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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.
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"Schatten auf dem Regenbogen"
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4. Kapitel: Im Rampenlicht
"Aber, das würde ja heißen, ..."
"Ja, das heißt, daß jemand aus dem Team an der Sache beteiligt ist!"
Kevin ließ seine Aussage einige Augenblicke wirken und fuhr dann fort.
"Aus Franks Tagebuch weiß ich, daß er von diesem Peter den Auftrag hatte, mit einem Eurer ... Tontechniker Kontakt wegen dieses Bandes aufzunehmen."
Alexander war mächtig überrascht.
"Du meinst, Klaus oder Chris könnten damit was zu tun haben? Mein Gott, daß würde ja bedeuten, daß einer von ihnen, oder sogar beide, in einen ... Mordfall verwickelt sind!"
Kevin schüttelte den Kopf.
"Nein, Klaus hat mit der Sache wahrscheinlich nichts zu tun."
Kevin dachte an das Gespräch mit Klaus am Vortag.
"Klaus war gestern nur vertretungsweise da. Und da das Band an diesem Abend erstellt werden sollte, kann er eigentlich damit nichts zu tun haben. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, ist Chris dieser Tontechniker, von dem Frank in seinem Tagebuch geschrieben hat."
Alexander hatte zwar erst ein Brötchen gegessen, aber ihm war der Appetit für heute morgen vergangen. Er starrte Kevin fragend an.
"Das ist ja ein dicker Hund! Und was willst Du jetzt tun? Hast Du schon mit der Polizei gesprochen?"
"Ach, die Polizei!", wehrte Kevin verächtlich ab.
"Die hat die Sache angeblich genauestens überprüft und ist zu der Erkenntnis gekommen, daß es Selbstmord war. Damit ist der Fall für die erledigt.
Nein, ich muß das selbst herausfinden. Deswegen hatte ich auch nur zugestimmt, mit Euch auf Tour zu gehen. Ich will versuchen, ob ich mehr Informationen herausbekommen kann. Ich werde versuchen, mit Chris in Kontakt zu kommen. Vielleicht erfahre ich dann mehr. Aber nochmal: Das muß unter uns bleiben. Laß' Dir nichts anmerken!"
"Ja, klar. Ich halte meinen Mund. Aber sei vorsichtig. Wenn Du Recht hast, könnte das 'ne gefährliche Sache sein."
"Ja, deswegen bin ich auch im Moment wegen unserem Gespräch gestern Abend etwas durcheinander. Ich will mich nicht von meinem Ziel ablenken lassen. Die Aufklärung von Franks Tod ist im Augenblick das Wichtigste für mich!"
Alexander nickte zustimmend.
"Kann ich verstehen!“
Er rührte gedankenverloren in seinem Kaffe.
„Hm, und ich dachte schon, Du wärst vielleicht meinetwegen hier. Tja, so kann man sich irren."
Kevin sah Alexander an.
"Hey, zieh' keine voreiligen Schlüsse! Ich bin trotz allem froh, hier zu sein. Und das nicht mehr nur, weil ich diese Sache klären will. Ich hab' Dir gestern Abend schon gesagt, daß ich Dich auch nett finde. Laß mir noch etwas Zeit!"
Alexander lächelte verständnisvoll, und Kevin hatte plötzlich das Verlangen, ihn in den Arm zu nehmen und fest an sich zu drücken. Wie in den ersten Tagen nach Franks Tod spürte er Einsamkeit. Wie in jenen Stunden des Schmerzes, in denen das Entsetzen über den Tod seines Freundes einem wilden Feuer gleich in ihm brannte, ihn fast umzubringen schien, und das schließlich einer Leere gewichen war, die nichts anderes zurückließ als den Wunsch, die Umstände von Franks Tod aufzuklären. Es gab nur diesen einzigen Wunsch inmitten der stillen Einsamkeit.
Und jetzt fühlte er sie wieder, diese Einsamkeit!
Ihm fehlte das Gefühl der Geborgenheit, des Geliebtwerdens, und er spürte, wie er sich nach Wärme und Nähe sehnte. Diesesmal war dieses Gefühl des Alleinseins nicht von solchen Schmerzen des Herzens verbunden, wie noch vor wenigen Wochen.
"Wenn ich Dir bei dieser Sache irgendwie helfen kann, Kevin, dann sag' es!"
Kevins Gedanken fanden den Weg zurück in die Gegenwart.
"Nein! Halt' Dich da bitte ganz heraus. Du weißt von gar nichts! Ich will nicht, daß Du in die Sache verwickelt wirst. Die Angelegenheit könnte gefährlich sein, und ich möchte nicht ... ich möchte einfach nicht nochmal jemanden verlieren, der ... der mir etwas bedeutet!"
Sie sahen sich lange und tief in die Augen.
"Danke, Kevin. Es ist nett, daß Du das sagst."
Alexander lächelte vor sich hin.
"Hm, das gibt mir doch wenigstens die Hoffnung, daß aus uns vielleicht doch noch was werden kann."
Er zuckte fragend mit den Schultern, erwartete aber keine Antwort.
Kevin legte seine Hand verstohlen auf die von Alexander.
"Wir werden sehen! Wenn diese Sache vorüber ist ..."
Er sprach nicht weiter und überließ den Rest seiner Aussage der Zukunft.
Ein Blick auf seine Armbanduhr bestätigte Kevin, daß sie genau 8 Stunden unterwegs gewesen waren, und er war trotz einiger Pausen, die sie unterwegs eingelegt hatten, froh, daß sie endlich angekommen waren. Die Stunden auf der Autobahn hatten seine Glieder steif und seinen Kopf schläfrig werden lassen. Doch jetzt, als er aus dem Wagen auf den grauen Beton des Messegeländes sprang, fielen die Trägheit und die Müdigkeit von ihm ab.
In dieser Stadt fand das Konzert am nächsten Abend in einer der großen Hallen des hiesigen Messegeländes statt. Sie waren im Konvoi gefahren, und so waren alle drei Lastwagen gleichzeitig angekommen.
Kevin und Alexander hatten die langen Stunden der Fahrt genutzt und Einzelheiten ihrer Vergangenheit ausgetauscht, und Kevin war ziemlich neugierig auf Alexanders bisheriges Leben gewesen.
„Tja, da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich habe schon ziemlich früh meine Vorliebe für die Musik entdeckt. Mit 8 Jahren habe ich an einem Wettbewerb teilgenommen. Es ging darum, Songs bekannter Stars nachzusingen. Ich habe damals ein Lied von Richard Cliff nachgesungen.“
Er lächelte, als er die Erinnerungen an diesen Tag Revue passieren ließ.
„Und? Hast Du damals gewonnen?“
Alexander nickte zustimmend.
„Ja, habe ich. Es war einfach klasse! Mit 15 habe ich dann meine erste eigene Band gegründet. Michael und Bernd waren damals auch schon mit dabei. Mann, wenn ich daran denke – es war einfach eine tolle Zeit damals. Als dann vor etwa fünf Jahren noch Frank und Pierre zu uns kamen, haben wir damit angefangen, eigene Songs zu schreiben. Das war der Zeitpunkt, als die Sunrisers geboren wurden.“
„Und wann habt ihr die erste Platte gemacht?“, erkundigte sich Kevin.
„Das war vor etwa zwei Jahren. Wir haben damals des öfteren Auftritte in Clubs oder in Diskotheken gehabt, und irgendwann haben wir uns dann einfach an eine Plattenfirma gewandt und es hat sofort geklappt. Tja, danach folgten immer größere Konzerte, die erste CD, und jetzt sind wir hier.“
„Klingt wie die Geschichte vom Tellerwäscher zum Millionär!“
Alexander schüttelte den Kopf.
„Vom Millionärsein sind wir noch weit entfernt. Und das ganze klingt wahrscheinlich unheimlich einfach und toll. Aber es war eine verdammt harte Zeit. Wir haben nichts anderes gemacht als nur Musik. Da war die Schule, ein Nebenjob zur Finanzierung unserer Pläne, ständige Proben, Auftritte, Proben und so weiter. Da blieb für andere Sachen einfach keine Zeit übrig. Manchmal bedauere ich das auch ein bißchen.“
Kevin hob verwundert die Augenbrauen.
„Wieso bedauern? Du hast eine Karriere gemacht, von der andere nur träumen können.“
„Ja, das schon, und ich bin ja auch ganz zufrieden. Aber manchmal frage ich mich auch, was ich heute wäre, wenn ich etwas anderes gemacht hätte.“
Er beugte sich zu Kevin herüber und flüsterte leise:
„Vielleicht wäre ich ganz anders mit meinem Schwulsein umgegangen. Wer weiß?“
Kevin lächelte und legte verstohlen seine Hand auf die Alexanders.
„Dann wären wir jetzt nicht hier zusammen!“, flüsterte er zu Alexander herüber.
Schließlich erreichten sie ihr Ziel, und die Wagen hielten vor der Halle, in der am nächsten Abend das nächste Konzert stattfinden würde. Sie stiegen aus und machten sich auf den Weg hinein.
Wolfgang Lenzen hatte bereits die Schlüssel zur Halle besorgt und öffnete gerade die Tore. Mit einiger Verzögerung flammte die Deckbeleuchtung der Halle auf. Die riesige Leere wirkte beeindruckend auf Kevin.
"Na also, fast wie zu Hause!"
Alexander war gut gelaunt und rieb sich in Vorfreude auf das kommende Konzert die Hände. Auch die anderen Bandmitglieder waren mit der Halle zufrieden. Nur bei den die Arbeitern hielt sich die Freude in Grenzen, wußten sie doch, welche Arbeit in den nächsten Stunden auf sie zukommen würde.
"O.k., Jungs, dann los! Es gibt viel zu tun!"
Alexander versuchte in seine Worte einen aufmunternden Ton zu legen, aber Kevin schien es, als konnte er die Bühnenarbeiter nicht so recht motivieren.
"Hey, Kevin, gehst Du mit? Wir sehen uns das Hotel an!"
Kevin schüttelte den Kopf.
"Nein, Du weißt, daß ich hier mithelfen will. Außerdem ..."
Er sprach nicht weiter, sondern sah Alexander vielsagend an. Und der wußte sofort, was Kevin meinte. Mit einem leichten Kopfnicken bat er Kevin zur Seite, wo sie ungestört reden konnten.
"Paß' auf Dich auf! Ich will nicht, daß Dir etwas passiert!"
Kevin lächelte.
"Keine Angst, ich passe schon auf mich auf. Ich will eh' nur versuchen, mit Chris ins Gespräch zu kommen. Vielleicht erfahre ich noch einiges zu der Sache."
Die Band verließ die Halle, und die Arbeiter begannen mit dem Ausladen. Einen Teil der Arbeiten, die sie beim letzten Konzert zu verrichten hatten, fielen heute aus. Denn für das Konzert am morgigen Abend sollte der Innenraum der Halle nicht bestuhlt werden. Aber mit dem Aufbau der Bühne, dem Anbringen der Beleuchtung und der Installation der Tontechnik waren sie auch so den ganzen Tag, und wahrscheinlich auch noch einen Teil des kommenden Tages, beschäftigt.
Kevin half diesesmal bei der Installation der Tontechnik. Zunächst wurden die riesigen Lautsprecherboxen aufgestellt. Sechzehn Boxen wurden in der Halle verteilt, und Kevin war einigermaßen froh, als die Schlepperei vorüber war.
Anschließend wurde das große Mischpult im hinteren Teil der Halle installiert. Dazu hatten sie zunächst ein kleines Podest aufgebaut, das dann mit stabilen Wänden eingezäunt wurde, damit die Fans das Podest nicht erklimmen konnten.
Inzwischen befanden sich auf die Kisten mit den Kabeln in der Halle, und einer der Männer suchte aus diesen Kisten passende Kabel heraus.
Kevin vermutete, daß dies Chris sein mußte. Er hatte ihn beim letzten Konzert nicht gesehen.
"Hi, ich glaub', wir kennen uns noch nicht."
Der Mann sah ihn fragend an, und Kevin glaubte, daß er fieberhaft überlegte, ob sie sich kannten.
"Ich heiße Kevin. Ich bin das erste mal bei so einer Tour dabei!"
Der Mann legte die Stirn in Falten und richtete sich auf.
"Kevin? Dann bist Du der neue Bodyguard der Band?"
"Naja, sagen wir mal so: Ich halte ein bißchen die Augen auf. Aber ansonsten möchte ich hier mithelfen!"
Der Mann nickte.
"Gut, ich heiße Chris. Ich bin hier für die Tontechnik zuständig."
Kevin war zufrieden. Er hatte den Kontakt zu Chris hergestellt, und auch wenn Chris etwas verschlossen zu sein schien, so war er wenigstens nicht abweisend.
Kevin wagte sich einen Schritt weiter.
"Kann ich Dir helfen?"
Chris überlegte lange und sah sich dabei suchend um. Dann nickte er.
"O.k., ich brauche die Kabel aus dieser Kiste oben beim Mischpult. Du könntest sie auf dem Tisch auslegen. Dann brauche ich nicht so lange zu suchen."
Kevin nickte zufrieden und machte sich an die Arbeit. Aus den Augenwinkeln heraus spürte er, wie Chris ihn einen Moment lang beobachtete, bevor er auf dem Podest und hinter seinem Mischpult verschwand. Dann begann Kevin damit, die Kabel aus der Kiste zum Mischpult zu bringen. Er legte sie ordentlich nebeneinandergereiht auf den Tisch hinter dem Mischpult aus. Chris begann damit, die ersten Kabel an das Mischpult anzuschließen und Kevin wartete jeweils, bis er das nächste Kabel verlangte. Die Zeit verstrich quälend langsam.
"Bist Du schon lange bei der Band?", erkundigte sich Kevin nach langer Zeit des Schweigens. Chris sah nicht von seiner Arbeit auf und brummte nur kurz. Kevin deutete dies als Zustimmung.
Wieder folgte eine lange Zeit des Schweigens, in der Chris nur dann etwas sagte, wenn er von Kevin ein weiteres Kabel verlangte.
"Sag' mal, Chris, kannst Du mit dem Mischpult eigentlich auch Aufzeichnungen von dem Konzert machen?"
Chris unterbrach seine Arbeit und sah Kevin fragend an.
"Na klar. Wir machen von jedem Konzert eine Aufzeichnung. Warum fragst Du?"
Kevin bekam einen trockenen Hals und überlegte fieberhaft, welchen Grund er für diese Frage nennen konnte.
"Hm, nur so. Ich hab' mich gestern mit Alexander mal darüber unterhalten. Die Band will eventuell mal ein Live-Album veröffentlichen."
Chris sah ihn überrascht an.
"Aha, da weiß ich ja noch gar nichts von."
"Wir haben uns gestern nur kurz mal darüber unterhalten. Ich weiß nicht, ob es wirklich mal dazu kommt."
Der Tontechniker zuckte mit den Schultern und machte sich dann wieder an seinem Mischpult zu schaffen.
Kevin atmete erleichtert aus und war froh, daß ihm diese Ausrede noch eingefallen war.
Während er wartete, bis Chris das nächste Kabel benötigte, entdeckte er am Halleneingang Wolfgang Lenzen, der mit seinem Handy telefonierte. Als er scheinbar fertig war, sah er sich in der Halle suchend um. Nachdem ihre Blicke sich kreuzten, winkte er Kevin zu und deutete ihm, herüber zu kommen.
"Ich muß mal eben zu Wolfgang. Der will etwas von mir."
Chris nickte nur stumm und ließ sich nicht stören.
Kevin lief durch die Halle zu Wolfgang.
"Hallo Kevin. Alexander hat gerade angerufen. Du sollst zu ihm ins Hotel kommen. Die Band hat heute noch einen öffentlichen Auftritt, und Alex möchte, daß Du mitkommst. Er hat Dir ein Taxi kommen lassen. Es wartet bereits draußen!"
"O.k., dann mach' ich mich auf den Weg. Bis später!"
Kevin verließ die Halle. Vor der Halle wartete bereits das Taxi und nachdem Kevin eingestiegen war, brachte es ihn zum Hotel.
In der Empfangshalle wartete Alexander.
"Hallo Kevin! Na, wie war's?"
Kevin erzählte ihm von dem kurzen Kontakt mit Chris und seiner Ausrede mit dem Live-Album.
"Prima, das war 'ne gute Idee. Hör' mal, wir sollen gleich noch eine Autogrammstunde in der Stadt geben. Würdest Du bitte mitkommen?"
Kevin nickte.
"Na klar, doch. Wann soll es losgehen?"
"Jetzt gleich. Dein Gepäck ist bereits auf Deinem Zimmer."
"Gut, hab' ich noch Zeit für 'ne Dusche?"
Alexander lächelte.
"Ja, sicher doch. Aber beeile Dich. Ich warte hier. Wir müssen in einer Stunde schon da sein.
Kevin nahm von Alexander den Schlüssel entgegen und ging in sein Zimmer. Unter der Dusche dachte er über das Gespräch mit Chris nach. Täuschte er sich, oder hatte Chris bei seiner Frage nach den Konzertmitschnitten nervös reagiert? Irgendwie hatte er gespürt, daß sich der Tontechniker unsicher zu fühlen schien. Aber vielleicht bildete sich Kevin das auch nur ein. Ja, er mußte einfach noch mehr mit Chris reden, um weitere Informationen zu bekommen. Irgendwie mußte er das Gespräch beim nächsten mal auf diesen Peter aus Franks Firma leiten. Dann würde er sehen, wie Chris reagieren würde, und wie er weiter vorgehen sollte.
Dreißig Minuten später trafen sich Kevin und Alexander wieder unten in der Halle.
"Hi, da bist Du ja wieder. Das ging aber schnell!"
Die anderen Bandmitglieder waren auch mittlerweile bei Alexander, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Stadt.
Die Fahrt dauerte knapp zwanzig Minuten und endete vor einem großen Musikgeschäft, vor dem sich bereits zahlreiche Menschen drängten und die Band erwarteten. Als die beiden Taxis vor dem Geschäft hielten, brandete Beifall auf, und die Fans drängten sich um die Wagen der Band.
Kevin stieg als erster aus dem Taxi und schob die wartenden Fans vorsichtig etwas zur Seite. Dann verließ die Band die Taxis und ging in das Geschäft.
Drinnen empfing sie der Geschäftsführer mit strahlendem Lächeln.
"Herzlich willkommen! Es freut mich, daß Sie die Zeit gefunden haben, heute hier zu erscheinen."
Die einzelnen Bandmitglieder wurden alle per Handschlag begrüßt, und dann führte der Geschäftsführer die 'Sunrisers' in den vorbereiteten Bereich des Geschäftes, in dem die Band ihre Autogrammstunde geben sollte.
Kevin hielt sich hinter der Band auf und wartete geduldig, bis die Stunde vorüber war. Seine Gedanken wechselten zwischen den Umständen von Franks Tod und seinen Gefühlen zu Alexander. Er faßte in Gedanken das zusammen, was er bereits über die vermutlich an der Sache Beteiligten wußte, aber seine Konzentration schmolz immer wieder dahin, wenn sich seine Empfindungen für Alexander zu Wort meldeten. Immer wieder brachen diese Gefühle in seine Gedanken ein, und seine Versuche, sich dagegen zu wehren, scheiterten jedesmal wieder daran, wenn sein Blick sich mit dem von Alexander traf, und ein gewinnendes Lächeln um Alexanders Lippen spielte.
Schließlich war die Autogrammstunde zu Ende, und unter dem Protest der anwesenden Fans machte sich die Band auf den Weg aus dem Geschäft.
Kevin ging wieder vor und bahnte eine schmale Gasse durch die drängelnden Menschen. Er hatte alle Hände voll zu tun, und die Sache erforderte seine gesamte Aufmerksamkeit.
Aber dennoch fiel ihm ein Jugendlicher in der Menge auf, der mit teilnahmslosem Blick dastand. Kevin sah ihn nur aus den Augenwinkeln, doch als er die Tür des wartenden Taxis öffnete, sah Kevin den Jugendlichen plötzlich genauer. Und Kevins Blick entging auch nicht das Messer, das der junge Mann in den Händen hielt.
Plötzlich löste sich der Jugendliche aus seiner Erstarrung und nutzte die von Kevin geschaffene Gasse durch die Fans um mit zwei schnellen Schritten auf Alexander zuzulaufen.
Noch bevor auch nur einer der umstehenden Leute etwas mitbekommen hatte, reagierte Kevin. Er spürte sofort, daß dieser Jugendliche nicht nach einem weiteren Autogramm fragen wollte. Und er fand seine Vermutung bestätigt, als sich die Hand mit dem Messer blitzschnell in die Höhe hob und drohend über Alexander schwebte als der sich gerade heruntergebeugt hatte, um in das Taxi zu steigen.
Mit zwei Schritten war Kevin zwischen Alexander und dem Angreifer. Gerade in dem Moment, als sich die Hand des Jugendlichen wieder senkte um das Messer in Alexanders Rücken zu bohren.
Kevin blockte den Schlag mit gekreuzten Armen ab. Gleichzeitig mit dem Kontakt an dem angreifenden Arm packte er mit seinen Händen das Handgelenk des Jugendlichen und drehte sich zur Seite weg, so daß er dem Angreifer den Arm auf den Rücken führte.
Die umstehenden Fans schrien laut auf und wichen erschrocken zurück. Dadurch hatte Kevin mehr Platz, den Angreifer auszuschalten.
Kevin handelte blitzschnell und kompromißlos. Mit einem kräftigen Tritt riß er dem Angreifer die Beine unter dem Körper weg und brachte in damit zu Fall. Noch immer hielt Kevin die Hand mit dem Messer fest gepackt und achtete darauf, daß der Jugendliche sich beim Fallen nicht daran verletzte.
Der angreifende Junge kam auf dem Bauch zu liegen, und Kevin kniete sich sofort auf seinen Rücken. Mit beiden Händen verdrehte er den messerhaltenden Arm weiter nach hinten, bis der Junge aufschrie und sich sein Griff um das Messer lockerte.
Kevin nahm das Messer an sich und lockerte seinen Griff etwas. Gleichzeitig sah er sich um. Am Eingang entdeckte er den Geschäftsführer, der kreidebleich auf das Ergebnis der in 2 Sekunden vollzogenen Abwehraktion von Kevin starrte.
"Rufen Sie die Polizei! Sofort!"
Der Mann nickte verstörte und verschwand in seinem Laden.
Auch Alexander starrte fassungslos auf den am Boden liegenden Angreifer. Um ein Haar wäre er das Opfer eines gefährlichen Angriffes geworden, und nur dank Kevins blitzschneller Reaktion war er vermutlich jetzt noch am Leben.
Alexander ging auf den Angreifer zu und kniete sich vor ihm auf den Boden.
"Warum hast Du das getan?" Er konnte es einfach nicht glauben.
Als der Jugendliche seinen Kopf etwas hob sah Alexander die Tränen auf seinen Wangen.
"Was ist los mit Dir? Was habe ich Dir getan, daß Du mich umbringen willst?"
Der Jugendliche schluchzte.
"Ich hasse Dich! Du bist alles Schuld! Nur deinetwegen ist es passiert!"
Alexander wechselte mit Kevin einen fragenden Blick.
"Was ist meine Schuld? Was ist denn passiert?"
Kevin lockerte seinen Haltegriff weiter, da er spürte, daß der Junge sich nicht weiter wehrte.
"Nur wegen Dir hat meine Freundin mich verlassen. Sie hat nur noch Dich im Kopf! Alex hier, Alex da, Alex ... "
Der Rest seiner Worte ging in einem Schwall Tränen unter.
Wenige Minuten später zwängten sich vier Polizisten durch die Menge, und nachdem Kevin den Angreifer losgelassen hatte, führten ihn die Polizisten ab.
Alexander sah ihnen fassungslos nach.
"Komm' Alexander, steig' in den Wagen bevor noch etwas passiert. Wir sollten weg sein, ehe die Presse kommt!
Sie stiegen in die Taxis und ließen sich zum Hotel fahren.
Während der Fahrt wechselten sie kein Wort, und auch im Hotel gingen sie schweigend auf ihre Zimmer.
Kevin trainierte über eine Stunde lang auf den Balkon, und nach einer heißen und ausgiebigen Dusche legte er sich aufs Bett um zu lesen.
Doch noch bevor er die dritte Seite der Zeitschrift erreicht, wurde er durch ein Klopfen an der Tür gestört und stand auf.
Als er die Tür öffnete stand Alexander vor ihm.
"Hallo Kevin, darf ich reinkommen?"
"Natürlich! Komm' rein. Entschuldige die Unordnung hier, aber..."
"Kein Problem, Kevin, bei mir sieht's nicht anders aus."
"Wie geht's Dir? Hast Du den Schreck von heute nachmittag überwunden?"
Alexander nickte seufzend.
"Ja, ich denke schon. Der Schreck ist mir ganz schön in die Glieder gefahren. Ich bin gekommen, um Dir nochmals zu danken. Du hast mir das Leben gerettet."
Kevin dachte an ihr erstes Treffen auf dem Sommerfest. Damals hatte Alexander den anderen Bandmitgliedern auch erzählt, daß Kevin ihm das Leben gerettet habe, und damals hatte er damit maßlos übertrieben. Aber heute hatte er wohl Recht. Die Situation am heutigen Tag war wirklich lebensgefährlich gewesen, und wenn Kevin nicht so schnell reagiert hätte, wäre Alexander jetzt vielleicht wirklich nicht mehr am Leben.
"War doch selbstverständlich. Du weißt: Dafür habt ihr mich engagiert!"
Alexander schüttelte den Kopf.
"Nein, Kevin, Du hast mehr als nur Deinen Job getan. Du hast Dein Leben für mich riskiert. Und mit solchen Vorfällen wie heute habe ich damals nicht gerechnet, als ich Dich gefragt habe, ob Du mitkommen willst."
Kevin winkte ab.
"Ach komm', so gefährlich war das nun auch nicht für mich. Halb so wild!"
"Naja, auf jeden Fall wollte ich Dir nochmals ausdrücklich dafür danken. Und ich bin froh, daß Du bei uns bist. Nicht nur wegen heute nachmittag!"
Eine Weile standen sie wortlos da, und Kevin spürte, daß Alexanders Besuch noch einen anderen Grund haben mußte. Er wirkte sichtlich nervös und sah sich verlegen im Zimmer um.
"Hey, Alexander, Du bist doch nicht deswegen gekommen. Du hast doch irgend etwas auf dem Herzen!?"
Alexander atmete tief ein und nickte.
"Ja, Kevin. Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es ist nur so ... naja ... hm, eigentlich habe ich nichts auf dem Herzen, sondern ... "
Er lächelte verlegen.
"... sondern im Herzen! Mensch, es ist alles so verdammt schwierig. Weißt Du, ich bin froh, daß Du hier bist. Ich meine, ... nicht nur wegen heute nachmittag, sondern ... ach verdammt ... Kevin, ich habe mich in ... Dich ... verliebt!"
Er wandt sich ab und ging ans Fenster. Mit in den Taschen vergrabenen Händen starrte Alexander hinaus in die Dämmerung und wartete. Er wartete, was Kevin nun sagen würde. Er wußte, daß Kevin noch immer nicht endgültig über den Verlust seines Freundes hinweg gekommen war, und er ahnte auch, in welche Situation er Kevin mit seinem Bekenntnis gebracht hatte. Aber er konnte nicht anders. Er mußte ihm einfach sagen, daß er ihn nicht nur sehr mochte, sondern daß er sich verliebt hatte. Er hatte es sich selbst eingestehen müssen, und er wollte, daß auch Kevin von seiner Liebe wußte.
Kevin stand eine ganze Zeit lang schweigend da und dachte über Alexanders Aussage nach. Er hatte schon seit einiger Zeit den Eindruck, daß Alexander sich zu ihm hingezogen fühlte. Aber das es bereits soweit gekommen war, daß er sich in ihn verliebt hatte, hatte Kevin nicht erwartet.
Was sollte er jetzt tun? Was sollte er ihm antworten? Es war alles so kompliziert.
Er spürte, daß er Alexander sehr mochte, und dieses Gefühl steigerte sich immer weiter, aber auf der anderen Seite saß der Schmerz über Franks Tod noch immer tief in seinem Inneren und nagte an seiner Seele.
Langsam ging er zu Alexander ans Fenster und legte die Hände auf seine Schultern.
"Ich bin froh, daß Du mir es gesagt hast. Und ich mag Dich auch sehr gerne. Du bist der einzige Mensch, für den ich zur Zeit so etwas empfinde. Und ich glaube, wenn die Sache mit Frank schon etwas länger zurückliegen würde, würde ich ... ach ... ich weiß nicht, was ich dann würde.
Ich will Dir nicht weh' tun, aber ... naja, .. ich glaube, ich brauche einfach noch Zeit. Hab' noch etwas Geduld mit mir. Du bedeutest mir sehr viel, ... aber ... ich kann einfach jetzt noch nicht ... von Liebe sprechen. Verzeih' mir!"
Alexander drehte sich wortlos um, und Kevin sah, daß er weinte.
"Es tut mir leid, Kevin. Ich verstehe, daß Du noch zögerst. Vielleicht hätte ich es Dir gar nicht sagen sollen. Es war einfach nur ... naja, dieses Gefühl ist einfach so stark geworden. Ich mußte es Dir einfach sagen. Ich hoffe, Du bist mir nicht böse?"
Kevin schüttelte den Kopf.
"Nein, ich bin Dir natürlich nicht böse. Ich bin derjenige, der ein schlechtes Gewissen haben muß. Aber ich kann Dir einfach jetzt noch keine Antwort geben. Noch nicht!"
Alexander wischte sich die Tränen fort und sah Kevin mit großen Augen an. Dann kam er einen Schritt auf ihn zu und nahm ihn in den Arm, drückte ihn ganz fest an sich.
"Ich liebe Dich so sehr, Kevin. Ich werde warten! Ich habe schon so lange auf dieses Gefühl gewartet, daß ich auch jetzt noch etwas länger warten kann."
Dann löste er sich von Kevin und verließ das Zimmer.
Kevin hatte schlecht geschlafen. Er war erst spät ins Bett gegangen, und seine Gedanken und Gefühle ließen ihn noch lange nicht den Schlaf finden, den er brauchte. Immer wieder wechselten Verstand und Gefühl in seinem Inneren die Vorherrschaft, zerrten an ihm, als wollten sie versuchen, ihn in die eine oder andere Richtung zu ziehen. Es war wie ein wildes Spiel von Emotionen und Vernunft.
Empfand er nicht auch mehr als bloße Zuneigung für Alexander? Hatte er sich nicht auch längst in ihn verliebt, wollte bei ihm sein, ihn in den Arm nehmen und ihn nie wieder los lassen?
Aber da war auch dieses Zweifeln. War es wirklich Liebe? Konnte Alexander tatsächlich der neue Mittelpunkt seines Lebens werden? War Kevin schon so weit, daß er Alexander lieben konnte, und daß Alexander einen Platz in seinem Leben einnehmen konnte, den bisher ein anderer inne hatte? Konnte Alexander Frank ersetzen?
Und immer wieder, wenn seine Gedanken ihn in die von Rationalität geprägte Wirklichkeit zurückholten, fiel ihm auf, daß diese Fragen genau sein Problem waren. Liebte er Alexander in der Tat so, wie er Frank geliebt hatte? Oder suchte sein immer noch blutendes Herz nicht vielmehr nach Trost, nach einem Ersatz für den verlorenen Freund? Wollte er in Alexander nicht seinen toten Freund wieder finden?
Er fand die Antwort einfach nicht!
Kevin wußte an diesem Morgen nicht, ob diese quälenden Gedanken, sein aufgewühltes Gefühlsleben oder der wenige Schlaf, den er erst spät in der Nacht gefunden hatte, ihm den Appetit auf das Frühstück verdorben hatte.
Er war erst gegen 8 Uhr aufgewacht, und nachdem er auf dem Balkon seine morgendlichen Übungen hinter sich gebracht hatte, machte er sich sofort auf den Weg zur Konzerthalle. Heute Abend sollte das nächste Konzert stattfinden, und es gab noch eine Menge zu tun.
In der Halle waren die anderen bereits mit den Aufbauarbeiten beschäftigt. Es herrschte ein reges Durcheinander, fast wie in einem Ameisenhaufen. Aber genau wie bei den Ameisen wußte auch hier jeder, was zu tun war.
Kevin hielt nach Wolfgang Lenzen Ausschau. Er sollte ihm sagen, was Kevin heute tun konnte. Aber der gesuchte war nicht in der Halle, und erst als Kevin einen der Arbeiter fragte erfuhr er, daß der Chef der Bühnenarbeiter in den Garderoben der Band war. Kevin bedankte sich und verließ die Halle.
Auch auf den Gängen außerhalb der Halle herrschte rege Betriebsamkeit. Doch je näher Kevin dem Garderobenbereich kam, desto ruhiger wurde es. Das hektische Treiben und das Gewirr zahlreicher Stimmen blieben hinter ihm zurück, und schließlich war Kevin mit sich und seinen Gedanken allein.
Als er die Garderoben erreichte, vernahm Kevin hinter einer halboffenen Tür eine leise Stimme. In dem Glauben, hinter der Tür verberge sich Wolfgang Lenzen wollte Kevin schon den Raum betreten, als die Worte, die er beim Näherkommen vernahm, ihn stocken ließen. Mit einer Hand bereits an der Klinke blieb er stehen und wartete.
"... hör zu. Ich sage es Dir noch einmal: Es ging einfach nicht anders. Ich war krank und beim dem Konzert nicht dabei. Deswegen .... verdammt, es interessiert mich nicht, ob damit der ganze Zeitplan durcheinander kommt. Das ist Dein Problem. Ich werde das Band heute Abend aufnehmen und Dir morgen sofort zuschicken."
Kevin erkannte nicht nur an der Stimme, sondern auch an dem Inhalt des Telefonats, wer sich hinter der Tür verbarg. Es war Chris, einer der Tontechniker der Band.
Nach einer längeren Pause hörte Kevin ihn weitersprechen.
"Ja, natürlich ist alles vorbereitet. Es kann gar nichts schiefgehen. ... O.k., ich schicke das Band morgen mit einem Boten. Dann wirst Du es morgen abend haben. ... Nein, keine Angst ... nein, bestimmt nicht. Die sind wie immer voll mit ihren Auftritten beschäftigt. Die merken nichts. Ach übrigens, die Band hat jetzt einen Bodyguard ... Ja, einen Leibwächter. Er hat Alexander mal aus der Klemme geholfen, und seither hat der Junge bei der Band einen riesen Stein im Brett. ... Nein, das glaube ich nicht. Wieso sollte der etwas wissen? ... Mach Dir keine Gedanken. Ich werde ihn im Auge behalten. Noch etwas: Die Band will angeblich demnächst ein Live-Album herausbringen .... nein, nicht genau, ich hab nur sowas läuten gehört. Ich habe mit Alexander noch nicht darüber gesprochen. ... Gut, dann ist ja alles klar. Achja, nach dieser Aufnahme müssen wir uns nochmal unterhalten ... Worüber? Na hör' mal, ich mache hier die Hauptarbeit, und ich denke, wir müssen nochmal über meinen Anteil reden. ... Nun reg' Dich nicht auf. Wir besprechen das in Ruhe, wenn wir von der Tour zurück sind. ... Ja, gut. ... O.k. dann mach's gut. Bis dann."
Kevin hörte, wie der Telefonhörer auf die Gabel gelegt wurde und öffnete die Tür. Das, was er soeben gehört hatte, war für ihn Beweis genug, daß Chris etwas mit den illegalen CDs der Band zu tun hatte. Er war an dieser Sache beteiligt - und damit war er auch an Franks Tod beteiligt!
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