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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.

Du hast einen Teil verpasst? Kein Problem!

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"Schatten auf dem Regenbogen"

- Teil 11 -

6. Teil: Talfahrt der Gefühle

 

Mit der flachen Hand fuhr sich Alexander über das Gesicht und verbarg sein Gähnen dabei vergebens.

"Du bist müde?", erkundigte sich Kevin.

Alexander nickte immer noch gähnend.

"Hmhm ... ich bin ziemlich fertig. Das Konzert war anstrengend. Sowas schlaucht ganz schön. Aber, das hat man halt vom Berühmtsein."

Kevin und Alexander hatten nach dem Konzert beschlossen, in einer Kneipe für Schwule noch etwas trinken zu gehen um den Abend ausklingen zu lassen. Kevin hatte diesen Vorschlag nicht ohne Hintergedanken gemacht. Er hoffte, Alexander damit mehr daran gewöhnen zu können, ihre Beziehung auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Vielleicht half ein weiterer Besuch in einer entsprechenden Kneipe Alexander ja dabei. Er war froh, daß Alexander es auch so sah und mit ihm gekommen war.

"Dann laß uns austrinken und ins Hotel gehen. Ich glaube, ich könnte jetzt auch ein Bett gebrauchen."

Kevin lächelte vielsagend.

"Und müde werde ich sicher auch noch werden!"

Auch Alexander grinste. Er hatte sehr wohl verstanden, was Kevin damit andeuten wollte.

"Na, dann sollten wir uns beeilen und die Zeit ausnutzen, bevor Du ..."

"Nein! Das gibt's doch nicht! Ich glaub' ich werd' verrückt. Du bist doch ... ja sicher, ich kenne Dich. Du bist doch der Sänger der 'Sunrisers'."

Ein ziemlich kräftiger Schlag auf seine Schulter unterbrach Alexander, und er sah sich fragend nach hinten um.

"Mensch, so jemand berühmtes hier in diesem Laden. Hi, ich heiße Roland, und ich bin ein großer Fan von Euch. Ach was, nicht "ein", sondern "der" größte Fan von Euch. Ich war heute abend bei eurem Konzert. War echt super. Hätte nie gedacht, daß ich Dich hier mal treffen würde. Ich freue mich, Dich kennen zu lernen."

Er redete ohne scheinbar auch nur einmal Luft zu holen, und seine Lautstärke durchdrang selbst die Geräuschkulisse der Kneipe. Neugierige Blicke musterten abwechselnd ihn und Alexander.

"Ja ... hallo ... ehm ... ich ... ich heiße ... nunja, freut mich auch, Dich kennen zu lernen."

Kevin hielt unmerklich die Luft an. Das war genau die Situation, die Alexander auf jeden Fall vermeiden wollte, vor der er sich immer gefürchtet hatte. Und jetzt war es doch passiert: Man hatte ihn erkannt. Wie würde er nun darauf reagieren. Das von diesem Roland keine Gefahr ausging, merkte Kevin sofort. Also entschied er sich, sich zunächst nicht einzumischen.

"Das glaubt mir keiner, daß ich Dich hier getroffen habe. Kann ich Dich auf 'nen Drink einladen?"

Ohne auch nur auf Alexanders Antwort zu warten rief er nach der Bedienung hinter der Theke.

"Hey, Otto, zwei Bier bitte! Hast Du eigentlich gesehen, wer hier sitzt?

Die Anforderung der Getränke hatte die Bedienung noch so eben verstanden. Aber der Rest ging im Lärm unter, und Roland machte sich auch nicht die Mühe, sich zu wiederholen.

"Ehm, eigentlich wollten ... wollte ich ..."

"Was machst Du eigentlich hier? Ich meine, so allein? ... Oh, Pardon, Du bist nicht allein?"

Endlich hatte dieser Roland bemerkt, daß Kevin ihn schon die ganze Zeit mit einem Lächeln beobachtete.

"Ist das ... ein Freund? Vielleicht ... Dein Freund?"

Alexander wurde sichtlich nervös. Unsicher wechselte sein Blick zwischen Kevin und diesem Roland.

"Nein ... ehm ... es ist nicht so, wie Du denkst. Ich bin nur so hier. Ich meine, ich bin nicht ... ehm ... also, ich ... ich stehe ... nicht auf Jungs. Das ist ein Bekannter von mir."

Kevins Lächeln verschwand schlagartig aus seinem Gesicht. Fassungslos sah er Alexander an. Bei allem Verständnis, das er für Alexanders Situation aufbringen wollte, fühlte er sich durch sein Leugnen verletzt, und seine abstreitenden Worte trafen ihn tief im Herzen. Damit hatte er nicht gerechnet.

Roland hatte Kevins wechselnden Gesichtsausdruck nicht zur Kenntnis genommen. Jedenfalls ließ er sich nichts anmerken.

"Achso! Hallo, schön Dich kennen zu lernen. Wie heißt Du? Ich habe Dich hier noch nie gesehen."

Kevins Blick heftete immer noch ungläubig an Alexander, der Kevins Reaktion sehr wohl bemerkt hatte, und der jetzt mit zitternden Händen an seinem Glas spielte.

"Hi, ich heiße Kevin. Aber sei nicht böse, ich muß jetzt los. Es ist schon spät."

Ohne eine Antwort abzuwarten stand er auf und verließ die Kneipe.

Draußen sog er die frische Nachtluft in seine Lungen und legte den Kopf in den Nacken. Der kühle Wind dieses Abends wehte in sein Gesicht, und Kevin spürte, daß es auf seinen Wangen besonders kühl wurde. Erst jetzt bemerkte er, daß er weinte. Und er spürte erst jetzt so richtig, wie sehr ihn die Antwort Alexanders verletzt hatte.

Langsam begann er, die Straße hinunter zu gehen. Er hatte kein Ziel, sondern er schlenderte einfach nur gedankenverloren die Straße entlang und weinte. Erst als er etwas weiter die Straße hinunter ein Taxi sah, fand er zurück in die Realität und winkte den Wagen herbei.

"Kevin! ... Kevin! ... Bitte warte!"

Hinter sich hörte er Alexanders Stimme, und als er sich umdrehte sah er, wie Alexander ihm hinterher gelaufen kam.

"Kevin, bitte, warte auf mich!"

Das Taxi hielt neben Kevin und er öffnete die Tür.

"Kevin, warte. Hör zu, es tut mir leid. Ich meine ..."

"Spar Dir Deine Erklärungen. Es braucht Dir nicht leid zu tun. Ich habe Dir schon 'mal gesagt, daß ich Verständnis dafür habe. Und als "Bekannter" bist Du mir auch keine Rechenschaft schuldig. Geh' und kümmere Dich um Deinen Fan, damit er nicht meint, wir hätten was miteinander zu tun!"

Er wartete Alexanders Antwort erst gar nicht ab, sondern stieg in das Taxi und schlug die Tür zu. Eine Sekunde später fuhr der Wagen los.

Kevin hörte das Klopfen an der Tür sehr wohl, aber er reagierte nicht darauf. Immer wieder klopfte es gegen die Tür, und Kevin vernahm schließlich auch Alexanders Stimme.

"Kevin? Kevin! Laß mich rein. Ich weiß, daß Du da bist. Bitte, laß uns reden."

Kevin lag auf seinem Bett, und obwohl er erst kurze Zeit hier gelegen hatte, war das Kopfkissen bereits mit seinen Tränen durchnäßt.

Die Szene in der Kneipe hatte ihm verdammt weh getan. Er hatte geahnt, daß so eine Situation irgendwann einmal kommen mußte, aber er hatte gehofft, daß es noch lange dauern würde, und daß Alexander bis dahin soweit war, ihre Liebe nicht mehr zu verleugnen.

Aber nun war es bereits jetzt geschehen, und Alexander hatte nicht nur sein Schwulsein geleugnet, sondern er hatte Kevin geleugnet. Und das im Kreise von Personen, die wohl am ehesten ihre Beziehung, ihre Liebe, verstanden hätten.

Wieder klopfte es an der Tür.

"Kevin! Bitte! Ich muß mit Dir reden. Es ... es tut mir leid. Ich ..."

"Laß mich in Ruhe! Geh weg und laß mich in Ruhe!"

Er wollte Alexander jetzt nicht sehen. Er wollte nicht, daß er ihn so sah, wie er mit verheultem Gesicht auf seinem Bett lag, und wie der Schmerz über die Enttäuschung, die er an diesem Abend erlebt hatte, ihn Dinge denken ließ, die er nicht wahrhaben wollte.

Aber er konnte sich einfach nicht dagegen wehren. Es zwang sich in seinen Kopf, sein Denken - sein Fühlen. Dieser Schmerz erinnerte ihn an einen anderen Schmerz, der noch vor nicht allzu langer Zeit sein Inneres scheinbar zerfressen wollte, und der erst vor kurzem abgeklungen war.

Und dieser Schmerz, der sich jetzt in seinem Herz ausbreitete, ließ ihn etwas fühlen, das er nicht erwartet hatte. War es nur die Enttäuschung, die verletzte Eitelkeit, oder war an diesem Gedanken wirklich etwas dran? War es wirklich so, daß Frank ihm das nie angetan hätte?

"Kevin, komm' schon, laß uns reden! Komm, mach auf!"

Kevin wußte nicht, was er tun sollte! Noch auf dem Rückweg hatte er sich im Taxi geschworen, Alexander nie wieder sehen zu wollen. Er war sich sicher gewesen, daß an diesem Abend eine kurze, wundervolle Zeit zu Ende gegangen war.

Aber je mehr er sich mit diesem Gedanken befaßte, je öfter er sich einredete, daß jetzt alles vorbei sei, desto mehr spürte er, daß dies nicht so einfach war. Er hatte mit Alexander nicht einfach nur schöne Stunden im Bett erlebt, hatte nicht nur einen gefühlvollen Austausch von Sex empfunden, sondern es war mehr, viel mehr: Er liebte Alexander. Und während er draußen an der Tür stand und bettelte, daß Kevin ihn hineinließ, spürte Kevin nur zu deutlich, daß diese Liebe noch nicht erloschen war.

Alexander hatte ihn verletzt! Er hatte ihn auf eine Art und Weise verletzt, die Kevin an der Richtigkeit ihrer Beziehung zweifeln ließ. Aber war es nicht nur sein Verstand, der an ihrer Liebe zweifelte, der ihm einzureden versuchte, daß mit diesem Abend alles zu Ende gegangen war? Was sagte sein Gefühl, sein Herz, dazu?

"Kevin? Bitte!"

Nein, eigentlich sagte ihm sein Gefühl etwas ganz anderes als sein Verstand. Er spürte trotz seines Schmerzes, seiner Enttäuschung, daß die Liebe zu Alexander noch immer da war, daß er ihn liebte und ihn begehrte. Und es tat ihm leid, ihn so abzuweisen.

Er hob den Kopf und lauschte, was vor der Tür geschah. Aber er konnte nichts hören, und Angst befiel ihn. Was würde sein, wenn Alexander jetzt aufgab, wenn er zurück in sein Zimmer ging ohne mit Kevin zu sprechen? Würden sie sich morgen noch in die Augen sehen können?

Voller Angst sprang Kevin von seinem Bett und eilte zur Tür. Als er sie öffnete, stand Alexander nicht mehr davor. Spätestens jetzt war sich Kevin sicher, daß er Alexander immer noch liebte, daß er sich nach ihm sehnte, und daß er sein abweisendes Verhalten bereute.

Kevin trat hinaus auf den Gang und sah in die Richtung, in der sein Zimmer lag. Alexander ging mit langsamen Schritten und hängendem Kopf in Richtung seines Zimmers.

"Alexander!"

Alexander blieb stehen, als sei er sich nicht sicher, ob er wirklich das gehört hatte, was er zu hören glaubte. Zögernd sah er sich um, und sein Gesicht erhellte sich mit einem erleichterten Lächeln, als er Kevin auf dem Gang erblickte.

Sekundenlang sahen sie sich in die Augen, und keiner von ihnen war zu einer Reaktion fähig. Doch dann löste sich Alexander aus seiner Erstarrung und ging zu Kevin. Er rannte fast, und als er ihn schließlich erreichte, blieb er stehen und senkte den Blick.

"Hallo Kevin! Es ... es tut mir leid ... Ich habe mich wie ein Idiot benommen. Ich schäme mich so. Kannst Du mir verzeihen?"

"Komm rein! Laß uns darüber reden!"

Alexander folgte Kevin in sein Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

"Willst Du was trinken?", erkundigte sich Kevin, doch Alexander schüttelte den Kopf.

"Nein, jetzt nicht."

Kevin legte sein Kopfkissen wieder an seinen Platz und achtete darauf, daß die Seite, die von seinen Tränen durchnäßt war, unten lag.

"Setz dich. Mach's Dir bequem!"

Alexander setzte sich zu Kevin auf das Bett, und eine ganze Weile herrschte Schweigen.

"Weißt Du, Kevin, es kam so plötzlich, so überraschend. Ich weiß, das ist keine Entschuldigung für das, was ich getan habe, aber ..."

"Ist schon gut! Irgendwann mußte es ja mal passieren. Ich weiß ja, daß Du dadurch Probleme kriegen kannst. Vielleicht habe ich einfach nur zu heftig reagiert. Aber es tat höllisch weh. Ich ... ich liebe Dich so sehr."

"Ich liebe Dich auch, Kevin. Weißt Du, ich werde mich wahrscheinlich entscheiden müssen! So geht es nicht weiter. Ja, und ich glaube, ich habe mich entschieden! So etwas wie heute darf nicht noch einmal passieren."

"Alexander, bitte tue nichts unüberlegtes. Du bist für die Band verantwortlich. Und ohne Zweifel riskierst Du Euren Erfolg, wenn das mit uns herauskommt. Wir werden einen Weg finden mit dieser Situation umzugehen."

Er machte eine Pause. Dann fuhr er fort.

"Vielleicht ist es besser, wenn wir uns eine Zeitlang nicht sehen. Die anderen sind ja schon mißtrauisch geworden. Ja, ich denke, es wird das beste sein, wenn ich morgen nach dem Konzert zurückfahre und wir uns nicht mehr sehen, bis die Tour zu Ende ist. Dann kannst Du Dich voll auf die Konzerte konzentrieren, und Du brauchst kein Risiko einzugehen. Und dann wird so etwas wie heute Abend auch nicht mehr passieren. Naja, und später sehen wir weiter. Wir werden schon einen Weg finden. Einen gemeinsamen Weg!"

"Kevin, nein, das kannst Du mir nicht antun. Ich brauche Dich. Wenn Du jetzt gehst, weiß ich nicht, ob ich die Tournee zu Ende bringen kann. Ich bitte Dich, überleg' Dir das nochmal."

Kevin zuckte ratlos mit den Schultern.

"Was soll ich da noch groß überlegen? Es ist das beste für uns. Ich will dieses Gefühl von heute Abend nicht nochmal erleben müssen. Wir werden einfach warten, bis ihr wieder zurück seid. Danach sehen wir dann weiter!"

"Aber ..."

"Bitte, Alexander, mach es nicht noch schwerer, als es ist. Du wirst sehen, es wird das Beste für uns sein. Und es sind doch nur wenige Wochen."

Kevin war selbst überrascht, wie sicher er war, daß dies der einzig richtige Weg war, und obwohl es ihm schwerfiel, den bevorstehenden Abschied von Alexander zu verkünden wußte er auch, daß diese Trennung Alexander die Zeit gab, die Tournee in Ruhe zu beenden und sich darüber klar zu werden, wie - nein, ob - er zu seiner Liebe zu Kevin vor dem Rest der Welt stehen konnte. Kevin war überzeugt davon, daß sich Alexander entscheiden mußte, ob er irgendwann einen Weg finden würde, ihre Liebe nicht mehr zu verheimlichen. Denn diese Geheimhaltung ihrer Liebe, dessen war Kevin sich absolut sicher, würde auf Dauer ihrer Beziehung schaden, sie wahrscheinlich sogar zerbrechen.

"Sieh mal, Alexander, es ist auch für mich nicht einfach, jetzt zu gehen und so lange auf Dich warten zu müssen. Aber wenn wir diesen Schritt nicht tun, weiß ich nicht, was aus uns werden wird. So etwas wie heute Abend kann sich jederzeit wiederholen. Und ich möchte mich einfach nicht mehr vor der Welt verleugnen. Ich bin nun einmal schwul, ich bin stolz darauf, und ich liebe Dich. In der Vergangenheit habe ich mich auch immer versteckt, wollte nicht, daß irgend jemand merkt, wie ich bin und was ich fühle. Aber ich kann einfach so nicht mehr weitermachen.

Ich weiß, daß für Dich das alles sehr schnell gekommen ist, und daß es für Dich Probleme gibt. Probleme, die ich nicht habe, aber ich denke, daß einzige, was Du brauchst, ist Zeit. Zeit, Dir darüber klar zu werden, wie sich Dein Leben verändert, und wie Deine Zukunft aussehen wird. Ich habe in den letzten Monaten auch viel darüber nachgedacht, und ich bin heute darüber froh, daß Frank mich nie zu etwas gezwungen hat. Siehst Du, ich glaube einfach, meine Entschlossenheit, mich nicht mehr verstecken zu wollen, ist für Dich ein Zwang, den ich Dir nicht antun möchte. Deshalb halte ich es für besser, wenn wir uns eine Zeit nicht sehen und Du Dir in Ruhe überlegen kannst, wie Du mit Deinem veränderten Leben umgehen willst. Wenn die Tour vorbei ist, siehst Du die Band nicht mehr jeden Tag, und Du wirst Zeit haben, einen Weg zu finden, wie wir unsere Liebe auch öffentlich leben können. Ich hoffe, Du kannst das verstehen?"

Alexander saß neben Kevin auf dem Bett und sah nachdenklich auf den Boden.

Ein schier endlose Zeit herrschte Schweigen.

"Kannst Du verstehen, was ich meine? Sag' etwas, Alexander!"

Alexander seufzte schwer.

"Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht. Es klingt alles so vernünftig, was Du sagst, so logisch. Aber ich weiß einfach nicht, wie ich es ohne Dich aushalten soll. Ich bin so froh, Dich gefunden zu haben, und wenn Du jetzt gehst, ist es ... ist es ... naja, es ist so, als hätte ich Dich wieder verloren."

Er machte eine Pause. Dann fuhr er fort.

"Ich habe Angst, Kevin!"

Kevin legte seine Hand um Alexanders Schultern und drückte ihn an sich.

"Das brauchst Du nicht. Es gibt keinen Grund dafür. Wir lieben uns, und wir werden einen Weg finden! Da bin ich mir ganz sicher. Aber wie immer dieser Weg aussehen mag, wir brauchen beide Ruhe, um darüber nachzudenken. Und nur das möchte ich. Deshalb halte ich es für besser, wenn wir uns eine Weile nicht sehen!"

Alexander legte seinen Kopf an Kevins Schulter, und Kevin merkte, daß er weinte.

"Wenn Du meinst, Kevin. Es wird verdammt schwer sein, das weiß ich. Es ist noch so lange!"

"Um so schöner wird das Wiedersehen in ein paar Wochen sein. Du wirst sehen, wie schnell die Zeit vergeht."

Abermals seufzte Alexander und nickte dann zustimmend.

Sie saßen noch eine ganze Weile schweigend nebeneinander, bevor Alexander schließlich mit hängendem Kopf das Zimmer verließ.

Kevin wußte zwar, daß dies die beste Lösung für beide war, aber er spürte auch, daß ihm diese Entscheidung selbst im Herzen weh tat. Aber wieder einmal war es sein Verstand, seine gefühlskalte Logik, die ihm sagte, daß diese Zeit der Trennung nur ein vorübergehender Zustand war, eine Investition in ihre Zukunft, eine gemeinsame Zukunft, in der sie sich ihrer Gefühle füreinander nicht mehr zu schämen brauchten, und in der sie allen anderen beweisen würden, daß ihre Liebe echt war, und daß sie sie nicht verstecken brauchten. Irgendwann einmal würde diese Zukunft wahr werden, denn heute hatten sie den Grundstein dafür gelegt.

Es war schon ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, daß dies das letzte Konzert war, und daß sein Koffer bereits fertig gepackt in Alexanders Garderobe auf ihn wartete. Aber Kevin bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen. Zum einen durften natürlich die anderen Bandmitglieder nicht merken, was zwischen ihm und Alexander am vergangenen Abend beschlossen worden war, und zum anderen wollte er Alexander das Gefühl geben, daß sie richtig handelten. Alexander hatte heute Abend schließlich ein Konzert zu geben, und sowohl seine Freunde aus der Band, als auch die fast 6000 Zuschauer in der Halle erwarteten ein gewohnt gutes und stimmungsvolles Konzert. Alexander konnte es sich nicht erlauben, sich durch private Probleme auf der Bühne ablenken zu lassen.

Aber dennoch fühlte sich Kevin an diesem Abend nicht wohl in der Halle. Die Fans waren bereits seit einiger Zeit im Saal, und ganz im Gegensatz zu seinem sonst üblichen Verhalten hatte Kevin an diesem Abend bereits zweimal ziemlich schroff reagiert, als die übliche Meute kreischender Groupies sich auf den Weg zu den Garderoben machen wollte.

Mit Alexander hatte er den ganzen Tag kaum gesprochen. Der war bereits vor dem Frühstück hierher gekommen und hatte sich den ganzen Tag in seiner Garderobe aufgehalten. Er hatte sich von niemandem stören lassen, und Kevin hatte mitbekommen, daß einige aus der Band bereits fragende Blicke austauschten.

Mittlerweile war es zehn Minuten nach acht, und alle Mitglieder der Band waren bereit für den Auftritt. Nur Alexander hockte immer noch in seiner Garderobe und ließ sich nicht blicken. Erst als ein Helfer das vierte Mal an seine Tür klopfte, kam er heraus und rannte zu seinen Freunden.

Sekunden später betraten sie die Bühne und in der Halle entfesselte sich ein Orkan der Begeisterung.

Kevin stand wie gewohnt an der linken Seite zwischen dem Absperrgitter und der Bühne. Nur ganz kurz kreuzte sich sein Blick mit dem von Alexander, und Kevin war überrascht, daß er ihm zulächelte. Er hatte erwartet, nein, befürchtet, daß Alexander an diesem Abend in schlechterer Stimmung auf die Bühne kommen würde als sonst. Aber Kevin mußte feststellen, daß er sich geirrt hatte. Alexander strahlte über das ganze Gesicht und begann in gewohnter Manier, die Fans in der Halle mit seiner Show aufzuheizen.

Kevin wurde das Gefühl nicht los, daß irgend etwas mit Alexander nicht stimmte. Diese offensichtliche Ausgelassenheit war zwar nicht anders als üblich, aber wohl nur Kevin spürte, daß Alexander sich angesichts der Entwicklungen seit dem letzten Abend unerwartet verhielt.

Und als das Konzert sich dem Ende näherte, merkte nicht nur Kevin, daß er mit seinem Gefühl Recht hatte. Auch die anderen Bandmitglieder und alle Fans in der Halle erkannten, daß Alexander an diesem Abend anders war als sonst.

Eigentlich stand jetzt das letzte Stück der Band auf dem Programm. Es war der zur Zeit größte Erfolg der 'Sunrisers' - ein gefühlvolles Lied, in dem ein junger Mann erkennt, wie sehr er in ein Mädchen verliebt ist und ihm dann eine Liebeserklärung übermittelt.

Die Band wollte schon wie geplant und geprobt mit der einleitenden Melodie beginnen, als Alexander unerwartet das Mikrophon ergriff und eine Ansage machte.

"Das nächste Lied, liebe Freunde, kennt ihr sicher alle!"

Zustimmender Applaus wurde laut weil die Fans genau wußten, welches Lied noch fehlte und alle ahnten, was nun kommen würde.

"Aha, ich sehe, ihr wißt, welchen Song ich meine! Nun gut, heute haben wir eine besondere Überraschung für Euch!"

Wieder klatschten die Fans laut, während sich die Bandmitglieder fragend ansahen. Was hatte das zu bedeuten? Von welcher Überraschung sprach Alexander?

"Wir haben für den Song den Text überarbeitet und präsentieren Euch heute als Premiere die neue Fassung!"

Sowohl der Applaus im Saal als auch die Ratlosigkeit der übrigen Sunrisers stieg weiter an.

"Dieser neue Text ist jemandem gewidmet, der mir in der letzten Zeit sehr wichtig geworden ist, und dem ich mit diesem Song nicht nur einfach mal Danke für die bisherige Zeit mit ihm sagen möchte, sondern ihm auch vor Euch allen sagen möchte: Ich bin mächtig in Dich verliebt, Kevin!"

Dann gab Alexander seinen Freunden ein Zeichen, und nach einer Sekunde des Zögern begannen sie, den Song in gewohnter Weise zu spielen.

Kevin stand einfach nur da und starrte Alexander fassungslos an. Damit hatte er nicht gerechnet, und neben dem Gefühl der Überraschung erfaßte ihn Angst. Ja, er hatte Angst davor, was Alexander nun vor aller Welt singen würde und wie seine Fans dies aufnehmen würden.

Nach seiner Ankündigung war der Beifall der Konzertbesucher nicht sofort wieder angestiegen, und erst, als die Band das Lied zu spielen begann, applaudierten die Zuschauer wieder begeistert.

Jetzt wurde es Kevin auch schlagartig klar, was Alexander heute den ganzen Tag in seiner Garderobe gemacht hatte: Er hatte die Zeit genutzt, dieses Liebeslied so umzutexten, daß es auf ihre Situation paßte. Hoffentlich würde er hinterher nicht bereuen, was er jetzt tat.

Während des Liedes herrschte gespanntes Schweigen in der Halle. Alle lauschten den Worten des Sängers und folgten in Gedanken der Geschichte, die Alexander mit diesem Song erzählte.

Und diese Geschichte, die nicht nur die Zuschauer des Konzertes, sondern auch seine Freunde von der Band jetzt hörten, war ihre Geschichte. Alexander erzählte von ihrer ersten Begegnung, von dem langen Weg, bis er erkannt hatte, daß er sich in einen Jungen verliebt hatte, und er erzählte von dem Glücksgefühl, das diese Liebe ihm bereitete. Und die Erzählung dieser Geschichte gipfelte in einem Satz, der zugleich neuer Titel dieses Liedes war:

Schatten auf dem Regenbogen.

 

Kevin starrte zunächst wie gebannt auf die Bühne und auf Alexander. Er konnte zunächst gar nicht begreifen, was Alexander dort tat, und nach einer Weile wechselte sein Blick unsicher zwischen den anderen Bandmitgliedern und den Fans in der Halle. Aber nirgends konnte er eine Reaktion erkennen. Alle lauschten gespannt den Worten Alexanders.

Dann war das Lied zu Ende, und noch ehe der letzte Ton verklungen war, reagierte das Publikum. Der Applaus, der jetzt aufbrandete, war noch um ein vielfaches intensiver, als er ohnehin schon bei den bekannten Liedern der Band war, und nach Sekunden des erwartungsvollen Ausharrens erkannte auch die Band, daß ihre Fans die Geschichte verstanden hatten, und Bernd, der Gitarrist den Band, war der erste, der zu Alexander ging und ihm gratulierend auf die Schulter klopfte.

Und auch bei den übrigen Bandmitgliedern erkannte Kevin zustimmendes Lächeln und Kopfnicken.

Der Applaus in der Halle schien nicht enden zu wollen, und immer wieder, zwischen den Verbeugungen und den fragenden Blicken zu den anderen auf der Bühne, fanden sich Kevins und Alexanders Blicke.

Kevin war überwältigt von seinen Gefühlen und von der Reaktion der Menschen in der Halle. Waren damit nicht alle ihre Probleme gelöst?

Als eine Art Bestätigung auf diese Frage empfand es Kevin, als die Fans im Saal nicht nur lautstark nach einer Zugabe riefen, sondern sie erstmals, seit Kevin dabei war, einen ganz bestimmten Song forderten. Alexander verständigte sich mit einem fragenden Blick mit seinen Freunden auf der Bühne, und dann spielten sie erneut Alexanders Lied für Kevin.

Abermals ließen sich alle Anwesenden von der gefühlvollen Melodie und der neuen - einer wahren - Geschichte hinreißen, und Kevins letzte Zweifel über die Richtigkeit dieser Aktion schwanden dahin, als die Fans nach Ende der Zugabe mit zunehmender Lautstärke einen Namen riefen: KEVIN - KEVIN - KEVIN ...

Alexander sah sich zunächst ziemlich ratlos um, bis er schließlich verstand, was die Fans wollten.

"Danke! ... Danke! ... Es freut mich, daß ihr den Song mögt. Und wenn ich das richtig sehe, wollt ihr nun den Menschen sehen, dem diese Liebeserklärung gilt?"

Kevins schlimmste Befürchtungen wurden wahr, als sich die Zuschauer in einer zunehmenden Lautstärke durch Rufe und Applaus bestätigten, daß sie genau dies wollten.

"Also gut, ich werde mal sehen, was sich machen läßt!"

Überaus offensichtlich drehte er den Kopf in Kevins Richtung, und nicht nur zahlreiche der weiter vorne stehenden Fans folgten seinem Blick, sondern auch der Mann an den Scheinwerfern hinten in der Halle reagierte prompt und hüllte Kevin in gleißend helles Licht, so daß dieser kaum noch etwas sehen konnte.

"Kevin, komm' rauf und laß mich zeigen, wen ich liebe!"

Der immer noch anhaltende Applaus ging über in ein rhythmisches Anfeuern, und Kevin spürte, daß er trotz aller Publikumsscheu nicht umhin konnte, zu Alexander auf die Bühne zu kommen.

Mit nervös schlagendem Herzen und zitternden Knie ging Kevin auf die Bühne und stellte sich neben Alexander, der seinen Arm um seine Schulter legte und wartete, bis der Applaus etwas leiser wurde.

"Tja, Leute, das ist also Kevin! Begrüßt ihn ganz herzlich!"

Wieder brauste der Beifall auf, und obwohl Kevin durch die Scheinwerfer, die ihnen vom anderen Ende der Halle entgegen leuchteten, nicht mehr als die Umrisse der Zuschauer in den ersten Reihen erkennen konnte, spürte er, daß ihnen keine Ablehnung entgegen kam. Die Fans schienen sich nicht nur über den geänderten Song zu freuen, sondern sie schienen sich auch für das Glück, das Alexander in diesem Song beschrieben hatte, zu freuen.

Minutenlang standen sie Arm in Arm auf der Bühne und genossen den Beifall der Fans. Auch die anderen Bandmitglieder kamen zu ihnen, und gemeinsam verabschiedeten sie sich von den Fans und verließen schließlich die Bühne.

Wenig später waren sie endlich in Alexanders Garderobe, und voller Dankbarkeit nahm Kevin seinen geliebten Freund in die Arme. In einem langen Kuß, der mehr als tausend Worte sagte, drückte Kevin aus, wie stolz er auf Alexander, und wie dankbar er für diese Liebeserklärung war.

Jetzt stand ihnen nichts mehr im Weg. Alexander hatte mit seinem Geständnis an diesem Abend alle Hindernisse aus dem Weg geräumt und hatte allen klar gemacht, was für ihn das wichtigste in seinem Leben geworden war. Und egal, wie die anderen aus der Band, die Fans oder die Presse jetzt auf sein coming-out reagieren würden, er hatte es offenbart und hatte vor aller Welt zugegeben, daß er schwul war, und daß er Kevin liebte. Damit waren die Weichen gestellt. Die Weichen für ihre gemeinsame Zukunft, ob nun als Starsänger und Bodyguard, oder als einfache Freunde. Alexander hatte die Welt vor vollendete Tatsachen gestellt und damit auch gleichzeitig kundgetan, daß ihn die Reaktion der anderen nicht mehr interessierte. Jetzt gab es nur noch sie beide, kein Versteckspielen mehr und keine Geister aus der Vergangenheit. Nun endlich konnte das Leben - ihr Leben - ihnen das bieten, wonach sie sich sehnten: Einem gemeinsamen Leben im Licht ihres Glückes, in dem eines so schnell nicht wieder auftreten würde:

Schatten auf dem Regenbogen !

Ende