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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.

Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!

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"Schatten auf dem Regenbogen"

- Teil 8 -

4. Kapitel: Im Rampenlicht

"Hallo!"

Chris wurde sichtlich nervös und trat von einem Fuß auf den anderen.

"Hallo ... wo ... wo kommst Du denn so plötzlich her? Hast Du ... ?"

"Ich warte seit einigen Minuten vor der Tür!"

Kevin blieb ganz ruhig, und er ahnte, daß nicht nur diese äußere Ruhe, sondern auch die Tatsache, daß Chris jetzt annehmen mußte, daß sein Telefongespräch mitgehört worden war, den Tontechniker ziemlich unruhig werden ließ.

"Und warum belauschst Du andere Leute? Ist das einfach nur schlechte Erziehung oder gehört das etwas zu Deinen Aufgaben hier?"

"Na, sagen wir einfach mal, es war ein glücklicher Zufall. Nicht vorgesehen, aber sehr willkommen. Hast Du keine Gewissensbisse, die Band so zu betrügen?"

Chris lachte verächtlich, aber Kevin spürte, daß dieses Lächeln aufgesetzt und nur ein Zeichen seiner Unsicherheit war.

"Ha, wer betrügt denn hier? Ich denke, Du hast da etwas in den falschen Hals bekommen. Du solltest Dich nicht in Dinge einmischen, die Dich nichts angehen. Was schnüffelst Du eigentlich hier herum?"

"Forscherdrang! Oder das unstillbare Verlangen, ein Rätsel zu lösen. Ein Rätsel, dessen Lösung immer näher rückt."

"Mein Gott, wie theatralisch. Aber Du weißt doch hoffentlich, daß Forschung auch Abenteuer sein kann? Und Abenteuer sind nicht immer ganz ungefährlich! Du solltest vorsichtig sein."

Kevin lächelte.

"Soll das eine Drohung sein?" Er sah Chris eindringlich in die Augen.

"Nein, Gott bewahre! Nur ein freundschaftlicher Rat.", wehrte dieser den Vorwurf ab.

Kevin erkannte, daß Chris ihm sehr wohl gedroht hatte.

"Sei unbesorgt, ich werde vorsichtig sein. Sehr vorsichtig!" Er lächelte vielsagend, und sekundenlang blickten sie sich in die Augen. Dann verließ Kevin den Raum und suchte weiter nach Wolfgang Lenzen.

Die Vorbereitungen für das Konzert am Abend verliefen wie immer. Jeder wußte genau, was er zu tun hatte, und es gab keine Probleme, die nicht binnen kürzester Zeit von den Technikern der Band gelöst wurden.

Kevin half auf Anweisung von Wolfgang Lenzen erneut beim Aufbau und der Gestaltung der Bühne. Chris war erst nach langer Zeit wieder in der Halle erschienen, und Kevin hatte den Eindruck, als vermeide er jeden Blickkontakt zu ihm.

Der Tag war ziemlich anstrengend für Kevin gewesen, und als gegen 17 Uhr die Band zu einer Probe in der Halle erschien, entschied Kevin sich, ins Hotel zu gehen um zu duschen.

Er sah Alexander nur kurz, aber die wenigen Augenblicke reichten, um sein Gefühlsleben erneut durcheinander zu bringen. Sie tauschten einen heimlichen Blick, der wie in einer geheimen Botschaft all' das übermittelte, was nur sie beide voneinander wußten. Er sah deutlich in Alexanders Augen, was er empfand und ihm am vergangenen Abend gestanden hatte. Kevin konnte nur ahnen, wie Alexander sich jetzt fühlen mußte, und die Erinnerung an seine Liebe zu Frank machten ihm wieder einmal eindringlich klar, daß er sich bald entscheiden mußte, daß er nicht mehr lange warten durfte, um Alexander eine Antwort auf seine Aussage von gestern Abend zu geben.

Mit raschen Schritten verließ er die Halle. Er mußte es Alexander ermöglichen, sich auf die bevorstehende Probe zu konzentrieren.

War das wirklich der Grund, warum er weg wollte? Weg von der Halle, und weg von Alexander?

Oder war es nicht vielmehr so, daß er es nicht mehr aushalten konnte, in Alexanders Nähe zu sein? Unmittelbar bei ihm, und ihn so leiden zu sehen? War der Kampf in seinem Inneren, die unguten Gefühle, die die Auseinandersetzung seiner Gefühle mit seinem Verstand hervorriefen, nicht der wahre Grund?

Kevin schüttelte den Kopf, als könne er damit die Gedanken, die ihn so sehr verwirrten, abschütteln. Nachdenklich verließ er die Halle und schlenderte durch die Dämmerung zum Hotel.

Auf seinem Weg mußte Kevin an den abgestellten Lastwagen der Band vorbei. Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er die Gestalten, die sich vor ihm in den Schatten der Wagen zurückzogen, zunächst nicht bemerkte. Erst, als es bereits zu spät war, und er nicht mehr abwehrend reagieren konnte, bemerkte Kevin, daß er auf dem Parkplatz nicht alleine war.

Er spürte einen plötzlichen Schmerz auf dem Hinterkopf, und die Dämmerung, die sich langsam über die Stadt senkte, wurde mit einemmal zur undurchdringbaren Schwärze. Kevin spürte noch, wie seine Knie weich wurden und das Gewicht seines Körpers nicht mehr tragen konnten. Und bevor die Dunkelheit ihn von der Außenwelt vollends abschirmte, spürte er noch, daß jemand ihn auf den Füßen hielt und zur Seite zog. Dann war es Nacht.

Anscheinend währte seine Bewußtlosigkeit nur wenige Augenblicke, denn als Kevin den Weg in die Realität zurückfand, wurde er immer noch festgehalten. Noch konnte das Gehirn die Impulse seiner Augen nicht eindeutig verarbeiten, gab die Situation verschwommen und wie in Zeitlupe wieder, aber nur Sekunden später machte ihm ein stechender Schmerz im Magen klar, daß er in einer unangenehmen Lage war.

Die Schläge, die abwechselnd seinen Magen und sein Kind trafen, schmerzten kaum noch. Kevin spürte undeutlich, daß seine Lippen aufgesprungen waren, und er schmeckte den Geschmack seines eigenen Blutes.

Er konnte sich gegen die Angreifer nicht wehren. Sein gepeinigter Körper gehorchte seinem Willen nicht. Mit seiner Bauchmuskulatur versuchte er die Wucht der Schläge aufzufangen, doch die Kraft in seinem Inneren schwand immer mehr, und Kevin war beinahe froh, als ihn erneut eine tiefe Dunkelheit umhüllte die ihn von dieser Situation entfernte.

Hörte er eine Stimme? Fühlte er nicht, daß irgend jemand seinen Kopf hochnahm und ihn anschließend auf eine weichere Unterlage zurückgleiten ließ?

In seinem Inneren jammerte jede Faser seines Körpers, jeder Muskel schrie nach einem Ende dieser Qualen und in seinem Kopf hatten sich rasende Kopfschmerzen ausgebreitet.

"Kevin? Hörst Du mich?"

Allmählich hob sich der dunkle Schleier, der seine Sinne umhüllte, und Kevin fand langsam den Weg zurück in die Wirklichkeit. Er versuchte sich aufzurichten, aber nicht nur sein körperlicher Zustand hinderte ihn daran. Jemand gab ihm mit einem leichten Druck auf die Schulter zu verstehen, daß er liegenbleiben sollte.

"Hey, bleib ruhig liegen. Beweg Dich nicht." Kevin erkannte die Stimme, und er hörte deutlich, daß Besorgnis in ihr mitklang.

Alexander hatte nach der Probe die Konzerthalle verlassen um nochmal ins Hotel zu gehen. Auf dem Weg über den Parkplatz hatte er dabei jemand auf dem Boden zwischen den Lastwagen liegen gesehen, und war zu dem leblosen Körper gerannt. Entsetzen stieg in ihm hoch als er erkannte, daß es Kevin war.

Sein Gesicht war blutverschmiert und bot einen beängstigenden Anblick. Sofort hatte Alexander seine Jacke ausgezogen und sie Kevin unter den Kopf gelegt.

"Mensch, Kevin, was ist denn passiert. Wer war das?"

Mittlerweile war sein Blick wieder klarer geworden, und als Kevin sich suchend umsah, entdeckte er das besorgte Gesicht von Alexander. Mühsam zwang Kevin sich zu einem Lächeln.

"Du siehst ja fürchterlich aus! Bist Du O.k.?"

Kevin atmete tief durch, sog die frische Abendluft in seine Lungen, und langsam kehrte das Leben zurück in seinen Körper. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, was passiert war, warum er sich so hundeelend fühlte.

"Ich ... ich weiß noch nicht. Ich glaube ... es geht ..."

Ein stechender Schmerz in der Magengegend hinderte ihn daran weiterzusprechen, und mit schmerzverzerrtem Gesicht kniff er die Augen zusammen. "Soll ich einen Arzt rufen?" Alexander wollte Kevins Antwort nicht abwarten und war bereits aufgestanden um ans nächste Telefon zu eilen.

"Nein, Alex... es ... es geht schon. Laß gut sein. Ich brauche keinen Arzt. Hilf mir bitte auf." Alexander stand ratlos da und zögerte.

"Nun komm schon, ich bin O.k.! Wenn man in meinem Zustand so etwas sagen kann." Resigniert zuckte Alexander mit den Schultern und half Kevin wieder auf die Füße.

"Ich bringe Dich in Dein Zimmer. Kannst Du laufen?" Kevin nickte nur, und der Schmerz in seinen Gliedern zwang ihn, die Luft anzuhalten.

Mühsam schleppte er sich den restlichen Weg zum Hotel. Die Leute in der Empfangshalle warfen ihnen ungläubige Blicke zu, und Kevin war froh, als sie endlich sein Zimmer erreichten, und er sich aufs Bett fallen lassen konnte.

"Oh Mann, mir tut alles weh!" "Jetzt erzähl' schon! Was ist passiert? Hast Du Dich mit einer Horde Bären angelegt?"

Kevin schmunzelte. Jedenfalls versuchte er es, denn sein Gesichtsausdruck änderte sich schnell wieder, als die Schmerzen ihn an den Ernst der vergangenen Situation erinnerten.

"Ich weiß es nicht. Es ging alles so schnell. Jemand muß mich von hinten niedergeschlagen haben. Seither weiß ich nichts mehr."

Alexander schüttelte nachdenklich den Kopf. "Wir sollten die Polizei rufen!"

"Ach was, das nützt doch eh' nichts. Wer immer das getan hat, ist längst über alle Berge. Nein, laß mal gut sein. Ich will jetzt lieber eine heiße Dusche. Danach wird's mir sicherlich schon wieder besser gehen."

"Wie Du meinst. Ich laß Dir schonmal das Wasser an. Wirst Du es alleine schaffen?" Kevin nickte stumm und begann sich auszuziehen.

"Aber das Dir eins klar ist: Du bleibst heute abend hier! Du wirst nicht beim Konzert erscheinen. Hast Du gehört?"

"Ja, ja, ist klar. Ich glaube, ich könnte heute Abend sowieso nichts mehr tun." Alexander nickte zufrieden.

"Gut! Ich muß aber jetzt los. Wirst Du alleine klar kommen?" "Sicher doch. Mach das Du zu Deinen Fans kommst! Und gib' Dir Mühe!" Lächelnd aber unendlich besorgt verließ Alexander das Zimmer, und Kevin quälte sich unter die Dusche.

Der kurze Schlaf, den er gefunden hatte, hatte seinem geschundenen Körper gut getan. Kevin fühlte sich schon wesentlich besser, und auch die pochenden Kopfschmerzen waren verschwunden.

Nach der heißen Dusche, die er über eine halbe Stunde lang auf sich hatte einwirken lassen, war Kevin auf seinem Bett eingeschlafen. Er hatte noch einige Minuten über den Vorfall nachgedacht und sich versucht vorzustellen, wer das getan hatte. Und vor allen Dingen, warum ihn jemand so niedergeschlagen hatte. Ihm war nichts entwendet worden, und so wie es aussah, hatte ihn auch keiner der Angreifer durchsucht. Nach was auch?

Aber warum war er überfallen worden? Hatte er jemandem etwas angetan? Jemand, der sich dafür rächen wollte? Oder war er nur zufällig das Opfer einer sinnlosen Gewalttat geworden?

Er fand die Antwort nicht, und mit den quälend suchenden Gedanken an den Überfall war Kevin schließlich in einen tiefen, erholsamen Schlaf gefallen.

Jetzt lag er auf seinem Bett und versuchte durch vorsichtige Bewegungen zu ergründen, wie sein Körper reagierte. Den Kopf konnte er anheben, ohne daß Schmerzen ihn daran hinderten. Und auch sein Magen hatte die Qualen des frühen Abends anscheinend gut verdaut.

Bei dieser Wortkombination mußte Kevin lächeln, und er spürte sofort, wie seine Lippen ihn mit einem leichten Ziehen vor zu gewagten Bewegungen warnten.

Vorsichtig stand er auf und ging hinüber zum Spiegel. Beim Anblick seines Spiegelbildes stöhnte Kevin innerlich auf und schloß für Sekunden die Augen. Seine Unterlippe war an einer Seite dick geschwollen, und auf einer Wange zeigten sich rote Flecken.

Er wand sich vom Spiegel ab und sah auf die Uhr. Es war bereits nach elf Uhr, und das Konzert mußte schon längst beendet sein. Hoffentlich war Alexander nichts passiert!

Als sich dieser Gedanke in seinem Kopf ausbreitete, ärgerte sich Kevin darüber, daß er nicht doch zum Konzert gegangen war. Wenn ausgerechnet an diesem Abend etwas passiert wäre, würde er sich das nie verzeihen.

Kevin hielt die Luft an!

Vielleicht war genau das der Grund für den Zwischenfall heute abend? Vielleicht wollte man ihn gar nicht ausrauben oder sich für irgend etwas an ihm rächen? Möglicherweise sollte er nur für den heutigen Abend ausgeschaltet werden! Damit er nicht beim Konzert dabei war, wenn ...

Während Kevin grübelnd in seinem Zimmer stand und spürte, wie er unruhig wurde, klopfte es an der Tür. Kevin stand regungslos da und starrte die Tür an. Es klopfte zum zweiten mal. Diesmal etwas lauter.

Langsam ging Kevin zur Tür. Vor seinem geistigen Auge malte er sich binnen weniger Augenblicke die Möglichkeiten aus, die ihn vielleicht erwarteten, wenn er die Tür jetzt öffnen würde. Würde ihm jemand die Nachricht von einem Attentat auf die Band übermitteln? Oder hatte Alexander einen Unfall gehabt?

Es klopfte zum dritten mal, und schließlich öffnete Kevin die Tür.

"Hallo Kevin! Ich hoffe, ich habe Dich nicht geweckt?" Kevin stieß erleichtert den Atem aus. "Hallo Alexander! Nein, ich habe nicht mehr geschlafen. Komm rein!"

"Wie fühlst Du Dich? Hast Du Dich etwas erholt?" Kevin nickte und erklärte Alexander, daß lediglich sein Gesicht noch schmerzte.

"Wie war Euer Konzert? Hat alles geklappt?" "Es ist alles planmäßig verlaufen. Die Fans waren gut drauf, und wir mußten vier Zugaben spielen." Kevin sah Alexander besorgt an.

"Es ist nicht geschehen? Nichts ungewöhnliches oder ..."

"Hey, Kevin, was ist los? Was soll denn gewesen sein?" Kevin erklärte Alexander seine Befürchtungen, die er gehabt hatte.

"Aber ich bin froh, daß ich mich geirrt habe. Ich hatte schon Angst, Euch sei was passiert ... Dir sei etwas passiert!" Alexander lächelte Kevin an. "Nein, es ist alles O.k.! Aber danke für Deine Besorgnis!" "Ich hätte mir das nie verziehen, wenn ausgerechnet heute ..."

"Kevin, mach' Dir keine Sorgen. Es ist alles gut gegangen. Die Sache heute abend muß einen anderen Grund haben."

Kevin zitterte innerlich, und er spürte deutlich, daß er sich erleichtert entkrampfte. Erst jetzt merkte er, daß er sich große Sorgen gemacht hatte, nein, daß er richtige Angst gehabt hatte. Angst um Alexander!

Eine Zeitlang standen sie sich gegenüber, und ihre Blicke hingen aneinander.

Dann löste sich Kevin aus seiner Erstarrung und ging einen Schritt auf Alexander zu. Er war jetzt nur noch eine halbe Armlänge von ihm entfernt, und kurz entschlossen nahm er Alexander in den Arm und drückte ihn fest an sich.

Und auch Alexander legte seine Arme um Kevin. "Mensch, ich hatte eine wahnsinnige Angst!" Alexander lockerte die Umarmung und sah Kevin an.

"Das tut mir leid. Ich meine, ich wollte nicht, daß Du ... das Du Angst haben mußt. Es ist bestimmt nur wegen unserem letzten Treffen hier."

Kevin lächelte sanft und schüttelte den Kopf. "Nein, Alexander, nicht deswegen!" Sie sahen sich tief in die Augen, und schließlich fanden sich ihre Lippen zu einem langen Kuß.

 

5. Kapitel: Ein neuer Anfang
 

Bereits seit einer halben Stunde stand Kevin auf dem Balkon und sah gedankenverloren über die Häuser hinweg. In den Straßen, die er von hier aus einsehen konnte, erwachte die Stadt langsam zum Leben. Der Himmel erstrahlte in einem hellen blau, und die Sonne hatte vor wenigen Minuten die gegenüberliegenden Dächer erklommen. Ihre wärmenden Strahlen verringerten das leichte Frösteln, das Kevin an diesem Morgen verspürte, ein wenig. Es war noch recht kühl an diesem Morgen, und eigentlich hielt sich Kevin auf dem Balkon auf, um in der frischen Morgenluft seine morgendlichen Übungen durchzuführen.

Aber er fand einfach nicht die nötige Konzentration. Seine Gedanken lenkten ihn nachhaltig von seinem Training ab, und so hatte Kevin bereits nach wenigen Minuten aufgegeben. Seither stand er auf dem Balkon, hatte die Hände auf das Geländer gestützt und sah ziellos in die Ferne.

Immer wieder kreisten seine Gedanken um den gestrigen Abend. Und es war nicht der unselige Zwischenfall vom frühen Abend, an den ihn heute morgen nur noch seine geschundene Unterlippe erinnerte. Vielmehr waren seine Gedanken bei Alexanders Besuch am späteren Abend. Bei seiner Nähe. Und bei ihrem ersten Kuß.

Aber nicht nur seine Gedanken hielten an diesem Moment fest, riefen diesen Augenblick in seine Erinnerung zurück. Auch sein Herz hielt sich an diesem Morgen nicht mehr zurück und signalisierte Kevin unausweichbar, daß am gestrigen Abend mehr als nur dieser Kuß geschehen war. Da war mehr gewesen als nur die innige Vereinigung ihrer Lippen und die zärtliche Umarmung, in der er all' die Schmerzen der vergangenen Stunden, ja sogar die Qualen der letzten Wochen, vergessen hatte. Dieser erste Kuß war mehr gewesen als nur ein emotionales Geplänkel. Er hatte zwischen Kevin und Alexander etwas neues geschaffen, war der Grundstein gewesen für ein Gefühl, das Kevin an diesem Morgen nicht mehr leugnen wollte.

Sein Körper erschauderte in der frischen Luft dieses neuen Tages, und so entschloß Kevin sich, zurück ins Zimmer zu gehen.

War es wirklich die Kühle des Morgens, die seinen Körper erzittern ließ? Oder war es nicht viel mehr dieses Gefühl, daß er bereits nach seinem Erwachen in sich gespürt hatte? Ein Gefühl der Aufregung, der Freude oder einfach nur der Zufriedenheit, daß der Kampf zwischen seinen rationalen Gedanken und seinem aufgewühlten Gefühlsleben an diesem Morgen zu Ende war?

Ja, der Zweikampf war beendet, und eine Entscheidung war in seinem Inneren gefallen.

Kevin sah zur Uhr und stellte fest, daß es beinahe Zeit für das Frühstück war. Er zog sich an, und während er vor dem Spiegel recht unkonzentriert Ordnung in seine Haare zu bekommen versuchte, überlegte er fieberhaft, wie er es Alexander sagen sollte.

Wie würde er reagieren? Was würde Alexander tun, wenn Kevin ihm die Entscheidung mitteilen würde?

Kevin spürte sofort, daß die Frage nicht ernst gemeint war, und er fragte sich, warum? Aber er tat so, als habe er den hämischen Unterton in Chris' Stimme nicht registriert!

"Muß ja schlimm gewesen sein! Aber da sieht man halt mal wieder, wie gefährlich das Leben geworden ist! Ich hoffe, Dir ist nichts ernstes passiert?"

An diesem Tag gab es nicht besonders viel zu tun für die Band und ihre Helfer. Die 'Sunrisers' würden morgen abend noch ein zweites Konzert in der Stadt geben, und nachdem die Halle von den Reinigungskräften gereinigt worden war, hatten die Arbeiter lediglich überprüft, ob alles noch einwandfrei funktionierte.

Kevin hatte auf der Bühne seine Arbeiten vom Vortag nochmals überprüft und hier und da ein Kabel neu verlegt oder einen Kulissenbestandteil wieder an seine vorgesehene Position gerückt.

Anschließend war er zu den Garderoben gegangen. Er hatte gehofft, dort Alexander zu treffen, aber der war nicht in seiner Garderobe.

Als Kevin sich auf den Rückweg gemacht hatte, kam ihm auf dem Gang Chris entgegen, und nachdem sie sich beide sekundenlang fixiert hatten, erkundigte sich Chris nach dem Vorfall vom vergangenen Abend.

"Es geht schon wieder!", antwortete Kevin knapp.

"Hast Du eine Idee, wer das gewesen ist? Oder was der Anlaß war?", erkundigte sich Chris weiter, und Kevin wurde das Gefühl nicht los, daß Chris mehr zu wissen schien, als seine offensichtlich scheinheilige Fragerei aussagte.

Er hatte einen bösen Verdacht.

"Nein, ich hab' keine Ahnung!"

Christ schüttelte verständnislos den Kopf.

"Naja, gottlob ist nichts ernstes passiert! Die drei Typen waren wenigstens nicht sonderlich erfolgreich. Aber wie auch? Bei Deinen vielgelobten Fähigkeiten. Hoffentlich wiederholt sich das nicht noch einmal. Du solltest vorsichtig sein!"

Bei Kevin ging vor dem geistigen Auge ein Licht auf!

"Du hast nicht zufällig eine Idee, wer das gewesen sein könnte?", fragte Kevin und wartete gespannt auf eine Reaktion.

"Ich? Wie kommst Du denn da drauf? Warum sollte ich etwas davon wissen?"

Chris wirkte beinahe überzeugend mit der Art, wie er seine Überraschung spielte.

"Naja, ich dachte bloß. Ich habe niemandem erzählt, daß es drei Typen waren. Ich weiß selbst nicht, wieviele es waren. Ich wundere mich, daß Du es so genau weißt!"

Kevin bemerkte sofort, daß Chris schlagartig nervös wurde. Er hatte sich wohl verplappert, und für Kevin war es jetzt klar, wer mit dem Vorfall etwas zu tun hatte und vor allen Dingen, warum das passiert war.

"Ehm ... also ... ich ... eh ... ich weiß das natürlich nicht. Aber ... aber ich habe mir gedacht, daß man ... naja, daß schon mindestens drei Leute nötig sind, um jemanden mit Deinen Fähigkeiten so einfach zu überwältigen. Reine Vermutung!"

"Achso! Ein blödere Ausrede ist Dir wohl jetzt auf die schnelle nicht eingefallen! Hör' zu: Ich weiß genau, daß Du oder dieser Peter mir die Schläger auf den Hals gehetzt hast. Aber wenn ihr glaubt, mich davon abhalten zu können, ... "

Er zögerte. Was durfte er jetzt über seine eigentlichen Absichten, seinen Grund für die Teilnahme an der Tour, verraten?

"... die Sache mit den illegalen Konzertmitschnitten zu klären, habt ihr euch ganz gewaltig geirrt!"

Chris schnaubte beinahe vor Aufregung.

"Also, hör' mal. Du kannst doch nicht einfach behaupten, daß ich etwas mit der Sache zu tun habe. Ich geb' ja zu, daß das mit den Aufnahmen vielleicht nicht ganz in Ordnung ist, aber Dir deswegen eine Horde Schläger auf den Hals zu hetzen, ist doch wohl etwas übertrieben. Ich glaube, Du ..."

"Erzähl' mir nichts! Ich weiß, daß ihr eine Menge Kohle mit den Aufnahmen macht, und daß ich euch dabei störe. Und tu' nicht so unschuldsvoll. Ich weiß, daß ihr bereit seid, alles zu tun, um an das Geld zu kommen. Ihr schreckt doch vor nichts zurück!"

Kevin wagte sich sehr weit vor. Er war sich zwar sicher, daß Chris etwas mit den Schlägern von gestern Abend zu tun hatte, daß er sie wahrscheinlich beauftragt hatte, Kevin eine Lektion zu erteilen, aber ob und wieviel Chris von dem Rest wußte, konnte Kevin noch nicht sagen. Noch wußte er nicht mit absoluter Sicherheit, ob Chris etwas mit Franks Tod zu tun hatte.

"Wie meinst Du das?"

"Gestern mittag war es ein 'freundschaftlicher Rat'. Gestern Abend waren es diese Schläger! Und war es neulich nicht sogar weit mehr?"

Chris schüttelte energisch mit dem Kopf.

"Wovon redest Du? Also, ich hab' keinen Bock, mir deine merkwürdigen Vorwürfe länger anzuhören. Anscheinend bis Du doch nicht so heil aus der Sache gestern herausgekommen! Wir können in ein paar Tagen nochmal darüber reden, wenn Du Dich wieder erholt hast!"

Mit diesen Worten ließ er Kevin stehen.

"Bestell' diesem Peter einen schönen Gruß von mir. Er soll sich in acht nehmen!"

Chris warf ihm einen verächtlichen Blick zu und verschwand in der Halle.

Kevin entschied sich, ins Hotel zurückzugehen und machte sich auf den Weg.

In Gedanken ging er noch einmal das Gespräch mit Chris durch.

Ja, er war sich jetzt sicher, daß Chris für den Vorfall vom gestrigen Abend verantwortlich war. Entweder hatte er oder dieser Peter beschlossen, ihm durch diese Aktion klar zu machen, daß er seine Nase in eine Angelegenheit gesteckt hatte, die ihn nichts anging, und die für ihn eine Nummer zu groß war.

Aber da hatten sich beide mit dem falschen angelegt. Und sie hatten damit genau das Gegenteil erreicht. Jetzt war Kevin absolut sicher, daß er auf der richtigen Spur war. Und dieser Vorfall machte ihm klar, daß die beiden auch vor einem Mord nicht zurückschrecken würden. Blieb nur noch die Frage zu klären, wie Kevin an diesen Peter herankam, und wie er seinen Verdacht auch beweisen konnte. Aber nach dem heutigen Gespräch mit Chris war er sich sicher, daß es nur noch eine Frage der Zeit war. Er war jetzt ganz dicht dran, und es würde wahrscheinlich nicht mehr lange dauern. Bald würde er an seinem Ziel sein.

Es war ein wundervoller Abend gewesen. Kevin fühlte sich so glücklich wie lange nicht mehr, und die letzten Stunden, die sie beisammen gewesen waren, hatten ihm gut getan. Sie hatten all' die düsteren Gedanken und Belastungen seiner Seele beiseite geschoben und ihm das erste mal seit langem wieder ermöglicht, glücklich zu sein.

Er hatte Alexander an diesem Abend gefragt, ob er Lust habe, nochmal mit ihm in eine Schwulenkneipe zu gehen, und er hatte zugestimmt. Und dabei hatte Alexander mehrfach betont, daß er wegen des Kusses am vergangenen Abend nicht erwarten würde, daß Kevin ihm heute anders gegenübertreten müßte, als vorher. Er hatte nochmals klar gemacht, daß er ihn nicht bedrängen wolle, und das er nichts von Kevin erwarten würde.

Und nachdem Kevin mehrmals zugesichert hatte, daß er sich zu nichts verpflichtet fühlte, war Alexander mit ihm ausgegangen.

Sie hatten lange in der Kneipe gesessen, und Kevin hatte ihm unter anderem von dem Gespräch mit Chris erzählt und ihm seine Vermutungen mitgeteilt. Alexander war darüber sehr bestürzt und hatte bedauert, daß er seinen Tontechniker scheinbar so falsch eingeschätzt hatte.

Die Zeit in der Kneipe war wie im Fluge vergangen. Jetzt fuhren sie im Aufzug nach oben, und es schien, als würde der Abend recht schweigsam enden.

Aber Kevin überlegte fieberhaft. Er grübelte nach den richtigen Worten, nach einem richtigen Einstieg in ein Gespräch, das er mit Alexander führen wollte, und dessen Anfang er bisher noch nicht gefunden hatte. Ein Gespräch, das nur ein Thema haben sollte.

Fast unmerklich kam der Aufzug zum Stehen, und die Türen öffneten sich mit leisem Summen. Als sie auf den Flur hinaustraten sahen sie sich an. Es schien, als erwarte jeder von dem anderen eine Antwort. Eine Antwort auf die Frage, die unausgesprochen zwischen ihnen stand, und die die Zukunft zum Inhalt hatte. Ihre Zukunft!

"Tja, war wirklich ein netter Abend, Kevin. Ich danke Dir nochmals, daß Du mich mit in die Kneipe genommen hast."

"Gern geschehen! Ich fand es auch sehr nett."

"O.k., dann wünsch' ich Dir eine gute Nacht. Bis morgen dann!"

Alexander wollte schon gehen, als Kevin ihn aufhielt.

"Hast Du Lust, noch etwas zu trinken? Ich hab' in meinem Zimmer noch was im Kühlschrank."

Kevin hatte einen trockenen Hals und wartete gespannt auf Alexanders Antwort. Doch Alexander zögerte.

"Hm ... ich weiß nicht. Es ist schon spät."

Kevin nickte, und eine Welle unangenehmer Emotionen wogte in seinem Inneren hoch. Er war enttäuscht! Und er ärgerte sich! Hatte er vielleicht doch zu lange gezögert? Hatte er in der letzten Zeit von Alexander zuviel Geduld, zuviel Verständnis für seine Unentschlossenheit verlangt?

"Ja, Du hast vielleicht Recht."

Alexander sah nochmals auf seine Uhr.

"Aber eigentlich ... warum nicht!"

Kevin mußte wohl ziemlich erfreut ausgesehen haben, denn Alexander hob verwundert die Augenbrauen. Aber er sagte nichts.

Also gingen sie gemeinsam zu Kevins Zimmer und Kevin öffnete die Tür.

"Mach's Dir bequem!", sagte Kevin und holte zwei Flaschen Cola aus dem Kühlschrank des Hotelzimmers. Nachdem er sie geöffnet und eine Flasche Alexander gegeben hatte, setzte er sich neben Alexander auf das Bett. Sie stießen an und nahmen einen Schluck.

Alexander stellte seine Flasche auf dem Nachttischschränkchen neben dem Bett ab, und auch Kevin beugte sich vor, um sein Getränk dort hinzustellen. Dabei mußte er sich mit einer Hand abstützen, und da Alexander dem Nachttischschränkchen näher saß, stützte sich Kevin auf Alexanders Oberschenkel ab.

Als er sich wieder aufrichtete, ließ er seine Hand dort liegen, und sie sahen sich eine ganze Weile schweigend tief in die Augen.

"Kevin, Du weißt, ich erwarte nicht ..."

Alexander konnte den Satz nicht beenden, denn Kevin legte ihm seinen Zeigefinger auf die Lippen und gebot ihm dadurch, nicht weiter zu sprechen.

Erneut sahen sie sich lange und intensiv an, und als Kevin das Schweigen nicht länger ertragen konnte, beugte er sich vor. Zum zweiten mal fanden sich ihre Lippen zu einem langen Kuß. Dabei nahmen sie sich in den Arm und ließen sich rückwärts auf das Bett sinken.

Kevin wußte nicht, ob es der Kuß, die zärtliche Vereinigung ihrer Lippen und das gierige Spiel ihrer Zungen, oder ob es die Wärme von Alexanders Körper war, die seine Anspannung lösten und dieses angenehme Gefühl in ihm auslösten.

Als sich ihre Lippen nach diesem ausgiebigen Kuß, dessen Intensität so stark war, als wollten sie damit das Versäumte der letzten Wochen mit einem mal nachholen, schließlich wieder trennten, lagen sie beide nebeneinander auf dem Bett, und Kevin sah Alexander lächelnd an.

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