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Neu und exklusiv bei uns im Internet: Der Fortsetzungsroman "Schatten auf dem Regenbogen" von Stephan Klemann. Jeden Monat erfahrt ihr hier, wie es weiter geht.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der schwule Sportler Kevin, die große Liebe, ein Kriminalfall und die Schwierigkeiten des Coming-Outs.
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"Schatten auf dem Regenbogen"
- Teil 1 -
1. Kapitel: Das Turnier
Kevin verharrte für einen Sekundenbruchteil regungslos und
fixierte sein Gegenüber. Atemlose Stille lag in der Luft. Kein Laut war zu
hören, und Kevin spürte lediglich den pochenden Schlag seines Herzens und die
Schweißperlen, die ihm von der Stirn rannen. Er wußte genau, daß sich mit der
nächsten Aktion alles entscheiden würde. Und obwohl er noch genügend Zeit
hatte, diesen Titelkampf für sich zu entscheiden, war er fest entschlossen,
nicht die gesamte ihm zur Verfügung stehende Dauer in Anspruch zu nehmen. Er
wußte, daß er seinem Kontrahenten überlegen war, und da die Vorkämpfe am
Vortag und an diesem Vormittag bereits sehr anstrengend gewesen waren, wollte
Kevin diesen Kampf nicht länger als unbedingt nötig hinauszögern.
Es war nur ein kurzes Auflodern in seinen Augen, verbunden mit einem fast
unmerklichen Einsaugen frischer Atemluft, die seinen Gegner verrieten. Kevin
spürte mehr den Ansatz des kommenden Angriffs, als das er ihn wirklich sah.
Sein Gegner war viel zu ausgelaugt, und es fehlte ihm sichtbar an der Kraft für
weitere reaktionsschnelle Handlungen. Noch ehe sein Fuß, mit dem er eine
Angriffstechnik durchführen wollte, den Boden auch nur kniehoch verlassen
hatte, reagierte Kevin. Er drehte sich blitzschnell um die eigene Achse, riß
dabei sein Bein hoch und lies seinen Fuß mit einem gezielten, leichten Kontakt
am Kopf seines Gegners landen. Der Versuch seines Gegenübers, den Konter mit
den Armen abzublocken, kam viel zu spät. Und er bot Kevin die Gelegenheit für
eine weitere Attacke. Ohne seinen Fuß wieder auf den Boden zu setzen, formte
Kevin aus seiner ersten Aktion eine erneute Drehung, diesmal in
entgegengesetzter Richtung, und stieß mit seinem anderen Fuß in die jetzt
deckungslose Magengegend seines Gegners.
Diese reaktionsschnelle Entgegnung auf den Angriffsversuch beendete den Titelkampf in diesem Pokalturnier vorzeitig. Der Betreuer seines Gegners signalisierte den Kampfrichtern durch Handzeichen, daß sie den Kampf abbrechen sollten, und Kevin glaubte, in den Augen seines Gegners Erleichterung zu spüren. Ein Blick auf die Uhr am Kampfrichtertisch zeigte Kevin, daß dieser Finalkampf ganze 95 Sekunden gedauert hatte. 95 Sekunden, in denen der neue Pokalsieger mit seinem Gegner mehr gespielt als gekämpft hatte. Und jetzt war Kevin überglücklich.
Während die Zuschauer in der Halle den Sieger dieses Turniers in einem nicht enden wollenden Beifallssturm feierten, ging Kevin zum Besiegten dieses Kampfes um sich zu verabschieden.
"Tut mir leid!"
Kevin lächelte freundschaftlich und reichte seine Hand.
"Ist schon O.k.! Du warst gut. Herzlichen Glückwunsch!"
Kevin verabschiedete sich und ging zurück zu seinen Freunden.
"Hey, Kevin, das war großartig!"
Sein Trainer strahlte vor Begeisterung und klopfte Kevin anerkennend auf die Schulter. Auch seine Freunde drängten sich, dem neuen Pokalsieger zu seinem errungenen Erfolg zu beglückwünschen.
Kevin nahm die Glückwünsche freudig entgegen, war aber innerlich froh, als der Andrang um ihn etwas nachließ, und er endlich die Chance hatte, ein bestimmtes Augenpaar in der Menge zu suchen. Sein Blick wanderte zielstrebig in die Richtung, in der er dieses Augenpaar finden konnte, genau an die Stelle, an der er auch über die Entfernung hinweg die Anerkennung entdecken wollte, nach der es ihm im Augenblick am meisten dürstete. Er suchte dabei nicht nur den Blick, sondern auch über die Entfernung zur Zuschauertribüne hin die Nähe zu dem Menschen, der ihm in den letzten Monaten das wichtigste in seinem Leben geworden war.
Und er fand ihn!
Er fand den Menschen, und er sah nicht nur den anerkennenden Blick, sondern auch das Lächeln seines Freundes. Und dieses Lächeln bedeutete mehr als eine bloße Honorierung seiner Leistungen in diesem Turnier und des soeben gewonnenen Titelkampfes. Dieses warme Lächeln war weit mehr als eine Geste, die dem strahlenden Sieger dieses Turniers galt. Franks strahlende Augen und das Lächeln auf seinen Lippen übermittelte die zustimmende Antwort auf Kevins suchenden Blick!
Und der zustandegekommene Blickkontakt übertrug Emotionen. Tiefe Emotionen, die nur eine einzige Wurzel hatten. Dieser Blickkontakt war Ausdruck ihrer Liebe zueinander und dem Wunsch, einander ständig nahe zu sein.
Kevin vergaß in diesen Sekundenbruchteilen, in denen sich ihre Augen ineinander verloren und das Band ihrer Beziehung fast spürbar, greifbar, wurde, die Anstrengungen des Pokalturnieres und die Klagen seines Körpers über die ertragenen Strapazen der einzelnen Kämpfe.
Ja, Frank war noch an seinem Platz, und Kevin spürte, daß seine ganze Aufmerksamkeit ihm galt. Er sah Franks Freude über den errungenen Sieg seines Freundes, und das Band ihres Blickkontaktes übermittelte eine Welle angenehmer, wohltuender Zufriedenheit - wie der Fluß heißen Wassers auf der Haut während einer Dusche nach körperlicher Anstrengung. Dieses Band war wie eine Kette, die sie beide, und damit ihr Glück, miteinander verband.
Ja, Kevin war glücklich! Und er wußte, daß sie beide glücklich miteinander waren! Aber noch lag der Zeitpunkt, der Moment, indem er die bestehende Entfernung zu seinem Freund verringern, ganz elemenieren konnte, noch einige Zeit entfernt.
Zunächst einmal stand noch die offizielle Siegerehrung diesem Augenblick im Weg. Kevin wußte nicht, ob er dem Stolz über den Erfolg heute Beachtung schenken sollte, und ob er die Sehnsucht, seinen Freund endlich wieder in den Arm nehmen zu können, für die nächsten Minuten noch weiter unterdrücken konnte, ja, ob er es wollte. Aber in den Sekunden, in denen er von der Turnierleitung die Gratulationen entgegennahm und die Zuschauer in der Halle die Überreichung des Pokals mit einem Sturm von Beifall begleiteten, ließ er dem Glücksgefühl in seinem Inneren freien Lauf, und gab sich diesem Gefühl der Zufriedenheit hin.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl, das kühle Metall des Pokals in seinen Händen zu spüren und gleichzeitig zu wissen, daß die ganze Aufmerksamkeit aller in der Halle anwesenden Menschen in diesen Sekunden ihm galt.
Nein, er fühlte keinen überheblichen Stolz, bildete sich nichts auf das Ergebnis der letzten beiden Tage ein, sondern er wußte, daß er dies verdient hatte. Er allein hatte seit Jahren seinen Körper trainiert, ihn immer wieder an die scheinbare Grenze seiner Leistungsfähigkeit gebracht und diese Grenze auch oft überschritten, hatte immer wieder Höchstleistungen von sich gefordert, und er war nie zufrieden mit dem, was er erreichte. Er wollte immer noch mehr erreichen, wollte immer nur der Beste sein. Sein heutiger Erfolg gründete sich ausschließlich auf das Ergebnis jahrelanger, harter Arbeit an sich selbst.
Er hatte sich vor nunmehr acht Jahren entschlossen, sein Selbstbewußtsein durch das Training der asiatischen Kampfkünste zu stärken. Und auch jetzt noch, wo sein 21. Geburtstag nur noch 3 Tage vor ihm lag, betrieb er diesen Sport nicht deswegen, um in der nächsten Schlägerei als Sieger hervorzugehen. Es war ihm schon immer um mehr, um die philosophischen Aspekte des Kampfsportes, gegangen. Kevin hatte das Glück gehabt, einen Trainer zu finden, dem nicht allein an der Vermittlung kämpferischer Fähigkeiten gelegen war, sondern der seine Schüler durch die Philosophie der Kampfkünste auf den Weg hin zu einem gefestigten Charakter bringen und sie bis zu diesem weit entfernten Ziel begleiten wollte.
Kevin war heute, rückwirkend betrachtet, fest davon überzeugt, daß dies der richtige Weg für ihn gewesen war. Mehr als einmal hatte er im Laufe der Jahre am Leben, an dieser Philosophie, ja, auch an sich selbst, gezweifelt, aber heute wußte er, daß vielleicht nur dieser Weg ihm die Kraft gegeben hatte, die Probleme der vergangenen Jahre zu überstehen.
Sein Trainer hatte ihm noch vor kurzem gesagt, er habe das Ziel erreicht. Mehr könne er nicht mehr für ihn tun, doch Kevin war sich dessen noch nicht sicher.
Zu seinem Trainer hatte er im Laufe der letzten Jahre mehr als nur ein Verhältnis zwischen Meister und Schüler aufgebaut. Er hatte ihm soviel gegeben, hatte ihn in Phasen der Depression immer wieder Mut gemacht, ihn angespornt oder ihm erforderliche Grenzen aufgezeigt, und er war in dieser langen Zeit zu einem Freund geworden. Zu einem Freund, dem Kevin absolutes Vertrauen entgegenbrachte, und der ihm damals auch bei der Lösung seines Problems geholfen hatte. Ja, ihre Beziehung zueinander war eigentlich mehr als ein freundschaftliches Verhältnis. Es war in manchen Momenten mehr wie die Beziehung zwischen Vater und Sohn.
Der Beifall in der Halle klang allmählich wieder ab, und nachdem Kevin - er wußte nicht wieviele - Hände geschüttelt hatte, ging er zurück zu seinen Sachen, packte sie zusammen, und bevor er mit den anderen die Halle verließ um endlich die ersehnte Dusche aufzusuchen, fand er erneut den Blickkontakt zu Frank, und wieder hingen ihre Augen für Sekunden regungslos aneinander und stellten erneut diese wohltuende Verbindung zueinander her. Doch dann mußte er sich losreißen und verließ die Halle.
Kevin schloß die Augen und legte den Kopf in den Nacken zurück. Das heiße Wasser der Dusche rann an seinem Körper hinunter und nahm den Schweiß und die Anstrengung der letzten Stunden mit sich, und während sein Pulsschlag, der vor Freude und Aufregung immer noch schneller als normal ging, sich langsam wieder senkte, und seine Muskeln und Sehnen die Wärme des Wassers begierig aufsogen, dachte Kevin an seinen Freund.
Er nahm die Geräusche innerhalb der Umkleidekabine nur noch verschwommen wahr und gab sich ganz dem Gefühl der Sehnsucht hin. Alles in ihm verlangte, endlich wieder den geliebten Freund in die Arme nehmen zu können, ihm durchs Haar zu streichen und ihn zu küssen. Er sehnte sich danach, Franks warme Haut an der seinen zu spüren und den sanften Druck seiner streichelnden Händen zu genießen.
Kevin dachte daran, wie alles angefangen hatte. Wie sie sich kennengelernt hatten, und wie schnell aus der gegenseitigen Gier nacheinander wahre Liebe geworden wahr. Er mußte in Gedanken immer noch lächeln, wenn er an die Umstände ihres Kennenlernens dachte. Es war alles so unerwartet, so wenig vorhersehbar gewesen.
Er war an diesem Abend...
(Kevin erinnerte sich genau an das Datum: Es war der 27. März gewesen, und es war ein besonders warmer Frühlingstag)
... das erste mal in diese Kneipe gegangen. Das lange und ernste Gespräch mit seinem Trainer vor einigen Tagen hatte ihm nicht nur die Erkenntnis gebracht, daß er es tun sollte, und das es ein sinnvoller Weg war, um der Lösung seines Problems...
(wie er es nannte, aber das sah sein Trainer ganz anders)
...näher zu kommen, sondern dieses Gespräch, das mehr ein Gespräch zwischen Freunden als denn zwischen Schüler und Meister gewesen war, hatte ihm auch den Mut gegeben, endlich einmal eine solche Kneipe aufzusuchen.
Sein Freund und Trainer hatte ihn vor einigen Tagen angesprochen, weil er gemerkt hatte, das Kevin irgend etwas bedrückte. Er kannte Kevin seit vielen Jahren, und er spürte sofort, daß etwas nicht stimmte. Und nachdem sein erfolgreichster Schüler mehrere Tage weit hinter seiner üblichen Leistung zurück geblieben war, hatte er nach einem Trainingsabend Kevin angesprochen.
"Hey, was ist eigentlich los mit Dir? Du bist seit einiger Zeit nicht gut drauf! Stimmt etwas nicht?"
Kevin hatte schwer geseufzt.
Ob etwas nicht gestimmt hatte?
Hm, eigentlich stimmte alles! Er war mit seinen Leistungen in der Schule und im Kampfsport zufrieden, hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, und er war bei seinen Freunden allseits beliebt.
Eigentlich war alles in Ordnung.
Wenn, ja wenn da nicht eine Sache wäre, die ihn schon seit langer Zeit bedrückte, die ihn belastete, und die ihm schon so manchen Seelenkummer bereitet hatte.
Sein Trainer hatte taktvoll aber bestimmt solange nachgehakt, bis Kevin ihm schließlich erzählt hatte, daß er homosexuell sei, und das er sich nach entsprechender Nähe und Geborgenheit sehnte. Es war ihm nicht leicht gefallen, davon zu erzählen. Bisher hatte er noch mit keinem Menschen darüber gesprochen. Aber er spürte sofort, daß es gut tat, dieses Geheimnis endlich mit jemandem zu teilen.
Kevin war von Anfang an fest davon überzeugt, daß sein Trainer Verständnis für ihn haben würde, und er fand im Laufe dieses Gesprächs diese Überzeugung bestätigt, als sein Trainer ihm vorschlug, er solle doch einmal Gleichgesinnte kennenlernen. Auf Kevins Frage, wie und wo er das dann tun sollte, schlug sein Trainer vor, er solle zum Beispiel in eine Kneipe mit schwulem Publikum gehen.
Anfangs hatte Kevin Bedenken. Er wußte nicht viel von solchen Kneipen, und das wenige, das seine Phantasie ihm ausmalte, war nicht gerade überzeugend. Seine Vorstellung von schwulen Kneipen bestand aus dem Bild von Männern in Frauenkleidern, aufgedonnert, tuntig, provokant oder aber bestensfalls noch aus Typen in Lederklamotten die damit ihr Schwulsein zur Schau stellen, sich aber dennoch bewußt männlich zeigen wollten. Beides entsprach in jedem Fall ganz und gar nicht seiner Vorstellung homosexuellen Lebens.
Doch dann hatte er schließlich allen Mut zusammen genommen und war eines Abends in eine solche Kneipe gegangen.
Und Kevin war überrascht, wie falsch seine Vorstellung von schwulen Bars gewesen war. Er fand die Atmosphäre, die Stimmung dort, einfach toll. Das Publikum entsprach nicht im entferntesten seiner Phantasie. Die anwesenden Jungen und Männer waren wie er ganz normal gekleidet und stellten ihre Homosexualität keinesfalls in der von ihm befürchteten Art zur Schau, und nachdem er schon nach kurzer Zeit eine nette Unterhaltung mit einer Gruppe Jugendlicher gefunden hatte, war er froh, diesen Schritt gegangen zu sein.
Fast jeden Abend verbrachte er seitdem dort, und es gefiel ihm immer besser. Heute wollte er schließlich einmal eine andere Kneipe aufsuchen, die ihm von seinen neuen Bekannten empfohlen worden war.
Mit klopfendem Herzen...
(genau wie am ersten Abend in einer solchen Bar)
...betrat er das Lokal und bestellte sich an der Theke eine Cola. Neugierig besah er sich die anwesenden Jugendlichen und Männer. Und schon nach kurzer Zeit fühlte er sich auch hier sehr wohl. Er sah all' die Jungen, die - wie er - schwul waren, und neidvoll sah er, wie einzelne Paare sich in den Arm nahmen und sich küßten. Auch hier hielten sich Schwule auf, die wie er waren: normal gekleidet, ohne besonderes Outfit, und sie verhielten sich wie er selbst. Nicht das Schwulsein stand im Vordergrund, sondern das Gefühl, in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter zu sein.
Und dann sah er ihn!
Ihre Blicke kreuzten sich rein zufällig, und für einen Moment...
(für einen viel zu kurzen Augenblick, wie Kevin fand)
...sahen sie sich tief in die Augen.
Kevins Herz schlug beim Anblick dieses Jungen deutlich höher. Nicht nur, daß er gut aussah, daß er eine gute Figur hatte, nein, insbesondere das kurze Lächeln und die klaren, blauen Augen dieses Jungen hatten es Kevin sofort angetan. Er stand etwas weiter abseits an der Theke und unterhielt sich mit jemandem.
Den ganzen Abend beobachtete er seinen Schwarm, und es schien ihm, als trafen sich ihre Blicke immer häufiger. Jedesmal, wenn dieser Junge zu ihm herübersah, blickte Kevin schnell in eine andere Richtung, um dann nach wenigen Augenblicken wieder seine Blicke an ihn zu heften. Aber Kevin fand nicht den Mut, auf ihn zuzugehen und ihn anzusprechen.
Was hätte er auch sagen sollen? "Hey, du gefällst mir!" oder "Haben wir uns nicht irgendwo schon mal gesehen?" Nein, all' das war blöd und albern.
So hatte Kevin den ganzen Abend damit verbracht, seinen Schwarm nur immer wieder anzusehen und zu bewundern.
Und schließlich war es ein Uhr nachts, und die Kneipe machte zu.
Kevin verließ (ein wenig enttäuscht und wütend auf sich selbst) die Bar, und draußen auf der Straße sah er wieder diesen Jungen. Und wieder sahen sie sich Sekundenbruchteile tief in die Augen, und Kevin glaubte, ein Lächeln auf seinen Lippen zu sehen. Sein Herz schlug fast bis zum Halse hinauf, und in seinem Magen spürte er ein angenehmes Kribbeln.
Aber er fand immer noch nicht den Mut, ihn anzusprechen, sondern brachte lediglich ein ebenso unmerkliches Lächeln zustande und machte sich dann langsam auf den Heimweg. Seine Gedanken kreisten nur um IHN!
Bevor er um die nächste Ecke bog, sah er noch einmal zurück. Und er entdeckte, daß sich dieser Junge auch nach ihm umdrehte. Und diesmal lächelte er ihm eindeutig zu.
Kevin hielt die Luft an - und bog um die Ecke!
Verärgert blieb er stehen und schloß die Augen.
Warum nur war er so feige? Wieso konnte er nicht einfach zurückgehen und diesen netten Typen ansprechen? Irgendwas würde ihm doch schon einfallen! Weshalb war er nur so ängstlich?
Er setzte sich auf die kleine Mauer, die eine städtische Wiese vom Gehweg trennte, und sog die frische Nachtluft begierig in seine Lungen. Er könnte sich selbst ohrfeigen. Warum bloß...
(Mensch, wie feige er damals gewesen war! Heute sah er das ohne Ausreden ein, aber damals, ja damals war er einfach noch zu schüchtern. Was sonst könnte der Grund für sein Zögern gewesen sein?)
Er hatte die sich nähernden Schritte zwar gehört, hatte ihnen aber keine besondere Beachtung geschenkt. Sie waren mittlerweile ganz deutlich zu hören, und plötzlich bog jemand um die Ecke.
Er war es!
Und wieder konnte Kevin seinen Blick nicht von ihm lösen, und auch der fremde Junge sah ihn unentwegt an. Als er mit langsamen Schritten an Kevin vorüberging, hatte er wieder dieses phantastische Lächeln im Gesicht. Kevin wollte schon zurücklächeln, aber da war der Junge bereits an ihm vorüber.
Kevin sah ihm enttäuscht nach. Das war doch die Gelegenheit gewesen! Kein anderer Mensch war in ihrer Nähe. Er hätte ihm einfach "Hallo!" sagen sollen. Mehr wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen. Nunja, es war nicht besonders einfallsreich, aber immerhin wäre es ein Anfang gewesen.
Kevin wollte schon wieder aufstehen und sich auf den Weg nach Hause machen, als der Junge den Kopf drehte und Kevin wieder ansah. Und wieder lächelte er. Kevin konnte nicht anders und erwiderte dieses Lächeln.
Aber der Junge ging weiter.
Doch schon nach wenigen Schritten wurde er langsamer und blieb schließlich stehen.
Kevin hielt erneut die Luft an! Sollte sein Schwarm vielleicht kehrt machen und nochmals an ihm vorbeikommen? Würde Kevin damit erneut eine Chance erhalten?
Der Junge drehte sich um und kam langsam zurück. Und wieder trafen sich ihre Blicke und verharrten für Sekunden ineinander.
Und dann geschah das unvorstellbare: Der Junge sprach ihn an!
"Hallo! Wie geht's? Ich glaub, wir haben uns eben in der Kneipe schon mal gesehen!?"
Kevin grinste innerlich! 'Auch kein besonders origineller Gesprächseinstieg' dachte er bei sich. Dann hätte er also auch das Gespräch ruhig so beginnen können. So einfach wäre es gewesen. Er hätte gar nicht so intensiv nach einem originellen Gesprächseinstieg suchen müssen. Warum nur hatte er diese Hemmungen? Im Grunde wurde das gar nicht von ihm erwartet, und Kevin machte sich selbst sein Leben damit nur komplizierter. Daher war er unendlich froh, daß der Junge ihm diese Frage stellte.
Der Junge hatte eine angenehme Stimme. Sie und das erneute Lächeln, das um seine Mundwinkel spielte, ließen Kevin einen kalten Schauer über den Rücken jagen.
"Hi! Ja, das stimmt! Ich war das erste mal dort!"
Kevin glaubte, daß seine Stimme krächzte und zitterte, und er war unglaublich nervös.
"Aha, dann willkommen!"
Er reichte ihm die Hand, und Kevins angenehmes Kribbeln im Bauch verstärkte sich noch mehr, als er die warme Haut der Hand in der seinen fühlte. Am liebsten hätte er gar nicht mehr losgelassen.
"Ich heiße Frank. Ist 'ne echt nette Kneipe!"
(War das nicht der schönste Augenblick seit langem gewesen?)
Kevin überlegte verzweifelt nach den richtigen Worten. Was sollte er antworten?
"Ich heiße Kevin, und es hat mir sehr gut gefallen! Bist Du öfter dort?"
Der Junge bestätigte dies mit einem Kopfnicken.
"Hmhm, fast jeden Abend. Ich denke, es ist die beste Kneipe in der Stadt für uns!"
(Kevin erinnerte sich, daß Frank bei dem Begriff "für uns" etwas verlegen gegrinst hatte, und Kevin hatte damals sofort gewußt, was er damit meinte.)
"Kann ich nicht sagen. Ich war noch nicht in so vielen Kneipen!"
Kevin sah einen Moment verlegen auf den Boden. Auch Frank schwieg einen Moment lang. Dann sprach er weiter.
"Hast Du Lust, noch etwas trinken zu gehen?"
Kevin konnte sein Glück kaum fassen. Nicht nur, daß Frank das Eis gebrochen, den ersten Schritt getan hatte, jetzt wollte er auch noch mit ihm etwas trinken gehen.
"Ja, gerne, aber wo ist denn um diese Zeit noch was auf? Wir haben nach eins!"
Frank überlegte einen Moment lang und hatte dann...
(eigentlich ja erstaunlich schnell!)
...einen Vorschlag:
"Wenn du Lust hast...
(welch' zweideutige Aussage, dachte sich Kevin - heute!)
...können wir ja zu mir gehen. Ich hab noch etwas kühles da. Und es ist auch gar nicht weit. Gleich zwei Straßen weiter."
Kevin wäre Frank am liebsten vor Freude um den Hals gefallen. Jetzt endlich hatte er die Chance bekommen, seinen Schwarm näher kennenzulernen, und er brauchte gar nicht lange zu überlegen, bis er zustimmte.
"O.k., das können wir machen!"
Kevin erinnerte sich, wie aufgeregt er damals gewesen war. Er wußte noch, daß er auf dem Weg zu Frank immer wieder nach Worten gesucht hatte, um das Schweigen zu brechen. In den ersten Minuten ihrer Bekanntschaft wußte er einfach nicht, was er hatte sagen sollen. Alles war ihm so trivial vorgekommen, so albern und belanglos. Und Frank sollte doch keinen schlechten Eindruck von ihm bekommen!
"Du hast mich schon den ganzen Abend beobachtet, stimmt's?"
Frank sah Kevin mit einem fragenden Lächeln an, und seine Frage klang mehr wie eine Feststellung.
Kevin blickte verlegen auf den Boden. Also hatte er es doch bemerkt! Es war ihm ziemlich peinlich. Aber er erkannte, daß Frank ihn dann auch mehr als nur zufällig angesehen haben mußte.
"Ja, kann schon sein... ich hab Dich schon ziemlich früh am Abend gesehen, und..."
Frank klopfte ihm verständnisvoll auf die Schulter, nachdem er merkte, wie Kevin zögerte.
"Ist schon gut! Ich hab Dich auch die ganze Zeit im Auge behalten. Ich finde, Du siehst ziemlich nett aus!"
Kevin glaubte zu spüren, daß er vor Verlegenheit rote Ohren bekam, und er war froh, daß die Dunkelheit der Nacht ihn nicht verriet. Aber er spürte auch, daß ihm dieses Kompliment gut tat.
(Es war das erste mal, daß er von einem Jungen ein Kompliment bekommen hatte! Und wie gut das ihm getan hatte! Davon hatte er immer geträumt!)
Und er freute sich darüber, weil das genau der Grund war, warum er seinen Blick auch nicht von Frank hatte lassen können.
"Danke, ich finde Dich auch sehr nett!"
"Warum hast Du mich dann nicht einfach mal angesprochen?"
Kevin lächelte.
"Weiß' nicht! Warum hast Du nicht?"
Frank zuckte mit den Schultern.
"Ich glaube, ich bin... naja... vielleicht etwas schüchtern! Ich hab' immer Hemmungen, jemanden anzusprechen! Ich weiß nie, was ich sagen soll!"
Kevin nickte verständnisvoll. Das Problem kannte er. Es ging ihm genauso!
Er mußte grinsen, als er an dieses Gespräch dachte. Wie ängstlich er damals gewesen war! Voller Hemmungen und Scheu! Ein Wunder, daß sich die Sache mit Frank überhaupt so entwickeln konnte. Das sie überhaupt begann! Wieviel Glück, wieviele Zufälligkeiten hatten dabei mitgewirkt!
Der Abend mit Frank war einfach wundervoll. Frank hatte eine eigene Wohnung, die er ziemlich gemütlich eingerichtet hatte. Er lebte hier seit etwas über einem Jahr. Nachdem seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, war Frank auf sich allein gestellt und lebte hier in dieser Wohnung. Sie war recht klein und einfach eingerichtet, aber Frank fühlte sich wohl hier. Hier konnte er sich zurückziehen und mit sich allein sein. Er hatte den Verlust seiner Eltern mittlerweile überwunden, aber manchmal, wenn das Alleinsein ihn zu erdrücken schien, und wenn Verzweiflung an seiner Seele nagte, verkroch er sich in seiner Wohnung und zog sich in sich zurück. Und dann ließ er hier die Vergangenheit aufleben. Dann erinnerte er sich an seine frühere Kindheit, und er sah vor sich die Bilder aus einer Zeit, in der er mit seinen Eltern eine glückliche Familie bildete. Er reiste dann zurück in der Zeit und erinnerte sich an Einzelheiten aus ihrem gemeinsamen Leben: Die Gutenachtgeschichten, die gemeinsamen Unternehmungen an den Wochenenden, und an die Diskussionen mit seinem Vater über die Politik. Sein Vater war ziemlich konservativ gewesen und Franks liberale Einstellung zu aktuellen Themen war oft Anlaß zu kontroversen Auseinandersetzungen gewesen.
Und wenn die Erinnerungen besonders intensiv waren, glaubte er die Stimme seines Vaters zu hören, die sanften Hände seiner Mutter zu spüren, und in diesen Augenblicken sehnte er sich ganz besonders zurück in diese Zeit. Doch sie war vorbei, war nur noch Erinnerung, und Frank schaffte es immer wieder, seine Trauer um diese verlorengegangene Zeit mit der Erkenntnis zu besiegen, daß er wenigstens diese Erinnerungen hatte. Sie konnten nicht sterben!
Frank hatte etwas zu trinken aus der Küche geholt, und im Laufe des Abends...
oder besser: der Nacht!
... sprachen sie über alle möglichen Dinge: Über ihre gemeinsame Vorliebe für Musik, die Kneipen, die sie beide kannten, über ihre Hobbys, und Kevin erzählte besonders ausführlich und begeistert von seinem Kampfsport. Und sie sprachen über ihr bisheriges Leben als Homosexuelle.
Frank hatte sehr früh bemerkt, daß er nicht so war, wie seine damaligen Freunde. Bereits mit zwölf Jahren spürte er, daß ihn der Anblick des eigenen Geschlechts mehr faszinierte als das kindische Getue seiner Freunde wenn sie mit Mädchen zusammen waren. Er hatte versucht, es ihnen gleich zu tun, aber befriedigt hatte ihn das nie.
„Ich erinnere mich noch genau an die Anstrengungen der anderen, den Mädchen zu imponieren. Das hat mich nie interessiert. Ich fand es ziemlich affig und hab‘ mich meistens da raus gehalten.“
Er schüttelte lächelnd den Kopf.
„Und wann war Dir endgültig klar, daß Du schwul bist ?“
Frank überlegte einen Augenblick.
„Hm, ich glaube das war, als wir damals unseren Streit, wer ‚den Größten‘ hat, durch einen Vergleich entscheiden wollten.“
Er lachte, dann fuhr er fort.
„Mann, wie peinlich. Ich war damals ziemlich aufgeregt, und als ich an der Reihe war, hat Mutter Natur bewiesen, wie groß er werden kann! Die anderen haben zwar ein paar dumme Bemerkungen gemacht, aber ich denke, sie haben damals keinen Verdacht geschöpft.“
„Und? Hast Du gewonnen?“
„Nein, habe ich nicht. Und ich war ganz froh, als die Sache endlich vorbei war!“
Eine Weile herrschte Schweigen. Frank kramte in den Gedanken an diese Zeit, und auch Kevin dachte darüber nach, wie bei ihm alles angefangen hatte.Weiter zu >> Teil 2