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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.

Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!

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"Schatten auf dem Regenbogen"

- Teil 6 -

3. Kapitel: Sonnenaufgang

 

Die Halle sank in gespenstisches Dunkel und die Zuschauer bekundeten ihre Genugtuung über den Konzertbeginn mit einem stürmischen Beifall. Es war jetzt kurz nach 20 Uhr, und die Fans warteten ungeduldig.

Kevin hatte alle Kontroll- und Vorsichtsmaßnahmen, die Alexander ihm aufgetragen hatte, ausgeführt und zufrieden festgestellt, daß es wohl keine Probleme geben würde.

Langsam öffnete sich der riesige Vorhang und gab den Blick auf die Bühne frei, auf der sich, unterstützt durch ein kaum spürbares Erhellen der Dekoration, dicke Nebelwolken von der Windmaschine dahintragen ließen. Ein rotfarbener Scheinwerfer versuchte mit seinem Lichtkegel scheinbar den Nebel zu durchschneiden und verharrte schließlich bewegungslos an dem aufgestellten Schlagzeug.

Dann flammten zwei helle Scheinwerfer auf, und aus den Vorhängen trat die Band auf die Bühne. Der Beifallssturm in der Halle schwoll noch weiter an, und als Alexander sein aufgestelltes Mikrofon erreichte, hatte er einige Mühe, bis sich die Lautstärke in der Halle so weit reduzierte, daß er die Fans begrüßen konnte.

"Einen schönen Abend alle miteinander!"

Alexander schrie förmlich in das Mikro und Kevin sah von der Seite der Bühne, daß die am vorderen Bühnenrand aufgestellten Kontrollkästen bis in den roten Bereich ausschlugen.

Die Zuschauer erwiderten Alexanders Begrüßung mit einem erneuten Anschwellen des Beifalls.

"Schön das Ihr alle da seid! Wir stellen Euch heute die neue CD vor und fangen direkt mit dem Titelsong an!"

Alexander wartete einige Sekunden und gab dann der Band ein Zeichen, die daraufhin zu spielen begann. Nach einer kurzen Einleitungsmelodie, begleitet von einem tollen Saxophonsolo, begann Alexander zu singen.

Die Fans nahmen das neue Stück mit Begeisterung auf, und Kevin hatte den Eindruck, daß die Halle bereits nach diesem ersten Stück tobte.

Im Publikum waren überwiegend weibliche Fans, und Kevin war mehrmals nervös zusammengezuckt, als die Fans kleine Plüschfiguren auf die Bühne zu werfen begannen. Aber schließlich erkannte er, daß dies wohl dazugehörte und keine Gefahr darstellte.

Es war an diesem Abend das erste mal, daß Kevin alle Lieder der CD zu hören bekam, und er mußte zugeben, daß ihm die Musik gefiel.

Knapp zwei Stunden dauerte das Konzert, und es gab für Kevin nichts zu tun. Die Fans wollten nicht auf die Bühne stürmen und warfen auch nicht mit irgendwelchen gefährlichen Dingen nach der Band. So hatte Kevin nicht nur genügend Zeit, der Musik der Band zu lauschen, sondern er konnte ungestört Alexander betrachten.

Kevin stellte abermals fest, daß er besonders gut aussah. Er war etwas größer als Kevin und hatte eine, wie Kevin fand, tolle Figur. Und das, was er schon von Alexanders Verhalten kannte, bestätigte sein Urteil, daß Alexander ein toller Typ war, nach dem sich zu sehnen durchaus verständlich war.

Während der zahlreichen Blickkontakte überlegte Kevin immer wieder, wie er die Bestätigung dafür finden konnte, daß die Rose in seinem Zimmer tatsächlich von Alexander war. Irgend etwas mußte es doch geben, durch das er herausfinden konnte, ob er mit seiner logischen Schlußfolgerung Recht hatte, oder ob er vielleicht nur einem völlig haltlosen Gedankengebilde nachjagte.

Aber je länger Kevin darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, daß es nur zwei mögliche Wege gab, durch die er die Wahrheit herausfinden konnte: Entweder mußte er warten, ob Alexander sich ihm offenbaren würde, oder er mußte ihn einfach fragen.

Kevin war ein ungeduldiger Mensch, und er entschloß sich - vielleicht beeinflußt durch die romantische Musik, die er an diesem Abend in dem Konzert zu hören bekam - Alexander auf die Rose anzusprechen. Ja, er sagte sich, daß dies der direkteste und schnellste Weg war. Am besten könnte er ihm ja an diesem Abend im Pink Panther die Sache erzählen. Und wenn Alexander nicht reagieren würde, dann würde er ihn einfach fragen, ob die Rose von ihm sei!

Und was würde dann werden? Was würde sein, wenn Alexander zugab, daß die Rose von ihm war, wenn sich damit herausstellte, daß er auch schwul war und sich für Kevin interessierte?

Kevin hatte lange darüber nachgedacht, aber er fand keine Antwort auf diese Frage. Er mußte es einfach abwarten.

Kurz bevor die Band die letzte Zugabe beendete, verließ Kevin die Halle und hielt sich hinter der verschlossenen Tür zum Garderobenbereich auf. Er prüfte nochmals, ob die Tür auch ordnungsgemäß verschlossen war und wartete auf das Ende des Konzertes.

Aus dem Saal vernahm er langanhaltenden und tosenden Beifall, und Kevin deutete ihn dahingehend, daß sich die Band wohl endgültig von ihren Fans verabschiedet hatte und jeden Moment von der Bühne kommen mußte. Er fand seine Vermutung bestätigt, als sich die Eingänge zum großen Saal, die bereits vor einigen Minuten von den Ordnern weit geöffnet worden waren, mit unzähligen Menschen füllten. Die Fans verließen das Konzert und machten sich auf den Heimweg.

Auch die Band erschien am Hinterausgang der Bühne. Ihre Gesichter strahlten vor Zufriedenheit, und die Anstrengung dieses Abends hatte deutliche Spuren an ihnen hinterlassen.

"Hi, Kevin! Wie hat Dir das Konzert gefallen?"

Alexander kam lachend auf ihn zu und legte seinen Arm um Kevin.

"Super! Ich fand es toll. Eure Lieder gehen einem ganz schön unter die Haut!"

"Freut' mich, das es Dir gefallen hat! Puh, ich brauch' jetzt dringend 'ne Dusche."

Alexander rief nach seinen Freunden aus der Band.

"Hey, Jungs! Wir sehen uns morgen um sieben Uhr! Und seid pünktlich! Kevin und ich werden uns heute Abend noch von der Stadt verabschieden. Bis morgen dann!"

Die anderen verabschiedeten sich und verschwanden in ihren Garderoben. Auch Alexander ging zu seiner Garderobe.

"Komm' solange 'rein. Ich zieh mir nur was anderes drüber. Dann gehen wir ins Hotel."

Alexander war ganz ordentlich außer Puste. Das Konzert schien für die Band ziemlich anstrengend gewesen zu sein, und wie die anderen hatte Alexander dicke Schweißperlen auf der Stirn.

In seiner Garderobe zog Alexander seine Bühnenkleidung aus und trocknete sich kurz ab.

Kevin hielt unmerklich die Luft an. Alexander hatte einen makellosen Oberkörper und eine sportliche Figur, und Kevin spürte, daß er diesen Körper begehrte. Er sehnte sich danach, ihn zu berühren, ihn in den Arm zu nehmen und die Haut dieses Körpers an der seinen zu spüren.

Alexander zog sich wieder an, und Kevin glaubte, daß er seine sehnsüchtigen Blicke mit einem Lächeln zur Kenntnis nahm.

"So, laß uns schnell ins Hotel rüber geh'n. Ich hab' jetzt 'nen riesen Durst!"

Sie verließen die Garderobe und machten sich auf den Weg ins Hotel.

"Kommst Du mit rauf? Du kannst so lange bei mir warten."

Und ob Kevin das wollte.

"O.k.!"

Er war in diesem Moment zuversichtlich, daß sich die Sache mit Alexander so entwickeln würde, wie er sich das erhoffte. Er müßte sich schon schwer irren, wenn Alexander nicht so wäre, wie Kevin es annahm. Der heutige Abend würde ihm bestimmt die Gewißheit darüber geben. Zumindest aber würde er eine Entscheidung bringen.

Es war ziemlich voll an diesem Abend im "Pink Panther". Das Wochenende stand vor der Tür, und zahlreiche Leute nutzten den ersten freien Abend für einen Besuch der Kneipen in der Stadt.

Alexander und Kevin zwängten sich an dem Gedränge am Eingang vorbei und fanden einen Stehplatz nahe der Theke.

"Was trinkst Du?"

Alexander wollte eine Cola, und so bestellte Kevin zwei Cola. Alexander sah sich neugierig um, und Kevin beobachtete aus den Augenwinkeln heraus, wie Alexander reagierte. Aber er konnte keine Reaktion feststellen.

Kevin nahm die Getränke in Empfang und reichte Alexander sein Glas.

"Na, wie gefällt es Dir hier?"

"Gut! Du hast Recht, hier laufen ja tatsächlich ganz normale Leute herum. Ist gar nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Ja, ich denke, es gefällt mir hier."

Kevin erzählte Alexander von seinen bisherigen Erfahrungen in dieser Kneipe und warum es ihm hier so gut gefiel.

Sie unterhielten sich eine ganze Weile über das Konzert, die Band und auch über Frank, und Kevin erfuhr in diesem Gespräch, daß Alexander keine Freundin hatte. Er begründete dies damit, daß er aufgrund seiner Arbeit mit der Band wenig Zeit hätte, eine Bindung einzugehen.

Schließlich nahm Kevin allen Mut zusammen und stellte Alexander die Frage, die ihn seit dem frühen Abend ständig beschäftigte.

"Sag' mal. Kann ich Dich mal was fragen? Aber nicht, daß Du das mißverstehst!"

Alexander zog die Augenbrauen hoch und nickte.

"Na klar doch! Nur zu. Was hast Du auf dem Herzen?"

Kevin druckste etwas herum. Er wußte nicht, wie er das, was auf seiner Seele lag, formulieren sollte. Er wollte Alexander nicht zu nahe treten, aber er wollte ihm auch nicht irgendwelche Absichten signalisieren.

"Nunja, es ist so, ... als ich heute ins Hotelzimmer kam ... hm ..."

"Hey, was ist los? Stimmt doch etwas nicht mit dem Zimmer?"

"Nein, nein, mit dem Zimmer ist alles in Ordnung! Es ist nur ... ich habe in dem Zimmer etwas gefunden, von dem ich nicht weiß, was ich davon halten soll. Und ich weiß auch nicht, von wem es ist ..."

Kevin machte eine Pause und mit einem nervösen Kribbeln im Bauch wartete er, ob Alexander eine Reaktion zeigte.

Aber Alexander reagierte nicht. Jedenfalls sprach er keine hörbaren Worte aus. Doch das Lächeln, das sich auf seinen Lippen zeigte, verriet einiges.

"Ich habe in dem Zimmer eine Rose und eine Karte gefunden. Ich finde das echt nett, aber ich wüßte doch gerne, von wem die Sachen sind. Du hast nicht zufällig eine Idee, von wem sie sein könnten?"

Alexander schloß für Sekundenbruchteile die Augen.

"Hm, doch, die hab' ich." Er zögerte einige Sekunden. "Sie sind ... von mir!"

Alexander schwieg, und Kevin erkannte, daß er spannungsvoll auf eine Antwort wartete.

Aber Kevin konnte zunächst nicht antworten. Er hatte sich zwar schon gedacht, daß Alexander ihm die Rose im Zimmer hinterlassen hatte, aber dennoch war er überrascht. Das Alexander dies so einfach zugab, kam doch etwas unerwartet.

Als Kevin nicht reagierte, sprach Alexander weiter.

"Ich hoffe, Du bist mir nicht böse?"

Kevin schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, ich bin Dir deswegen nicht böse. Im Gegenteil! Ich habe mir so etwas schon gedacht. Es hat mich sehr gefreut. Ich weiß nur nicht, wie ich das deuten soll. Weißt Du, es kommt etwas plötzlich."

Alexander nickte.

"Ich weiß. Ich wußte auch nicht, ob es richtig ist. Naja, Du hast mich bisher nie danach gefragt. Und das fand ich sehr nett von Dir. Aber ... ich ... ich bin ... nun, mich interessieren halt auch Jungs! Ich hab' das bisher noch niemandem gesagt. "

Er machte abermals eine längere Pause und wechselte nervös von einem Bein auf das andere.

"Ich fand Dich vom ersten Moment an nett. Sei mir nicht böse, aber nachdem Du mir von der Sache mit ... mit Frank erzählt hast, wußte ich nicht, ob und wie ich es Dir sagen sollte."

Kevin lächelte und wiederholte nochmals, daß er Alexander nicht böse war.

"Ich danke Dir jedenfalls, daß Du mir davon erzählt hast."

"Ist mir nicht leichtgefallen, das kannst Du mir glauben!"

Kevin nickte.

"Ich kenne das! Mir ging es früher auch so. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß es gut tut, wenn man mit jemandem darüber reden kann. Hattest Du denn schonmal etwas mit einem Jungen?"

Alexander schüttelte den Kopf.

"Weißt Du, ich hab' mich bisher nie getraut, darüber zu sprechen. Es klingt zwar blöd, aber Du weißt, daß ich im - wie sagt man so schön: "öffentlichen Interesse" stehe, und ich befürchte, wenn das 'rauskommt, könnte die Band Schaden nehmen."

Er zuckte nachdenklich mit den Schultern.

"Ich weiß nicht, vielleicht bin ich auch einfach nur zu feige gewesen. Aber als ich Dich auf dem Sommerfest gesehen habe, wußte ich sofort, daß ... nunja, ich habe direkt gemerkt, daß Du mir gefällst. Ich fand Dich einfach nett, und nachdem ich Dich kennengelernt hatte wurde mir klar, daß mein erster Eindruck richtig war. Aber als Du mir von Frank erzählt hattest, wußte ich nicht mehr, ob ich mich Dir gegenüber outen sollte. Ich wollte Dich einfach nicht in irgend einer Form bedrängen. Aber, was rede ich, ich weiß natürlich gar nicht, wie Du über mich denkst."

Kevin schmunzelte.

"Danke für die Lorbeeren. Aber ich glaube, so, wie wir uns in letzter Zeit immer angesehen haben müßte Dir doch eigentlich klar sein, daß ich Dich auch nett finde. Ich weiß nur nicht, ob ... naja, ob ich über die Sache mit Frank schon soweit hinweg bin, daß ich ... nun, ob ich einfach gefühlsmäßig schon wieder klar bin. Ich weiß es nicht."

Alexander zeigte Verständnis.

"Das ist doch ganz klar. Ich habe das auch gar nicht von Dir erwartet. Aber als ich Dir heute das Hotelzimmer besorgt habe dachte ich, dies sei eine gute Gelegenheit, einen ersten Schritt in Richtung meines "coming out" zu tun. Und ich glaube jetzt, daß es richtig gewesen ist. Ich merke schon jetzt, wie gut es tut, einmal mit jemandem darüber zu reden."

Der Abend endete recht schweigsam. Genau wie Alexander hing Kevin seinen Gedanken nach. Er dachte über die neue Situation nach. Er hatte all' dies ja bereits vermutet, aber es jetzt auch bestätigt zu sehen bereitete ihm schon ein merkwürdiges Gefühl. Zum einem wußte er nicht, wie er mit diesen Neuigkeiten jetzt umgehen sollte. Sicher, er mochte Alexander, begehrte ihn sogar, aber wollte er sich wirklich jetzt schon wieder auf ein anderes Abenteuer einlassen? Ein Abenteuer, aus dem vielleicht mehr werden würde!

Zum anderen dachte er darüber nach, wie Alexander sich jetzt fühlen mochte. Er hatte sich ihm offenbart, ihm etwas anvertraut, das er bisher noch keinem Menschen gesagt hatte. Und mehr noch: Er hatte ihm gestanden, daß er auf ihn stand, daß er ihn sympathisch fand. Was erwartete Alexander jetzt?

Kevin kam zu dem Entschluß, daß er jetzt noch keine Entscheidung treffen wollte. Er konnte einfach noch nicht entscheiden, ob er die Aussagen von Alexander, die ja auch seinen Hoffnungen entsprachen, auch umsetzten wollte. Er brauchte einfach mehr Zeit.

Schließlich verließen sie die Kneipe und fuhren zurück ins Hotel. Die ganze Zeit sprachen sie kein Wort miteinander. Erst als sie am Hotel ankamen, brach Alexander das Schweigen.

"Du bist doch böse auf mich! Bin ich zu weit gegangen?"

Kevin spürte, daß Alexander sich wirklich Gedanken machte über das, was er getan hatte, und was er Kevin heute Abend gestanden hatte.

"Ach, Quatsch! Ich bin wirklich nicht sauer. Ich brauche einfach nur Zeit. Ich finde Dich auch sehr nett und glaub' mir, wäre die Sache mit Frank nicht erst vor kurzem passiert dann ... naja, dann hätte ich jetzt nicht dieses Problem. Ich mag Dich, aber ich kann einfach jetzt noch nicht wieder zur Tagesordnung übergehen und so tun, als sei das alles nicht passiert, als seien die letzten Wochen und Monate nie gewesen. Bitte hab' Geduld! In ein paar Wochen vielleicht ..."

"Ist O.k., Kevin, es tut mir leid, wenn ich Dich durch die Sache mit der Rose in einen Konflikt gebracht habe."

Kevin legte seine Hand auf Alexanders Schulter und sie sahen sich in die Augen.

"Es braucht Dir nicht leid zu tun. Ich bin in keinem Konflikt, indem ich nicht ohnehin schon bin, seitdem ich Dich kennengelernt habe. Ich fand das sehr lieb von Dir. Mach' Dir keine Gedanken. Es war richtig, was Du getan hast!"

Alexander lächelte dankbar. Bevor sie den Wagen verließen beugte sich Alexander zu Kevin hinüber und gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange.

"Ich danke Dir. Du bist unheimlich nett."

Dann verließen sie den Wagen und fuhren mit dem Aufzug aus der Tiefgarage in die Etage, in der ihre Zimmer lagen. Auf dem Gang vor dem Aufzug sahen sie sich nochmals tief in die Augen.

"Wollen wir noch etwas trinken?", erkundigte sich Alexander, "Ich hab' noch Cola in meinem Zimmer."

Kevin schüttelte den Kopf.

"Nein, heute nicht mehr. Es ist schon spät, und wir müssen morgen früh 'raus. Außerdem ... nein, heute besser nicht! Gute Nacht!"

Alexander nickte stumm, und dann gingen sie in ihre Zimmer.

 

4. Kapitel: Im Rampenlicht

 

Kevin hatte die Augen geschlossen und konzentrierte sich auf seine Übung. Er holte tief Luft und entspannte sich völlig. Er fühlte jeden Millimeter seines Körpers und prüfte in Gedanken seine gesamte Haltung. Jede Faser in ihm unterzog er der Prüfung, ob sie in der richtigen Haltung verharrte, jeden Muskel, ob er entweder völlig entspannt oder in der richtigen Anspannung war, und ob sich jedes Gelenk in korrekter Position befand.

Er stand bereits seit einer halben Stunde auf dem Balkon und hatte nach einigen Minuten regungslosen Verharrens alle störenden Gedanken aus seinem Kopf verdrängt. Dann hatte er Muskeln und Sehnen seines Körpers gelockert und in sich steigernden Dehnübungen bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gebracht. Er fühlte sich frisch und entspannt, und zum Abschluß seiner morgendlichen Übung hatte er einen langsamen Seitwärtstritt ausgeführt und hielt nun seinen Fuß in Kopfhöhe.

Die Sonne war bereits über der Skyline der Stadt zu sehen und spendete mit ihrem wärmenden Strahlen ein angenehmes Gefühl auf Kevins Haut. Der Himmel war klar, und die Temperatur der Luft, die in der Nacht ohnehin nicht allzu tief gesunken war, kletterte, gefolgt von der Quecksilbersäule, langsam in die Höhe.

Kevin setzte den Fuß wieder auf den Boden, als es im selben Moment an der Tür klopfte. Kevin wunderte sich, wer schon so früh am Morgen etwas von ihm wollte. Eigentlich konnte es nur jemand von der Band sein um nachzusehen, ob er auch nicht verschlafen hatte und pünktlich zum Abfahrtstermin da war.

Er ging durch das Zimmer zurück an die Tür und öffnete.

"Guten morgen! Ich wollte nur sehen, ob Du schon auferstanden bist!"

Alexander stand vor ihm und lächelte ihm freundlich entgegen.

"Ja, ich bin bereits seit einer Stunde wach. Ich habe schon etwas trainiert. Man muß doch in Form bleiben! Komm' rein. Ich springe nur schnell unter die Dusche. Dann können wir frühstücken gehen."

Alexander nickte und betrat das Zimmer. Während er auf den Balkon hinaustrat und gedankenverloren über die Stadt blickte ging Kevin ins Bad und duschte.

Fünfzehn Minuten später stand Kevin fertig angezogen im Zimmer.

"Meinetwegen können wir los. Ich bin soweit."

"Prima! Ich hab' Hunger."

Sie verließen das Zimmer und fuhren mit dem Aufzug hinunter in die zweite Etage, in der sich der Frühstücksraum befand. Sie fanden einen freien Tisch, und nachdem ihnen die Bedienung frischen Kaffe gebracht hatte, holten sie vom Frühstücksbuffet das Frühstück.

Während Alexander sich mit zwei Brötchen und reichlich Marmelade versorgte, begann Kevin sein Müsli mit dem frischen Obst zu mischen und goß frische Milch dazu.

"Habt Ihr heute Abend schon das nächste Konzert?"

Alexander schüttelte den Kopf und schluckte einen Bissen Brötchen hinunter.

"Nein, heute noch nicht. Es sind rund 600 Kilometer, und bis wir da sind haben wir nicht mehr genügend Zeit alles aufzubauen. Außerdem haben wir morgen nachmittag noch eine Werbeaktion in einem Musikgeschäft. Das nächste Konzert findet morgen Abend statt. Du kriegst wohl nicht genug?"

Kevin lachte.

"Doch, schon! Ich wollte nur wissen, was heute auf dem Programm steht."

"Nunja, wenn wir angekommen sind, werden wir uns die Halle ansehen und anschließend mit dem Aufbau beginnen. Mal sehen, wie weit wir kommen. Morgen Mittag werden wir mit einer kleinen Probe die Akustik und Technik der Halle testen, und morgen Abend geht's dann wieder zur Sache."

Kevin dachte nach. Würde er heute eine Gelegenheit finden, mit dem gesuchten Tontechniker zu sprechen? Würde er heute überhaupt dabei sein?

"Gehören eigentlich alle Leute zum festen Team?"

"Nein, nicht alle. Nur ein paar Transporteure und die Tontechniker. Der Rest wird von der jeweiligen Halle gestellt."

Kevin zog die Augenbrauen hoch. Also gehörten die Tontechniker zum festen Team und waren auf jedem Konzert dabei.

"Ich hab' gestern gehört, einer der Tontechniker ist krank."

"Hmhm, aber Chris ist ab heute wieder dabei. Er hat mich heute morgen schon angerufen und gesagt, daß er pünktlich da sein wird."

Das war für Kevin eine beruhigende Information. Er hatte schon befürchtet, daß dieser Tontechniker länger krank sein könnte und deswegen nicht mit auf Tour gehen würde. Damit wäre dann seine Anwesenheit bei der Tournee völlig umsonst.

Nein! Nicht völlig umsonst. Da war sich Kevin spätestens seit dem gestrigen Abend sicher. Einen Sinn könnte seine Mitarbeit schon haben, wenn er auch jetzt noch nicht wußte, welches Ergebnis dieser Sinn bringen würde: Er konnte bei Alexander sein, konnte die Probleme der letzten Wochen verarbeiten und Abstand davon gewinnen, und er konnte feststellen, was er wirklich für Alexander empfand.

Er hatte gestern Abend noch lange wach gelegen und über die Situation nachgedacht. Er war froh, daß Alexander ihm alles erzählt hatte. Jetzt wußte er wenigstens, woran er war. Nur eins wußte Kevin nicht: Was würde jetzt werden? Jetzt, nachdem Alexander ihm gestanden hatte, daß er auch schwul war, und das er sich sogar für Kevin interessierte.

Die Sache war seit Alexanders Offenbarung weitaus schwieriger für Kevin geworden. Bisher hatte das Nichtwissen um Alexanders Schwulsein immer wie eine Bremse gewirkt, hatte seine Gefühle im Zaum gehalten. Aber jetzt, da Kevin um Alexanders Empfindungen wußte, herrschte chaotische Verwirrung in seinem Inneren. Sein Verstand, und der immer noch deutliche spürbare Schmerz über den Verlust seines Freundes, standen in einer unerbittlichen Auseinandersetzung mit dem Begehren, das er Alexander entgegen brachte, und das immer stärker wurde. Aber noch wußte er nicht, wer in diesem aufzehrenden Kampf siegen würde.

Und Kevin sah die Gefahr, daß sich dieser Zwiespalt wie eine unüberwindliche Blockade vor seiner Aufgabe auftat, und der ihn daran hindern könnte, den Tod von Frank zu klären. Oder der ihn aber zumindest unaufmerksam werden lassen konnte. Unaufmerksam für die Gefahren, die die Suche nach dem Schuldigen für Franks Tod mitsich bringen konnte. Wenn er mit seiner Vermutung recht behalten sollte, daß Frank nicht Selbstmord begangen hatte, dann hatte er es schließlich mit Menschen zu tun, die vor Mord nicht zurückschreckten.

Kevin dachte darüber nach, ob das nicht vielleicht sogar der einzige Grund war, warum er jetzt in der Zwickmühle saß. War er sich seiner Gefühle für Alexander eigentlich nicht schon längst im klaren?

"Worüber denkst Du nach?"

Alexander hatte bemerkt, daß Kevin seit einigen Minuten ziemlich schweigsam geworden war.

"Hm? Achso, ... über gar nichts!"          

"Du denkst an gestern Abend, nicht?"

"Nein! ... Naja: auch!"

"Möchtest Du nochmal 'drüber reden?"

Alexander war sich nicht sicher, ob es richtig war, dieses Thema erneut anzusprechen. Vielleicht ging er damit zu weit, bedrängte Kevin zu sehr damit?

Kevin überlegte.

Wollte er nochmal darüber reden? Konnte er Alexander überhaupt erklären, warum er jetzt solche Probleme hatte? Und: Sollte er ihm jetzt schon erklären, warum er überhaupt hier war, weshalb er den Kontakt zur Band gesucht hatte?

Er beantwortete Alexanders Frage mit einem Kopfnicken.

"Glaub' mir Kevin: Ich habe vollstes Verständnis für Deine Situation. Du hast die Geschichte mit Frank sicher noch nicht überwunden, und ..."

"Das ist es nicht allein!"

Kevin unterbrach Alexander und rührte dabei lustlos in den Resten seines Müslis.

Alexander sah ihn fragend an.

"Sondern?"

Kevin schwieg. Sollte er Alexander die wahren Gründe seines Auftauchens bei der Band sagen?

"Hey, Kevin, erzähl' schon. Was bedrückt Dich. Ich merke doch, daß Du etwas auf dem Herzen hast. Was ist da sonst noch?"

Kevin holte tief Luft.

"Es gibt einen Grund dafür, warum ich auf dem Sommerfest war! Und es gibt auch einen Grund dafür, warum ich jetzt hier bin!"

Er machte eine Pause und wartete auf Alexanders Reaktion.

"Und welcher Grund ist das? Ich meine, willst Du mir davon erzählen?"

Kevin nickte fast unmerklich.

"Es hat mit Franks Tod zu tun!"

Alexander sah ihn fragend an.

"Mit Franks Tod? Was hat das Fest und Deine heutige Anwesenheit hier mit Franks Tod zu tun? Das verstehe ich nicht!"

Kevin suchte nach den richtigen Worten.

"Ich habe Dir doch erzählt, daß Frank Selbstmord begangen hat."

Alexander bestätigt durch ein kurzes Nicken.

"Ich glaube ... nein, ich bin mir sicher, daß es kein Selbstmord war!"

Alexander stellte die Tasse ziemlich plötzlich wieder zurück und starrte Kevin fassungslos an.

"Was? Wie kommst Du denn darauf?"

"Weißt Du, Frank und ich kannten uns ziemlich gut. Ich meine, wir waren zwar erst seit ein paar Monaten zusammen, aber in diesen Wochen haben wir soviel Zeit miteinander verbracht, daß wir einander ziemlich gut kennengelernt haben. Und daher weiß ich, daß Frank nicht der Typ dafür war, der jemals selbstmordgefährdet war. Wenn er solche Probleme gehabt hätte, dann hätte er mir davon erzählt. Oder ich hätte etwas gemerkt! Aber da war gar nichts! Nicht ein Zeichen dafür, daß er jemals an Selbstmord dachte. An jenem Tag, als ... als es passierte, waren wir noch den halben Tag zusammen, und Frank war genauso wie immer."

"Vielleicht wollte er über seine Probleme nicht reden? Auch nicht mit Dir!"

Kevin schüttelte den Kopf.

"Nein! Und selbst wenn, hätte ich doch etwas merken müssen! Nein, Frank hat nie im Leben Selbstmord begangen! Da bin ich mir absolut sicher! Ich habe kurze Zeit nach seiner Beerdigung ein Tagebuch von ihm gefunden, und darin war etwas eingetragen, daß meine Vermutung untermauert."

"Und was war es?"

Kevin erzählt ihm von den Einträgen wegen der CDs und diesem Peter aus Franks Firma.

"Ich glaube, daß dieser Typ aus seiner Firma etwas damit zu tun hat!"

"Ja, aber was hat das alles mit dem Sommerfest und Deiner Anwesenheit hier zu tun?"

"Nunja, Frank hat in seinem Tagebuch erwähnt, daß ... - aber versprich mir, daß das unter uns bleibt!"

Alexander nickte bestätigend.

"Na klar, keine Bange!"

"Also, Frank hat in seinem Tagebuch erwähnt, daß er ein Band von Eurem Konzert gestern besorgen sollte, damit dieser Peter davon eine CD herstellen lassen konnte um sie dann, vermutlich auf dem Schwarzmarkt, zu verkaufen."

Alexander pfiff leise vor sich hin. Er war merklich überrascht!

"Woher sollte er denn ein Band von unserem Konzert bekommen? Die Kontrollen am Eingang sind diesbezüglich ziemlich gründlich."

"Es war auch keiner von den Zuschauern!"

Kevin machte wieder eine bedeutungsvolle Pause und wartete auf Alexanders Reaktion.

 

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