lieber und glücklicher Mensch gewesen. Was war nur passiert?
Seine wirren Gedanken gingen in seinen Tränen unter.
Fünfzehn Minuten später erreichten sie das Haus, indem Kevin wohnte. Die Beamten erkundigten sich nochmals nach Kevins Zustand, und ob er alleine bleiben wollte. Ob er es konnte! Doch Kevin wollte niemanden um sich herum haben. Er mußte jetzt alleine sein. Alleine mit seinem Schmerz und seiner Trauer. Irgendwie würde es schon gehen. Er wußte nicht wie, aber irgendwie mußte das Leben weitergehen.
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