Zet - das ANDERE Magazin  <>  Unterhaltung

Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.

Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!

>> Teil 1 - Teil 2 - Teil 4 - Teil 5 - Teil 6 - Teil 7 - Teil 8 - Teil 9 - Teil 10 - Teil 11


"Schatten auf dem Regenbogen"

- Teil 3 -

2. Kapitel: Jäher Frost (Fortsetzung)

Nur wenige Menschen hatten sich versammelt und harrten im leichten Nieselregen aus. Die Sonne hatte sich an diesem Morgen passend zur Stimmung hinter dicken Wolken verborgen, und der graue Himmel ließ eine herbstähnliche Atmosphäre auf die wenigen Trauergäste, die sich auf dem Friedhof eingefunden hatten, um Frank die letzte Ehre zu erweisen, wirken.

Kevin stand regungslos da und starrte auf den einfachen Sarg, der neben dem offenen Grab stand. Außer ihm waren nur seine Eltern, sein Freund und Meister, der Pfarrer und die Sargträger anwesend. Der Geistliche sprach einige Worte aus der Bibel. Er redete von Erlösung und dem Paradies, in welches dieses junge Leben nun eingezogen war.

'Erlösung'? Für wen war dies hier eine Erlösung?

Kevin hatte in den vergangenen Tagen viel geweint, und auch jetzt konnte der seine Tränen nicht zurückhalten. Er weinte um Frank, um seinen über alles geliebten Freund, der ihm so unvermittelt genommen worden war.

Der Pfarrer segnete ein letztes mal den Sarg und nickte dann den Friedhofangestellten zu, die seinen Freund langsam in das Grab hinabließen.

Kevins Herz krampfte sich zusammen als er an das offene Grab herantrat und nach kurzem Zögern die mitgebrachten Blumen auf den Sarg hinunter warf. Durch seine tränenerfüllten Augen konnte er kaum noch erkennen, welches Bild sich im bot, und er war dankbar, als sein Vater ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn zurückführte.

"Komm, Kevin, quäl' dich nicht. Es ist vorbei! Laß' uns gehen."

Ja, es war vorbei. Für immer vorbei! Nie wieder würde er seinen geliebten Freund in den Arm nehmen, in streicheln und küssen können und mit ihm glücklich sein.

Er konnte immer noch nicht begreifen, warum Frank das getan hatte. Es gab keinen Grund dafür. Kevin kannte Frank mittlerweile so gut, daß er doch gemerkt hätte, wenn etwas nicht gestimmt hätte, wenn Frank Probleme gehabt hätte, die ihn zu solch einer Tat veranlaßt hätten.

Plötzlich blieb Kevin stehen und sah vor sich auf den Boden.

"Hey, Kevin, komm weiter. Laß uns diesen Ort verlassen. Du mußt auf andere Gedanken kommen."

"Es war kein Selbstmord!"

Sein Vater sah ihn verwundert an.

"Was sagst Du?"

"Es war kein Selbstmord! So etwas hätte Frank nie getan."

Sein Vater faßte ihn an die Schultern und sah ihm mit ernstem Blick ins Gesicht.

"Hör mal. Ich kann verstehen, wie Du Dich jetzt fühlst. Es ist schwer, den Menschen, den man liebt, zu verlieren. Auf diese Weise zu verlieren! Aber das Leben wird weitergehen. Verrenne Dich jetzt nicht in eine sinnlose Idee. Du hast mir doch erzählt, daß selbst die Polizei keinen Zweifel an einem Selbstmord hat..."

Kevin schüttelte energisch den Kopf.

"Trotzdem! Frank hatte keinen Grund, Selbstmord zu begehen. Ich kenne ihn sehr gut. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Wenn er solche Probleme gehabt hätte, hätte er mit mir darüber gesprochen. Nein, Frank hat sich nicht umgebracht! Das weiß ich ganz genau. Und ich werde herausfinden, was wirklich los war."

Kevins Stimme klang fest entschlossen, und sein Vater wurde sehr besorgt. Er war sich sicher, daß Kevin die Wahrheit einfach nicht akzeptieren wollte, daß er sie nicht akzeptieren konnte, weil er sich verletzt und allein gelassen fühlte. Der Schmerz über diesen plötzlichen Verlust ließ ihn Dinge sehen, die nicht haltbar waren.

"Kevin, du wirst sehen, in ein paar Wochen siehst Du die Sache ganz anders. Gönn' Dir etwas Ruhe. Du mußt erst über die Sache hinwegkommen. Danach wirst Du die Dinge viel klarer sehen. Komm', wir fahren nach Hause."

Wortlos gingen sie weiter, und als sie bei Kevins Wohnung ankamen hatte nicht nur der Regen aufgehört, sondern auch seine Tränen waren versiegt.

Kevin ließ sich durch die Worte seines Vaters nicht von seiner Meinung abbringen. Franks Tod war kein Selbstmord. Dessen war er sich absolut sicher.

Natürlich saß der Schmerz tief in ihm, und seine Gedanken kreisten nur um seinen toten Freund. Deswegen würde er auch noch einige Tagen warten. Er mußte einen klaren Kopf haben, wenn er die Sache angehen wollte. Ja, er würde die Sache angehen. Er wollte beweisen, daß Frank nicht durch eigenes Verschulden gestorben war. Irgend jemand hatte da seine Finger im Spiel. Und Kevin würde diesen jemand finden. Er würde ihn finden, und dann mußte dieser jemand für diese Tat bezahlen!

Fünf Wochen waren seit Franks Tod vergangen. Kevin hatte in diesen Tagen nicht nur viel geweint, sondern er hatte auch viel gegrübelt.

Er hatte über sich und Frank nachgedacht, ihre kurze, aber wundervolle gemeinsame Zeit und über diese Nacht. Diese Nacht, in der irgend jemand nicht nur Franks Leben, sondern auch ihr gemeinsames Glück beendet hatte.

Dieses Grübeln ließ die Erinnerung an die Gespräche mit Frank wieder lebendig werden, die er mehrmals geführt hatte, wenn seinen Freund Depressionen wegen dem Tod seiner Eltern überkamen. Damals hatte Kevin leicht reden gehabt, war es ihm nie schwer gefallen, Frank von der Last der Vergangenheitsbewältigung zu befreien. Obwohl er Frank liebte, und es ihn schmerzte, wenn er ihn leiden sah, so konnte er seine Trauer um die verlorenen Eltern immer nur als Außenstehender teilen. Ihm hatte immer die emotionale Beteiligung gefehlt, und er hatte stets nur versucht - nur versuchen können - die Sache vom Kopf her anzugehen.

Heute, inmitten dieser eigenen emotionalen Beteiligung, wurde Kevin bewußt, daß Frank damals nicht verstehen konnte, wenn er ihn mit Argumenten zu trösten versuchte, und Kevin erinnerte sich an jenen Abend, als sie gemeinsam auf der Geburtstagsparty eines Freundes gewesen waren.

An diesem Abend hatte Frank auch wieder mit seinen Erinnerungen zu kämpfen, und es hatte lange gedauert, bis er sich soweit gefangen hatte, daß sie zu der Party gehen konnten.

Natürlich kamen sie viel zu spät, und das Geburtstagskind beklagte sich mit gespielter Entrüstung.

„Nein, ihr kommt also doch noch! Wie heißt es doch so schön: Je schöner der Abend ...“

Frank war gar nicht zum Scherzen aufgelegt, und nachdem sie ihr Geschenk überreicht hatten, zog er sich recht schweigend in eine Ecke zurück und studierte die Plattencover.

„Hey, was ist eigentlich mit Frank los? Habt ihr Zoff?“

Kevin schüttelte den Kopf.

„Nein, Martin, er hat Depressionen wegen dem Tod seiner Eltern. Laß‘ ihn am bestens ganz in Ruhe, dann fängt er sich schon wieder!

Wie läuft’s bei Dir und Saskia? Seid ihr noch zusammen?“

„Na klar! Bei uns ist alles bestens. Sie ist einfach süß – und geil!“, fügte er hinzu und zwinkerte mit einem Auge.

Kevin grinste und schüttelte den Kopf.

„Ich kann das ja immer noch nicht glauben!“

Martin hob die Augenbrauen und sah Kevin verwundert an.

„Was? Was kannst Du nicht glauben?“

„Na, daß Du immer noch mit einer Frau zusammen bist.“

„Warum denn nicht? Nur, weil ich mal ne Zeitlang was mit Männern hatte?“

Er zuckte nachdenklich mit den Schultern.

„Tja, ich bin halt nicht einseitig festgefahren!“

Es läutete an der Tür, und Martin ging um zu öffnen. Kevin holte zwei Gläser Bier und ging dann hinüber zu Frank, der immer noch allein in einer Ecke hockte.

„Hier!“

Kevin hielt seinem Freund das Glas hin. Frank nahm das Glas kommentarlos entgegen und stellte es auf den Tisch ohne auch nur einmal daran zu trinken.

„Hey, was ist los?“, erkundigte sich Kevin, obwohl er genau wußte, was Franks Stimmung trübte.

„Nichts!“, antwortete Frank kurz und mürrisch.

 „Hör‘ mal: Wenn Du keinen Bock hast, laß‘ uns wieder fahren. Ich hab‘ jedenfalls keine Lust, den Abend hier in schlechter Stimmung zu verbringen.“

„Dann fahr‘ doch!“

Kevin wurde ärgerlich.

„Mensch, Frank, wir haben schon den ganzen Abend darüber gesprochen. Ich habe Dir doch erklärt, daß Du Dich damit abfinden mußt. Deine Eltern sind tot, und nichts bringt sie Dir zurück. Quäl‘ Dich nicht ständig mit diesen Erinnerungen. Das macht es doch nur noch schlimmer!“

Wie leicht war ihm das damals über die Lippen gekommen, und wie wenig konnte er verstehen, daß Frank seinen Argumenten nicht folgte.

Doch heute, heute verstand er, daß Argumente niemals über den Verlust eines geliebten Menschen hinweghelfen konnten. Das war im spätestens in jener Nacht klar geworden, als man Frank auf der Trage an ihm vorbei getragen hatte. Heute waren die Argumente gewichen, hatten in ihm eine Leere hinterlassen, die sich in der letzten Zeit immer mehr mit Trauer und Verzweiflung gefüllt hatte. Und da war diese Wut, dieser Zorn über das unsinnige Ende von Franks Leben und das Aus ihres Glückes.

Je mehr er über diese Nacht, diese Tat, nachdachte, desto sicherer wurde er, daß er mit seiner Vermutung recht hatte. Und heute stand für ihn unerschütterlich fest, daß irgend jemand Frank ermordet hatte. Er hatte keine Ahnung warum, wußte nicht, was Frank getan haben könnte, daß man ihm das angetan hatte, aber es mußte einen Grund geben. Und Kevin war wild entschlossen, nicht nur den Grund, sondern auch den Täter zu finden. Das war er seinem Freund schuldig.

Er war an diesem Morgen alleine auf dem Friedhof. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Kevin stand an Franks Grab und sah auf die wenigen Blumen, die die noch frische Erde schmückten.

"Hallo, Frank! Du fehlst mir so unendlich. Du hast mir so viel bedeutet.

Warum nur... wieso... was ist nur passiert? Wer hat Dir das angetan?

Ich liebe Dich so sehr, und ich kann immer noch nicht glauben, daß es vorbei ist. Es kam alles so plötzlich, so unvermittelt. Warum war ich an diesem Abend nur nicht bei Dir!? Warum hast Du mir nie davon erzählt, daß irgend etwas nicht stimmt? Oder habe ich es einfach nur übersehen? Habe ich Dir nicht richtig zugehört? Deine Hilferufe vielleicht nicht verstanden?

Sie wollen mir einreden, Du hättest das selbst getan. Nein, mein Schatz, ich kann das nicht glauben. Du hättest so etwas nie getan. Du warst immer so stark, so selbstsicher. Was ist nur geschehen?

Nein, ich glaube nicht, daß Du das selbst getan hast. Und eins schwöre ich Dir:

Ich werde herausfinden, was hier geschehen ist. Und ich werde den Verantwortlichen finden. Das bin ich Dir schuldig!

Sie sagen, das Leben wird weitergehen. Hm, wenn sie nur wüßten, wie schwer das sein wird. Du fehlst mir so sehr. Ich weiß einfach nicht, wie ich ohne Dich leben soll.

Ja, irgendwie wird das Leben wohl weitergehen. Aber eins kannst Du mir glauben: Ich werde Dich nie vergessen. Du hast mich in den letzten Monaten zum glücklichsten Menschen auf der Welt gemacht. Dafür danke ich Dir!"

Kevin stand noch einige Minuten regungslos vor dem Grab und weinte. Der Schmerz saß tief in ihm, und es würde noch lange dauern, bis er auch nur einigermaßen über den Verlust seines geliebten Freundes hinwegkommen würde.

Dann machte er sich auf den Weg.

Er hatte sich lange darüber Gedanken gemacht, was er tun sollte, um seine Meinung auch beweisen zu können. Er brauchte einen Anhaltspunkt, wo er suchen mußte. Irgendwo mußte es einen Hinweis darauf geben, warum Frank das passiert war.

Kevin hatte auch mit ihrem gemeinsamen Freund Martin lange über Franks Tot gesprochen. Kevin war nach Franks Tot oft bei Martin gewesen, hatte sich bei ihm ausgeheult und ihm auch immer wieder diese Frage gestellt: Warum?

„Vielleicht konnte er die Sache mit seinen Eltern nicht überwinden? Das kam so plötzlich für ihn, und er hat doch immer wieder sehr darunter gelitten. Vielleicht ging ihm die Angelegenheit näher, als er es sich hat anmerken lassen, als er es zugeben wollte?“

Kevin hatte diesen Grund auch in Erwägung gezogen, aber je mehr er darüber nachdachte, desto sicherer wurde er sich, daß dieses Problem für Frank nicht so belastend gewesen war, daß er deswegen Selbstmord begehen wollte. Sicher, Frank hatte unter dem Tot seiner Eltern gelitten und hatte immer wieder Depressionen deswegen, aber bisher hatte er diese Gefühle immer wieder nach kurzer Zeit unter Kontrolle bringen können. Es war schwer für ihn gewesen, das gab Kevin zu, aber sich deswegen das Leben zu nehmen – nein!

All‘ das Grübeln über das Warum dieser sinnlosen Tat führte zu keinem Ergebnis, und so hatte Kevin sich entschlossen, daß er sich bei Frank in der Wohnung einmal umsehen wollte. Er hatte noch immer den Schlüssel, den Frank ihm gegeben hatte, und vielleicht würde er dort etwas finden, das ihm weiterhelfen würde.

Dem Haus war nicht mehr anzusehen, was hier vor wenigen Wochen geschehen war. Auf der Straße ging alles wieder seinen gewohnten Gang.

Kevin saß einige Minuten still in seinem Wagen und dachte an die Nacht. An die schlimmste Nacht seines Lebens, in dem alle seine Träume ein jähes Ende gefunden hatten. In seinen Gedanken sah er noch mal den Ablauf der Geschehnisse, und er sah auch den entsetzlichen Anblick seines Freundes.

Kevin schüttelte den Kopf, als könne er damit die schmerzlichen Erinnerungen hinwegfegen. Er durfte jetzt nicht mehr ständig den Gedanken an die Vergangenheit nachhängen. Er mußte sich auf seine Aufgabe konzentrieren. Er wollte herausfinden, was wirklich geschehen war. Dazu brauchte er seine volle Konzentration.

Er prüfte nochmals, ob er den Schlüssel zu Franks Wohnung bei sich hatte und verließ dann den Wagen. Mit schweren Schritten ging er zu dem Eingang und schloß die Haustür auf.

Langsam stieg er die Treppe hinauf, und als er vor Franks Wohnungstür stand, hielt er einen Moment inne.

Irgendwie erwartete er, daß jeden Moment die Tür aufging, und Frank ihn mit einem freudigen Lächeln begrüßen würde. Mit dem gleichen Lächeln, mit dem er Kevin schon am ersten Abend für sich gewonnen hatte.

Aber nichts geschah. Die Tür blieb verschlossen, und auch hinter der Wohnungstür war kein Laut zu hören.

Was würde ihn dort drinnen erwarten? Wie würde es sein, wenn er jetzt diese Wohnung betrat? Die Wohnung, in der er schon so oft gewesen war, und in der er unendlich schöne Stunden mit Frank erlebt hatte. Nie wieder würde er solche Stunden hier verleben.

Mit zitternden Händen und mit einem flauen Gefühl in der Magengegend schloß er auf und öffnete die Wohnung.

Alles war noch an seinem gewohnten Platz. An der Garderobe hing noch Franks Jacke, die er bei ihrem letzten Treffen getragen hatte. Direkt darunter standen seine Schuhe, und auf dem kleinen Tisch lag die noch ungelesene Post.

Kevin schloß die Tür und ging langsam weiter.

Es war eine kleine Wohnung. Außer einer Küche, der Toilette und dem Flur gab es nur noch das Wohnzimmer, in dem auch sein Bett stand. Jenes Bett, in der sie ihre erste Nacht miteinander verbracht hatten. Diese Nacht, die der Anfang ihrer Liebe gewesen war, und die Kevin nach Jahren der Sehnsucht endlich das gebracht hatte, was er sich immer erträumt hatte.

Als er das Zimmer betreten hatte und das Bett sah, mußte sich Kevin zusammenreißen. Das ohnehin schon mulmige Gefühl in ihm steigerte sich zu unerträglicher Übelkeit, als er das blutverschmierte Laken sah. Hier war es also geschehen! In diesem Bett, in dem alles begonnen hatte, hatte auch alles ein Ende gefunden: Franks Leben, ihre Liebe und ihre Beziehung!

Nach einigen Sekunden konnte Kevin den Anblick nicht mehr ertragen und schlug die Bettdecke vom Fußende nach oben um den widerlichen Anblick zu verdecken. Dann sah er sich weiter um.

Eigentlich war alles wie immer. Kevin konnte nichts außergewöhnliches entdecken. Er sah sich auf dem Fußboden um, blätterte die wenigen Papiere auf dem kleinen Schreibtisch durch und warf einen Blick in den Schrank.

Ganz im Gegenteil zu Franks chronischer Unordnung auf Schreibtisch und Bett war der Schrank ordentlich aufgeräumt. Alle Kleidungsstücke hingen und lagen an ihrem Platz, und der Stapel mit den T-Shirts lag wie mit dem Lineal gezogen.

Kevin wollte den Schrank schon wieder schießen, als ihm etwas auffiel. Irgend etwas störte das Bild der peinlich ordentlich aufgestapelten T-Shirts. Es war eine fast unmerkliche Wölbung der unteren Shirts, die ihm sofort auffiel, und die Kevin sofort signalisierte, daß irgend etwas unter dem Stapel verborgen lag.

Vorsichtig hob er die T-Shirts an. Und tatsächlich! Frank hatte etwas unter dem Stapel versteckt. Es war ein kleines Buch. Kevin holte es heraus und las den Aufdruck:

 Mein Tagebuch 

Und mit Handschrift war darunter eingetragen:

Frank Schneider

Kevin war einigermaßen überrascht. Er hatte nicht gewußt, das Frank ein Tagebuch führte. Er hatte nie darüber gesprochen.

Kevin blickte zum Fenster hinaus und überlegte.

Durfte er dieses Tagebuch jetzt lesen? Hatte Frank nicht hier wahrscheinlich all' die Dinge niedergeschrieben, die er für sich behalten wollte? Durfte er sich jetzt das Recht nehmen, diese Aufzeichnungen zu lesen, in die privatesten Gedanken seines verstorbenen Freundes einzudringen?

Und was würde er alles hier erfahren? Erfahren über Frank und vielleicht auch über ihre Beziehung, ihre Liebe zueinander.

Aber wenn er Franks Tod klären wollte, brauchte er Informationen, Vielleicht fand er in diesem Tagebuch einen Hinweis, der ihn zu dem Täter führen würde.

Nach langem Überlegen kam er zu dem Schluß, daß Frank es verstehen würde, wenn er aus diesen Gründen das Tagebuch lesen würde. Ja, wenn er dadurch Franks sinnlosen Tod aufklären, wenn er Licht in das Dunkel bringen könnte, dann konnte es nicht falsch sein, sich die Aufzeichnungen jetzt anzusehen.

Kevin setzte sich an den Schreibtisch und schlug das Tagebuch auf.

Mit meinen Gedanken bin ich nur
bei Dir,
in all' den Stunden, die Du nicht
hier
Du hast mir so viel Glück gegeben
ich möchte nur mit Dir noch leben!
28.04.95

Kevin blickte auf und sah aus dem Fenster. Was würde ihn auf den folgenden Seiten noch alles erwarten? Würde er die Erinnerungen, die Frank hier aufgezeichnet hatte, ertragen können?

Aber er sah keinen anderen Weg Anhaltspunkte für seine Überzeugung zu finden. Er hatte ein Versprechen gegeben, und er wollte dieses Versprechen einlösen. Langsam blätterte er zur nächsten Seite um.

28.04.95

Seit einigen Wochen bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Kevin ist wirklich der liebste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Er ist so süß, so unwiderstehlich. Ich kann es kaum aushalten, wenn er nicht da ist. Den ganzen Tag auf der Arbeit muß ich nur an ihn denken. Ich glaube, die anderen merken langsam etwas. Ich muß mich bemühen, etwas vorsichtiger zu sein. Es wäre zwar sehr schön, wenn ich ihnen offen erzählen könnte, wie glücklich ich mit Kevin bin, aber ich glaube kaum, daß sie das verstehen könnten. Und akzeptieren würden sie es mit Sicherheit nicht. Heute habe ich Kevin vom Training abgeholt und wir waren anschließend in der Stadt. Später waren wir noch im Pink Panther. Wir haben uns über unser erstesTreffen dort unterhalten und haben uns köstlich darüber amüsiert, wie schüchtern wir beide gewesen waren. Aber rückwirkend betrachtet bin ich froh, daß alles so gekommen ist. Es ist zwar schon gleich zwölf Uhr, aber ich glaube, ich werde ihn nochmals anrufen. Ich muß einfach nochmal seine Stimme hören. Ich liebe ihn so sehr!

Kevin schloß die Augen und atmete tief durch. Er konnte nur zu gut verstehen, was Frank da schrieb. Ihm ging es schließlich genau so. Es schmerzte, all' diese Erinnerungen noch mal durchleben zu müssen, ihre gemeinsame Zeit und ihre gemeinsamen Gefühle füreinander, aber es tat auch gut. Es tat so gut jetzt auch schwarz auf weiß zu lesen, daß ihre Liebe so tief, so ehrlich gewesen war. Es war die Bestätigung dafür, daß Frank ihre Beziehung so verstanden hatte, wie auch Kevin es getan hatte. Was hätte sich alles noch daraus entwickeln können!?

Dann las er weiter.

30.04.95

Dieses Wochenende war einfach phantastisch. Kevin und ich sind am Samstag morgen ins Bergische gefahren und haben dort gezeltet. Das Wetter hat einigermaßen mitgespielt. Obwohl es in der Nacht ziemlich kalt war, haben wir nicht gefroren. Es war ein irres Gefühl, als wir zusammen in den Schlafsack gekrochen sind. Es tut einfach gut, wenn Kevin so nah bei mir ist. Ich kann gar nicht genug davon bekommen ihn zu berühren und seine Haut zu fühlen.Tagsüber waren wir schwimmen und haben uns die Gegend angesehen. Bei einem dieser Spaziergänge haben wir einen einsamen Hochsitz entdeckt. Wir sind da rauf und haben' es' dort gemacht. War ein echt starkes Erlebnis. Ganz anders als zu Hause.
Leider ist dieses Wochenende schon wieder zu Ende. Kevin ist eben erst nach Hause gegangen, aber ich vermisse ihn jetzt schon wieder so sehr. Seit meine Eltern nicht mehr leben, ist er zu einem unverzichtbaren Halt in meinem Leben geworden. Ich hoffe, daß ich ihn nie verlieren werde. Morgen muß ich wieder zur Arbeit. Bei dem Gedanken daran wird mir ganz schlecht. Peter wird mich bestimmt die ganze Woche wieder wegen den neuen CDs nerven. Der Kerl geht mir so auf den Sack, aber wenn ich zuviel Kontra gebe, rennt er zu seinem Alten und ich bin den Job los. Ich hoffe, es ist bald vorbei.

Kevin dachte zunächst an das gemeinsame Wochenende, von dem Frank hier erzählt hatte. Er konnte sich noch genau an diese Tour erinnern, und er mußte bei dem Gedanken an die Geschichte mit dem Hochsitz lächeln. Er wußte noch, wie aufgeregt er gewesen war, das plötzlich jemand hätte vorbeikommen können. Doch schließlich trübte das Jetzt, die Wirklichkeit, in der Frank nicht mehr war, und in der es ihn nie wieder geben würde, die angenehmen Erinnerungen an die Vergangenheit.

Dann las er den letzten Teil des Eintrages nochmals durch.

Kevin wußte, daß Frank in einem Tonstudio gearbeitet hatte, das Musikbänder produzierte und diese dann an einen CD-Hersteller lieferte. Aber warum ging er mit soviel Unwillen zur Arbeit? Und wieso sollte dieser Peter ihn nerven?

Interessiert las Kevin weiter.

01.05.95 
Mensch, das war heute ein Tag. Wir haben heute das neue Band von den Sunrisers fertiggestellt. Obwohl die Jungs ziemlich nett sind, war es doch ein stressiger Tag. Und natürlich war Peter auch wieder da. Der Kerl geht mir so auf die Nerven. Er war noch nicht richtig da heute morgen, da hat er direkt gefragt, ob ich mich um die letzte Lieferung gekümmert hätte. Ich habe nur eine spitze Bemerkung gemacht, und schon hat er wieder mit seinem Alten gedroht! Manchmal wünsche ich mir, er würde es auch endlich mal tun. Es wäre mir fast egal, wenn sie mich deswegen rausschmeißen würden. Ob Peter sich einbildet, nochmal so einen Blödmann wie mich zu finden, der ihm die CDs besorgt. Naja, dafür habe ich halt ein paar mal mit Kevin telefoniert. Das hat mir dann doch noch die Laune für heute gerettet. Ich werde jetzt gleich zu ihm gehen, und dann sehen wir, was wir heute Abend unternehmen. Ich freue mich auf ihn.

 

Kevin sah abermals zum Fenster hinaus und dachte nach. Was hatte das mit diesem Peter auf sich? Und wieso hatte Frank ihm CDs zu besorgen? Irgend etwas schien doch da nicht zu stimmen.

Kevin laß die nächsten Einträge im Tagebuch seines Freundes. Frank schrieb hauptsächlich von ihrer Beziehung und ihren gemeinsamen Unternehmungen. Und in gewissen Abständen schrieb er auch von seiner Arbeit.

Bei einem Eintrag, der erst kurze Zeit zurücklag, stutzte Kevin und laß ihn nochmals durch.

21.06.95 
Ich glaube, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Sache mit den CDs zu beenden. Ich habe heute durch Zufall mitbekommen, wie Peter mit einem Freund telefoniert
hat. Peter sprach davon, daß sie wohl auch an dieser Lieferung wieder rund50.000 Mark verdienen würden. Ich war echt schockiert! Mir hat er erzählt, er würde die CDs zu Werbezwecken brauchen. Aber anscheinend betreibt ereinen regen Handel damit. Und das alles an der Kasse seines Alten vorbei.
Wenn ich hochrechne, wieviele Lieferungen jedes Jahr er allein von mir auf diesem
Weg bekommen und unter der Hand weiterverkauft hat, muß er bereits über eineMillion an den CDs verdient haben. Jedes Jahr! Das ist doch eindeutig Betrug!
Ich weiß nicht, ob ich ihn mal darauf ansprechen sollte. Ich habe jedenfalls keineLust, mich weiter an seinen illegalen Geschäften zu beteiligen. Nachher wälzter noch die ganze Sache auf mich ab, wenn jemand dahinter kommt. Oder sollte ich 
mit seinem Alten reden? Nein, der würde eh' nur seinen Sohnemann decken, unddann bin ich nachher der Schuldige. Ich denke, ich sollte Peter morgen direkt
Bescheid sagen, daß ich von seinen Aktionen weiß, und daß ich damit nichts zu tunhaben will. Wahrscheinlich werde ich zwar dann meinen Job verlieren, aber das
ist mir die Sache wert.

Kevin schloß die Augen und holte tief Luft. War das ein Ansatzpunkt? War das eine Geschichte, die Franks Tod erklären konnte? Er wußte es nicht, aber auf jeden Fall war es eine Sache, die er weiter prüfen mußte. Wenn Frank diesem Peter wirklich von seinen Erkenntnissen erzählt hatte und ihm gesagt hatte, daß er ihn nicht mehr unterstützen würde, dann...

Mein Gott! Dann könnte das auch der Grund für Franks Tod sein! Immerhin schien es um jährlich über eine Million Mark Gewinn zu gehen. Und die ganz sicher noch an der Steuer vorbei! Ja, das könnte ein Grund für Mord sein!

Kevin war sich sicher, daß sich sein Verdacht zu bestätigen schien. Frank war da in eine Sache hineingezogen worden, die das Zeug hatte, gefährlich zu werden. Und wenn Kevin mit seiner Vermutung recht hatte, war sie es für Frank auch geworden!

Während Kevin nachdenklich zum Fenster hinaussah, hatte er wieder das Bild von jener Nacht vor Augen. Dieses Bild seines Freundes, der blutüberströmt auf der Trage gelegen hatte, und Kevin spürte, wie die Tränen erneut in ihm hochstiegen.

Warum nur? Warum nur war dies geschehen? Welche Sache der Welt war es wert, daß ein Leben so enden mußte?

Neben dem Schmerz und der Trauer, die von seinem Herzen und seinem Denken erneut Besitz ergriffen, fühlte Kevin noch etwas anderes. Er spürte Haß! Abgrundtiefen Haß! Es war genau dieses Gefühl, das mit seiner Philosophie, die ihm sein Kampfsport seit Jahren vermittelte, nicht harmonierte, und das eigentlich nie hätte auftreten sollen. Aber Kevin konnte sich nicht dagegen nicht wehren. Es ergriff rücksichtslos von ihm Besitz, interessierte sich nicht für Moral und Philosophien. Es war einfach da, wuchs und breitete sich in seinem Inneren unaufhörlich aus. Kevin konnte es nicht unterdrücken, aber er wußte auch, daß er sich in seinem weiteren Handeln nicht von diesem Gefühl leiten lassen durfte. Er mußte sich zusammenreißen und versuchen, besonnen zu handeln.

Er stand auf und holte sich in der Küche ein Glas Wasser. Dann las er in Franks Tagebuch weiter.

 

Weiter zu  >>  Teil 4