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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.

Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!

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"Schatten auf dem Regenbogen"

- Teil 4 -

2. Kapitel: Jäher Frost (Fortsetzung)

Er stand auf und holte sich in der Küche ein Glas Wasser. Dann las er in Franks Tagebuch weiter.

23.06.95
Gott sei Dank, daß wir Wochenende haben! Ich habe Peter heute erzählt, daß ichsein Telefongespräch von neulich mitbekommen habe, und daß ich keine Lust hätte,mich an irgendwelchen illegalen Aktionen zu beteiligen.
Er hat merkwürdiger Weise überhaupt nicht sauer reagiert. Er sagte lediglich,daß wir uns darüber nochmals unterhalten sollten. Er war so scheißfreundlich, wieich ihn noch nie erlebt habe. Ich glaube, der führt irgendwas im Schilde! Ich denke,ich muß aufpassen! Heute morgen hat er mich noch gebeten, mit dem Tontechnikerder Sunrisers zu sprechen. Der sollte uns einen Livemitschnitt ihres Konzertes
Anfang August besorgen. Wahrscheinlich will Peter da auch wieder 'ne CD von
produzieren und auf dem Schwarzmarkt verkaufen.
Heute habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich Kevin von der Sache erzählensollte. Eigentlich sollte ich ihm davon erzählen. Er ist ja schließlich mein Freund!Aber ich denke, ich will ihn da nicht mit hineinziehen! Es ist schon blöd genug, daß
ich in die Sache geschlingert bin. Und wie's aussieht, ist es mir ja noch rechtzeitiggenug aufgefallen. Nein, ich werd' ihm erst mal nichts davon erzählen!

Kevin legte den Kopf in den Nacken.

'Oh Gott, Frank! Hättest Du es doch nur getan! Irgendwie hätte ich Dir bestimmt daraus helfen können.'

Kevin spürte, wie ihn erneut Selbstvorwürfe zu quälen begannen.
'Vielleicht hätten wir gemeinsam einen anderen, einen sichereren Weg gefunden. Und vielleicht wäre ich auch an ... an diesem Abend bei Dir gewesen. Warum hast Du nicht mit mir gesprochen?'
Nochmals las er diesen Eintrag durch.

Was hatte Frank da über das Konzert geschrieben? Es sah ganz so aus, als sei jemand aus dem Umfeld dieser Gruppe auch an der Sache beteiligt gewesen. Das war zumindest eine zweite Person, die Kevin durch Franks Aufzeichnungen mit der Angelegenheit in Verbindung bringen konnte.

Die 'Sunrisers'!

Kevin hatte schon von ihnen gehört. Es war eine deutschsprachige Gruppe, die zur Zeit mit einer Welle schmusiger Love-Songs großen Erfolg hatte.

Kevin hatte eine spontane Idee. Anfang August gab die Gruppe ein Konzert in der Stadt. Vielleicht sollte er da mal hingehen? Mit etwas Glück könnte er vielleicht auch an diesen Tontechniker herankommen, mit ihm sprechen, um so weitere Informationen zu bekommen!

Die Zeitung!

Kevin fiel ein, daß im Flur auf dem Schränckchen bei der letzten Post, die Frank noch aus dem Briefkasten geholt hatte, auch eine Zeitung gelegen hatte. Dort würde er bestimmt einen Veranstaltungskalender finden.

Die Aufregung darüber, einen möglichen Ansatzpunkt gefunden zu haben, ließ seine Hände nervös zittern während er die Zeitung durchblätterte.

Auf der Seite mit dem Lokalteil fand er schließlich, was er suchte. Neben den Kinovorschauen und zahlreichen Last-Minute-Reiseangeboten standen die Konzertvorankündigungen. Und nach einem kurzen suchenden Blick fand er auch gleich die Anzeige für das Konzert der 'Sunrisers':

Konzerthalle
Freitag, 04. August 1995
Sunrisers
Beginn: 20°° Uhr Einlaß 19°° Uhr
Vorverkauf 34,- DM
Abendkasse 39,- DM

Er besah sich die Anzeige immer und immer wieder. Und er überlegte! Konnte das wirklich so etwas wie ein Anfang sein? Der Anfang einer Geschichte, an deren Ende die Klärung von Franks Tod stand?

Kurz entschlossen griff er zum Telefon. Überraschenderweise war es noch nicht abgestellt worden, und das Freizeichen ertönte wie gewohnt.

Kevin wählte die Nummer der Auskunft und ließ sich die Nummer der Konzerthalle geben. Dann rief er dort an.
"Konzerthalle, mein Name ist Rosenbach!"

"Guten Tag, gibt es noch Karten für das Konzert der 'Sunrisers' nächsten Freitag?"

Kevin hielt die Luft an. Er hoffte inständig, daß der Mann am anderen Ende der Leitung ihm bestätige, daß das Konzert noch nicht ausverkauft war.
"Tut mir leid, aber alle Karten sind ausverkauft!"
"Hören Sie, es ist unheimlich wichtig, daß ich noch eine Karte bekomme!"
Der Mann unterbrach ihn.
"Ich sagte doch, alle Karten sind ausverkauft! Wenn Sie unbedingt hin wollen, gehen Sie übermorgen zum Volksgarten. Die 'Sunrisers' sind dort auf dem Sommerfest und werden noch einige Karten verlosen. Mit etwas Glück sind Sie doch noch dabei!"
Kevin bedanke sich und legte auf.
'Verflucht!', dachte er bei sich und blickte abermals grübelnd aus dem Fenster.
Was sollte er jetzt tun? Er mußte zu diesem Konzert. Das war die einzige Chance, an diesen Typen heranzukommen. Also mußte er wohl oder übel auf dieses Sommerfest gehen.
Ja, das war eigentlich sogar eine sehr gute Idee. Zum einen konnte er ja tatsächlich eine dieser Karten gewinnen. Und besser noch: Die Band war auch da! Also könnte er ja vielleicht dort bereits Kontakte knüpfen, die ihm die Chance bieten würden, an diesen Techniker heranzukommen.
Kevin schlug das Tagebuch zu und stand auf. Sein Blick streifte durch das Zimmer und erneut überfielen ihn wehmütige Gedanken an die Vergangenheit. Alles in diesem Raum erinnerte ihn an die gemeinsame Zeit mit Frank. Kevin hatte keine Ahnung, wie er jemals darüber hinweg kommen sollte. Es tat so weh in seinem Herzen, und wenn ihn diese Erinnerungen überkamen, war es noch genauso schlimm wie am ersten Tag. Wann würde diese Sehnsucht endlich nachlassen?
Kevin spürte, wie seine Augen sich wieder mit Tränen füllten und verließ schweren Herzens die Wohnung. 
Auch Kevin blickte dem Heißluftballon nach, der sich etwas weiter abseits von der großen Wiese in die Lüfte erhob und eine weitere Gruppe interessierter Gäste mit sich nahm. Zahlreiche Menschen verrenkten sich die Hälse um dieses Erlebnis zu beobachten. Ein strahlend blauer Himmel ohne jede Wolke lag über der Stadt, und die Sonne brannte erbarmungslos auf das Sommerfest herunter.
Ein paar Kinder rannten freudestrahlend durch die Menge, und Kevin konnte gerade noch rechtzeitig mit einem raschen Schritt zur Seite verhindern, daß seine Jeans die Bekanntschaft mit einem Vanilleeis machte. Der kleine Junge kreischte vor Aufregung und bedankte sich für Kevins schnelle Reaktion mit einem lauten "Danke" ohne sich dabei auch nur umzusehen. Kevin mußte lächeln und ging dann weiter.

Er schlenderte langsam über die Festwiese und hielt Ausschau, suchte nach dem Stand, an dem er die 'Sunrisers' treffen wollte. Er hatte sich am Morgen an einem Kiosk eine Musikzeitschrift gekauft, deren Titelblatt die Band zierte. Dadurch hatte er erfahren, wie die einzelnen Bandmitglieder aussehen und wie sie hießen. Es war jetzt 15 Uhr 30, und die Band hatte in einer halben Stunde ihren Auftritt.

Kevin ging zu einem Getränkestand am Rand des Festplatzes und bestellte sich eine Cola.
Seine Gedanken kreisten immer wieder um Franks Tagebuch. Er hatte noch einige der Einträge gelesen, und je näher er an ... an diesen Tag gekommen war, desto öfter schrieb Frank von seiner Arbeit. Kevin wußte nicht, ob er sich das nur einbildete, aber er hatte das Gefühl, daß Frank unter erheblichem Druck gestanden hatte. Ja, Kevin war sich sicher, daß Frank Angst gehabt hatte. Dieser Peter hatte ihm keine Vorwürfe gemacht, hatte nicht mit seinem Vater gesprochen, und Frank war auch nicht entlassen worden. Aber so friedlich, wie Frank noch bei einem seiner ersten Einträge geglaubt hatte, hatte Peter sich auch nicht verhalten. Frank wurde von ihm eindeutig unter Druck gesetzt. Er hatte ihm ganz klar damit gedroht, daß er, wenn Frank aussteigen würde, die ganze Sache auf ihn schieben würde. Und Frank war der Meinung gewesen, daß ihm das auch ohne weiteres gelingen würde. Schließlich hatte er die CDs bestellt. Und nirgendwo tauchte Peters Name auf. Er hätte sich immer da raus reden können.

Kevin besah sich gedankenverloren die umstehenden Leute und blickte überall in gutgelaunte Minen. Die Leute hier auf dem Sommerfest waren glücklich. Keiner von ihnen schien mit solch trüben Gedanken wie Kevin belastet zu sein.

Plötzlich sah er schräg gegenüber auf der anderen Seite des Getränkestandes ein Gesicht, daß er sofort erkannte. Er hatte dieses Gesicht noch nie persönlich gesehen, aber Kevin erkannte es trotzdem sofort. Und das nicht nur, weil er es heute schon einmal irgendwo gesehen hatte, sondern weil es ein ausgesprochen nettes Gesicht war, in dem sich ein sympathisches Lächeln zeigte. Und weil dieses Lächeln an ihn gerichtet war! Das Lächeln gehörte Alexander Beckmann, dem Sänger der 'Sunrisers'!
Kevin hatte das Gesicht heute in der Musikzeitschrift gesehen und auch dort den Namen des Sängers erfahren. Verlegen blickte Kevin in sein Glas. Was sollte er tun? Der Typ sah nicht nur verdammt gut aus, sondern er lächelte ihn auch noch an. Wie sollte er sich ihm gegenüber verhalten?

Vorsichtig sah er wieder nach oben, tat so, als sehe er sich ziellos um. Aber Alexander Beckmann war verschwunden!

'Mist' dachte er und begann sich schon in Gedanken selbst zu verurteilen. Doch plötzlich stand der Sänger der Sunrisers direkt neben ihm und sprach ihn an.

"Hi, hast Du mal Feuer?"

Beckmann hielt eine Zigarette in der Hand und sah Kevin fragend an.

"Nein, tut mir leid. Ich rauche nicht!"

"Tja, da hast Du's gut! Ich komme einfach nicht davon los. Es ist eine verdammte Sucht!"

Kevin lächelte unsicher. Eigentlich wäre das der ideale Punkt gewesen, Alexander Beckmann genauer kennenzulernen, aber ihm wollte partout nichts einfallen, wie er mit ihm ins Gespräch kommen sollte.

Der Sänger ließ sich von einem Passanten Feuer geben, und sehr zu Kevins Freude blieb er bei ihm stehen.

"Ziemlich viel los hier!", stellte er fest während er den Rauch der Zigarette aus seinen Lungen blies.

Kevin nickte und wollte schon antworten, als sie recht unfreundlich unterbrochen wurden.

"Hey, bist Du nicht dieser Schnulzensänger?"

Ein großer Kerl in Lederklamotten zwängte sich rücksichtslos zwischen sie, und zwei weitere nahmen Alexander Beckmann in die Mitte. Der sah die Typen verunsichert an.
"Keine Ahnung, wen Du meinst. Laß mich in Ruhe!"
Kevin spürte sofort, daß es gleich Ärger geben würde.
"Was hast Du gesagt? Habt ihr das gehört?", fuhr er zu seinen Kumpels gewandt fort und schien sich köstlich zu amüsieren.
"Er hat gesagt, Du sollst ihn in Ruhe lassen! Hörst Du schwer, oder bist Du so einfältig wie Du aussiehst?"
Das Grinsen war sofort aus den Gesichtern der Kerle verschwunden, als Kevin sich in den Streit einmischte. Der Typ zwischen ihm und Beckmann drehte sich ruckartig um und sah Kevin fassungslos an.
"Wie bitte? Wer oder was bist Du denn?"
"Ich bin jemand, der es nicht leiden kann, wenn Kerle wie ihr Leute anpöbeln."
Kevin antwortete in völlig ruhigem Tonfall obwohl er sah, wie der Mann sichtlich in Wut geriet!
"Ich glaub', Dir geht's zu gut!? Schon lange keine Tracht Prügel mehr bekommen?"
Kevin reagierte nicht auf diese Äußerung, und das brachte den Kerl noch mehr in Rage.
"Hey, ich rede mit Dir!"
Er wollte Kevin mit der Hand gegen die Schulter stoßen um ihn in seine Richtung zu drehen, aber Kevin reagierte blitzschnell. Er griff den zustoßenden Arm des Rockers noch bevor er seine Schulter berührte, nutzte den Schwung seines Gegenübers aus und drehte ihm den Arm auf den Rücken, bis der Kerl vor Schmerzen aufheulte. Dann gab Kevin ihm einen kräftigen Stoß, und der Typ landete mit seinem Bauch auf dem Boden. Die Leute ringsum wichen erschrocken zurück.
Die beiden anderen Typen wechselten fassungslose Blicke zwischen Kevin und ihrem Anführer. Der spuckte wutentbrannt den Dreck, der ihm bei seiner Landung in den Mund geraten war, aus.
"Los, Jungs, macht ihn fertig!"
Kevin trat zwei Schritte von der Theke weg und wartete auf den Angriff. Der erste Kerl wechselte noch einen unsicheren Blick mit seinem Kumpel und kam dann mit zugekniffenen Augen auf Kevin zu.
Kevin reagierte wieder blitzschnell. Er trat dem großgewachsenen Mann kurz aber heftig zwischen die Beine, so daß der sich stöhnend vornüber beugte. Kevin nutzt diesen Augenblick, in dem der Angreifer nahezu regungslos vor ihm stand, und ein weiterer kraftvoller Tritt direkt aufs Ohr schaltete den ersten der Angreifer für die nächsten Minuten aus.

Noch ehe der schwergewichtige Kerl am Boden lag, wartete Kevin schon auf den zweiten Angreifer. Als dieser sah, wie sein Kumpel bewegungslos im Gras liegen blieb, wollte er sich mit einem wilden Gebrüll auf Kevin stürzen. Doch auch mit diesem Angriff hatte Kevin nicht sonderlich viel Mühe. Als der Rocker ein paar Schritte auf ihn zukam, drehte sich Kevin herum, und es sah so aus, als wolle er davonlaufen. Dies schien auch der Angreifer zu denken, denn er setzte zu einem schwerfälligen Spurt an, um den Flüchtenden aufzuhalten. Aber Kevin dachte nicht im Traum daran wegzulaufen. Er machte lediglich einen Schritt, hielt dann unvermittelt an und sprang in die Höhe. Dabei stieß er mit einem Bein waagerecht nach hinten und vergrub seinen Fuß in der Magengegend des Angreifers. Dessen eigener Schwung aus dem gerade begonnen Spurt erhöhte die Aufschlagkraft des ohnehin schon kraftvollen Trittes und nahm ihm jede Luft für weitere Aktionen.

Inzwischen war auf der Anführer der Gruppe wieder auf den Beinen und starrte irritiert auf seine beiden Kumpels, die kampfunfähig am Boden lagen. Damit hatte er nicht gerechnet. Wutentbrannt wollte er sich auf Kevin stürzen, doch irgend etwas stoppte seinen Lauf, und er fiel unvermittelt zu Boden. Dabei schlug sein Kopf ziemlich hart gegen die Wand des Getränkestandes, und er blieb besinnungslos liegen.

Kevin blickte etwas verwundert drein und entdeckte, daß der Kerl über Alexanders Bein gestolpert war, das dieser ihm unbemerkt in den Weg gestellt hatte.

"Hey Mann, ich danke Dir. Das war echt nett von Dir!", strahlte Beckmann.

"Ist schon gut! Ich kann solche Typen einfach nicht ausstehen!"

"Trotzdem! Das war echt nett von Dir. Ich hatte 'ne Heidenangst!

Ach übrigens, ich heiße Alexander!"

"Ja, ich weiß! Ich kenne Dich! Ich heiße Kevin! Du bist Sänger bei den 'Sunrisers'?"

Alexander zog überrascht die Augenbrauen hoch.

"Du kennst mich? Freut mich! Gefällt Dir unsere Musik?"

Kevin nahm einen Schluck aus seiner Cola.

"Wenn ich ehrlich bin, kenne ich Eure Musik überhaupt nicht. Tut mir leid!"

"Ach, das macht doch nichts! So berühmt sind wir nun auch nicht! Aber wenn Du willst, kannst Du sie ja mal kennenlernen! Wir haben nächsten Freitag ein Konzert hier in der Stadt. Deswegen bin ich auch hier! Hast Du Lust, vorbeizukommen?"
Kevin mußte lächeln.
"Hätte ich gern getan. Aber alle Karten sind ausverkauft!"
Alexander klopfte ihm auf die Schulter.

"Mensch Kevin, nachdem was Du eben für mich getan hast, brauchst Du doch keine Karte! Du kommst da so rein! Du kommst mit backstage, und nach dem Konzert gehen wir alle noch was trinken. Abgemacht?"

Kevin tat, als überlegte er kurz und hätte sich dann erst entschieden. Das Glück schien auf seiner Seite zu sein. Er hatte nicht nur den ersten aus der Band kennengelernt, sondern er hatte durch die Art ihres ersten Kontaktes auch gleich die Chance bekommen, die Band richtig kennenzulernen. Nicht nur als Zuschauer vor der Bühne, sondern hautnah. Eine bessere Gelegenheit für sein Vorhaben konnte es nicht geben.

"O.k., einverstanden."

"Prima! Du, ich muß jetzt 'rüber! Gleich fängt unsere Kartenverlosung an. Kommst Du mit? Dann stell' ich Dir die anderen Jungs vor."

Kevin nickte und trank seine Cola aus. Dann machten sie sich auf den Weg.

'Sunrisers'
stand auf den großen Plakaten, die rechts und links neben dem Eingang des großen Zeltes hingen. Zahlreiche Besucher des Sommerfestes hatten sich bereits in dem Zelt eingefunden und warteten auf die Stars.

Als Alexander eintrat, kam ein heftiger Applaus auf, und der Sänger der 'Sunrisers' winkte freudestrahlend den Gästen zu.

Kevin hatte ein etwas merkwürdiges Gefühl in der Magengegend als Alexander ihm durch ein Handzeichen zu verstehen gab, daß er ihm folgen sollte. Ihm war es ziemlich unangenehm, so im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Denn durch Alexanders' Zeichen war für die Anwesenden klar, daß Kevin irgendwie dazugehörte, und zahllose Augenpaare musterten auch ihn von oben bis unten.

Zielstrebig ging Alexander hinter den am Kopfende des Zeltes aufgebauten Tisch und zog die Zeltplane etwas zur Seite. Dahinter befand sich noch ein weiteres Zelt, aus dem lautes Gelächter drang. Alexander trat ein und begrüßte die Anwesenden.

"Hallo Jungs! Ich hab' jemanden mitgebracht."

In dem kleinen Zelt befanden sich vier Musiker, und Kevin erkannte sie alle wieder. Auch ihre Gesichter hatte er am Vormittag in der Musikzeitschrift gesehen.

"Das ist Kevin. Er hat mir eben das Leben gerettet!"

Alexander übertrieb deutlich und klopfte Kevin anerkennend auf die Schulter.

"Ihr hättet das sehen sollen. Drei finstere Typen wollten Streit mit mir, und er hat sie recht ordentlich verdroschen! Er kann Kung Fu, oder sowas!"

Kevin spürte, wie er vor Verlegenheit errötete.

Dann stellte Alexander ihm die anderen Bandmitglieder vor.

"Das ist Frank, unser Schlagzeuger. Der unrasierte Typ da hinten ist Pierre. Er spielt Saxophon. Hier haben wir Michael, unseren Keyboarder, und das ist Bernd. Er zupft die Gitarre."

Bei dem Namen des Schlagzeugers zuckte Kevin innerlich zusammen, aber er riß sich zusammen und begrüßte die Bandmitglieder per Handschlag.

Alexander sah auf seine Uhr und stellte fest, daß es mittlerweile vier Uhr war. Sie mußten jetzt raus. Ihre Fans warteten.

"Kommst Du mit rüber? Wir müssen uns den Fragen der Fans stellen und ein paar Freikarten für das Konzert verlosen. Wenn Du Lust hast, können wir ja nachher noch was unternehmen. Ich denke, wir sind in einer Stunde fertig!"

Kevin willigte ein, und sie gingen zurück in das große Festzelt.

Das Zelt war mittlerweile zum Bersten gefüllt, und als die Band eintrat, kam erneut ein heftiger Beifall auf. Kevin ging zur Seite des aufgestellten Tisches und fand noch einen Sitzplatz auf dem Boden, während Alexander und seine Freunde an dem Tisch Platz nahmen.

Alexander brauchte eine ganze Weile, bis er den Beifallssturm durch Handzeichen beenden und die Fans begrüßen konnte. Er bedankte sich für den Beifall und das sie alle gekommen waren. Dann stellte er die Band namentlich vor und erzählte von dem bevorstehenden Konzert und der heutigen Verlosung von Freikarten. Schließlich stellte er das neue Album der 'Sunrisers' vor und wechselweise erzählte die Band kleine Geschichten zu den einzelnen Stücken.

Kevin saß stumm da und sah zu.

Im Laufe der Veranstaltung merkte Kevin, daß sich sein Blick immer wieder mit dem von Alexander traf. Besonders dann, wenn Alexander gerade nicht sprach, schien er ihn ständig zu beobachten. Die Bandmitglieder waren alle ungefähr in Kevins Alter, und Kevin mußte zugeben, daß ihm Alexander besonders gut gefiel.

Aber so schnell, wie ihm der Gedanke gekommen war, verwarf er ihn auch wieder. Es hielt es für höchst unwahrscheinlich, daß Alexander schwul war. Doch Kevin konnte sich trotzdem des Gefühls nicht erwehren, daß ihm Alexander gefiel. Er sah gut aus und strahlte etwas aus, das Kevin fesselte. Und das Lächeln, das Alexander ihm immer wieder zuwarf, löste ein zusätzliches Kribbeln in seinem Bauch aus. Es war fast so wie ...

Der Schmerz kam unvermittelt und heftig! Kevin glaubte, irgend etwas in seinem Inneren würde zerreißen, würde ihn auffressen. Er schloß die Augen und senkte den Kopf auf die auf seinen Knien verschränkten Arme. Ja, das Lächeln von Alexander löste bei ihm die gleichen Gefühle aus, die er empfunden hatte, als er das erste mal Frank gesehen hatte. Und diese Erinnerung brachte auch all' die schmerzlichen Erinnerungen der letzten Wochen wieder mit sich. Kevin mußte sich zusammenreißen, um nicht erneut in Tränen auszubrechen.

Die Veranstaltung dauerte fast 90 Minuten bis alle Freikarten schließlich unter die Fans gebracht waren. Anschließend mußte die Band noch über eine halbe Stunde Autogramme geben.

Kevin hatte während dieser Zeit das Zelt verlassen und wartete draußen. Er genoß die frische Luft und das Treiben auf dem Sommerfest, das ihn von seinen düsteren Gedanken ablenkte. Immer wieder grübelte er, wie er bei seinen "Ermittlungen" weitergehen sollte, und er kam zu dem Schluß, daß er unbedingt weitere Informationen brauchte. Und die konnte er zunächst einmal nur von dem Tontechniker der Band bekommen. Blieb nur noch die schwierige Aufgabe, festzustellen, wer dieser Techniker war!

"Ach, hier bist Du!"

Alexander kam aus dem Zelt und hatte sich suchend nach Kevin umgesehen.

"Ich dachte schon, Du wärst bereits gegangen!"

Kevin schüttelt nur den Kopf.

"Nein, es war mir nur zu voll da drin!"

"Hast Du was? Du sahst eben während der Veranstaltung gar nicht gut aus!"

Also hatte er doch etwas bemerkt! Kevin ärgerte sich darüber, daß er sich so hatte gehen lassen. Er wollte Alexander nicht erzählen, was ihn so bedrückte. Noch nicht!

"Nein, mir geht es gut. Es ist nichts!"

Kevin glaubte selbst, daß diese Antwort wenig glaubhaft klang, und er war froh, daß Alexander nicht weiter nachhakte.

"Wollen wir etwas essen gehen? Ich lade Dich ein. Sozusagen als Belohnung für Deine 'Heldentat'. Dann können wir auch gleich noch etwas besprechen. Ich hab da einen Vorschlag für Dich!"

Kevin stimmte zu und grübelte darüber nach, was Alexander damit meinte.

"Prima, die anderen kommen auch mit. Wir packen nur noch unsere Sachen zusammen. Kommst Du mit nach hinten?"

Kevin nickte, und sie gingen durch das großes Festzelt nach hinten.

"Alles klar! Dann bis morgen. Ciao!"

Alexander verabschiedete sich von seinen Freunden und bestellte für sich und Kevin noch eine Cola.

Sie hatten auf der Terrasse eines italienischen Restaurants noch einen freien Platz gefunden und reichlich und gut gegessen. Die Freunde von Alexander hatten ihn so lange bedrängt, bis Kevin nochmals von seiner Hilfeleistung für Alexander am Nachmittag erzählt hatte. Natürlich schloß sich daran eine ausführliche Erklärung seines Kampfsportes an, und die Bandmitglieder waren begeistert. Auch Alexander schien beeindruckt, und Kevin fiel es auch jetzt immer wieder auf, wie Alexander ihn beobachtete.

Jetzt waren sie beide alleine.

"Jetzt erzähl' doch mal, was heute nachmittag im Festzelt mit Dir los war. Und sag' nicht, das nichts gewesen sei. Ich habe genau gemerkt, daß Dich irgend etwas bedrückt hat."

Kevin senkte den Blick und suchte nach Worten. Das, was ihn so sehr belastete, konnte er wahrscheinlich ja noch problemlos erzählen, daß er einen Freund für immer verloren hatte, aber wollte er wirklich jemandem, den er erst seit ein paar Stunden kannte, erklären, worauf sich sein Schmerz begründete? Wollte er Alexander wirklich erzählen, daß der Mittelpunkt seines Lebens so plötzlich nicht mehr da war? Warum er nicht mehr da war? Und das dieser Mittelpunkt sein über alles geliebter Freund war?

Aber auf der anderen Seite: Vielleicht war gerade die Tatsache, daß er Alexander erst so kurz kannte, ein Grund, endlich mit seinem jahrelangen Schweigen Schluß zu machen und offen dazu zu stehen, daß er einen Mann liebte, und das durch die schreckliche Tat vor wenigen Wochen sein Freund nicht mehr bei ihm war!

"Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Es ist nicht ganz einfach."

Er machte eine Pause und sah den vorbeiströmenden Passanten nach. Dann fuhr er fort.

"Vor kurzem hat ... hat ein guter Freund ... Selbstmord begangen!"

Er schloß die Augen und schwieg. Vor seinem geistigen Auge sah er wieder das grausige Bild jener Nacht.

Alexander schien bestürzt zu sein.

"Entschuldigung. Ich wußte nicht, daß es so etwas war. Tut mir leid, daß ich so neugierig war."

"Ist schon gut. Vielleicht tut es ja mal gut, mit jemandem darüber zu reden. Es ist alles so ... so ... naja, es ist nicht einfach gewesen. Weißt Du, dieser Freund ... er war ... er war ... "

Kevin holte tief Luft. Wie sollte er das erklären? Welche Worte sollte er gebrauchen?

"... dieser Freund war ... war mehr als nur ein Freund. Ich ... wir haben uns ... uns geliebt!"

Kevin spürte, wie sein Blick sich hinter den Tränen in seinen Augen verschleierte, und er verbarg das Gesicht hinter seinen Händen.

Oh, verdammt."

Alexander reichte ihm ein Papiertaschentuch.

"Seid ihr ... ich meine, bist Du ..."

Kevin nahm das Taschentuch dankbar entgegen und nickte.

"Ja, ich bin schwul!"

"Das tut mir leid. Ich meine, nicht, daß Du schwul bist, das ist doch völlig in Ordnung. Ich meine das mit Deinem Freund. Seid ihr lange zusammen gewesen?"

"Seit  März!"

Erneut machte er eine Pause. Dann fuhr er fort.

"Weißt Du, es ist nicht nur so schlimm, weil er nicht mehr da ist. Es ist auch deswegen, weil mir nichts von ihm geblieben ist. Nichts als die Erinnerung. Gar nichts von seinen Sachen, die mich an ihn erinnern, ist mir geblieben. Alles, was uns gehörte, was unsere Beziehung zueinander ausdrückte, ist weg. Ich darf nichts von dem behalten. Als schwules Paar gibt es halt keinen Anspruch darauf, irgend etwas zu erben. So bleibt mir nichts als ein Foto. Und sein Tagebuch, daß ich mir nach seinem Tod heimlich aus der Wohnung geholt habe."

Kevin sprach mit leiser und ruhiger Stimme, und er war überrascht, wie freizügig er über diese Gefühle sprach.

"Ich hoffe, ich langweilige Dich nicht mit dieser Sache?"

Alexander schüttelte heftig mit dem Kopf.

"Nein, Blödsinn! Ich find's prima, daß Du mit mir darüber sprichst. Wir kennen uns ja kaum!"

"Vielleicht gerade deswegen! Ich habe bisher noch kaum jemandem erzählt, daß ich schwul bin. Und schon gar nicht, wie mich die Sache mit Frank belastet!"

"Dein Freund hieß Frank? Dann hast Du heute nachmittag, als ich Dir die Jungs vorgestellt habe, bei unserem Schlagzeuger sicher auch kein gutes Gefühl gehabt?"

Kevin erinnert sich an diesen Augenblick, an dieses Zusammenzucken und versuchte ein Lächeln.

"Stimmt. Es war schon ein verdammt komisches Gefühl. Aber mit sowas muß ich halt lernen zu leben!"

Er wischte sich die Tränen fort.

"Wolltest Du nicht irgend etwas mit mir besprechen?"

Alexander nahm einen Schluck aus seinem Glas.

"Stimmt. Aber vielleicht sollten wir das verschieben. Ich denke ..."

"Ist schon in Ordnung! Ich kann mich nicht ewig hinter meiner Trauer verstecken. Das Leben muß weitergehen!"

Alexander nickte und bewunderte Kevin, wie stark er war.

"Also gut. Es ist wegen der Sache heute mittag. So etwas ist schon öfter passiert! Besonders wenn wir auf Tour sind. Oft sind es nur völlig überdrehte Fans. Aber manchmal sind es auch irgendwelche Spinner, so wie heute, die einem das Leben schwer machen. Wir können nicht immer nur zusammen in die Öffentlichkeit gehen.

Deswegen wollte ich Dich fragen, ob Du Zeit und Lust hast, mit uns auf Tour zu gehen. Wir fahren nach dem Konzert nächste Woche los. Fast 60 Konzerte in 47 Städten. Wir könnten jemand gebrauchen, der ... naja, der halt ein bißchen auf uns aufpaßt."

Kevin zog die Augenbrauen hoch.

"Hey, das schmeichelt mir. Aber ich bin kein Bodyguard! Außerdem muß ich am Montag wieder arbeiten!"

"Komm schon Kevin. Wir zahlen auch für den Job. Und Du hast heute bewiesen, daß Du der Richtige für diesen Job bist. Tue uns doch den Gefallen. Du kannst Dir doch auf der Arbeit Urlaub nehmen. Und Du kommst im ganzen Land rum. Bitte!"

Kevin dachte angestrengt nach. Auf der einen Seite hatte er so etwas noch nie gemacht. Bodyguard für einen Star! Aber auf der anderen Seite bot ihm diese Arbeit die Gelegenheit, seine Suche nach Anhaltspunkten, die den Tod seines Freundes aufklären konnten, intensiv fortzuführen.

"Ich weiß nicht," sagte er, "ich hab' doch sowas noch nie getan! Und ich weiß auch nicht, ob ich so lange Urlaub am Stück bekomme."

"Hey, Mann, das ist kein Problem. Ich kenne da jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt ... Du kennst das ... nunja, ein Anruf von diesem Bekannten bei Deinem Chef, und der Urlaub wird kein Problem sein! Und glaube mir, Du bist der Richtige für diesen Job. Das hab' ich heute gesehen. Nun sag' schon ja!"

Kevin suchte nach neuen Einwänden, die gegen das Vorhaben sprachen. Aber die wenigen, die er noch fand, wurden von Alexander wortgewandt und überzeugend aus der Welt geschafft, und schließlich stimmte Kevin zu.

"O.k., wenn das mit dem Urlaub klappt, mache ich mit. Aber nur für die Tour. Maximal diese sechs Wochen!"

Alexander freute sich kindisch und klopfte Kevin freudestrahlend auf die Schulter.

"Na, super! Freut mich! Herzlich willkommen im Team!"

Kevin wußte noch nicht so recht, ob er sich über diese Entscheidung freuen sollte, aber je länger er an diesem Abend darüber nachdachte, je mehr er feststellte, welche Möglichkeiten sich ihm dadurch bei seiner eigentlichen Aufgabe boten, desto sicherer wurde er, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Und als er ziemlich spät an diesem Abend nach Hause kam, spürte er das erste mal seit Wochen wieder ein Gefühl der Zufriedenheit. Die Sache schien sich bestens zu entwickeln.

Aber auch noch ein anderes Gefühl ergriff von ihm Besitz, war im Laufe des Abends immer stärker geworden und jetzt so eindeutig, daß Kevin es nicht mehr verleugnen konnte: Er fand diesen Alexander sehr sympathisch. Er sah gut, nein, mehr als gut aus, und er hatte eine Wesensart an sich, die Kevin faszinierte.

Alexander hatte ihn nach Hause gefahren, und Kevin ertappte sich dabei, wie er vor der Haustür stehenblieb und dem sich entfernenden Wagen von Alexander nachsah. Und er bemerkte, daß er sich auf das Wiedersehen am kommenden Freitag sehr freute.

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