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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.
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"Schatten auf dem Regenbogen"
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3. Kapitel: Sonnenaufgang
Der Pförtner warf einen prüfenden Blick auf den Ausweis, den Kevin ihm gereicht hatte. Dann gab er die Karte an Kevin zurück und ließ ihn passieren.
Kevin spürte ein nervöses Gefühl im Magen als er die Vorhalle des Konzertsaales durchquerte. Überall liefen Arbeiter herum, die Kisten, Kabel und andere Gegenstände schleppten. Es herrschte ein reges Treiben, und Kevin sah sich unsicher um. Irgendwie fühlte er sich noch etwas fehl am Platze, und neugierige Blicke musterten ihn auf dem Weg in den Konzertsaal.
In den vergangenen Tagen hatte er sich mehrmals mit Alexander getroffen und die Einzelheiten seines neuen Jobs besprochen. Alexander hatte es durch seine Beziehungen tatsächlich geschafft, daß Kevin von seinem Arbeitgeber Urlaub für die Zeit der Tournee bekommen hatte, und Kevin freute sich schon auf die Arbeit mit der Band. Dabei bestärkte insbesondere der Wunsch Franks Tod aufzuklären, seinen Entschluß, den von Alexander angebotenen Job durchzuziehen. Es würde sicherlich interessant sein, einmal hinter die Kulissen einer so erfolgreichen Band zu sehen, und Kevin hatte sich in der letzten Zeit auch immer häufiger dabei ertappt, daß er sich darauf freute, mit Alexander zusammen zu sein.
Aber genauso oft fühlte er sich dabei schlecht, denn der Schmerz über den Verlust von Frank nagte noch immer sehr an seiner Seele, und Kevin wußte einfach noch nicht, wie er seine gefühlsmäßigen Reaktionen Alexander gegenüber einordnen sollte. War es noch nicht zu früh dafür? Zu früh, daß jemand anderes ihn interessieren könnte?
Alexander hatte ihm den Ausweis beschafft, mit dem er an diesem Morgen ungehinderten Zutritt zur Konzerthalle erhalten hatte, und er hatte ihm erklärt, wohin er sich wenden sollte. Kevin hatte darauf bestanden, nicht nur als Aufpasser, als Bodyguard, tatenlos herumzustehen, sondern er wollte bei der Arbeit des gesamten Teams helfen. Er versprach sich davon, die einzelnen Leute genauer kennenzulernen um so vielleicht noch wichtige Informationen zu sammeln. Alexander hatte sich überreden lassen und ihm zugesagt, daß er beim Bühnenaufbau mithelfen durfte. Er sollte an diesem Freitag Morgen vor dem Konzert in die Halle kommen und nach einem Wolfgang Lenzen fragen. Das war der Leiter des Bühnenteams, und der würde sich um Kevin kümmern.
So stand Kevin beeindruckt von der einem Ameisenhaufen gleichenden Geschäftstüchtigkeit am Eingang des Konzertsaales und sah sich um. Überall wurde gearbeitet. Ein Teil der anwesenden Leute war an und auf der Bühne beschäftigt und arbeitete an der Dekoration. Die Bühne wurde mit silberfarbenen Tüchern in ein Gewand gehüllt und zwischendrin standen Nachbildungen antiker Säulen und Marmorblöcke.
Vor der Bühne waren zahlreiche Leute damit beschäftigt, die Stuhlreihen zu montieren. Darüber und im hinteren Teil des Saales arbeiteten andere Leute an der Beleuchtungsanlage und verlegten zahlreiche Kabel.
Kevin entdeckte auch einen Bereich, in dem mehrere Techniker an Mischpulten standen und mit Kopfhörern verschiedene Einstellungen testeten.
Kevins Blick verharrte einen Moment lang bei diesen Leuten. Er vermutete, daß einer dieser Leute der Tontechniker sein mußte, den Kevin suchte.
"Hi, kann ich Dir helfen?"
Kevin erschrak etwas, als er unvermittelt angesprochen wurde. Er war ganz in Gedanken vertieft und hatte den vor ihm stehenden Jungen nicht gesehen.
"Ehm, ja, ich denke schon. Ich suche Herrn Lenzen. Ich soll mich an ihn wenden!"
Der Junge wies auf einen Mann, der vor der Bühne stand und einen prüfenden Blick in irgendwelche Unterlagen warf, die er in der Hand hielt.
"Da vorne, das ist Wolfgang!"
Kevin bedankte sich und machte sich auf den Weg.
"Hallo, guten morgen. Ich heiße Kevin Langer. Ich soll mich bei Ihnen melden!"
Der Mann blickte auf und lächelte freundlich.
"Ah, ja. Alex hat mir gesagt, daß Du heute kommen würdest. Ich heiße Wolfgang! Herzlich willkommen im Team. Wie ich gehört habe, bist Du auf der Tour für die Sicherheit der Band verantwortlich? Alexander hält ja große Stücke auf Dich. Siehst gar nicht so gefährlich aus!"
Kevin spürte, daß er vor Verlegenheit errötete.
"Naja, wahrscheinlich hat Alexander maßlos übertrieben! Aber ich möchte hier eigentlich ein bißchen mehr tun, als nur 'rumzustehen und aufzupassen. Alexander sagte mir, Sie ... Du könntest mich gebrauchen."
Wolfgang nickte.
„Wir sind etwas im Zeitverzug. Du kannst zunächst mal hier vorne bei der Bestuhlung helfen. Danach sehen wir mal weiter. Einverstanden?"
"Aber sicher. Kein Problem."
"O.k., dann nochmals herzlich willkommen und viel Spaß!"
Kevin bedanke sich, und Wolfgang brachte ihn zu der Gruppe, die mit der Aufstellung der Stühle beschäftigt war. Er stellte Kevin vor und überlies ihn dann der Arbeit.
Der Tag war ziemlich anstrengend für Kevin. Er hatte zunächst im Zuschauerraum geholfen und dann beim Anbringen der Scheinwerfer unter der Hallendecke mitgearbeitet. Anschließend trugen er und ein weiterer Mitarbeiter eine endlose Anzahl von Kisten aus dem vor der Halle parkenden LKW und schleppten sie in die Halle. Seit dem Nachmittag war Kevin damit beschäftigt, Kabel auf und hinter der Bühne zu verlegen, so, daß sie in der Dekoration verschwanden.
Für 16 Uhr war eine letzte Probe vorgesehen. Kevin freute sich schon darauf, denn dann würde er endlich Alexander wiedersehen.
Kevin hatte gerade den Kopf unter einen der Vorhänge gesteckt um ein weiteres Kabel aus dem Sichtfeld zu entfernen, als plötzlich Applaus in der Halle zu vernehmen war. Kevin zog den Kopf unter dem Vorhang hervor und sah in die Halle. Am Eingang entdeckte er die Band. Und Alexander war auch da!
Sekunden später trafen sich ihre Blicke, und nach einem Moment des regungslosen Verharrens zeigt sich Alexanders gewinnendes Lächeln, und er winkte Kevin zu.
Schließlich erreichte die Band die Bühne, und Alexander begrüßte Kevin.
"Hallo, Kevin, schön daß Du da bist! Gefällt Dir der Job?"
Kevin rieb sich die staubverschmutzte Hand an der Hose ab und ergriff die von Alexander gereichte Hand.
"Ja, klar. Ziemlich anstrengend, aber es macht Spaß!"
"O.k., wir sehen uns später noch."
Alexander wand sich an den Leiter der Arbeiten und erkundigte sich nach dem Stand.
"Es ist soweit jetzt alles klar für heute Abend. Noch ein paar Kleinigkeiten. Wenn ihr wollt, könnt ihr mit der Probe beginnen. Eine Pause wird den Jungs mal guttun."
"Prima! Dann wollen wir mal!"
Die einzelnen Bandmitglieder gingen zu ihren Instrumenten und bereiteten die Probe vor. Kevin verlegte das letzte Kabel hinter der Dekoration und verließ dann die Bühne, Wie die anderen Arbeiter setzte er sich vor die Bühne und wartete auf den Probenbeginn.
"Eins ... zwei ... drei ..."
Alexander testete das Mikro und das Handzeichen des Technikers am Mischpult im hinteren Teil des Saales signalisierte ihm, daß alles in Ordnung war.
"O.k. Jungs, dann wollen wir mal. Seid ihr soweit?"
Die anderen Bandmitglieder bestätigten, und auf ein Zeichen von Alexander begann die Probe.
Kevin saß gespannt da und fixierte Alexander. Ja, er war sich sicher, daß ihm Alexander sehr gefiel. Wenn er nur wüßte, ob Alexander auch schwul war und wenn, ob er sich überhaupt für ihn interessierte. Auf der anderen Seite, wie sollte er die vielen und intensiven Blickkontakte von Alexander sonst deuten?
Aber vielleicht redete er sich das alles auch nur ein, rannte einem Gedanken nach, einer Idee, die völlig aus der Luft gegriffen war.
Das erste Lied begann, und Kevin ließ sich von der stimmungsvollen Musik einfangen.
Kevin kannte dieses Lied nicht, aber es gefiel ihm sofort. Es trug ihn mit seiner melancholischen Melodie, die ein Gefühl von Sehnsucht in die Herzen der Zuhörer legte, weg von seiner Trauer und hin zu diesem Gefühl, daß seit einigen Tagen von ihm Besitz ergreifen wollte, ja, es auch teilweise schon geschafft hatte.
Und nicht nur das verträumte Lied mit seinen sanften Klängen bewegte Kevins Inneres, sondern auch der Blickkontakt, der während des Songs immer wieder zwischen ihm und Alexander zustande kam, zerrte an ihm, wollte ihn näher zu Alexander bringen. Und Kevin glaubte, daß er sich nicht mehr dagegen wehren konnte. Er mußte sich einfach eingestehen, daß er sich zu dem Sänger der 'Sunrisers' hingezogen fühlte, daß er sich wohl fühlte, wenn er in seiner Nähe war, und daß er immer dann, wenn sie nicht zusammen waren, es kaum erwarten konnte, ihn wiederzusehen.
Immer wieder fanden sich während des Liedes ihre Blicke, und Alexanders Lächeln ließ die Abwehrbemühungen seines Herzens mühelos dahinschmelzen. Er schien verloren zu haben, mußte feststellen, daß die Gegenwehr seines Verstandes den Gefühlen seines Herzens fast nicht mehr widerstehen konnte. Ganz im Gegensatz zum Kampfsport schien es, als würde er hier auf einfachste Weise besiegt.
Die Band spielte noch einige weitere Lieder und zog sich dann in die Garderoben zurück um sich auf den Auftritt vorzubereiten.
Vor dem Verlassen der Halle winkte Alexander Kevin zu sich.
"Übrigens: Ich habe Dir wie besprochen für heute Nacht das Zimmer im Hotel nebenan reserviert. Wir wollen morgen früh zeitig aufbrechen, und ich denke, es ist besser, wenn Du mit uns im gleichen Hotel übernachtest."
Kevin nickte zustimmend.
"Ja, danke!"
"Dein Zimmerschlüssel liegt an der Rezeption. Die wissen Bescheid. Wir sehen uns dann später. Nach dem Konzert wollen wir noch was essen gehen. Du kommst doch mit?"
Kevin tat so, als müsse er sich das erst noch überlegen.
"Hey, Kevin! Denk' dran: Wir brauchen Dich. Du hast einen Job!"
Alexander grinste und klopfte Kevin freundschaftlich auf die Schulter.
"Na gut, wenn es ein Geschäftsessen ist! Muß ich eine Sonnenbrille tragen? Als Bodyguard ist das doch so üblich!"
Lachend verließ Alexander die Halle. Kevin stand noch eine Weile da und überlegte, was er tun könnte. Die Arbeit in der Halle war so gut wie beendet, und man wartete auf die Zuschauer, die in etwa einer Stunde in die Halle gelassen würden.
Während er grübelte fiel sein Blick auf den Techniker am Mischpult, und Kevin beschloß, einen ersten Versuch zu unternehmen, ob dieser Mann der gesuchte Tontechniker war.
Er schlenderte durch die Halle und erreichte wie zufällig das Mischpult. Der Mann sah kurz auf und nickte Kevin zu. Dann beschäftigte er sich weiter mit seinem Mischpult.
Kevin sah ein riesige Anzahl von Knöpfen, Schaltern und Reglern, und er fragte sich, wie irgend ein Mensch dabei den Überblick behalten konnte.
Er besah sich den Mann unauffällig. Er hatte nichts besonderes an sich, und Kevin konnte auch nicht abschätzen, ob dieser Mann die Veranlagung dazu hatte, sich an kriminellen Machenschaften zu beteiligen.
'Aber wem kann man das auch schon ansehen?', dachte er bei sich und schüttelte unbewußt den Kopf.
"Stimmt etwas nicht?"
Der Mann am Mischpult hatte Kevins Kopfschütteln wohl bemerkt und wunderte sich, was es zu bedeuten hatte.
"Nein, nein, alles in Ordnung. Ich habe nur eben gedacht, wie man an so einem Ding die Übersicht behalten kann. Ich denke, es muß unendlich schwierig sein, zur richtigen Zeit den richtigen Regler zu benutzen!"
Kevin war froh, daß ihm diese Erklärung so spontan eingefallen war.
Der Mann lachte.
"Ja, das stimmt schon. Ist auch nicht ganz einfach. Aber ich mach' das jetzt schon seit Jahren, und ich glaube, daß ich das Ding soweit in Griff habe, daß keiner merkt, wenn ich mal einen falschen Regler schiebe."
"Sind Sie der einzige im Team, der das Gerät hier bedienen kann?"
Kevin fand, daß sich das Gespräch zielstrebig in die von ihm gewünschte Richtung entwickelte.
"Ich heiße Klaus. Und Du kannst 'Du' sagen. Nein, wir haben insgesamt zwei. Aber mein Kollege ist krank, und deswegen bin ich heute eingesprungen. Aber morgen ist er auf jeden Fall dabei."
Kevin stellte sich ebenfalls vor.
"Ah, ich hab' schon von Dir gehört. Du sollst ..."
"Hör' bloß auf!"
Kevin lachte.
"Ich kann's bald nicht mehr hören. Ich bin nichts besonderes!"
"Na, wer drei ausgewachsene Rocker so einfach fertig machen kann, muß schon was auf dem Kasten haben. Die Jungs hier haben jedenfalls einen heiden Respekt vor Dir."
Abermals schüttelte Kevin den Kopf. Er konnte einfach nicht verstehen, warum man um seine Person so ein Theater machte. Aber er kannte das ja schon. Jemand mit Kampfsportfähigkeiten galt immer als etwas besonderes. Das lag halt daran, weil kaum jemand diese Sportart kannte, und weil sich jeder irgendwelche Wunderfähigkeiten von fliegenden und unsterblichen Kämpferlegenden aus billigen Karatefilmen darunter vorstellte. Er hatte es längst aufgegeben, dagegen anzukämpfen.
Klaus erklärte Kevin noch einige Funktionen der Tonanlage, und schließlich verließ Kevin die Konzerthalle. Er wollte sich für das Konzert noch frisch machen und etwas anderes anziehen.
Er fand das Hotel direkt, und als er an der Rezeption seinen Namen nannte, reichte man ihm sofort den Schlüssel.
Während er im Aufzug in die sechste Etage hinauffuhr, grübelte Kevin über das bisher Erreichte nach. Eigentlich war er ja schon ziemlich weit gekommen. Er war bei der Band, hatte überall freien Zutritt und einen Großteil des Teams hatte er auch schon kennengelernt.
Insbesondere freute ihn, daß er bereits an diesem ersten Abend die Gelegenheit gefunden hatte, mit dem Tontechniker in Verbindung zu kommen. Wenn er allerdings eins und eins zusammenzählte wurde ihm klar, daß Klaus nicht der gesuchte Techniker sein konnte. Er war heute nur vertretungsweise beim Konzert! Eigentlich sollte ja heute Abend ein anderer da sein. Und da heute auch das Band mit dem Konzertmitschnitt angefertigt werden sollte, konnte also eigentlich nur der zweite Techniker die gesuchte Person sein.
Kevin verließ den Aufzug und suchte nach seiner Zimmernummer. Schließlich fand er sie und öffnete die Tür.
Er warf seinen Koffer auf das Bett und sah sich um. Das Zimmer war nicht besonders groß, aber es bot ausreichend Platz. Kevin nahm erfreut zur Kenntnis, daß es auch einen Balkon gab, auf dem er am nächsten Morgen ein kleines Aufwärmtraining machen konnte.
Und ihm fiel noch etwas auf:
Auf dem Schreibtisch in der Ecke des Zimmers stand eine schmale Vase, in der eine einzelne gelbe Rose steckte. An der Vase fand Kevin einen Briefumschlag angelehnt.
Nachdenklich legte er die Stirn in Falten und überlegte, ob dies für ihn war, und wenn ja, von wem die Rose sein könnte. Zögernd nahm er den Umschlag in die Hand und besah ihn von allen Seiten. Aber es war kein Absendervermerk zu finden, und so riß Kevin den Umschlag auf. In ihm fand er eine Karte, auf der nur ein Satz stand:
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... von |
Kevin drehte die Karte, aber auch hier fand er keinen Anhaltspunkt, von wem die Karte war. Nachdenklich sah er aus dem Fenster. Wer hatte ihm diese Karte hier hinterlassen?
Plötzlich kam ihm ein Verdacht, und je mehr er darüber nachdachte, desto klarer wurde es ihm, von wem diese Karte nur sein konnte. Anfangs wollte er es noch als Ergebnis seines Wunschdenkens beiseite schieben, wollte die Antwort verdrängen um sich nicht selbst einer trügerischen Hoffnung hinzugeben, die am Ende womöglich wie eine Seifenblase zerplatzen würde. Aber je länger er darüber nachdachte, von wem die Rose und die Karte stammte, desto offensichtlicher wurde es ihm, daß diese Nachricht nur von Alexander sein konnte.
Natürlich! Er wußte als einer der wenigen, wenn nicht gar als einziger, in welchem Zimmer Kevin übernachten sollte. Und Alexander hatte ihm dieses Zimmer auch besorgt. Diese Nachricht mußte also von ihm sein.
Kevin hielt die Luft an und dachte nach.
Was wollte Alexander ihm mit dieser Nachricht sagen? War es eine freundschaftliche Geste, ein nochmaliges Zeichen seiner Dankbarkeit für die Hilfe auf dem Sommerfest? Oder wollte er damit etwas sagen, das sich Kevin seit kurzem erhoffte, von dem er sich aber nicht traute, es als Wahrheit anzunehmen. Wollte Alexander damit wirklich den Kontakt zueinander in eine bestimmte Richtung lenken, ihm damit sagen, daß er auch schwul sei, und daß Kevin ihn interessierte?
Kevin wußte es nicht! Seine Zweifel über die Möglichkeit, daß sich Alexander auch für Jungen interessieren könnte, und daß er vielleicht sogar auf Kevin stand, waren einfach zu groß. Zu unwahrscheinlich erschien ihm das, als daß er es näher in Erwägung ziehen konnte. Kevin war sich sicher, daß er keine weitere Enttäuschung, keinen weiteren Schmerz der Leidenschaft ertragen konnte. Nein, diese Nachricht hatte sicher nicht das zu bedeuten, was Kevin sich einredete, was sich in seine Gedanken schlich.
Aber wie sollte er diese offene Frage klären? Er konnte Alexander doch nicht einfach ansprechen und ihn zur Rede stellen! Würde er damit, wenn seine Wünsche, seine Hoffnung, wirklich wahr sein würden, nicht alles kaputt machen?
Er entschied sich, einfach die weitere Entwicklung abzuwarten. Sie waren ab morgen sechs Wochen täglich zusammen, und seine Aufgabe im Team machte es möglich, ständig in Alexanders Nähe zu sein. Irgendwie würde sich die Sache dann schon klären.
"In fünf Minuten machen wir auf!"
Der als Ordner ausgewiesene Mann rief seine Mitteilung in den Saal und verschwand wieder im Vorraum.
In wenigen Minuten also würden die Türen geöffnet werden, und die Massen, die sich bereits seit einiger Zeit hinter den Glastüren die Nasen platt drückten, würden in die Konzerthalle stürmen.
In der Halle war alles fertig. Alle waren auf ihrem Posten und warteten auf den Beginn des Konzertes. Kevin hatte sich noch einmal in allen Räumen der Halle umgesehen, und nachdem sein prüfender Blick ein letztes mal durch den großen Saal geschweift war, begab er sich zu den Garderoben.
Alexander und die anderen Bandmitglieder waren bereits anwesend und bereiteten sich auf den Auftritt vor. Kevin wartete vor den Garderoben, als sich nach einiger Zeit die Tür von Alexanders Garderobe öffnete und Alexander suchend auf den Gang blickte.
"Ah, da bist Du ja. Kannst Du mal eben rein kommen?"
Kevin betrat mit klopfendem Herzen Alexanders Garderobe.
Nachdem er sich mit einem kurzen Blick im Raum umgesehen hatte, betrachtete er Alexander. Eine ganze Weile hing sein Blick an dem Sänger, und er wußte nicht, wie lange er ihn förmlich anstarrte, bis Alexander das Schweigen brach.
"Hey, ist irgendwas? Habe ich einen Pickel?"
Mit gespieltem Entsetzen schaute Alexander Beckmann in den Spiegel.
Kevin grinste.
"Nein, es ist nichts! Alles in Ordnung!"
"Wie gefällt Dir Dein Hotelzimmer? Bist Du zufrieden?"
Alexander stellte die Frage wie beiläufig und wandte seinen Blick nicht von dem Spiegel.
"Ja, alles bestens. Das Zimmer ist in Ordnung."
Wieder herrschte eine ganze Weile Schweigen zwischen ihnen, und ihre Blicke trafen sich im Spiegel und verharrten für geraume Zeit ineinander.
"Was gibt's denn? Warum sollte ich 'reinkommen?"
"Ähm, achja ... also ... ich wollte Dir noch ein paar Tips geben. Ich weiß nicht, ob Du schon mal erlebst hast, wie es hier zugeht, wenn die Fans nachher in der Halle sind?"
Kevin schüttelte den Kopf. Er war zwar schon öfters bei Konzerten gewesen, aber weder irgendwo anders als im Zuschauerraum, noch mit seiner heutigen Aufgabe. Und auf die spielte Alexander wahrscheinlich an.
"Also gut. Du solltest bitte darauf achten, daß gerade die ersten Reihen keine Flaschen oder andere Wurfgeschosse in der Hand oder bei sich haben. Wir kontrollieren zwar schon am Eingang, aber man weiß ja nie.
Während des Konzertes achtest Du bitte darauf, daß keiner auf die Bühne klettert. Du kannst dann ruhig fest zupacken. Die Fans sind dann meist so in Aufruhr, daß sie nicht so empfindlich sind.
Nach dem Konzert mußt Du darauf achten, daß keiner hier in den Garderobenbereich kommt. Das ist eigentlich schon alles! Achja, Du bist natürlich nicht alleine bei dieser Aufgabe. Ein paar der Jungs werden auch da sein. Sie haben von mir den Auftrag, sich nach Deinen Anweisungen zu richten. Alles klar?"
Kevin nickte. Ja, das war eine klare Aufgabe. Er wußte zwar noch nicht, ob und wie er sie erledigen konnte, aber er war bereit, alles dafür zu tun, daß der Band nichts passierte. Insbesondere ...
Da war es wieder! Da war plötzlich wieder dieses Gefühl, das er seit Tagen für Alexander empfand. Und Kevin glaubte, daß es stärker würde.
"O.k., ich muß mich jetzt fertig machen! Du kannst Dir ja schon mal überlegen, wohin wir nachher essen gehen!"
Alexander begann, sich für den Auftritt umzuziehen. Kevin stand immer noch regungslos im Raum und betrachtete sein Gegenüber.
"Wie lange stehst Du eigentlich schon auf der Bühne? Ich meine, Du bist doch auch nicht viel älter als ich, und Du scheinst überhaupt kein Lampenfieber zu haben."
Alexander lachte.
"Ich bin 22 und wir sind mit der Band seit 5 Jahren zusammen. Etwa seit 2 Jahren haben wir regelmäßig Auftritte. Und Lampenfieber habe ich schon noch! Und frag' nicht wie!"
"Aha! O.k., dann geh' ich jetzt mal raus. Ich will Dich nicht aufhalten."
"Nein, bleib' ruhig. Du hälst mich nicht auf. Das lenkt etwas vom Lampenfieber ab. Hast Du eigentlich außer Deinem Kampfsport noch andere Interessen?"
"Interessen schon. Aber eigentlich keine Zeit dafür. Ich trainiere viel, und danach war ich fast immer mit ..."
Kevin stockte. Er erinnerte sich daran, daß er die Freizeit, die ihm nach Arbeit und Training noch blieb, eigentlich immer mit Frank verbracht hatte.
"... fast immer mit Frank zusammen!"
"Es tut mir leid," sagte Alexander, der gemerkt hatte, daß er das Gespräch auf einen wunden Punkt gelenkt hatte, "ich wollte nicht ..."
"Ist schon gut!"
Eine Weile herrschte Schweigen.
"War Frank Dein erster Freund? Wenn Du nicht 'drüber reden willst, sag's nur!"
Kevin schüttelte den Kopf.
"Nein, ist schon gut. Ich kann mittlerweile drüber reden. Ja, er war mein erster Freund. Ich war vorher noch ziemlich unsicher ob ich wirklich ... naja, ob ich wirklich schwul war. Und ich war einfach zu ängstlich es festzustellen. Irgendwann ging es nicht mehr, und ich wollte es wissen. Also bin ich in eine Schwulenkneipe gegangen. Tja, und da habe ich Frank kennengelernt."
"Also sozusagen Liebe auf den ersten Blick?"
Kevin verneinte.
"Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick. Wir fanden uns sympathisch, haben uns kennengelernt und viel Zeit miteinander verbracht. Und irgendwann merkten wir, daß da mehr war als gegenseitige Sympathie."
"Wie ist es denn so in einer Kneipe mit Schwulen. Sind dort nicht lauter so Tunten und Lederkerle?"
Kevin schüttelte den Kopf.
"Das kommt darauf an, in welche Kneipe man geht. Es gibt auch welche, in denen solche Schwulen verkehren. Aber das ist auch nichts für mich. Ich war immer in einer Kneipe mit normalen Schwulen."
Kevin betonte das Wort "normale" und wurde sich bewußt, daß er damit indirekt die Schwulen mit anderen Interessen als "unnormale" Schwule darstellte.
"Normal halt so wie Du und ich. Es gibt bei uns genau wie bei den Heterosexuellen alle möglichen Typen. Es sollte halt jeder so leben, wie er es möchte."
Alexander war mittlerweile fertig und betrachtete sich im Spiegel.
"Na, wie seh' ich aus?"
Kevin musterte Alexander mit gespielt kritischem Blick.
"Ich denke, man kann Dich so auf die Menschheit loslassen!", scherzte er.
"Danke! Hey, hast Du Lust, mir nach dem Konzert mal Deine Lieblingskneipe zu zeigen. Würd' mich mal interessieren!"
Kevin sah Alexander fragend an. Warum wollte er in eine schwule Kneipe?
"Hm, wenn Du willst, gerne. Aber ich hoffe, Du fühlst Dich da nicht unwohl?"
Alexander winkte ab.
"Ach was! Ich werd' da wohl kaum vergewaltigt werden!"
"Das stimmt. Also gut. Dann gehen wir nachher ins Pink Panther.
So, aber ich geh' jetzt besser raus. Die Leute sind schon in der Halle, und ich hab' hier schließlich 'nen Job zu erfüllen!"
Alexander lächelte und noch einmal fanden sich ihre Blicke in sekundenlangem Schweigen. Dann verließ Kevin die Garderobe.
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