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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.
Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!
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"Schatten auf dem Regenbogen"
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5. Kapitel: Ein neuer Anfang
Kevin hechtete nach vorne auf Peter zu. Der versuchte, seine Waffe erneut auf sein Ziel auszurichten und feuerte. Noch während Kevin seinen Sprung in einer geschickten Rolle beendete, spürte er einen heißen Stich am Oberarm. Als seine abschließende Rolle auf dem Boden sich dem Ende näherte, ließ er ein Bein ausgestreckt und sein Fuß traf die Hand von Peter, in der er die Waffe hielt, so fest, daß die Pistole zu Boden fiel. Dabei löste sich erneut ein Schuß, und ein Querschläger gab ein unangenehm pfeifendes Echo.
Doch darum kümmerte sich Kevin nicht. Peter war mittlerweile aktiv geworden. Er wollte die Situation ausnutzen und Kevin ausschalten während er noch am Boden lag. Dazu versuchte er, Kevins Kopf mit gezielten Tritten zu treffen.
Den ersten Tritt konnte Kevin nur mit Mühe von dem vorbestimmten Ziel fernhalten, und seine Schulter verriet ihm schmerzhaft, daß der Tritt nicht ganz ins Leere gegangen war.
Doch bereits der zweite Versuch von Peter verpuffte wirkungslos.
Jedenfalls für Peter!
Kevin schaffte es, sich auf dem Boden liegend so weit zu drehen, daß er Peters Fuß mit einer Beinschere abblocken und festhalten konnte. Sofort drehte sich Kevin um seine eigene Achse, und der zwischen seinen Knöcheln eingeklemmte Fuß von Peter mußte dieser Drehung bedingungslos folgen. Das brachte Peter zu Fall.
Kevin ließ ihm keine Chance, erneut auf die Beine zu kommen. Er kniete sich blitzschnell neben Peter, und als dieser sich umsah, um festzustellen, wo Kevin war und was er tat, hatte Kevin die Gelegenheit, diese Auseinandersetzung endgültig zu beenden. Ein kurzer, aber heftiger Faustschlag auf Peters Ohr ließ für Peter die Nacht an diesem Tag frühzeitig hereinbrechen.
Kevin kniete neben Peter, und mit geschlossenen Augen legte er den Kopf in den Nacken.
"Hey, was ist da unten los?"
Kevin sah zu dem Haus und entdeckte im dritten Stock ein Gesicht.
"Es ist alles in Ordnung!", rief er. "Bitte rufen Sie die Polizei!"
Kevin glaubte zu erkennen, daß der Mann nickte. Dann verschwand er wieder.
Der stechende Schmerz, der in seinem linken Oberarm wie Feuer brannte, erinnerte Kevin an seine Verletzung, und als er seinen Arm betrachtete bemerkte er, daß sein T-Shirt blutdurchtränkt war. Die Kugel hatte ihn getroffen. Aber es war nur ein Streifschuß gewesen. Was deswegen aber nicht weniger weh tat!
Bei dem Gedanken an "weh tun" fiel ihm auch wieder seine Lippe ein. Auch hier hämmerte ein unangenehmer Schmerz, der, wie zur Bestätigung, vom Geschmack seines Blutes begleitet wurde.
Von weitem hörte Kevin das Geräusch sich nähernder Sirenen. Peter und seine Schläger lagen immer noch regungslos am Boden, und nachdem Kevin sich kurz davon überzeugt hatte, daß ihnen nichts ernstes passiert war, setzte er sich in eine Ecke des Hofs und wartete, bis die Polizei eintraf.
"Wie geht es Ihrem Arm?", erkundigte sich der Kriminalbeamte und warf dabei einen fragenden Blick auf den Verband an Kevins Oberarm.
"Soweit ganz gut, danke!"
Im Augenblick machte sich Kevin um ein ganz anderes Körperteil wesentlich mehr Gedanken. Er saß bereits seit mehreren Stunden auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Beamten, und sein Gesäß meldete allmählich Protest an.
Die Polizei war nur wenige Minuten nach dem Ende des Kampfes auf dem Hinterhof eingetroffen, und nachdem es Kevin geschafft hatte, die Beamten davon zu überzeugen, daß von ihm keine Gefahr drohte, gaben sie ihm Gelegenheit, die Situation zu erklären.
In der Zwischenzeit wurden die drei Schläger von den ebenfalls bereits eingetroffenen Sanitätern untersucht, und noch während Kevin erklärte, was sich in den vergangenen Minuten auf dem Hof abgespielt hatte, wurden die drei Männer abgeführt.
"Und wie ist es zu dieser Auseinandersetzung gekommen? Ich meine, es muß doch einen Grund geben, warum ..."
"Ja, es gibt einen Grund. Es gibt sogar mehrere! Zum Beispiel Betrug, Steuerhinterziehung und ... "
Kevin zögerte. Er war sich zwar sicher, daß Frank nicht Selbstmord begangen hatte, aber konnte er gegenüber dem Polizeibeamten jetzt einfach so behaupten, daß Frank das Opfer in einem Mordfall war?
" ... und ?"
Der Polizist wartete auf das Ende von Kevins Satz.
" ... und einen Toten!"
Mit dieser Formulierung hatte Kevin einen Weg gefunden, das Wort "Mord" zu vermeiden, den Beamten aber trotzdem mehr als neugierig zu machen.
"Einen Toten?"
Der Beamte schien etwas ungläubig, doch Kevin nickte nur stumm.
"Und was haben Sie damit zu tun?"
Kevin senkte den Blick zu Boden.
"Dieser Tote ... er ist ... er war ... ein Freund! Ein sehr guter Freund. Und diese drei Typen haben etwas mit seinem Tod zu tun. Zumindest einer von ihnen!"
Schließlich waren Sie zur Wache gefahren. Selbstverständlich mußte Kevin mitkommen, denn er mußte eine Aussage über die Vorfälle an diesem Nachmittag zu Protokoll geben. Und jetzt saß er hier auf diesem unbequemen Stuhl bereits seit mehr als drei Stunden.
Und nicht nur sein Sitzfleisch wurde allmählich überstrapaziert. Sein Blick wanderte immer häufiger zur Uhr, und er wurde unruhig. Es war schon ziemlich spät, und er mußte eigentlich bereits in der Konzerthalle sein. Alexander würde sicher schon auf ihn warten.
Aber noch schien der Zeitpunkt, an dem er hier wieder raus kommen würde, recht weit entfernt zu sein. Vor etwa einer Stunde hatte der leitende Kriminalbeamte telefonisch Einzelheiten über Franks Tod bei der zuständigen Dienststelle angefordert, und während sie die Daten per Telefax erwarteten, schilderte ihnen Kevin den Sachverhalt aus seiner Sicht.
Er hatte keine Ahnung, wo sich Peter und die anderen befanden. Aber er konnte sich vorstellen, daß auch sie über den Vorfall von heute nachmittag Rede und Antwort stehen mußten. Besonders Peter hatte einiges zu erklären, denn die Beamten hatten durch entsprechende kriminaltechnische Untersuchungen bereits zweifelsfrei festgestellt, daß er die Schüsse abgefeuert hatte.
Der Kriminalbeamte erkundigte sich bei Kevin, was ihn zu seiner Auffassung veranlaßte, Frank hätte keinen Selbstmord begangen. Und er wollte wissen, was Peter und seine Begleiter mit dieser Sache zu tun hatten.
Die anfänglichen Zweifel des Polizisten wichen einer regelrechten Neugier als Kevin ihm von den Einträgen in Franks Tagebuch erzählte.
Nachdem Kevin die ganze Geschichte bis zu dem Zwischenfall an diesem Nachmittag erklärt hatte (natürlich ließ er den Teil aus, der mit seinen Gefühlen für Alexander zu tun hatte), sprach der Beamte kurz mit einem Kollegen. Obwohl er fast in einem Flüsterton gesprochen hatte, hatte Kevin einzelne Wortfetzen mitbekommen und erkannt, daß Peter und die anderen zu den Vorwürfen vernommen werden sollten.
Wieder sah Kevin auf die Uhr. Es war jetzt bereits 18:45 Uhr, und er wußte, daß Alexander wahrscheinlich bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um ihn zu finden. In gut einer Stunde würde das Konzert beginnen, und es sah so aus, als müsse die Band an diesem Abend ohne ihren Bodyguard auskommen.
Schließlich traf das erwartete Fax ein, und einer der anwesenden Kriminalbeamten las die Daten den Anwesenden vor.
"Hm, die Kollegen haben nichts Verdächtiges gefunden. Sie sind sich sicher, daß es sich um einen Selbstmord handelte. ......... Sie wollen wissen, ob wir genügend Anhaltspunkte haben, um eine Obduktion des Toten vornehmen zu können."
Der leitende Beamte nahm das Fax an sich und überflog die Zeilen. Dann sah er gedankenverloren aus dem Fenster.
"Nein, ich denke nicht, daß wir einen fundierten Grund dafür haben, den Leichnam zu obduzieren ..."
"Ich denke, wir haben einen ausreichenden Grund gefunden!"
Im Türrahmen war ein weiterer Polizeibeamter erschienen, und sein Gesicht drückte eine gehörige Portion Genugtuung aus.
"Wieso? Was habt ihr herausgefunden?"
"Wir haben den schießwütigen Kerl mit den Vorwürfen konfrontiert und ihm seine Lage ziemlich deutlich dargelegt. Als wir ihm prophezeit haben, wegen der Schießerei für längere Zeit im Gefängnis zu landen, ist er ziemlich blaß geworden. Und als wir ihm vorgerechnet haben, daß Kooperation mit uns nur von Vorteil für ihn sein könnte, hat er mit einemmal ziemlich offen geplaudert!"
"So? Und was hat er denn so geplaudert?"
Der leitende Beamte schien etwas ungeduldig zu werden, und auch Kevin saß wie auf glühenden Kohlen. Er interessierte sich brennend für das, was Peter erzählt hatte.
Der Kollege nickte eifrig. Aber er begann nicht zu erzählen, was Peter ihm verraten hatte, sondern deutete seinem Kollegen durch ein Handzeichen, mit ihm den Raum zu verlassen.
Kevin blieb alleine in dem Zimmer zurück und versuchte sich vorzustellen, was Peter erzählt haben mochte. Die Minuten verrannen quälend langsam, und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis der Polizist wieder zurück in sein Büro kam.
"Nun?"
Kevin war ziemlich ungeduldig.
"Tja, es sieht so aus, als hätten Sie mit Ihrer Vermutung recht! Jedenfalls zu einem gewissen Teil."
"Zu einem gewissen Teil? Wie meinen Sie das?"
"Also, dieser Peter hat zugegeben, mit dem Tod Ihres Freundes etwas zu tun zu haben!"
Kevin schloß die Augen und atmete tief aus. Also hatte er Recht mit seiner Vermutung. Er hatte es von Anfang an gewußt!
Der Polizist griff zum Telefon und wählte. Kevin saß stumm da und wartete. In seinem Inneren wechselten die Gefühle der Genugtuung und der Rache. Es war beinahe ein Gefühl der Erlösung, endlich der Wahrheit so nahe gekommen zu sein, endlich den Zweiflern bewiesen zu haben, daß er nicht einem Hirngespinst nachgerannt war, einem Geist der Vergangenheit, und daß die Jagd nicht nur ein Akt der Verzweiflung gewesen war, sondern daß es eine Jagd nach Wahrheit war.
Stärker als zuvor fühlte Kevin jedoch auch ein Gefühl, das in seinem Herzen nach Rache schrie. Es forderte Vergeltung für Franks Tod. Jetzt, da es ein Ziel für dieses Gefühl gab, brannte der Wunsch nach Rache wie ein tobendes Inferno in seinem Inneren. Aber er wußte, daß er sich diesem Gefühl nicht hingeben durfte. Er hatte den Schuldigen für Franks Tod gefunden, und die Gerichte würden alles notwendige tun, um seine Tat zu bestrafen. Ein Akt sinnloser Rache würde Kevin nichts nutzen, würde weder seinen Haß auf Peter besänftigen, noch würde er Frank wieder lebendig machen.
" ... haben Sie vielen Dank! Bis morgen. Auf Wiederhören!"
Der Beamte wendete sich wieder Kevin zu.
"Tja, es sieht ganz so aus, als hätten Sie ein gutes Gespür für solche Sachen! Wieso haben sie trotz der Feststellungen der ermittelnden Beamten nicht an einen Selbstmord geglaubt?"
"Frank war kein Selbstmordkanidat. Wir kannten uns ziemlich gut, und er hatte weder solche großen Probleme, noch war er überhaupt jemand, der Selbstmord begehen könnte. Kann ich Sie mal was fragen?"
Der Beamte nickte.
"Nur zu!"
"Sagen Sie, warum haben Ihre Kollegen nicht selbst gemerkt, daß es kein Selbstmord gewesen ist? Ich meine, sowas müßte man bei der Kriminalpolizei doch erkennen!"
Der Polizist lächelte und nickte bestätigend.
"Da haben Sie Recht. Aber die Kollegen haben deswegen nichts bemerkt, weil es tatsächlich Selbstmord gewesen ist!"
Kevin sah sein Gegenüber fragend an.
"Wie bitte? Haben Sie nicht eben gesagt ..."
"Ich habe gesagt, daß dieser Peter etwas mit dem Tod Ihres Freundes zu tun hat, nicht, daß er ihn getötet hat!"
"Das verstehe ich nicht!"
Kevin war ziemlich verunsichert. Was hatten diese Aussagen zu bedeuten?
"Ihr Freund hat wahrscheinlich tatsächlich Selbstmord begangen. Aber er hat das deswegen getan, weil man ihn vorher mit einer Droge vollgepumpt hat. Und dieser Peter hat gestanden, ihm diese Droge eingeflößt zu haben. Diese Droge setzt die Hemmschwelle für bestimmte Handlungen drastisch herab. Soweit, daß man Dinge tut, die man im normalen Zustand niemals tun würde. Naja, und in diesem Zustand hat man ihn solange unter psychischen Druck gesetzt, bis er ... nunja, bis er sich selbst erschossen hat!
Ich habe eben mit den Kollegen telefoniert. Der Leichnam Ihres Freundes wird morgen früh exhumiert und anschließend obduziert. Wenn wir die Droge in seinem Körper feststellen können, wird gegen Peter und seine Freunde Haftbefehl erlassen!"
"Noch eine Cola bitte!"
Kevin saß bereits seit über zwei Stunden an der Theke der Hotelbar und dachte über die ganze Sache nach. Er war geschockt über die Beschreibung des Tathergangs, den ihm der Kriminalbeamte geschildert hatte. Das Frank auf so hinterhältige Weise sein Leben lassen mußte, war ziemlich mies, und es belastete Kevin sehr.
Er hatte noch bis nach acht in dem kleinen Büro aushalten müssen, weil die Beamten seine Aussage, sowohl über den heutigen Nachmittag, als auch über seine bisherigen Ermittlungen, aufnehmen wollten. Als er schließlich die stickige Luft des Polizeireviers verlassen hatte, überlegte Kevin, was er als nächstes tun sollte. Das Konzert der 'Sunrisers' lief bereits seit einiger Zeit, und selbst wenn er sich jetzt auf den Weg gemacht hätte, wäre er so spät in der Halle angekommen, daß es sich nicht mehr gelohnt hätte.
Also hatte er sich entschlossen direkt ins Hotel zurück zu gehen, um dort auf Alexander zu warten. Jetzt saß er hier und ließ die letzten Stunden, Tage und Wochen Revue passieren.
Die Tatsache, daß Frank anscheinend doch durch eigene Hand gestorben war, lastete schwer auf ihm. Man hatte Frank nicht einfach nur kaltblütig umgebracht, sondern die Täter waren sogar so hinterhältig gewesen und hatten Frank diese Tat auch noch selbst begehen lassen. Was mußte Frank in den letzten Minuten seines Lebens empfunden haben? Wußte er überhaupt was er tat, wie gefährlich sein Zustand gewesen war, oder hatten die Drogen ihn so weit von der Realität entfernt, daß er gar nicht mitbekommen hatte, was er tun wollte?
Kevin mußte sich sehr zusammenreißen um sich nicht dem Drang seiner Tränen hinzugeben.
"Mensch, Kevin, da bist Du ja!"
Kevin erschrak beinahe, als ihm jemand plötzlich auf die Schulter klopfte und ihn aus seinen trüben Gedanken riß.
"Wo warst Du heute abend? Ich habe mir Sorgen gemacht!"
"Tut mir leid! Das wollte ich nicht! Wie war das Konzert?"
Alexander bestellte sich auch etwas zu trinken und setzte sich neben Kevin auf den freien Stuhl.
"Das war prima. Wir hatten wieder ein volles Haus! Aber jetzt erzähl' doch endlich mal. Wo bist Du gewesen? Ist etwas passiert? Oder hast Du mich etwa einfach vergessen?"
Kevin gab sich Mühe, ein Lächeln auf seine Lippen zu zaubern und griff nach seinem Glas.
"Nein, natürlich habe ich Dich nicht vergessen. Im Gegenteil. Ich habe den ganzen Tag nur an Dich gedacht."
Er nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.
"Aber? Nun sag' doch!"
Alexander wurde ungeduldig da er spürte, daß Kevin zögerte.
"Es ist vorbei!"
Alexander sah ihn fassungslos an, sagte aber zunächst kein Wort. Er hätte auch kaum sprechen können, denn sein Hals war trocken und die Zunge klebte an seinem Gaumen. Und sein Herz schlug viel zu aufgeregt, als daß er etwas vernünftiges hätte hervorbringen können.
"So schnell? Es hat doch gerade erst angefangen. Nachdem, was gestern abend geschehen ist."
Kevin blickte überrascht auf. Dann mußte er lachen.
"Nein, Alexander! Das meinte ich nicht! Tut mir leid, aber ich habe mich wohl völlig falsch ausgedrückt. Natürlich ist es mit uns nicht vorbei! Dafür ist das, was gestern abend begonnen hat, viel zu schön. Und dafür liebe ich Dich zu sehr!"
Alexander atmete tief durch.
"Mensch Kevin, Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Ich dachte schon ..."
"Nein mach' Dir keine Gedanken. Mit uns ist alles in Ordnung!"
"Dann erkläre mir doch jetzt endlich, was Du meinst. Was ist vorbei?"
Kevin trank den Rest seiner Cola aus.
"Die Sache mit Franks Tod! Ich weiß jetzt, was passiert ist. Meine Suche hat ein Ende."
Kevin bestellte eine weitere Cola und erzählte Alexander dann von seinem Erlebnis am Nachmittag. Von dem Zusammentreffen mit Peter und seinen Schlägern, von der Auseinandersetzung, dem Verhör bei der Polizei und schließlich auch von der wahren Geschichte um Franks Tod.
Als er erzählte, daß Frank wohl doch von eigener Hand gestorben war, sah er in Gedanken die Situation vor sich. Wie Frank, benebelt von den Drogen, die man ihm eingeflößt hatte, mit der Waffe gespielt hatte, und wie er sie schließlich an seinen Kopf gehalten haben mußte um dann ...
Diesmal konnte er seine Tränen nicht zurückhalten, und dankbar nahm er das von Alexander gereichte Taschentuch an.
"Es ist so schrecklich! Wenn ich mir vorstelle, wie Frank ... wie er ..."
"Denk' nicht daran, Kevin. Es ist vorbei. Du kannst es nicht mehr ändern. Quäle Dich nicht selbst!"
"Weißt Du, ich hatte mich damit abgefunden, daß ... naja, daß jemand anderes das getan hätte. Aber das er auf so gemeine und hinterhältige Weise sterben mußte, tut weh.
Ja, jetzt ist es vorbei! Die Verantwortlichen sind gefunden, und nun kann ich die Angelegenheit auch für mich abschließen. Ich hoffe nur, es wird mir auch gelingen!"
"Da bin ich mir sicher, Kevin! Und ich möchte Dir dabei helfen. Ich liebe Dich!"
Kevin sah Alexander dankbar an, und er spürte, wie sehr er ihn liebte. Obwohl die Sache mit Frank ihn sehr belastete, spürte er dennoch, daß sein Herz jetzt endgültig frei war für Alexander. Er liebte ihn, und mit seiner Hilfe, mit seiner Nähe und Zärtlichkeit würde er es sicherlich schaffen, die unangenehmen Erinnerungen, die wie dunkle Schatten auf ihm lasteten, bald zu verdrängen. Er könnte sie niemals vergessen, dessen war er sich sicher, aber er würde lernen, mit ihnen zu leben. Ein neues Leben, indem Alexander die Sonne war, die alle dunkle Schatten zu Licht werden ließ.
Zärtlich legte Kevin seine Hand auf die von Alexander, die auf dem Tresen der Hotelbar mit einem der Bierdeckel spielte.
"Ich danke Dir, Alexander, und ich bin froh, daß wir uns gefunden haben. Es tut so unendlich gut, jemanden zur Seite zu haben, der einem in dieser schlimmen Situation beisteht. Ich liebe Dich!"
Alexander lächelte kurz und zog seine Hand unter der von Kevin fort. Unsicher sah er sich in der Bar um, ob irgend jemand diesen Austausch von Gefühlen bemerkt hatte.
Kevin spürte, daß er ein wenig enttäuscht über diese Tatsache war, aber er wurde sich schnell darüber klar, daß Alexander einfach noch nicht so weit war. Kevin erinnerte sich daran, daß er selbst während seiner Beziehung mit Frank nie in der Öffentlichkeit gezeigt hatte, daß und wie sehr sie sich damals geliebt hatten. Die Bereitschaft, mit der Heimlichtuerei endlich aufzuhören und zu seinem Schwulsein und seiner Liebe auch zu stehen, war bei ihm auch erst in den letzten Wochen gewachsen. Wahrscheinlich hatte der Verlust seines geliebten Freundes und der damit verbundene Verlust ihrer gemeinsamen Zukunft in ihm den Entschluß reifen lassen, sich auch öffentlich so zu zeigen, wie er tief in seinem Inneren empfand. Dennoch reagierte sein Gefühlsleben mit einer Spur Enttäuschung auf Alexanders Zurückhaltung, aber er ließ sich nichts anmerken.
"Laß uns nach oben gehen, Kevin. Es war ein anstrengender Tag, und außerdem will ich noch etwas von Dir haben!"
Alexander lächelte verheißungsvoll, und Kevin verstand sofort, was er meinte. Sie tranken aus, bezahlten die Getränke und machten sich auf den Weg nach oben. Kevin freute sich darauf, auch an diesem Abend gemeinsam mit Alexander eine Welt zu betreten, die Gefühle für sie bereit hielt, die Kevin lange vermißt hatte, und die er an diesem Abend ganz besonders brauchte. Er war fest davon überzeugt, daß es ein wundervoller Ausflug werden würde.
6. Teil
Talfahrt der Gefühle
Der Tag war anstrengend gewesen. Sie waren an diesem Morgen früh aufgebrochen und hatten nach gut vier Stunden Fahrt die nächste Stadt erreicht, in der die Sunrisers ihr nächstes Konzert geben würden.
Kevin hatte in der letzten Nacht nur wenig Schlaf gefunden, und er war deswegen den ganzen Tag schon ziemlich müde. Alexander und er hatten sich am späten Abend noch ausführlich bewiesen, wie tief die Liebe war, die in den letzten Tagen und Wochen zwischen ihnen entstanden war, und welches Glücksgefühl sie sich durch diese Liebe gegenseitig geben konnten.
Und immer noch hingen seine Gedanken an den Erkenntnissen, die er am vergangenen Tag erfahren hatte. Ob er wollte oder nicht - immer wieder sah er in Gedanken die Situation, die Frank das Leben gekostet hatte, und die Vorstellung, wie hilflos sein Freund dabei gewesen war, ließ ihn einfach nicht los.
Das nächste Konzert der Sunrisers würde noch am gleichen Abend stattfinden, und auch die anstrengende Arbeit in der Konzerthalle konnte Frank nicht vollständig von diesen trüben Gedanken ablenken.
Als er an diesem frühen Abend in Alexanders Garderobe saß und wartete, bis sein Freund sich für das Konzert umgezogen hatte, bemerkte er, daß auch Alexander recht schweigsam war. Kevin hatte den Eindruck, daß er irgendwie bedrückt wirkte.
"Bist Du mit der Halle zufrieden?"
"Hmhm."
Alexander brummte nur zustimmend und ließ sich nicht stören.
"Was ist mit Dir? Du bist so schweigsam. Ist irgend etwas?"
Alexander setzte sich vor den Garderobenspiegel und sah geistesabwesend hinein.
"Hey, Alexander, alles in Ordnung?"
Kevin fühlte sich gar nicht wohl. Was hatte es für einen Grund, daß Alexander so still war? Normalerweise war er vor jedem Konzert ziemlich aufgeregt und sprühte vor Energie. Irgend etwas mußte ihn an diesem Abend bedrücken, und Kevin hatte ein ungutes Gefühl. Hatte sein Schweigen etwas mit ihm zu tun? Mit ihrer Beziehung?
"Nun sag' schon! Was bedrückt Dich?"
"Ach, Kevin, es ist alles so ... so schwierig."
"Was meinst Du? Stimmt etwas mit uns nicht? Habe ich etwas falsch gemacht?"
Alexander sah Kevin an und schüttelte verneinend den Kopf.
"Nein, du hast nichts falsch gemacht. Ich bin froh, daß ich Dich gefunden habe, und ich liebe Dich wirklich, ....."
Alexander zögerte.
"Aber?"
Es schien, als habe Alexander den Satz nicht zu Ende gebracht, und Kevin war sich ziemlich sicher, daß es ein "Aber?" gab.
"Weißt Du, Kevin, ich glaube, die anderen haben etwas gemerkt!"
Kevin war ziemlich überrascht. Er hatte mit allem gerechnet: Daß Alexander ihn doch nicht lieben würde oder daß er gemerkt hatte, daß er doch nicht schwul war. Aber dies war etwas ganz anderes. Wie sollten die Jungs in der Band etwas von ihrer Beziehung, von ihrer Liebe zueinander, gemerkt haben? Sie hatten sich doch nie etwas anmerken lassen, wenn einer der anderen dabei war.
"Wie kommst Du darauf? Ich meine, wir haben doch die ganze Zeit, wenn jemand dabei war, nichts getan, das unsere Beziehung verraten haben könnte."
Alexander schüttelte den Kopf und seufzte.
"Nein, das nicht. Aber irgendwie haben sie es doch gemerkt. Oder sie vermuten zumindest etwas. Bernd und Michael haben mich heute Mittag angesprochen!"
"Und was haben sie gesagt?"
"Sie wollten wissen, warum ich in der letzten Zeit so wenig mit ihnen zusammen unternehmen würde. Weißt Du, früher haben wir in unserer Freizeit sehr viel gemeinsam unternommen. Naja, und in der letzten Zeit ist das halt nicht mehr so."
"Was hast Du ihnen geantwortet?"
Alexander zuckte mit den Schultern.
"Ich habe nur irgendwie herumgestottert. Und ich habe ihnen gesagt, daß ich halt mit Dir oft zusammen wäre. Hm, da haben sie natürlich direkt nachgefragt und wollten wissen, warum. Und dann hat Bernd direkt gefragt, ob wir was miteinander hätten."
Kevin war überrascht. Damit hatte er nicht gerechnet. Jedenfalls nicht so schnell.
"Wie kommt er denn darauf? War das früher schon mal ein Thema zwischen Euch?"
"Nein, nie. Zumindest ist nie darüber geredet worden. Aber ich denke, sie zählen eins und eins zusammen. Ich hatte noch nie eine Freundin, keine Affären mit Fans, naja, und jetzt bin ich fast nur noch mit Dir zusammen."
Kevin nickte.
"Wissen sie, daß ich schwul bin?"
"Nein! Ich glaube es zumindest nicht. Von mir wissen sie es auf jeden Fall nicht."
Eine Weile herrschte Schweigen in der Garderobe. Kevin versuchte sich vorzustellen, wie Alexander sich in dieser Situation gefühlt haben mußte. Und er versuchte sich darüber klar zu werden, was diese Entwicklung für sie beide bedeuten würde. War Alexander schon soweit, daß er offen zu seinem Interesse für Jungs stehen konnte? Zumindest gegenüber seinen Freunden aus der Band?
Und was wäre, wenn er das nicht konnte, wenn er nicht zugeben wollte, daß sie beide ein Paar waren?
"Was hast Du Ihnen geantwortet? Ich meine, auf die Frage nach uns beiden."
Wieder herrschte eine ganze Weile Schweigen, bevor Alexander antwortete.
"Ich habe es abgestritten. Schließlich geht es sie ja auch gar nichts an! Und außerdem ..."
Er zögerte, denn er ahnte, daß Kevin sicher nicht begeistert davon sein würde, daß er ihre Beziehung geleugnet hatte, und Alexander war sich sogar sicher, daß er die Gründe dafür noch viel weniger verstehen würde.
"... außerdem ... Du weißt ja, da ist immer noch die Band. Ich kann es nicht riskieren, daß sie davon Schaden nimmt. Ich weiß nicht, wie die anderen darauf reagieren würden, wenn ich ihnen sage, daß ich schwul bin. Naja, und dann ist da auch noch die Öffentlichkeit."
Er versuchte zu lächeln und sah Kevin erwartungsvoll an.
Aber Kevin konnte sein Lächeln nicht erwidern. Er konnte keine Reaktion auf das zeigen, was Alexander ihm soeben gesagt hatte. Er versuchte gegen die aufkeimenden Gefühle in seinem Inneren anzukämpfen, wünschte sich, daß sein Verstand, der ihm sagte, daß Alexander einfach noch Zeit brauchen würde, die Oberhand über seine Gefühle gewinnen würde. Aber er fühlte Enttäuschung in sich, so sehr er sich auch dagegen wehrte. Er war enttäuscht darüber, daß Alexander nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Liebe zueinander verleugnet hatte. Und das tat weh!
"Warum sagst Du nichts?"
"Ist schon gut!"
Kevin stand auf und ging in der Garderobe ein paar Schritte auf und ab.
"Hör' mal, Kevin, ich hab' Dir von Anfang an gesagt, daß ich Rücksicht auf die Band nehmen muß. Es tut mir auch leid, daß wir nicht offen zeigen können, was wir für einander empfinden, jedenfalls jetzt noch nicht. Aber ... ich kann einfach nicht anders. Ich hoffe, Du verstehst das?"
Ja, verstehen konnte das Kevin eigentlich ganz gut. Aber dennoch war da dieses Gefühl in ihm, das ihm sagte, daß er eigentlich etwas anderes erwartet hatte.
Er nickte stumm, ging zu Alexander und nahm ihn in den Arm.
"Ja, ich will es verstehen. Aber ich wünsche mir auch, daß dieses Geheimhalten endlich aufhört. Weißt Du, es macht unsere Beziehung so anfällig. Und ich möchte nicht, daß irgend etwas uns trennt."
Alexander gab Kevin einen Kuß.
"Das möchte ich auch nicht!"
Er trat einen Schritt zurück und sah gedankenverloren in den Spiegel.
"Ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Ich habe Angst, daß die Band Probleme bekommt, wenn ... wenn das mit mir ... mit uns herauskommt. Ach', Kevin, es ist alles so schwierig."
Kevin legte seine Arme von hinten um Alexander.
"Wir werden einen Weg finden. Irgendwann und irgendwie werden wir dieses Problem lösen. Ich werde einfach noch ein wenig Geduld haben."
"Ich danke Dir, Kevin. Ich weiß, es ist nicht einfach, und ich bin stolz auf Dich, daß Du es so siehst. Jetzt kann ich wenigstens beruhigt heute abend auf die Bühne gehen. Ich bin so froh, Dich gefunden zu haben. Ich liebe Dich!"
Ein langer Kuß bestätigte diese Liebe, und Kevin verließ Alexanders Garderobe etwas erleichtert.
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